Die ganze Story: Franco Foda – der ungeliebte Trainerheld

Keiner prägte Sturm Graz in diesem ­Jahrtausend so wie Franco Foda. Er ­trotzte dem Konkurs, gewann Titel, entfachte Euphorie. Dafür erntet er Respekt und Anerkennung – aber keine Liebe. ­Dabei hat sich der Teamchef-Kandidat längst neu erfunden.

//text:  markus geisler // foto: gepa //

Manchmal erinnert Franco Foda ein wenig an José Mourinho. Die arrogant wirkende Grundhaltung, wenn ihm etwas nicht passt. Sätze wie: „Sollen sie mich auspfeifen, Hauptsache, sie feuern die Mannschaft 90 Minuten an.“ Oder wenn er einem Widersacher den Handschlag verweigert, wie bei Paul Gludovatz, dem er nie verziehen hat, auf welche Art und Weise der ihn im Frühjahr 2012 bei Sturm gefeuert hat. Als amtierender Meistertrainer. Foda selbst kann mit diesem Vergleich nichts anfangen, er will keine Kopie sein, nicht mal von einem so hoch dekorierten Trainer wie Mourinho. Der Deutsche zieht sein Ding durch, tut seine persönliche Meinung kund und denkt nicht im Traum daran, jemandem nach dem Mund zu reden. Das macht ihn verbindlich und authentisch, provoziert aber Widerstand. So viele Siege und Erfolge kann er anscheinend gar nicht auf die Waage legen, um die mit Kritik voll bepackte Gegenseite in der Balance zu halten. „Franco Foda hat es nie geschafft, die Herzen der Fans zu erobern, auch nicht mit dem Titelgewinn, der aus sportlicher Sicht allein sein Verdienst war“, sagt Jürgen Pucher, Autor des Buches „111 Gründe, den SK Sturm Graz zu lieben“ und Initiator des Podcasts blackfm.at. „Als Sturm heuer nach sechs Siegen zum Auftakt zweimal verloren hat, hat sich gleich die ganze Kritik der Fans auf ihn fokussiert. Er genießt den Respekt nur, wenn er gewinnt.“

Gewonnen hat Franco Foda schon viel, seit er vor zwanzig Jahren nach Graz übersiedelte: Als Spieler und Trainer war er an allen drei Meistertiteln der Klubgeschichte beteiligt, genauso oft holte er den Cup in die Steiermark, fast 550 Spiele kommen insgesamt für die Blackies zusammen. Bereits 2003 sprang er nach dem überraschenden Osim-Rücktritt als Trainer ein, ging dann zu den Amateuren zurück, ehe er 2006 wieder Chefcoach wurde. In einer Phase, in der der Klub finanziell kurz vor dem Ableben stand. „Was Franco Foda für den Verein geleistet hat, als es dem wirklich schlecht ging, kann man gar nicht hoch genug bewerten“, sagt Christian Gratzei und wenn es einer beurteilen kann, dann er. 251 Spiele bestritt er unter dem 51-Jährigen, der ihn prägte wie kein anderer Trainer: „Was Foda sehr gut kann, ist, das Beste aus den vorhandenen Möglichkeiten herauszuholen. Er passt sich den Gegebenheiten an, auch wenn sie schwierig sind. Und trotzdem wurde immer alles mit den Sturm-Erfolgen am Ende der 1990er-Jahre verglichen, auch wenn die damalige Mannschaft nicht finanzierbar war.“ Damit spricht der frühere Teamtormann einen entscheidenden Aspekt in der Beurteilung des Wirkens von Franco Foda an, denn er stand stets auch im Schatten eines Ivica Osim, des unantastbaren Jahrhundert-Trainers, dem die Sturm-Fans auch heute noch den roten Teppich ausrollen, wenn sie ihn sehen. Am Vergleich mit dieser Legende würden wohl die meisten Trainer zerschellen – es sei denn, sie haben ein richtig dickes Fell. Wie Franco Foda.

„Seine resche Art war nicht immer angenehm“

Ein dickes Fell brauchten bisweilen auch die Spieler, die in dessen zweiter Ära (2006 bis 2012) unter Foda dienten. Nicht selten machte er einzelne Profis vor versammelter Mannschaft zur Schnecke, seine Auftritte waren gefürchtet, hinter vorgehaltener Hand weinten sich manche bei Journalisten über die raue Gangart des Trainers aus. Gratzei, als Ersatzgoalie immer noch im Sturm-Kader, diplomatisch: „Seine resche Art war nicht immer angenehm, das muss man schon sagen, aber unter dem Strich wollte er immer das Beste für die Mannschaft. Und der Erfolg gibt ihm recht.“ Als ihn das Sportmagazin mit der Frage konfrontiert, ob er damals gelegentlich über das Ziel hinausgeschossen hätte, zeigt sich Foda nachdenklich: „Ich war als Spieler sehr emotional und vielleicht war ich als Trainer manchmal auch zu emotional, aber ich habe dazugelernt, dass man in gewissen Situationen erst mal runter kommen muss. Ich gehe dann eher nicht in die Kabine und überlege später, was das Beste für die Mannschaft ist.“ Foda, der Geläuterte.

Alle Beobachter sind sich einig: Franco Foda, der im September 2014 seine dritte Amtszeit bei Sturm antrat, hat sich als Trainer neu erfunden. „Definitiv verändert“ nimmt ihn Gratzei wahr, „er ist bedachter, geht mehr auf die Spieler ein, die heute ja auch viel sensibler sind als vor zehn Jahren“. Was Foda selbst genau so unterschreiben würde. Er sagt: „Man erlangt keine Autorität, indem man nur streng ist. Man muss die Spieler ins Boot holen, die Mannschaft von der Spielidee überzeugen, in der Kommunikation auf sie eingehen. Der Erfolg liegt im Training. Ich denke, ich bin heute offener als damals, gehe mehr auf Leute zu, höre auch besser zu. Dinge, die man mit der Erfahrung eben lernt.“ Wobei der Lernprozess zum Teil ein schmerzhafter war. Begonnen hat er im Sommer 2012, als er zu seinem Leib- und Magenklub Kaiserslautern wechselte. Interne Beobachter schildern dort den Auftritt eines Mannes, dem die Arroganz des Meister­machers nicht fremd war und der vor allem an der Kommunikation scheiterte. An der mit der Mannschaft, aber auch an der mit Klublegende Stefan Kuntz, Europameister 1996 und damals sportlicher Geschäftsführer. Der wäre gern mehr eingeweiht gewesen in sportliche Pläne, Foda, von manchen als Eigenbrötler bezeichnet, machte die Dinge aber lieber mit sich selbst aus. „Er wollte alle Hebel in der Hand haben, alles selbst bestimmen und hat sein Umfeld zu wenig mitgenommen“, sagt jemand aus dem Verein, der nicht zitiert werden möchte. „Daran ist er letztlich gescheitert, denn in Sachen Training und Taktik war er über jeden Zweifel erhaben.“ Wobei gescheitert relativ ist. Der Aufstieg wurde arschknapp in der Relegation gegen Hoffenheim verpasst, zum Zeitpunkt seiner Beurlaubung war der Klub Vierter in der 2. Liga, punktegleich mit dem Zweiten. Stünden die vom Absturz in die Drittklassigkeit bedrohten „Roten Teufel“ heute so da, würden sie den Betzenberg zu einer Partymeile umfunktionieren.

„Das hat mich inspiriert“

Als das Abenteuer Lautern im Spätsommer 2013 beendet war, nutzte Foda die Zeit zur gewissenhaften Selbstreflexion. Eine Fehleranalyse wurde gemacht, die notwendigen Schlüsse gezogen. Und er hospitierte beim Who’s who des Trainerwesens: Er besuchte Pep Guardiola in München, Jürgen Klopp in Dortmund, Lucien Favre in Mönchengladbach. „Und Peter Bosz, der damals noch Vitesse Arnheim trainierte. Da konnte ich komplett in alle Abläufe – Training, Spielvorbereitung, Taktik – reinschauen. Mein Glück war, dass ich viele der Kollegen noch als Spieler kannte.“ Ein Jahr dauerte die Job-Abstinenz, am Ende stand Foda 2.0, auch wenn ihm die bisweilen krampfhafte Verbissenheit auch heute noch zu eigen ist. Warum er sich dazu entschloss, noch einmal bei Sturm zu unterschreiben, erklärt er so: „Ich war in diesem Jahr extrem oft in der Grazer Innenstadt, hab mit ganz vielen Leuten gesprochen. Da habe ich gespürt, wie sehr Sturm für die Menschen eine Herzensangelegenheit, wie groß der Mythos ist. Das hat mich inspiriert, es noch einmal zu machen.“ Dabei kann man die letzte Saison (2016/17) durchaus als Sinnbild hernehmen: Auf einen famosen Start mit dem Gewinn der Herbstmeisterschaft folgte ein Einbruch mit weniger attraktivem Fußball. Am Ende wurde man Dritter und qualifizierte sich souverän für den Europacup. Zum „Dank“ gab es ein Transparent mit der Aufschrift: „Trotz erfolgreicher Saison laufen Talente und Fans davon! ­Findet den Fehler!“, wobei der Buchstabe F jeweils schwarz-rot-gold war.

Eine schallende Ohr­feige. Einmal ehrlich, Herr Foda, geht Ihnen das nahe? „Nein, das trifft mich überhaupt nicht, zumal es inhaltlich falsch ist. Wir mussten im Winter Top-Spieler abgeben (Anm.: Matic und Edomwonyi), es war die beste Saison seit dem Titelgewinn. So etwas wird dann unter den Tisch gekehrt, aber das gehört anscheinend zu unserer heutigen Gesellschaft. Das Wichtigste für mich ist, dass unsere Fans meine Spieler in jedem Spiel vorbehaltlos unterstützen.“ Aber wäre er im Tiefsten seines Inneren nicht doch manchmal lieber mehr Volksheld, Liebling der Massen? „Nein, ich brauche das nicht, um meine persönliche Eitelkeit zu befriedigen und glücklich zu sein. Viele Menschen, die sich über mich äußern, kennen mich doch gar nicht. Das ist wie bei ‚stille Post‘, wo am Ende immer eine andere Geschichte rauskommt. Aber keine Angst, es gibt in Graz auch viele Menschen, die mich als Trainer und auch als Person respektieren und mögen.“

Und vor allem gibt es viele, die ihm zutrauen würden, den vakanten Posten des ÖFB-Teamchefs erfolgreich auszufüllen. Sportlich pinkeln dem Trainer, der in dieser Saison auf Dreier- bzw. Fünferkette umstellte und mit herzerfrischendem Fußball an die Tabellenspitze stürmte, auch seine schärfsten Kritiker nicht ans Bein. Bereits 2011 stand er beim Verband hoch im Kurs, laut Insidern war er hinter Marcel Koller die Nummer zwei auf der Hitliste. Foda, in der Außendarstellung absoluter Vollprofi, lässt sich bei dem Thema nicht aus der Reserve locken. Zwischen den Zeilen merkt man dagegen schon, dass ihn die Aufgabe reizen würde. Was für ihn spricht: Er hat Titel gewonnen, wäre leistbar und würde die beiden große Fraktionen unter einen Hut bringen: die, die eine österreichische, und die, die eine ausländische Lösung bevorzugen. „Ich wurde bis heute (Anm.: Stichtag 10. Oktober) nicht kontaktiert, alles andere muss der ÖFB entscheiden“, sagt Foda, der es schon lange aufgegeben hat, einen Karriereplan zu verfolgen. „Das geht im Trainergeschäft nicht. Ich kann nur sagen: Für meine persönliche Eitelkeit muss ich nicht mehr ins Ausland gehen, ich kann mir vorstellen, noch zehn Jahre in Graz zu bleiben. Ich bin bei einem tollen Verein. Und wenn ein Angebot kommt, das mich reizt, mache ich mir meine Gedanken. Vorher nicht.“

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