Die ganze Story: Formel 1 – Think Pink!

Wie das farblose Team von Force India mit österreichischer Hilfe plötzlich alles rosarot sieht – und warum der einstige ­Jordan-Rennstall die Zukunft der Formel 1 entscheiden kann.

//Text: Gerald Enzinger// Fotos: GEPA-Pictures.com//

Welche Teams fahren in der Formel 1? Befragte reihen ihre Antworten fast immer in der gleichen Startaufstellung: Ferrari – no na. Mercedes – Weltmeister. Red Bull und sein Schwesterteam Toro Rosso. Williams, McLaren­ – die ruhmreichen Briten, die schon bessere Zeiten hatten. Renault – wieder da. Und, ach ja: Sauber, klar! Möge es die Schweizer noch lange geben. Zwei Teams aber werden schnell einmal vergessen: Haas, die Amerikaner sind ja erst kurz dabei. Und: Force India, immerhin der Vierte in der Konstrukteurs-WM. Der Weltmeister der Effizienz, wie Formel-1-Eingeweihte vorrechnen. Kein Rennstall macht aus so wenig Kohle so viele Zähler. Im Klartext: 107 Millionen Euro Budget, 173 Punkte. Doch das änderte nichts an der schlechten Wahrnehmung: Ferrari ist rot, Red Bull blau, Renault gelb – Force India ist farblos.

,,Jetzt wisst ihr, warum ich Force India verlassen habe.”

Nico Hülkenberg

Genau das ist aber seit 14. März 2017 Geschichte, da sahen die sozialen Netzwerke plötzlich rosarot. Die Präsentation des neuen und aufsehenerregenden Designs wurde zum Renner. Pink Autos – und das in einem der letzten Macho-Reservate des Sports, in einer Welt, die von Männern erschaffen wurde, um Frauen zu beeindrucken. Nico Hülkenberg, der eben erst von Renault aus seinem Vertrag rausgekauft worden ist, twitterte amüsiert: „Jetzt wisst ihr, warum ich Force India verlassen habe.“ Aber natürlich ahnt auch der schnelle Le-Mans-Sieger: Da ist dem Team aus Silverstone ein genialer PR-Coup gelungen, vor allem aber dem neuen österreichischen Sponsor, der sich das Rosa der zuletzt mausgrauen Boliden rund 15 Millionen Euro pro Jahr kosten lässt: BWT (Best Water Technology) aus Mondsee, das in den beiden vergangenen Jahren bereits die DTM-Boliden von Lucas Auer in rasende Punschkrapferl verwandelt hat.

Nie so richtig ernst genommen

Der Schritt in die F1 wurde akribisch geplant. BWT sprach mit Mercedes GP, Toro Rosso und Sauber, doch keines dieser Teams konnte den Wunsch nach einem pink Design erfüllen. So landete man bei Force India, das der reicheren Konkurrenz von McLaren bis Williams oder Renault davonfährt – trotz Ungemach an der Spitze. Rennstallgründer Vijay Mallya hat Wickel mit den Finanzbehörden in seinem Heimatland Indien. Dort droht ihm Gefängnis. Nachdem er im April 2015 unter höchst umstrittenen Umständen aus ­Indien ausreisen hat können (man verdächtigt die Regierung, ihm geholfen zu haben), lebt er nun auf einem prachtvollen Anwesen in England in einem goldenen Käfig. Er kann wohl erst heim, wenn die Angelegenheiten geklärt sind, was Mallya seit Monaten verspricht.

Diese Turbulenzen des Airline-Gründers waren der Grund, warum man Force India vor Beginn der letzten Saison kaum Chancen gegeben hatte – am Ende stand der sensationelle vierte Platz in der Team-WM, direkt hinter den Giganten Mercedes, Red Bull und Ferrari. Dabei hatte man Force India, das als Nachfolge­team von Jordan, Midland und Spyker 2008 in die Formel 1 gekommen ist, vom ersten Tag an nie so richtig ernst genommen. Das hat sich geändert. Als Ross Brawn, der neue Sportdirektor der Formel 1, erstmals ausführlich über den Grand-Prix-Sport der Zukunft referierte, sagte er: „Wir müssen unseren Sport so aufstellen und die Regeln so fair machen, dass an einem guten Tag ein guter Fahrer in einem Force India ein Rennen gewinnen kann. Dann macht die Formel 1 den Fans wieder Spaß!“ Die ewig Unsichtbaren sind jetzt die, an denen der Erfolg der neuen Ecclestone-Nachfolger gemessen werden soll.

Force India macht am meisten Lärm

Einer der Väter des Erfolges hat altösterreichische Wurzeln. Sportdirektor Otmar Szafnauer ist in Michigan aufgewachsen, seine Familie stammt aber aus Temesvar. Er hat mit 390 Mitarbeitern ein schlankes Team geformt und viele richtige Entscheidungen getroffen, etwa das Force India – im Gegensatz zu Sauber, Williams oder früher Lotus – auf Paydriver verzichtet und die Piloten Klasse haben müssen. Dass „Reifenflüsterer“ Sergio Perez mexikanische Sponsoren hat und Supertalent Esteban Ocon Know-how von Mercedes bringt und auch Geld von seinem Stipendium dort, ist aber natürlich ein willkommener Nebeneffekt. Pascal Wehrlein aber wurde trotz Unterstützung von Daimler abgelehnt, er passe nicht ins Team. Punkt. Laut dürfen nur die Autos sein – Untersuchungen in Melbourne ergaben, dass Force India von allen Boliden der Generation 2017 am meisten Lärm macht (117,9 Dezibel) – zur Freude der Fans. Lautlos, farblos? Nicht mehr.

Auch in Sachen Technik ist Force India effizient, innovativ und entscheidungsfreudig. So ließ man den eigenen Windkanal leer stehen und mietete sich stattdessen um rund vier Millionen Euro in Köln bei Toyota ein. Die Folge: wesentlich bes­sere Aerodynamik-Erkenntnisse, mehr Punkte, mehr Prämien – es hat sich gelohnt. Force India ist das Team, das am meisten outsourct – auch weil in der Fabrik kaum noch Platz ist. Von Mercedes kommen das Getriebe, die Hydraulik und die Heck-Knautschzone. Szafnauer: „Wir müssen sehr viel nachdenken, ehe wir das Geld ausgeben. Teams mit mehr Budget können einfach mal mit etwas experimentieren. Auf solche Risikoentwicklungen können wir uns nicht einlassen.“ Auch das Risiko, gute Mitarbeiter an die reichere und nahe Nachbarschaft (Red Bull, Mercedes, McLaren) zu verlieren, wird reduziert, etwa durch familienfreundliche Arbeitsmodelle. Außerdem verzichtet Force India auf endlose Konferenzen, lässt die Mitarbeiter lieber rasch an die wirkliche Arbeit. Devise: leisten statt labern.

Österreichischer Sponsor

Das Geld, das nun aus Mondsee überwiesen wird, wird manches einfacher machen. Trotzdem: Um 15 Millio­nen das ganze Branding des viertbesten Formel-1-Autos zu bekommen – BWT ist ein Schnäppchen gelungen, allein schon angesichts der weltweiten Resonanz, die das Pink ausgelöst hat. Nur die Piloten Ocon und Perez mussten noch Extraprämien bekommen, um ihre Helme pink zu färben. Schmerzensgeld für manchen Spott – dabei hätten viele gern einen Sponsor dieser Dimension. Englische Business-Magazine sehen den Einstieg von BWT gar als eine Zeitenwende, nachdem Geldgeber zuletzt lieber in die Formel E investierten und selbst Formel-1-Platzhirsche wie McLaren ohne Hauptsponsor sind. BWT hat 3500 Mitarbeiter an vier Produktionsstandorten (Mondsee, Schweiz, Deutschland, Paris) und ist auf die Aufbereitung von Wasser spezialisiert, etwa auch auf die Anreicherung mit Magnesium. Umsatz? 600 Millionen Euro.

Mit dem Engagement bei Force India geht – mit 26 Jahren Verspätung – auch ein Wunsch von BWT-Chef Andreas Weißenbacher in Erfüllung, wie der angesehene Salzburger F1-Journalist Gerhard Kuntschik enthüllt: 1991 wollte er als Sponsor bei Jordan (ja, genau, beim Vorgänger-Team von Force India) einsteigen und so einen Platz für Roland Ratzenberger ermöglichen. Die Gespräche scheiterten. Ein paar Monate später saß ein anderer im Cockpit – ein gewisser Michael Schumacher.

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