Die ganze Story: Formel 1 – Das Duell der Dekade

Und plötzlich ist die Formel 1 wieder ein Lebewesen. Es rutscht, es keucht, es stinkt. Es macht ­Menschen nass vor Schweiß und kalt vor Angst. Buben weinen und lachen, gestandene Männer werden zu kleinen Kindern. Live in Spielberg: die zwei größten Rennfahrer ihrer Generation, Rad an Rad: Sebastian Vettel vs. Lewis Hamilton. Das Duell des Jahrzehnts, eng wie nie zuvor.

//Text: Gerald Enzinger// Fotos: Imago//

Es riecht nach verbranntem Gummi. Nach schwitzenden Männern. Und die Felgen fühlen sich wieder rau an, zerkratzt, zerschlissen. Die ersten Opfer in einem Duell, wie es die Formel 1 schon lange nicht mehr gesehen hat. Ferrari vs. Mercedes. Der Kampf jener beiden Kulturen, die im Grand-Prix-Sport in den 1950er-Jahren allen drei Wörtern Inhalt gegeben haben. Grand! Prix! Sport! Nach dem Ausstieg von Mercedes wurde das Duell Rot vs. Silber vier Jahrzehnte auf Eis gelegt, ehe es Ende des vergangenen Jahr­hunderts eine Renaissance erlebte. Freilich schickte Mercedes mit McLaren nur einen Stellvertreter in den Ring.

Personalisierte Gegensätze

Als Mercedes ab 2010 wieder unter dem eigenen Stern fuhr, da war erst Mercedes zu schwach, bald Red Bull zu stark und dann Ferrari zu schlecht. 2017 ist es endlich so weit. Ferrari und Mercedes machen sich die Weltmeisterschaft aus, im direkten Duell. Und mit zwei Chef-Piloten, die zu den Größten aller Zeiten zählen, auch wenn das – wie so oft – in der Gegenwart noch zu wenig bewusst ist. Bei den Italienern regiert Sebastian Vettel, ausgerechnet ein Deutscher. Der höchstdekorierte Chauffeur am Planeten, vier­facher Weltmeister. An guten Tagen ein Uhrwerk aus dem Land, in dem er lebt: der Schweiz. Ruhig, pedantisch, strebsam, diskret. Ein Mensch, der von Montag bis Donnerstag nicht den ­anderen gehört, sondern nur sich und seiner ­Familie.

Sein ­Gegenpol fährt für ein deutsches Team – und ist alles andere als deutsch: Lewis Hamilton hat drei WM-Titel erobert, aber seine Welt ist längst die Showbühne. Schillernd, extravagant. Ein Grenzgänger, der uns Nacht für Nacht mitnimmt in sein Instagram-Universum aus Glanz und Glamour. Einer, der für eine Nacht in einem Hotel mit 16 Koffern absteigt – in einem Hotel, in dem Sebastian Vettel, bodenständig und erdgebunden, nicht einmal fragen würde, ob er am Parkplatz seinen Camper abstellen darf. Weil er die Ruhe liebt und nicht den Ruhm.

Seit Anfang dieses Jahrhunderts wussten Insider, dass diese beiden Kinder aus bescheidenen Verhältnissen mit so viel Talent in ihrem zarten Körper gesegnet waren, mit geheimnisvollen Bahnen einzig­artiger Sensibilität, die Kopf, Po und Gasfuß magisch miteinander verbinden. Man spürte spätestens 2005: Die beiden Buben, die damals in der Formel 3 in einem Rennen am Norisring erstmals gegeneinander um den Sieg kämpften, werden die Zukunft sein. Aber erst jetzt, ein Dutzend Jahre später, sehen wir die beiden im echten Rad-an-Rad-Duell um den Titel, dokumentiert auf unserem Aufmacherbild aus Barcelona. Als Vettel seine vier Weltmeisterschaften holte, war Lewis dreimal ohne Chance und einmal (2010) vom Aufstieg Vettels so verun­sichert, dass er zu oft das Auto wegwarf. Bei Hamiltons erstem Titel (2008) fuhr Sebastian noch für Toro Rosso, bei den anderen beiden war er von WM-Träumen weit (2015) oder sehr weit (2014) entfernt. Erst jetzt, Zauber der Dramaturgie, matchen sie sich direkt. Aber nicht immer nah. Oft sehen wir Fernduelle: Da entscheidet die Taktik, das Management der Reifen, der bessere Start, die besseren Einflüsterer am Funk.  Aber in Barcelona, da sahen wir in die Zukunft.

Vettels Stärken

Ihre Autos liegen oft so eng zusammen, sie werden sich heuer noch oft begegnen. Zu verschenken haben beide nichts. Beide haben, wie man im dirty speech der Petrolheads sagt, „einen Straßenköter“ in sich. Sie sind keine Wohlstandsjünger, ihre Väter haben jeden Cent und jede Sekunde hart investiert. Fast nur Millionärskinder schaffen es in die Formel 1, aber mit Ausnahme von Rosberg haben in diesem Jahrhundert nur Piloten ohne reichen Vater Titel ­gewonnen. Sie waren Kaminbauer, Zimmerer, Sprengmeister, Busfahrer, Gebrauchtwagenhändler. „Diese Kinder haben eine andere Einstellung – mehr Biss, mehr Willen“, bemerkt Dr. Helmut Marko, der große Talente fördert – und fordert. Toto Wolff ergänzt: „Auch ein Hamilton, den viele nur mit Party in Verbindung bringen, arbeitet enorm konzentriert. Wie ein Schwamm saugt er jede Art von Information auf, die er bekommen kann.“ Denn Lewis will es wissen: „Das heuer, das wird die ultimative Schlacht. Und diesmal zwischen zwei der besten Fahrer ihrer Generation.“ Danke, Nico ­Rosberg hat schon verstanden, wie er das meint. Sowohl Hamilton (der im Vorjahr für ihn völlig unerwartet die WM verlor) als auch Vettel (der 2014 und 2016 enttäuschende Saisonen erlebt) sind geladen wie selten.

Vorerst spielt Vettel seine Stärken aus. Dr. Marko: „Dem Sebastian musst du nur eine Karotte vor die Nase halten und er springt!“ Soll heißen: Wittert er eine Chance, unternimmt er alles für den Titel und ist im entscheidenden Moment besser denn je. Im Zweikampf um einen siebenten Platz in einem unterlegenen Ferrari (wie 2016) riskiert er aber nicht Kopf und Kragen. Es ist kein Zufall, dass er gerade 2017 so gut ist – wie schon 2011, seiner fahrerisch vielleicht besten Saison, denn diese beiden Jahre habe eine Gemeinsamkeit – am Beginn gab es dramatische Veränderungen bei den Reifen: 2011 der Umstieg auf Pirelli, 2017 der Wechsel auf die extrabreiten Walzen im Retro-Style. Beide Male mit Abstand am öftesten in der Pirelli-Zentrale gesichtet: Sebastian Vettel. Der damalige Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery schüttelte 2011 den Kopf: „Jeder hätte zu uns kommen und sich über unsere Reifen informieren können, aber der einzige Fahrer, der dauernd fragte, war ­Vettel.“ 2016 begannen die Tests für die neue Gummi-Generation. Hamilton fuhr 50 Kilometer, dann sagte er: „Das bringt nichts.“ Mercedes (Wehrlein 3248 km) und Red Bull (Gasly 2494 km, Buemi 1190 km) schickten Ersatzpiloten zu den Reifentests.

Wurz: „Vettel ist ein Schlitzohr“

Nicht aber Ferrari, denn dort bestand Vierfachweltmeister Vettel darauf, diese (langweiligen) Versuchsfahrten selbst zu machen. So spulte er 2248 Kilometer ab. Als sich Merce­des nun leise darüber ärgerte, dass die Italokombi Ferrari/Pirelli fast schon zu gut funktioniere, hatte Pirelli-Chef Tronchetti Provera leichtes Spiel: „Bei Ferrari hat eben Vettel­ die Verantwortung übernommen, er war immer für uns erreichbar – und natürlich ist das Feedback eines solchen Champions besonders wertvoll.“ Der Fleiß des Deutschen ist legendär. Marko: „Bei Rückflügen von Rennen kannst du mit dem kein Wort reden. Sofort holt er sein schwarzes Notizbuch raus und kritzelt seitenlang alles rein, was er am Wochenende davor beobachet hat, jedes winzige Detail. Natürlich macht ihn das besser.“

Vettel ist auch ein außergewöhlicher Zuhörer. Nachdem er sich in China höchst unorthodox in seine Startbox gestellt hatte, musste Alex Wurz kichern: „Als das letztes Jahr ein anderer Fahrer machte, war es danach ein Thema beim Fahrerbriefing. Man entschied, den Fahrer nicht zu bestrafen. Aber nur Vettel hörte genau zu und verstand, dass das jetzt ein Präzedenzfall war und er das bei Bedarf auch so machen konnte. Er ist ein Schlitzohr!“

Champions müssen bedingungslos auf ihren Vorteil schauen – das weiß auch Toto Wolff. In Abu Dhabi hatte ihn Hamilton geärgert. Er fuhr als Führender so langsam, damit das restliche Feld auf seinen an zweiter Stelle liegenden Rivalen Rosberg aufschließen konnte. Was Toto vor allem deshalb nervte, weil Lewis vor dem Start noch versprochen hatte, genau das nicht zu tun: „Aber so sind Rennfahrer, die schauen nur auf ihren Vorteil. Und das müssen sie wohl.“ Der Plan ging aber nicht auf, vor allem wegen Vettel, der als Dritter keine Anstalten machte, Rosberg zu überholen. Trotz dieser offensichtlichen Partei­nahme gibt es bisher kaum Animositäten zwischen Seb und Lewis. Als Fahrer respektieren sie sich. Sie sagen das auch offen, ohne zynische Nebentöne, wie das der dritte „Überdrüberstar“ Alonso gern macht. Trotz ihrer Gegensätzlichkeit haben sie Gemeinsamkeiten: Beide sind keine Gruppentiere und haben im Gegensatz zur Monaco-Connection rund um Ricciardo, Button & Co. kaum Kontakt zu Berufskollegen – Hamilton gar nicht und Vettel eigentlich nur zu Räikkönen und Timo Glock, seinem alten Freund aus BMW-Tagen. Sonst wollen sie ihre Ruhe, mit unterschiedlichen Motiven: Vettel ist lieber bei seiner Familie, Hamilton aber bei seinen „Bros“ und seinen „Girls“, die beinah zu hundert Prozent aus der Showszene kommen, Schauspieler, Models oder Musiker sind. Trotzdem sollte man seine sozialen Fähigkeiten nicht unterschätzen: Man weiß, dass Lewis oft – ohne Kameras – kranke Kinder besucht, dass er meist der einzige Fahrer ist, der auf die Idee kommt, Fans zu besuchen.

Hamilton will Anerkennung

Manchmal ist Lewis auch geschickt mit politischen Statements. Wenn er nach Monaco im Gegensatz zu Wolff, Marko, Horner oder Lauda laut an eine Stallregie bei Ferrari (pro Vettel/contra ­Räikkönen) glaubt, ist das ein gezieltes Manöver: Je früher er beweisen könnte, dass Ferrari Vettel bevorzugt, desto eher kann er Mercedes unter Druck setzen, ­seinen Stallrivalen Bottas zur offiziellen Nummer 2 zu degradieren, denn „in freier Wildbahn“ hat Hamilton die Wolff-Ent­deckung aus Finnland weit weniger im Griff als nach den Tests gedacht. Grund: Mercedes hat schon das Problem, dass die Reifen nur in einem viel kleineren Fenster funktionieren als bei Ferrari – und Hamilton wiederum hat ein noch kleineres Fenster als Bottas (z. B. im Qualifying in Montreal). Die Folge: Passt alles, ist Lewis zum Teil deutlich schneller, passt es aber nicht, fällt er extrem ab, wie etwa im Monaco-Qualifying. Genau das muss er aber in den Griff bekommen, um gegen Vettel 2017 eine Chance zu haben, sonst gerät er im Titelduell 3:5 in Rückstand.

Das wäre vielleicht schon uneinholbar, denn man kann es sich nicht so recht vorstellen, dass Lewis allzu lange in der Formel 1 bleibt – obwohl er so perfekt in die Entertainment-F1 der neuen Eigentümer passt. Rekorde interessieren ihn nicht (im Gegensatz zu Vettel), Anerkennung ist ihm wichtiger – und die hat er sportlich von allen außer von Besserwissern wie Eddie Irvine: „Hamilton und Vettel sind nicht besonders gut.“ Möglich, dass er Ende 2018 die Showbühne wechselt, das heißt, das gefühlt „ewige Duell“ der Jahrgangsbesten Vettel und Hamilton könnte sich auf der Rennstrecke und im Duell Rad an Rad wirklich für diese eine einzige gemeinsame Saison ganz an der Spitze verdichten. Ein genia­ler Showdown in einer epischen Schlacht von Menschen mit Maschinen. Bei den Maschinen gilt: Je heißer es ist, desto mehr Vorteile hat Ferrari im Reifen-Management. Bei den Menschen fällt auf: Je anstrengender es körperlich wird, desto lauter keucht Hamilton, lauter als Vettel. Wer siegt, ist ein Großer. Die aktuelle Autogeneration ist ein Biest, sie rutscht, sie verzeiht keine Fehler. Marko: „Heuer treffen nur mehr die Besten die Linie auf den Zentimeter.“ Der Fahrerweltmeister 2017, er wird ein würdiger sein.

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