Florian Gschwandtner: „Ich komm fitter ins Büro als du“

Mit drei Freunden gründete der Ober­österreicher Florian Gschwandtner 2009 die Firma Runtastic. Mit ihren Fitness-Apps hat diese seither das Sportverhalten von Millionen Menschen revolutioniert – und ihre Erfinder zu Millionären gemacht. Zuletzt veröffentlichte Frontman Gschwandtner ein Buch über die Erfolgs­story und verkündete zeitgleich seinen ­Abgang als CEO. Im Sportmagazin spricht der 35-Jährige über Missionen, Visionen und sein erstes Mal.

//Interview: Fritz Hutter //Foto: Werner Harrer

Sportmagazin: Hast du dich zu keinem Moment zu jung für eine Autobiografie gefühlt?

Florian Gschwandtner: Mich hat’s gewundert, dass ein paar Leute gemeint haben, na servas, mit dem Alter, das ist aber schon verwegen. Aber ich selber hab gar nicht darü­ber nachgedacht, weil der Zweck des Buches ja ein spezieller ist. Ich halte viele Keynotes und es schreiben mir nicht wenige Leute, dass ich sie motiviert habe, etwas Neues ­anzufangen oder sich selbstständig zu machen. Viele wollen sich dann mit mir treffen, um mich näher kennenzulernen. Nicht dass ich nicht will, aber das geht sich einfach nicht mehr aus. Die einzige Möglichkeit, die ich gesehen habe, um da noch skalieren zu können, war, ein Buch zu schreiben. Wen meine Geschichte interessiert und wer denkt, sie könnte ihm weiterhelfen, der kann sie sich jetzt kaufen.

Du betonst in der Erfolgsstory von Runtastic, dass ihr nie das Warum aus den Augen verloren habt. Ein Tipp, den du im Buch auch angehenden Gründern ans Herz legst. Es ging und geht darum, Menschen dabei zu unterstützen, mehr Freude an der Bewegung zu haben. Die Basisidee war aber, Segelboote und Rallyeautos zu tracken, was ja eher überschaubar philantropisch klingt.

Als meine Gründerkollegen während unserer Zeit an der FH die World Sailing Games am Neusiedler See und Manfred Stohls Rallyeauto getrackt haben, war ich noch gar nicht dabei. Relativ bald hat man aber gemerkt, dass das geschäftlich nicht wirklich funktioniert. Dann haben sie mich angerufen und gesagt, denk dir was aus und wir programmieren es. Mir war dann schnell klar, wir müssen etwas im Breitensport machen. Wenn man heute darüber nachdenkt, sagt jeder, eh klar, aber damals war das noch nicht so selbstverständlich. Und es gab viele Neins und Leut, die gemeint haben, dass niemand mit einem Handy laufen gehen würde und so weiter.

Wie war dein „erstes Mal“?

Das weiß ich noch sehr genau. Das war im Mai oder Juni 2009 am Bauernhof meiner Eltern. Damals ist gerade das iPhone 3G eben mit GPS rausgekommen und ich wollt schauen, was damit geht. Ich hab mir damals den Prototyp programmieren lassen, mit einem GPS-Signal alle zwei Sekunden und der Möglichkeit, daraus Tempo, Distanz und Höhenmeter zu errechnen. Das alles noch auf einem einfachen, eigentlich schiachn Display. Damit bin ich dann die ca. drei Kilometer zu meiner Oma und zurück gelaufen, mit dem Handy in der Hand und nicht mit einem schicken Tascherl am Arm. Das hat nicht so schlecht funktioniert und gezeigt, was alles möglich sein könnte – und wir wussten, dass es sich lohnt, da weiterzumachen.

Seit damals hat sich nicht nur die Digitalisierung, sondern auch das Produkt­portfolio von Anbietern wie Runtastic mit einem Affenzahn erweitert. Welche menschlichen Instinkte und Eigenschaften sprecht ihr an, um derart erfolgreich zu sein?

Prinzipiell thematisieren wir Dinge, die fast jeder Mensch kann. Jeder kann zumindest schnell gehen und auch ein paar Liegestütze bringen viele zusammen. Und ich merke schon, dass heute jeder ein bisserl fitter und gesünder sein will und zu jenen gehören mag, die „jetzt auch Sport machen“. Dazu hat Facebook geholfen, Aktivitäten nach außen tragen zu können. Man hat gepostet, dass man an einem Lauf teil­genommen hat, und fünf andere haben „Ich auch“ dazu­geschrieben. So sind oft echte Communities entstanden. Das andere ist die Lust vieler Leute, sich zu vergleichen. Die werden von unseren Leaderboards und Ranglisten angesprochen. Und natürlich war die plötzlich so zugängliche Technologie hilfreich. Die Hürde, sich gschwind eine App aufs ohnehin bereits allgegenwärtige Handy zu laden, war da deutlich niedriger, als sich ein teure Pulsuhr zu kaufen.

,,Das Produkt muss so werden, dass du auf dem Weg zum Sport wieder umdrehst, wenn du das Handy vergessen hast”

Du selber bist ja so etwas wie der archetypische Runtastic-User und betonst auch im Buch immer wieder deine Liebe zum Sport und schon auch deine Leistungsfähigkeit. Spielt Eitelkeit auch ein Rolle?

Durchaus. Für mich waren ein guter Körper und viel Bewegung immer wichtig. Und auch, die Unterhaltung dazu zu bringen. Ich weiß gar nicht, ob ich schon jemals ohne Runtastic laufen war, denn das interessiert mich dann viel weniger. Wir haben gesagt, das Produkt muss so werden, dass du auf dem Weg zum Sport wieder umdrehst, wenn du das Handy vergessen hast. Die Leute sollen sagen, Runtastic gehört für mich einfach dazu. Eine gewisse Eitelkeit hat da sicher ­mitgeholfen. Aber eher jene, ein gutes Produkt gebaut zu haben und dieses immer weiter und weiter zu entwickeln.

Manche Leute könnten ihr Training ohne Ab­lenkung gar nicht mehr durchziehen.

Ist das nicht ein Hinweis darauf, dass sie sich in Wahrheit gar nicht wirklich bewegen wollen? Ich sage, warum nicht die Bequemlichkeit nutzen, wenn sie da ist. Warum soll ich am Hometrainer nicht den Fernseher aufdrehen, wenn er mich unterhält? Das kann man auch aufs Handy runterbrechen. Und natürlich kann man die Frage stellen, inwieweit man bereits ­unterhaltungssüchtig ist. Ich persönlich höre während einer Laufeinheit beispielsweise gern Podcasts. Wenn also manchmal nicht genug intrinsische Motivation fürs Training da ist, mir aber ein Gadget hilft, es trotzdem durchzuziehen, dann tut es meinem Körper jedenfalls gut.

Auffällig ist, dass viele Hobbysportler auch durchaus eher unspektakuläre Leistungen posten und keine Scheu davor haben, dafür belächelt zu werden.

Wir haben es, glaube ich, schon geschafft, den Leuten die Angst zu nehmen, dass es nur um Leistung geht, und immer kommuniziert, dass Runtastic für alle da ist. Dazu kommt der Content in unseren Blogs, der auch geschrieben wird, um klarzumachen, dass ein langsamer Lauf besser als gar kein Lauf ist und 15 Minuten mehr als null Minuten sind. Vielleicht belächelt der eine oder andere eine Leistung, aber fünf andere liken sie – und das motiviert. Genauso übrigens wie die Möglichkeit, eine etwaige Leistungssteigerung öffentlich zu dokumentieren. Außerdem gibt es wenig bis keine Gründe, etwas Negatives drunterzuschreiben, wenn jemand postet, dass er Sport betrieben hat. Sport und Bewegung sind heutzutage rund­herum positiv besetzt, quer durch die Generationen.

,,Sogar Apple hat damals angerufen und gefragt, was da los ist”

Wie groß muss angesichts von Hunderten Millionen Downloads eurer Apps eigentlich eine Zahl sein, um dich zu beeindrucken?

Es hat schon Wow-Momente gegeben. Vergangenen Jänner etwa hatten wir eine intensiv beworbene Gratisaktion und plötzlich 1,1 Millionen Downloads an einem einzigen Tag. Das war dann schon geil. Damit waren wir auch weltweit ganz, ganz weit vorne. Sogar Apple hat damals angerufen und gefragt, was da los ist.

What’s next?

Zusammen mit unserem jetzigen ­Eigentümer adidas haben wir jetzt ganz andere Optionen. So wollen wir speziell an den Runbases in Städten wie Wien neben unserer digitalen Community auch eine Offline-Community formen. Viele nutzen unsere Produkte ja allein, wir wollen nun verstärkt Dinge einbauen, die es ermöglichen, sich beispielsweise einen Lauftreff auszumachen und dann auch von gewissen Benefits zu profitieren. Treue Läufer könnten etwa Zugang zu „Money can’t buy“-Things wie exklusiven Schuhtests bekommen. Und auch in den sprachlichen Assistenzsystemen sehe ich Möglichkeiten. „Alexa, sag mir ein 12-Minuten-Work-out an“ oder so ähnlich und das nicht nur zu Hause, sondern auch unterwegs via Smartphone. Die Technologien gibt’s, aber erstaunlicherweise noch keine guten Apps.

Zuletzt hast du angekündigt, dich mit Jahreswechsel als Runtastic-CEO zurückzuziehen und beruflich kürzertreten zu wollen – auch, um dich „sportlich mehrmals die Woche so richtig auspowern zu können“. Klingt anstrengend.

Schon, aber vor allem soll das Zeit­prinzip schlagend werden. Jetzt muss ich den Sport immer irgendwo reinzwicken und ich freu mich schon sehr, wenn ich dann einfach einmal zweieinhalb Stunden statt einer komprimierten trainieren kann. Oder dass ich an einem ganz bestimmten, schönen Ort laufen gehen kann, zu dem ich vielleicht extra eine halbe Stunde hinfahre. Das geht sich jetzt gefühlt einfach nie aus, alles muss so effizient wie möglich sein. Dazu werde ich mehr ausprobieren können. Ich tät zum Beispiel gern einen Monat wirklich gscheit Yoga machen, um rauszufinden, ob mir das gefällt. Außerdem möchte ich Kitesurfen lernen und meine Skikünste so weit verfeinern, dass der fürs kommende Frühjahr geplante Heli­ski-Trip nach Kanada oder Alaska auch wirklich cool wird. Die Fat Skis stehen schon daheim.

Zum Finale: Wie sehr hat dir dein sportlicher Ehrgeiz und die daraus resultierende Fitness geholfen, beruflich derart erfolgreich zu sein?

Das ist ein ganz essenzieller Punkt in den Managementaufgaben. Du musst fit sein, du gewinnst, wenn du fit bist, du hast einfach den längeren Atem. Ich mache vor jeder schwierigen Präsentation, vor ­jeder Verhandlung Sport, weil ich weiß, ich war schon laufen, ich hab eine Stunde Fitness gemacht und komm so viel fitter ins Büro als du – egal, wer dann das Du ist. Vor wichtigen Themen gehört Sport einfach zu meiner Vorbereitung.

 

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Vom Bauernbuben zum international bewunderten Gründerstar. Florian Gschwandtner erzählt die Story seines Lebens und seines Erfolges. Und er liefert zweckdienliche Hinweise und Tipps für alle, die selbst mit einem Start-up-Unternehmen durchstarten wollen.

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