Die ganze Story – Feuer frei für die Formel 1

Neustart in der Formel 1: alles breiter, lauter, schneller. Und hoffentlich: spannender! Warum man sich auf die neue Grand-Prix-Saison freuen darf.

//Text: Gerald Enzinger //Fotos: Ferrari Scuderia F1, Mercedes AMG F1

Die Formel-1-Fans zittern vor dem Auftakt: Wird Mercedes auch nach den Regeländerungen weiter derart dominieren? Wenn ja, wäre es noch schlimmer, denn es ist zu „befürchten“, dass Valtteri Bottas zumindest im ersten Jahr Lewis Hamilton nicht genug fordern kann und eine Solonummer des aktuellen Vizeweltmeister droht. Doch seit den Tests in Barcelona gibt es neue Hoffnung: Ferrari. Das Auto mit dem schwarzen Pferd präsentierte sich bärenstark und sauschnell. Der SF70H beeindruckte immer wieder mit Best­zeiten und Lewis Hamilton nickte anerkennend: „Sie sind vielleicht schneller als wir, eventuell bluffen sie und können noch mehr.“ Niki Lauda applaudiert: „Der Ferrari liegt wie ein Brett, er sieht am schnellsten aus.“ Und auch Sebastian Vettel, der im Vorjahr erst zum zweiten Mal in seiner Karriere eine ganze gefahrene Saison sieglos geblieben ist, wirkt in Top-Form, aufgestachelt von der ­Kritik von Oberboss Sergio Marchionne und vom Wissen, dass sein Vertrag ausläuft.

Aber: Auch 2016 waren die Roten bei den Tests besser als erwartet, um dann in der Saison völlig zu versagen. Mercedes ist bekannt dafür, beim Testen sehr defensiv zu agieren, obwohl man heuer ­öfters mit superweichen Reifen probte, um Bottas daran zu gewöhnen.Trotzdem scheint ein echtes Gigantenduell möglich zu sein, vielleicht auch ein Dreikampf, denn Red Bull bekommt erst in Melbourne von Renault die volle Power im Motor aufgedreht, das war in Barcelona wegen einiger Kinderkrankheiten am Aggregat noch nicht möglich. Werden die nicht behoben, heißt das Duell aber Hamilton vs. Vettel, die Superstars ihrer Generation. Der eine hat vier WM-Titel, der andere „nur“ drei, auch weil Sebastian in Abu Dhabi keine Lust hatte, Rosberg zu überholen und Hamilton zu helfen. Das könnte die Konkurrenz der beiden noch mehr befeuern. Nur ein (ehe­maliger) Weltmeister geht wohl ohne jede Chance in das Formel-1-Jahr 2017: Fernando Alonso erlebte im McLaren­ das übliche Test-Fiasko, der Honda-Motor ist katastrophal. Fernando, zynisch: „Wir können in der Kurve Vollgas geben, dafür sind wir langsam genug.“ Er wird sich den Kampf um den WM-Titel von hinten anschauen müssen. Möge er bis zum letzten Rennen dauern.

Die Finnen kommen!

Finnen stehen im Mittelpunkt der neuen Formel-1-Saison, aber wird reden hier von ganz unterschiedlichen Typen. Auf dem Auto sorgt die Finne für Aufsehen, ein auffälliges Airbox-Segel, das auch schon zwischen 2008 und 2010 auf Formel-1-Boliden zu sehen war. Jetzt ist die Finne wieder da – und während einige sie hässlich finden (z. B. Christian Horner), meinen Leute wie Nico Hülkenberg, sie sei durchaus cool. Auf alle Fälle werden die Rennwagen dadurch individueller. Aber warum tauchen sie gerade jetzt wieder auf, wo sie doch nie verboten waren? Das hat mit den jetzt niedrigeren Heckflügeln zu tun. Dadurch brauchen die Autos die Finne, um in der Kurve nicht Abtrieb zu verlieren – und Autos werden für die (entscheidende) Kurvenfahrt entwickelt, nicht für die Gerade. Trotzdem könnte die Finne bald wieder verschwinden – einige fordern ein Verbot, sie könnte aber auch bei Heckflügel-Innovationen unnötig werden. Das passiert dem fahrenden Finnen hoffentlich nicht. Valtteri Bottas ist der neue Mercedes-Pilot. Niki Lauda sagt aber: „Es fehlen ihm noch zwei Zehntel auf Hamilton.“ Im Renn-Trim vielleicht noch mehr.

Ross the Boss

Er ist wieder da. Ross Brawn, Weltmeistermacher bei Benetton, Ferrari und (denkwürdigerweise) seinem eigenen Team Brawn GP, ist der neue Sportchef der Formel 1. Eine Ohrfeige für den entmachteten Bernie Ecclestone, der vor allem in den letzten Jahren so überhaupt nicht mit dem Angler konnte, der sowohl Petrolhead als auch Sturschädel ist. Unumstritten ist der nun hohe Ross nie gewesen – alle möglichen Grenzgänge entlang der Legalität sorgten in seinen Teams immer wieder für Unruhe. Aber vielleicht ist in seiner neuen Funktion alles anders. So beschimpft er die Rennställe (zu Recht) dafür, dass sie paranoid sind, in den Boxen Mauern hochziehen und Autos unter Decken ver­stecken – zum Ärger der Fans. Nur, wer hat es erfunden? In erster Linie Brawn selbst, der bei Ferrari einst alles dichtmachte. Doch viele seiner neuen Ideen sind interessant, er will wieder eine gerechtere Geldverteilung und denkt daran, ein (jährliches) Testrennen ohne WM-Punkte zu veranstalten, damit sowohl die Teams als auch die Formel 1 einen Raum für technische oder regulative Experimente haben.

Echt fett

Die wilden Siebzigerjahre gelten als die glorreiche Ära in der Formel 1. Deshalb redet man, wenn man von der Zukunft spricht, erst einmal ausführlich von der Vergangenheit. Als es nun darum ging, die Autos durch neue Maße spektakulärer zu machen, lag der Fokus bald auf den Reifen, die so breit werden sollten wie in den Seventies. 12.148 Testkilometer wurden absolviert, um unter 96 Reifen-Prototypen die ideale Variante zu finden. Das Ergebnis: Die Reifen sind vorne um 6 Zentimeter in die Breite gewachsen (auf 30,5 cm), hinten gar um 8 auf 40,5 cm. Optisch sieht das von hinten unbestritten echt fett aus – und findet viele Fans. Doch längst zeichnen sich auch Nachteile ab. Die Gummis sind wie aus Beton und haben nun noch weniger Verschleiß. Dadurch wird die Zahl der Reifenwechsel und der Boxenstopps sinken. Weniger Stopps bedeutet meistens aber auch weniger strategische Möglichkeiten und damit weniger Action auf der Strecke selbst. Bei Regen wiederum könnte es noch schneller zu Renn­abbrüchen kommen, da die Gischt um 25 Prozent zunimmt und die Sicht noch schlechter wird. Und zu schlechter Letzt glaubt nicht nur Lewis Hamilton, dass mit den breiteren Fahrzeugen das Überholen noch schwieriger werden könnte, was erneut zulasten der Action gehen würde. Aber es gibt auch Hoffnung: Die rund fünf Kilo schwereren und grundsätzlich schnelleren Autos könnten mehr Reifen fressen als kalkuliert und so etwas unberechenbarer werden. Doch eines ist wenigstens gewiss: Der Sound der Motoren ist wieder wesentlich besser und lauter.

Frischer Wind bei den Bullen

Der erste Sieg der Saison ging an Toro Rosso: Die neue Optik des austroitalienischen Boliden (mehr Silber und damit mehr was von einer Red-Bull-Dose) wurde im Netz fast einhellig als „das schönste Farbdesign der letzten Jahre“ gefeiert. Sportlich kamen die Boliden von Sainz und Kwjat aber bei den Tests eher langsam auf Touren. Das gilt auch für Red Bull Racing, das in den ersten Tagen der Versuchsfahrten wie unsichtbar wirkte. Das alles könnte aber auch nur eine Täuschung sein. Experten glauben, dass Red Bull seine besten Innovationen erst in Melbourne outet und dann sehr wohl in der Mercedes-Ferrari-Liga spielen wird. Fernan­do Alonso glaubt: „Die sind eine echte Gefahr, ihre bisherigen Zeiten sollten die Konkurrenz nicht in Sicherheit wiegen.“ Fix: Ab sofort wird die Zusammenarbeit mit Toro Rosso massiv verstärkt, was ja nun auch leichter ist, da beide Mateschitz-Geräte nun wieder mit dem gleichen Motor (Renault) bestückt sind.

Der Teenager-Report

Zu jung! Zu reich! Zu schön! Aber lassen Sie sich von allen Vorurteilen, die über den neuen Williams-Piloten Lance Stroll kursieren, nicht täuschen. Er wird zwar in Melbourne mit 18 Jahren und 148 Tagen der zweitjüngste Debütant der Geschichte, zeigte aber seine Unerfahrenheit beim Test in Barcelona mit drei Crashs in zwei Tagen. Und, ja, er verdankt seine Karriere seinem rund zwei Milliarden Dollar schweren Vater, der mit Investments in Marken wie Tommy Hilfiger und Ralph Lauren reich wurde. Doch Lance hat in den letzten drei Jahren drei Serien gewonnen (Formel 4, Toyota Racing Series, Formel 3 – Letztere mit Rekordvorsprung). Nie zuvor wurde so ein Aufwand um ein Talent betrieben. Um ihn an Formel-1-Autos zu gewöhnen, holte Williams ein 2014er-Modell aus dem Museum und Mercedes baute zwei Motoren neu auf. Dann testete er auf sechs Formel-1-Strecken, auch in Spielberg. Toto Wolff & Co. halten sehr viel von ihm. Er ist mehr als nur ein reiches Kind.

Eine Lady in Graz

Mit den neuen Regeln und den massiv erhöhten Fliehkräften in den Kurven sind die Chancen, wieder einmal eine Frau in einem Formel-1-Rennen zu sehen, noch mehr gesunken. Doch eine hofft: Die 24-jährige Kolumbianerin Tatiana Calderón kaufte sich mit Geld von Telmex bei ­Sauber ein und soll nun als „Entwicklungsfahrerin“ Erfahrung sammeln. Sie wird massiv von Susie Wolff gefördert und war zuletzt in der GP3-Serie Gesamt-21. (zwei zehnte Plätze in Rennen). Heuer soll sie vor allem die Gelegenheit bekommen, am Simulator wertvolle Kilometer zu sammeln – ein Teil dieser Fahrten soll bei der AVL in Graz absolviert werden, wo viele F1-Teams Simulationen machen.

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