Felix Neureuther: „Ich hasse rote Teppiche“

Man muss nicht Felix heißen, um Felix Neureuther zu lieben. Es reicht, ihm dabei zuzuhören, wie er die Hundertsteljagd zur Nebensache erklärt, Geld als Wurzel vielen Übels enttarnt, wie er den Medien den Spiegel vorhält. Und über das Aha-Erlebnis referiert, das verhinderte, dass er in diesem Winter baden geht. Unser liebster Piefke kann aber auch ganz anders. Nachdenklich nämlich. Wenn die großen Themen unserer Zeit aufs Tapet kommen.

//Interview: Manfred Behr

//Titelbild: (C) Christian Forcher

SPORTMAGAZIN: Sorry, aber diese Einstiegsfrage muss bei dir sein: Wie geht’s?

FELIX NEUREUTHER: Danke der Nachfrage, im Vergleich zu den letzten Jahren sehr gut. Noch im Vorjahr war es ein tagtäglicher Kampf: Würde ich morgen trainieren können? Wie werde ich fit bis zur nächsten Einheit? Heuer hingegen kam ich bisher sogar ohne Schmerzmittel durch, die letzte Spritze bekam ich im Sommer verabreicht. Dadurch überspiele und übertünche ich nichts, kann besser in meinen Rücken reinhören.

Und was sagt er?

Dass keine Operation mehr infrage kommt. Eine solche würde nämlich bedeuten, dass man die Wirbel versteift. Bevor ich das mache, höre ich mit dem Skifahren auf. Cheftrainer Mathias Berthold, unser neuer Physiotherapeut Oliver Saringer und ich haben uns darauf verständigt, dass wir in einem Winter ohne Großereignis versuchen, meinen Körper durch viel Arbeit so in den Griff zu bekommen, dass er noch zwei, drei Jahre durchhält. Hätte sich keine Besserung eingestellt, wäre ich bereit gewesen, die Saison schon im Juni aufzugeben oder es überhaupt sein zu lassen.

Letzten Winter hast du, wie schon im Vorjahr, als womöglich schnellster Mann im Slalomfeld die Kristallkugel verpasst. Hast du dir etwas vorzuwerfen?

Nein, ich war seit Kitzbühel am Limit, hatte nach der WM kein Gefühl mehr im rechten Bein, konnte es nicht mehr ansteuern. Ich hab auch gar kein MRT machen lassen, weil ich wusste: Es schaut schlecht aus. Wäre es nicht um die Kugel gegangen, hätte ich die Saison vorzeitig beendet. Letztlich war ich trotz 55 Punkten Vorsprung vor dem Finale gegen Marcel chancenlos. Das Gefühl im Bein kehrte übrigens erst im Mai oder Juni wieder nachhaltig zurück.

In diesem Winter fühlst du dich gut wie lange nicht, aber die Ergebnisse spiegeln das erst mit zwei Podestplätzen (Stand: 12. Februar; Anm.) nicht wider.

Zwei, drei Jahre kannst du dich mit Routine über einen stark eingeschränkten Trainingsumfang drüberretten, aber irgendwann ist Schluss. Ich stand sechs Monate nicht auf Skiern, im Riesentorlauf hatte ich Glück, aber im Slalom passte vieles nicht mehr zusammen. Doch zum Testen war keine Zeit. Ich habe auf ein Aha-Erlebnis gewartet, alles mögliche ausprobiert, musste aber zur Kenntnis nehmen: Die Leichtigkeit fehlt, aus eigener Kraft ist mir der Sieg nicht möglich. Eine völlig neue Situation: Ich war über Jahre gewohnt, auch mit weniger als hundert Prozent ganz vorne mitzufahren.

Aber dann kam es doch noch, das Aha-Erlebnis …

Genau, und zwar am Montag zwischen Kitzbühel und Schladming. Ich hatte dieses Paar Skischuhe, eine härtere Variante, seit Längerem im Auto und dachte mir: ‚So, weil’s eh schon wurscht ist, probierst du die jetzt auch noch aus.‘ Ich bin vier Schwünge gefahren – mit einem weiten Mantel, weil es geregnet hat, aber ich wusste augenblicklich: Das ist es! Mein Servicemann Roli Schneeberger hat nur mehr den Kopf geschüttelt. Tags darauf bin ich auf der Planai Bestzeit gefahren

,,Am Ende geht es gar nicht so sehr darum, ob du gewinnst oder nicht, sondern darum, dass du die Situation meisterst, etwas für dein Leben mitnimmst”

Felix Neureuther

… um im Finale einzufädeln.

Das hat sich angefühlt, als wenn dir einer mit der Schaufel Vollgas ins Gesicht schlägt. Aber vom Mond aus betrachtet spielt das Ganze gar nicht so eine große Roll, denn am Ende geht es gar nicht so sehr darum, ob du gewinnst oder nicht, sondern darum, dass du die Situation meisterst, etwas für dein Leben mitnimmst, dass du die menschliche Größe entwickelst, im Moment der großen Niederlage ins Ziel zu fahren, um den Gewinnern zu gratulieren. Dass das so sein muss, lehrt dich der Sport gnadenlos.

Kannst du dich eigentlich an dein erstes Weltcuprennen erinnern?

Freilich, Kranjska Gora, 2002. Ich hatte als 17-Jähriger die vorletzte Startnummer im Slalom, hinter mir nur mehr Georgi Georgiev, der Bulgare. Ich kam fünf Tore weit, räumte einiges ab, landete im Fangzaun, die Bergung dauerte eine ganze Weile. Oben am Start tobte Rennleiter Günter Hujara, mit dem ich von Beginn an ein spezielles, fast schon ein Vater-Sohn-Verhältnis pflegte: „Neureuther, du Vollidiot! Wegen dir müssen wir die Besichtigung für den zweiten Lauf um 15 Minuten verschieben!“

Luitz, Strasser, Stehle, Sander – im DSV-Herrenteam bringen sich ein paar potenzielleNeureuther-Erben in Position. Ist die Aufbruchsstimmung spürbar?

Absolut, da ist ein Zug dahinter, von dem die Öffentlichkeit noch gar nicht richtig Notiz genommen hat. Aber glaub mir, sie wird. Sie wird gar nicht anders können. Mir taugt einfach, auf welch unterschiedlichen Wegen die Leute in die Spitze vorstoßen. Dominik Stehle etwa, zuletzt Vierter in Schladming, hat jetzt den Durchbruch geschafft – mit 29! Die Jungen sehen, wie wir Leistungsträger trainieren, was es braucht, um ganz nach oben zu kommen. Da entsteht eine richtige Sogwirkung. Andererseits kann ich mir viel von der neuen Generation abschauen, von Henrik Kristoffersen sowieso.

Apropos: Was macht den derzeit so schwer zu schlagen?

Seine Leichtigkeit im Schwung. Die zeigt, dass da im Moment alles zusammenpasst. Wenn er Fehler macht, verliert er kaum Geschwindigkeit. Henrik bekommt am Schwungansatz sehr viel Druck auf den Ski, das ermöglicht ihm diesen kurzen Schwung, der ihm derzeit bei allen Bedingungen gelingt. Ziemlich beeindruckend!

Das Duell Hirscher vs. Kristoffersen ist derzeit in aller Munde – und ihr so unterschiedlich anmutender Fahrstil. Deine Expertise?

Wenn man genau hinschaut, ist da nicht so viel Unterschied. Henrik fährt mit einem anderen Stil beinahe mit der gleichen Brutalität wie Marcel, er fährt auch eine ähnlich freche Linie.

,,Für mich ist Marcel der natürlichere Skifahrer als Henrik. Ich halte ihn im Übrigen nach wie vor für das Maß aller Dinge - auch im Slalom.”

Felix Neureuther

Wie gefällt er dir als Typ?

Er weiß, was er will, ist von der Denke für seine 21 Jahre schon sehr weit. In diesem Alter hatte ich noch ganz andere Flausen im Kopf. Schön finde ich die Parallele zu Marcel Hirscher. Die beiden Väter waren und sind extreme Förderer ihrer Jungs. Wobei für mich Marcel die bessere skifahrerische Ausbildung genossen hat, der natürlichere Skifahrer ist. Im Übrigen halte ich ihn nach wie vor für das Maß aller Dinge -auch im Slalom.

Henrik Kristoffersen wird im Frühjahr nach Österreich übersiedeln, aus logistischen, aber wohl auch aus steuerlichen Gründen. Warum wohnst du immer noch, wo du wohnst?

Ich bin in Garmisch aufgewachsen, da sind meine Freunde, da ist meine Familie, da gehöre ich hin. Ich hab’s 20 Minuten bis zur Grenze, es wäre also ein Leichtes. Und es wird sicher seine Vorteile haben, aber muss man denn jede Entscheidung finanziellen Überlegungen unterwerfen? Ich finde, dass ich es Deutschland, den deutschen Steuerzahlern schuldig bin, hier meine Abgaben zu leisten.

FIFA, IAAF – wir erleben bei großen internationalen Sportverbänden die Aufarbeitung von Korruption in ungeahntem Ausmaß. Ist die FIS eine Insel der Seligen oder einfach nur zu unbedeutend?

Kein Zweifel, die Gefahr für Korruption und Betrug ist dort am größten, wo Unsummen von Geld im Spiel sind, dort, wo Sport zu sehr mit Politik vermischt wird. Bei der FIS ist beides nur in eingeschränktem Ausmaß der Fall, auch wenn man über so manche Entscheidung den Kopf schütteln mag. Ich halte die Korruptions- und Manipulationsgefahr im alpinen Skisport für sehr gering.

Auch was Doping anbelangt?

Auch da, weil die Sportart technisch so schwierig ist. Ich glaube nicht, dass man aufgrund von Doping fünf Hundertstel schneller fahren kann.

Ist dieser Zugang nicht ein wenig naiv?

Beim Missbrauch von Doping geht es doch vielfach darum, schneller zu regenerieren und deshalb mehr trainieren zu können. Im Skifahren kann man auch mit wenig Training gewinnen. Ich bin das beste Beispiel (lacht).

Aber wie unschlagbar wärst du erst, wenn du große Umfänge abspulen würdest?

Viel Training heißt nicht automatisch, besser zu performen. Ich bin mir hundertprozentig sicher: Viele Athleten wären erfolgreicher, hätten sie den Mut, erst im September anstatt schon im Juli auf Skiern zu stehen. Aber man sieht die anderen trainieren und glaubt, es ihnen gleichtun zu müssen. Ich gehe ja womöglich auch nur den anderen Weg, weil mich mein Körper dazu zwingt.

Kristoffersen und sein Umfeld aber schwören auf große Umfänge, erklären seinen Erfolg genau damit.

Mit 21 kannst du das machen, da bin ich auch extrem viel Ski gefahren, aber du wirst dieses Pensum nicht über eine ganze Karriere durchziehen können.

Du giltst als umgänglich, bodenständig, als Typ zum Angreifen. Ich schließe daraus: Du bist einer, der die Menschen mag.

Weißt du was? Wenn du diesen Job ausübst, dann muss dir klar sein, dass du in der Öffentlichkeit stehst. Wenn du das nicht magst, dann musst du’s eben bleiben lassen. Wenn du an einem Kind vorbeigehst, das ein Autogramm oder ein Foto haben will, und dir denkst: „Darauf hab ich jetzt überhaupt keine Lust“, dann läuft eh irgendwas schief. Mit so einer Kleinigkeit kannst du Menschen glücklich machen. Und das ist es doch, was du als Sportler bewegen kannst – Menschen emotional zu packen. Das ist mir so viel mehr wert als jedes Rennen, das ich gut fahre.

Und das soll dir jemand glauben? Autogramme zu schreiben ist dir wichtiger als ein Sieg in Kitzbühel?

Okay, Kitzbühel ist schon was Spezielles. Aber kein Schmarrn: Das ist der Grund, warum ich meine Kinder-Camps mache. Ich bin auch platt am Ende einer Saison, aber wenn ich ins Hotel komme und die Augen von zwölf Kindern zu leuchten beginnen, gibt mir das mehr, als wenn ich in Finnland Zweiter werde. Wenn man ehrlich ist: Es ist doch shitegal in zehn Jahren, ob du fünf oder zwanzig Rennen gewonnen hast.

Es sei denn, man holt die richtige Medaille zur rechten Zeit. Wie meine Mutter (Rosi Mittermaier; Anm.) vor exakt vierzig Jahren in Innsbruck.

Unglaublich, wie das Thema jetzt wieder hochkocht. Ich behaupte aber: So eine Euphorie wird’s im Skisport nicht mehr geben. Damals hat einfach alles zusammengepasst.

Du hast aber auch trotz mancher Negativerfahrung nie das Zutrauen zu den Medien verloren.

Ja mei, ihr macht’s ja auch nur euren Job.

Du behauptest, dass es dir eher unangenehm ist, im Rampenlicht zu stehen. Ich halte dem entgegen: Nur wer Auftritte in den Medien bis zu einem gewissen Grad genießen kann, kommt auch gut rüber. Stichwort Zagreb: Interview mit dir selbst. Stichwort Val-d’Isère: „Megts ihr mi jetzt nimmer?“ Stichwort Schladming: „So a Wappler bin i dann a nit!“

Der ORF liefert mir aber halt auch immer die Vorlagen. Da steckt kein Kalkül dahinter, so bin ich eben. Ich schwöre: Ich hasse rote Teppiche, an deren Ende man vor irgendeiner Wand posieren soll. Da schwindle ich mich vorzugsweise durch den Seiteneingang rein, selbst beim Deutschen Sportpresseball 2015, wo ich sogar einen Preis verliehen bekommen habe. Dieses öffentliche Zurschaustellen, das bin so gar nicht ich. Das ist für mich das Allerschlimmste.

Auch dein Social-Media-Auftritt gilt als vorbildhaft. Den managt deine ältere Schwester Ameli, die Meriten als Künstlerin gesammelt hat.

Sie ist generell ein extrem wichtiger Mensch, eine wichtige Beraterin für mich. Zuletzt hat sie sich auf AppArt spezialisiert, aber seit einem Jahr ist ihr Hauptjob, Mutter zu sein. Und ich gehe in meiner Onkel-Rolle sehr auf.

(C) Christian Forcher

Der Weltcupzirkus kämpft seit Jahren mit Schneearmut und zu hohen Temperaturen. Macht dich dieser offensichtliche Klimawandel in den Alpen nachdenklich?

Sehr. Wenn du im Dezember nach Südtirol kommst und außer ein paar Scheebändern nur Grün siehst, ist das nicht sehr einladend. Es wird dazu führen, dass die nordischen Länder eine noch dominantere Rolle spielen. Aber es geht ja nicht in erster Linie um den Spitzensport: Wie bitter ist es, wenn Kinder im Dezember nicht mehr rausgehen und im Schnee spielen können? Ich wohne neben einem kleinen Schlittenberg. Das kannst du dir nicht vorstellen, was da los ist, wie viel Spaß die Kids haben, wenn da mal Schnee liegt. Der Klimawandel schränkt die Bewegungsmöglichkeiten für die Kinder neben den Spielkonsolen und dem ganzen Zeug noch mehr ein. Ein völliger Wahnsinn!

Zum Schluss das Thema, an dem niemand vorbeikommt: Flüchtlingskrise. Wo findest du dich wieder im Meinungsspektrum, in dem es nur mehr Schwarz und Weiß zu geben scheint?

Was bringt es, wenn ich zur Polarisierung beitrage? Überhaupt nix! Ich denke, wir haben gar keine andere Wahl, als mit aller Kraft zu versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Dem Sport kommt dabei aus meiner Sicht eine zentrale Bedeutung zu. Gemeinsam gewinnen, gemeinsam verlieren – welches Instrument eignet sich besser zur Integration? Aber es bedarf der Bereitschaft von beiden Seiten. Wenn Flüchtlinge herkommen und glauben, das sei jetzt ihr Zuhause, in dem sie sich, Stichwort Köln, aufführen können, wie sie wollen, dann muss man dem klar entgegentreten.

Aber ist es nicht gerade dieses kollektive Versagen so vieler staatlicher Institutionen, das beängstigend ist?

Mir will bis jetzt nicht in den Kopf, wie es möglich war, so extrem unvorbereitet in diese Situation zu schlittern. Egal, ob in Deutschland, Österreich oder Griechenland, überall die komplette Überforderung. Jetzt haben wir eine Situation, die für alle unangenehm ist, auch für die Flüchtlinge. Man hätte es vorhersehen können, davon bin ich überzeugt.

Stattdessen kürzte man der UNO die Mittel, nahm ihr die Chance, die Flüchtlingslager rund um Syrien so zu versorgen, dass dort menschenwürdiges Leben möglich ist.

Kollektivversagen, das trifft es am besten. Man kann Menschen nicht so behandeln, als wären sie keine Menschen. Das rächt sich.

PASSPORT: Felix Neureuther

Geboren am 26. März 1984 in München

Wohnort: Garmisch-Partenkirchen

Spitzname: „Rosi“

Familienstand: ledig, liiert mit Biathlon-Ass Miriam Gössner (Olympia-Zweite und zweifache Weltmeisterin in der Staffel)

Familie: Vater Christian Neureuther (66/Gewinner von 6 Weltcupslaloms), Mutter Rosi Mittermaier-Neureuther (65/Abfahrts-und Slalom-Olympiasiegerin 1976), Schwester Ameli (34/Künstlerin und Designerin), Hund „Buddy“ (2/Australian Shepherd)

Equipment: Nordica (Ski, Schuhe), Marker (Bindung), Leki (Stöcke), Uvex (Brille, Helm)

Klub: SC Partenkirchen Größe/Gewicht: 184 cm/87 kg

Größte Erfolge: Slalom-WM-Silber 2013 und -Bronze 2015, Team-Weltmeister 2005; 11 Weltcupsiege (9 Slaloms, 1 RSL, 1 City-Event), 39 Weltcup-Podestplätze (Stand: 12.2.)

Hobbys: Geschwindigkeit, Autos, Slacklining, Berge, Fußball

Sonstiges: Neureuther ist nationaler Botschafter von „fit4future“, einer Bewegungsinitiative für Kinder, und schrieb das Buch „Mein Training mit Life Kinetik“ Web: felix-neureuther.de