Felix Gottwald: „Wir sind eine Schnitzel- und Spritzernation“

Felix Gottwald, Österreichs erfolgreichster Olympionike, liest Politikern, Verbänden, Athle­tInnen, Eltern, uns allen und sogar sich selbst die ­Leviten. Was in den Regierungsverhandlungen falsch läuft, wie wir die Kinder den Spielkonsolen in die Arme treiben, warum wir weit davon entfernt sind, eine Sportnation zu sein. Und wo wir anpacken müssen, damit wir – zum Wohle aller – eine werden.

// text: Manfred Behr // foto: Bernhard Eder //

Sportmagazin: Wären Sie ein geeigneter Sportminister?

Felix Gottwald: Die körperlichen Voraussetzungen würde ich wohl erfüllen, die taktischen Fähigkeiten sicher nicht. Ich wäre gern bereit, meinen Beitrag zu leisten, wenn die Vorgabe lautet, Österreich fitter und vitaler zu machen. Als Aufputz, um an der Fassade weiterhin Veränderungsarbeit vorzutäuschen, dafür bin ich nicht zu haben. Wir tun so, als wären Einzelerfolge im Spitzensport repräsentativ für das Ganze, als wären wir eine Sportnation. In Wahrheit aber sind wir eine Schnitzel- und Spritzernation. Wir sind stolz, wenn wir sieben Spritzer vertragen, aber nicht, wenn wir uns einmal täglich bewegen. Wenn … weil eigentlich kaum jemand Zeit für Sport zu haben scheint. Für eine Krankheit aber muss sich jeder Zeit nehmen.

Sportmagazin: Wie groß schätzen Sie die Chance ein, dass man Sie fragt?

Gottwald: Äußerst gering. Um mich geht es aber gar nicht. In der gesamten Wahlauseinandersetzung war Sport nie relevant, mit keiner Silbe. Integration, Bildung, Gesundheitswesen – wir tun so, als würden wir die Herausforderungen in diesen Themenfeldern ohne Sport und Bewegung ­bewerkstelligen können. Ein Trugschluss. Dafür wurde in den Regierungsverhandlungen über die Abschwächung des Anti-Raucher-Gesetzes diskutiert. Das scheint wichtiger zu sein als die Frage, wie man Menschen zu einer gesünderen Lebensweise einlädt.

Sportmagazin: Sie haben Gespräche mit Sportminister Doskozil geführt. Hat er einige Ihrer Positionen übernommen?

Gottwald: Es wär mir aufgefallen, wenn sich was geändert hätte. Das erste Gespräch ist zustande gekommen, weil ich in einem Interview anmerkte, es wäre ein richtiges Signal, wenn der Sportminister punkto Bewegung mit gutem Beispiel voranginge. Das hat er einigermaßen sportlich genommen. Ich war zwanzig Jahre aktiv, habe zehn Sportminister und -staatssekretäre erlebt. Doskozil kann ich jedenfalls zugutehalten, dass er einer der wenigen war, die nicht nur so getan haben, als würden sie etwas bewegen wollen.

Sportmagazin: Es fehlt aber nach wie vor an präzisen Zielsetzungen, an einem ganzheitlichen Sportkonzept.

Gottwald: Man müsste sich einmal davon verabschieden, immer nur die Weltmeister rausfiletieren zu wollen. Wir fördern derzeit das eine Prozent Spitzensportler, müssten uns aber um die anderen 99 Prozent kümmern. Hat man die Breite, profitiert auch die Spitze unweigerlich. Wobei die Frage gestattet sein muss: Was haben die Österreicher von olympischen Medaillen? Was von Marcel Hirschers siebenter Kugel? Ändert sich etwas an der Krankenstandsstatistik? Werden sie fitter? Welche Sportarten boomen derzeit? Laufen und Triathlon. Wie viele Hobby­athleten kennen einen österreichischen Top-Sportler aus dieser Disziplin? Ich behaupte: Es braucht die Vorbilder aus dem Spitzensport nicht in dem Ausmaß, wie wir alle glauben. Da montiere ich mich gern selbst ab.

Sportmagazin: Mit den bisherigen Mitteln wird man aber schwerlich das Auslangen finden, wenn man Anreize für 99 Prozent der Bevölkerung setzen will.

Gottwald: Wenn wir ein besseres Sportsystem und eine gesündere Bevölkerung haben wollen, muss man etwas dafür tun. Es wollen ja auch alle Weltmeister werden, aber die wenigsten ihr Leben danach ausrichten. Wenn wir das Sportsystem auf gesunde Beine stellen – was riskieren wir? Nicht eine einzige Medaille. Das eine Prozent, die Thiems, die Hirschers, die Alabas, die Wiesbergers lassen sich durch eine veränderte Schwerpunkt­setzung nicht verhindern, die ziehen das ohnehin durch. Was passieren kann, ist, dass psychische Erkrankungen weniger werden. Heute gehen deswegen schon mehr Leute zum Hausarzt als wegen einer Erkältung. Was wohl das geeignetere Gegenrezept ist: mehr Psychopharmaka oder mehr Bewegung verordnen? Was noch passieren kann: dass der Körperfettanteil runtergeht, Zufriedenheit und Effizienz am Arbeitsplatz steigen, die Kosten für medizinische Behandlungen sinken. Mich beschäftigt ja schon immer, welche Instanz uns an dem festhalten lässt, was uns nachweislich schadet. Und was uns davon abhält, mehr von dem zu tun, was uns nützt und nährt.

Sportmagazin: Was gelte es zu tun, um das Sportsystem in die von Ihnen gewünschte Richtung zu ver­ändern?

Gottwald: Der Sport besitzt so wenig gesellschaftliche Relevanz, weil das Bewusstsein nie ausreichend gebildet wurde, was Bewegung und Sport zu leisten imstande sind. Dieses Bewusstsein gilt es zuallererst aufzubauen. Beginnend damit, dass man dazu steht, wenn man sich bewegt. Im Wahlkampf waren die Slim-Fit-Anzüge von Kanzler Kern ein Thema. Warum sagt er nicht, dass er regelmäßig Sport treibt? Weil dann wieder einer posten könnte: „Was, DER hat Zeit zu laufen?“ Dabei wäre die Antwort aufgelegt: „Gerade WEIL ich mir die Zeit nehme zu laufen, bin ich fit genug, um meine Aufgaben zu bewältigen.“ Bei dem Programm, das Spitzenpolitiker abspulen, gibt’s langfristig ohnehin nur zwei Möglichkeiten: sich zu bewegen oder zu betäuben. Zweiteres geht nie gut aus! Wenn das Bewusstsein geschärft ist, brauchen wir die Rahmenbedingungen. Wir laden die, die mit Sport nichts am Hut haben, ein und ermutigen sie. Staatsnahe Betriebe könnten mit gutem Beispiel voran­gehen. Gegen fittere Mitarbeiter kann ja kein ökonomisch denkender Chef etwas haben.

Sportmagazin: Allzu detailliert scheint das Konzept aber noch nicht zu sein …

Gottwald: Man braucht nichts neu zu erfinden, nur über den Tellerrand zu schauen. Island, Norwegen, Kanada, allesamt ausgewiesene Sport­nationen, haben umfassende Programme umgesetzt, die eines auszeichnet: Sie integrieren die gesamte Bevölkerung, spannen den Bogen der Sportausübung von der Wiege bis zur Bahre. Das müsste man für Österreich nur synchronisieren. Aber es gibt niemanden, der dieses Know-how zusammenträgt. Es gibt auch niemanden, der sich für diese Form von Breitensport verantwortlich fühlt. Die BSO, die Dachverbände? Vielleicht „politisch verantwortlich“. Unsere Sportminister sind es jedenfalls nicht. Weil das Thema weniger sexy ist, als sich im VIP-Klub ablichten zu lassen. In Österreich ist es generell nicht so wichtig, aus guten Gründen Visionäres zu tun, vielmehr geht es darum, dass sich jemand etwas auf seine Fahnen heften kann. Dass die Idee nicht vom Falschen eingebracht wird. Und um persönliche Eitelkeiten. Im Skiverband lag das kanadische Long Term Athlete Development schon auf dem Tisch. Dann hat einem ein Satz nicht gefallen und alles wurde gekübelt.

Sportmagazin: Was sind die Kernpunkte der Konzepte, mit denen uns Kanada, Island, Norwegen voraus sind?

Gottwald: Punkt 1: Bei uns schaut man immer nur auf die Jüngsten, die müssen sich schon im Kindergarten bewegen. Eh richtig, aber wenn man auf die Älteren vergisst, ist das nicht sinnhaft. Man sagt, die Eltern und Großeltern lassen die Kinder nichts mehr tun, weil sie so ängstlich sind. Logisch, wenn sie sich selbst nichts zutrauen. Wolfgang Becker, Direktor des Olympiazentrums in Rif, hat einen bewegten Schulweg initiiert. Den nützen mittlerweile auch die Leute vom nahen Seniorenheim. Ein Konzept, das jede Gemeinde übernehmen sollte.

Sportmagazin: Punkt 2?

Gottwald: Wir vernichten mit früher Spezialisierung und Selektionierung unsere Breite. Weil man so früh wie möglich einzuteilen beginnt in: dich brauchen wir, dich nicht. In Norwegen trauen sich das die fundiertesten Trainer nicht zu, bevor AthletInnen 18 oder 19 sind. Man spricht maximal von Früh- und Spätentwicklern. Im Jugend­bereich bräuchtest beispielsweise im Langlauf nicht einmal ein Siegerpodest, weil immer der Größte gewinnt, der Zweitgrößte Zweiter wird etc. In der Schweiz fördert man die mit dem größten Potenzial, die anhand einer Vielzahl wissenschaftlich fundierter Parameter ermittelt werden. Was tun wir? Wir fördern den Größten. Ich bin ja ein Paradebeispiel, meine sieben Medaillen hätte es nicht gegeben. Im Skigymnasium Stams wollten sie mich nach sieben Wochen loswerden. Die Diagnose: schulisch eine Pfeife und sportlich aussichtslos. Ich durfte trotzdem bleiben – weil meine Eltern mir mehr glaubten als den ­Trainern. Wie viele solcher „Einzelfälle“ es wohl gibt? Wie viele verhinderte Hermann Maiers?

Sportmagazin: Was passiert mit denen, die ihre Eltern nicht überzeugen können?

Gottwald: Die sind angefressen, gehen dem Sport vielleicht für immer verloren. Aber genau die brauchst du, wenn du eine Sportnation sein willst. Die sind es nämlich, die irgendwann beginnen, eine Laufgruppe zu betreuen oder sich sonst irgendwie einbringen. In Norwegen geht man mit Leuten, die es im Sport nicht an die Spitze schaffen, ganz anders um.

Sportmagazin: Wie wirkt sich eine frühe Spezialisierung aus?

Gottwald: Sie ist ein sicherer Weg, Kinder aus dem Sport zu vertreiben, genauso wie Training ohne spielerische Komponenten. Kinder wollen im Sommer kicken und, sobald es schneit, Ski fahren. In der nordischen Kombination etwa musst du aber schon als 8-Jähriger im Sommer zu Bewerben fahren, damit du dem Trainer genügend Erfolge einfährst. Gleichzeitig sagt der Fußballcoach: „Du musst dich entscheiden.“ Glauben die wirklich, dass das Fußballtraining der Kombi schadet oder umgekehrt? Ich habe mit 13 mit dem Skispringen begonnen. Okay, man könnte sagen, ich hab’s eh nie gelernt, aber ein bisschen etwas ist sich ausgegangen. Vom Rückwärtssalto profitiere ich hingegen heute noch.

Sportmagazin: Ist es für die Masse überhaupt noch erstrebenswert, Spitzensportler zu werden?

Gottwald: Mittlerweile gibt es fünfmal so viele Schulmodelle für angehende Leistungssportler wie zu meiner Zeit, aber weniger Schüler, die Spitzensportler werden wollen. Die Massensportarten heißen heute Snapchat und Wischen am Tablet. Und wir Erwachsenen gehen mit leuchtendem Beispiel voran.

Sportmagazin: Alles wird die Politik nicht richten können. Wo findet sich denn in den Verbänden, bei den AthletInnen die meiste Luft nach oben?

Gottwald: Beim Entwickeln eines Bewusstseins, dass die Persönlichkeit ein leistungsbestimmender Faktor und trainierbar ist, dass sie dem Spitzensport Farbe, dem Sport generell mehr Relevanz geben kann. Hierzu braucht es Typen. Die verbandsgetriebene Gleichschaltung arbeitet dagegen, man bekommt zunehmend mehr des Gleichen serviert. Wenn einer in diesem Bereich an sich arbeitet, fußt es auf ­Eigeninitiative, aber die wird kritisch betrachtet. Eigenverantwortung ist unerwünscht, diese Athleten sind lästig. Und von den Trainern bekommen sie noch ein „Glaubst, dass du deswegen schneller lafst?“ mit auf den Weg.

Sportmagazin: Zumindest Mentaltraining ist im Spitzensport aber State of the Art.

Gottwald: Keineswegs! In den Fußballakade­mien, in die ich Einblick bekommen habe, oder auch in einer Profisportart wie Radfahren gibt es dafür kein Bewusstsein. Ein Freund von mir war Radprofi, der sagte immer: „Wenn’s kalt ist, macht meine Muskulatur zu, da bringe ich keine Leistung.“ Und jedes Mal ist es genau so eingetreten. Da hat jeder sein individuelles Nahrungsergänzungsmittel, ein eigenes Waschmittel, damit er keinen Abszess am Hintern kriegt. Aber die mentale Komponente ist nicht relevant. Die reden auch immer nur davon, dass sie „schnelle Beine“ hatten. Ihr Körper endet nach oben hin offenbar an der Taille.

Sportmagazin: Gerade im nordischen Lager gibt es dieses Bewusstsein aber sehr wohl.

Gottwald: Wir haben uns 1995 noch versteckt, wenn wir Qi Gong geübt haben. Das ist heute nicht mehr nötig. Der Vorteil der Nordischen ist: Die Sportkultur eines Baldur Preiml konnte nicht komplett vernichtet werden. Probiert hätte man’s bis heute immer wieder, aber sie wurde weitergetragen von einem Toni Innauer, Günter Chromecek. So eine Kultur bräuchte man auch für Sport und Bewegung – als Beitrag für mehr Wohlbefinden, für besseren Schlaf, für klarere Gedanken, für gesünderen Appetit. Was macht der Staat? Der senkt vielleicht die Rezeptgebühr, dass du mehr von dem Zeug schlucken kannst, das dir verschrieben wird, weil du zu wenig Bewegung machst. Auch ein Plan, aber nicht der billigste, geschweige denn der gesündeste. Eigentlich irre.