Endlich am Ziel?

Mit seinem Wechsel von Toronto nach San Antonio hat Jakob Pöltl nicht nur das Trikot getauscht: Bei den Spurs tun sich ganz neue Perspektiven für den Wiener auf. 

||Text: Rolf Hessebrügge||Foto: Getty Images/Andersen||

Den Weg zu seinem neuen Arbeitsplatz findet Jakob Pöltl längst ohne Navi. Vom kurvigen Floyd Curl Drive steuert er seinen Wagen lässig in die kleine­ Spurs Lane, wo sich hinter schlichten Betonmauern ein hochmodernes Trainingszentrum versteckt. Sie haben ihr Ziel erreicht …

Überhaupt ist Pöltl bestens angekommen in ­seiner neuen Heimat San Antonio. Im Vergleich zur kanadischen Megametropole Toronto sei die texanische 1,5-Millionen-Stadt „definitiv anders und überschaubarer“, verrät er dem Sportmagazin. „Die kalten und schneereichen Winter, wie zuletzt in Toronto, wird es hier wohl eher nicht geben.“ Doch der 22-Jährige hat noch einen weiteren Unterschied ausgemacht: „Das Basketball-Fieber ist hier vielleicht noch ein bisschen intensiver, da die Konkurrenz durch andere Sportarten fehlt. Toronto hat neben den Raptors mit den Maple Leafs ein NHL-Team, ist mit dem Toronto FC in der Major League Soccer und mit den Blue Jays in der Major League Baseball vertreten.“ In San Antonio dagegen zählen nur die Spurs, was Pöltl auch im Alltag regelmäßig spürt: „Ja, ich werde immer wieder auf der Straße angesprochen.“ Schließlich musste der Promi aus Austria zuletzt zahlreiche Behördengänge absolvieren: „Das eine oder andere wird einem sicher abgenommen, aber gewisse Dinge lassen sich eben nur persönlich erledigen. Zumindest war das in meinem Fall so.“

Auch den 19.000 Zuschauer fassenden Heimspielort seines neuen Klubs hat Jakob Pöltl bereits erkundet. Als sein ehrfürchtiger Blick über die steil aufragenden Tribünen des AT&T-Centers bis zum Dach hinauf gewandert war, erspähte er dort elf ­riesige Titel-Banner – je ein weißes pro NBA-Meisterschaft (5) und je ein schwarzes pro Western-Conference-Championship (6). Pöltl war gründlich geflasht, denn in diesem Moment spürte er, was es wirklich bedeutet, für die Spurs zu spielen: „Das ist schon irre. In Toronto hatten wir solche Banner nicht. Hier in San Antonio gibt es eine gewaltige Tradition und eine große Historie, gespickt mit Meisterschaften. Die Spurs waren in den zurückliegenden Jahren immer ein sehr, sehr gutes Basketball­team. Es ist daher eine große Herausforderung, daran anzuknüpfen und zu zeigen, was wir als Mannschaft der Gegenwart draufhaben.“

Seit dem 18. Juli steht Jakob Pöltl offiziell bei den Spurs (zu Deutsch: Sporen) unter Vertrag. Österreichs erster und bisher einziger NBA-­Spieler war Teil eines spektakulären Tauschgeschäfts, das ihn gemeinsam mit Small Forward DeMar DeRozan (29) von den Raptors in den Süden der USA verfrachtete. Im Gegenzug bekamen die Kanadier unter anderem Small Forward Kawhi Leonard (27). Dass Pöltl in diesem „Trade“ eher als Dreingabe fungierte, ist kein Geheimnis – einerseits. Andererseits gilt Spurs-Coach Gregg Popovich (69), dessen Team gerade im Umbruch steckt, als brillanter Stratege, der ­keinen Spieler ohne Grund holt. ­Popovich liebt groß gewachsene Center, die sich auch für die Schmutz­arbeit unter dem Korb nicht zu fein sind. Genau so einen hat er nun bekommen. Im Gegenzug dürfte Pöltl in San Antonio die Chance bekommen, um den NBA-Titel zu spielen. In ein, zwei Jahren sollen die Spurs wieder so weit sein. So Popovich’ Plan.Poeltl_GettyImages-907300692

Schon kurz nach Pöltls Eintreffen lud der Coach den Neuling zum Dinner in eines der besten Restaurants von San Antonio. Anstelle eines schnöden Arbeitsessens überraschte Popovich mit einer breiten Palette an Gesprächsthemen: ein bisschen Small Talk hier, ein wenig Philosophie dort und dazu viel, viel Zwischenmenschliches. „Es war ein sehr ­angenehmes Gespräch, bei dem wir kaum über das Thema Basketball gesprochen haben“, verrät Pöltl. „Einfach eine gemütliche Plauderei, um einander besser kennenzulernen.“ Popovich, der selbst nie Profispieler war, stieg 1994 ins sportliche Management der Spurs ein. Anfangs galt er als „schlechtester General Manager der NBA“. Doch als der ­damals 47-Jährige 1996 den Cheftrainerposten übernahm, begann sein Stern hell und heller zu leuchten. In bisher 22 Jahren auf der Bank holte Popovich fünf Meistertitel (1999, 2003, 2005, 2007, 2014) und sechs Conference-Championships (1999, 2003, 2005, 2007, 2013, 2014). Ohne „Coach Pop“ gäbe es bei den Spurs wohl keine Banner unterm Dach. So viel Erfolg macht selbstbewusst. Im Oktober 2017 wagte Popovich sogar einen verbalen Großangriff auf US-Präsident Donald Trump: „Wir haben einen pathologischen Lügner im Weißen Haus“, schimpfte die Trainerikone in einem ­Zeitungsinterview. Trump sei „intellektuell, emotional und psychologisch ungeeignet für dieses Amt und die ganze Welt weiß es“.

Doch Popovich ist nicht die einzige beeindruckende Persönlichkeit, der Pöltl in San Antonio regelmäßig begegnet: Ex-Spurs-Superstar Tim Duncan (42), ein fünfmaliger NBA-Champion, 15-facher All-Star und nebenbei Bachelor im Fach Psychologie, fungiert heute als Indi­vidualcoach für die Forwards und Centers. Zudem steht mit dem rou­tinierten Spanier Pau Gasol (38) einer der erfolgreichsten Legionäre in der NBA-Historie im Spurs-Kader. „Tim ist ­einer der besten Power Forwards aller Zeiten, von dem ich eine Menge lernen kann“, sagt Pöltl fast andächtig. Und: „Pau ist ein großer europäischer Spieler, von ihm kann ich mir ebenfalls sehr, sehr viel abschauen.“ Andererseits ist der österreichische Teamspieler nicht in Texas eingeritten, um den „Big Guys“ die Pferde zu satteln. Pöltl, der in der vergangenen Saison bei den Raptors respektable 6,9 Punkte und 4,8 Rebounds pro Partie lieferte, will in seinem dritten NBA-Jahr den Sprung vom Ergänzungsspieler zum Leistungsträger packen.

Nicht wenige Liga-Insider trauen dem 2,13-Meter-Riesen genau das zu. Andere versprechen sich sogar noch ein bisschen mehr von Pöltl. Der frühere NBA-Superstar Charles Barkley (55), Mitglied des legendären Dream-Teams, das 1992 in Barcelona Olympia-Gold holte, findet: „Jakob Pöltl ist einer der am meisten unterschätzten Big Men in der NBA.“ Zwar reagiert der Hochgelobte betont gelassen auf die Adelung durch „Sir Charles“ („Unterschätzt, überschätzt – das interessiert mich nicht so“), doch eines verspricht Pöltl schon weit vor dem offiziellen Saisonstart am 16. Oktober: „In Zukunft will ich sowohl offensiv als auch defensiv noch mehr Verantwortung übernehmen. Von mir darf man immer harte Arbeit erwarten. Ich gebe alles und kämpfe mit Stolz.“ Das hören sie gern in einer Arbeiterstadt wie San Antonio.

Dass Pöltl bei den Spurs mit DeRozan einen bisherigen Mitspieler aus Toronto an seiner Seite weiß, ist dabei gewiss kein Nachteil. „Es ist gut, ein bekanntes Gesicht hier zu haben“, bekennt der Wiener. „DeMar ist ein fantastischer Scorer und ein sehr intelligenter Spieler, der seine Nebenleute hervorragend einsetzt, wenn sich die gegnerische Verteidigung zu stark auf ihn fokussiert. Ich weiß, wie er auf dem Court agiert, und er kennt mich.“ Andererseits betont Pöltl, dass das Zusammenspiel auch mit den übrigen Kollegen bestens funktioniert: „Die Spurs sind traditionell ein Team, das den Ball sehr gut laufen lässt. Es gibt hier so etwas wie eine natürliche Teamchemie und ich komme mit jedem gut klar – auf dem Court und abseits davon.“

Ab dem 17. Oktober wird sich zeigen, wie gut es wirklich klappt mit Jakob Pöltl und dem neuen Klub. Dann tritt der „Austrian Hammer“ zu seinem ersten regulären Saisonspiel im Spurs-Trikot an – daheim gegen die Minnesota Timberwolves. Die elf riesigen Titel-Banner unter dem Arena-Dach werden ihn daran erinnern, worum es hier in San Antonio hauptsächlich geht.