Lizz Görgl in the City: Mit den Wien-Vibrations in den Weltcup-Winter // Die ganze Story

Privates hat sie an die alleröstlichsten Ausläufer der Alpen gespült. Und dort macht Elisabeth Görgl jetzt auch beruflich das Beste daraus und Wien zum ganz persönlichen Hotspot für die Vorbereitung auf Weltcup-Winter Nummer 16. Und wie schon immer geht die 35-Jährige ihren ganz eigenen Weg. Ein Kaffeetratscherl mit Pfiff. Diese Geschichte erschien in der September-Ausgabe des Sportmagazins.

Text: Fritz Hutter
Titelbild: (C) Karin Cech-Proksch

Den Guglhupf als süßen Willkommensgruß ihn Wien bekommt sie strahlend von einer wasserstoffblonden Stockerauerin über ein Kaffeetischerl mitten im Industriegelände des 23. Bezirks geschoben. Als aufmerksame Zuhörerin am übernächsten Tisch hat die sympathische Dame die Sportmagazin-Gesprächspartnerin nämlich an der Stimme erkannt und sich flink Herz und Block genommen: „Sie sind die Lizz Görgl! Wie geht ’s Ihnen?“ – „Danke, sehr gut. Und wie geht es Ihnen?“, lautet die freundlich-fröhliche Antwort des Skistars und schnell erfahren nicht nur wir, dass die ranke Endvierzigerin ein Fitnessstudio betreibt, sondern auch sie, dass Frau Görgl über den Sommer quasi in Wien lebt, weil ihr Freund eben von da ist.

Nach zwei Autogrammen für „die Gitti“ und einer Einladung zum Training für „die Lizz“ („Ist längst mein Markenzeichen -pfiffig und zum rasanten Skisport passend, aber Elisabeth ist natürlich auch okay“) ist der improvisierte Starttreff vorüber. Und unser Interview im Gastro-Outlet eines Großbäckers geht punktgenau damit weiter, womit grad eben auch der Skifan so positiv überrascht wurde – mit der Passion der 35-Jährigen, Dinge, für die sie sich einmal entschieden hat, mit voller Aufmerksamkeit durchzuziehen. Also keine hingefetzte Kraxen auf einen aufgeweichten Bierdeckel, sondern zuerst die Frage nach dem Namen und dann die liebevolle Signatur auf die rasch gezückte, aufwendig designte Autogrammkarte. Keine abgedroschenen Interviewphrasen und einst kein frühes Karriereende nach gleich drei Kreuzbandrissen im Juniorinnenalter („Ich kann Verletzungen heut als Chance sehen, aber natürlich musst du erst lernen, auch im Negativen etwas Positives zu finden“), sondern eine nun bereits 16 Winter währende Karriere gespickt mit bislang über 40 Podestplätzen im Weltcup, zweimal Olympia-Bronze (2010) und natürlich mit den zwei WM-Titeln 2011.

Aber was genau lässt die Obersteirerin immer wieder die Rennskier anschnallen? „Mich faszinieren das Tempo und die Technik, die man gemeinsam mit der Physis immer noch weiter ausreizen muss, um mitzuhalten. Außerdem halte ich es für ein Privileg, wenn man einer Tätigkeit nachgehen kann, die einem die Möglichkeit bietet, sich quasi ein Leben lang zu verbessern und weiterzuentwickeln“, setzt uns die junge Frau in den abgeschnittenen Jeans und im roten, ärmellosen Top mit heißem Herzen im Schanigarten eines Liesinger Bäckers auseinander und spielt derweil mit ihrem kastanienbraunen Haarzopf -auch so ein Markenzeichen.

Elisabeth Görgl: Keine Tüftlerin, eine Athletin

Frisch heimgekehrt vom ÖSV-Schneetraining am Südtiroler Stilfser Joch und knapp vor dem Take-off zum Überseekurs ins gut 3000 Meter hoch gelegene La Parva in Chile bestellt sich Lizz Görgl noch geschwind stilecht einen Verlängerten und erklärt uns flankierend ihre Art, Ski zu fahren: „Mein Fahrstil ist eher der athletische. Technisch packe ich nicht immer die allerfeinste Klinge aus. Ich habe aber auch dazu die Fähigkeiten, trotzdem ist das jener Bereich, an dem es sich intensiv zu arbeiten lohnt -das taugt mir ja ohnehin.“

Nicht die allergrößten Stücke hält Elisabeth Görgl übrigens auf überbordendes Tüfteln am Gerät: „Klar, die ideale Schuheinstellung ist Pflicht und auch dass die Skier so präpariert sind, wie ich es brauche, aber dafür arbeite ich mit sehr guten Serviceleuten zusammen. Ich denke, dass zuerst die athletischen und technischen Komponenten wirklich ausgeprägt sein müssen, bevor man die ganz kleinen Details beim Material angeht, um dort noch das eine oder andere Hundertstel zu finden.“ Skitechnisch hat sich die aktuell routinierteste Läuferin in der ÖSV-Elite zuletzt in Südtirol richtig Gusto auf eine Saison geholt, in der ihre ursprüngliche Lieblingsdisziplin Riesenslalom endgültig keine Rolle mehr spielen wird: „Das hat mir vergangenen Winter Flachau gezeigt. Ich konnte dank der 500-Punkte-Regel mit der guten Nummer 16 starten und hab gedacht, das wird schon gehen. Dann hab ich die Quali für den zweiten Durchgang verpasst.“

Das Gefühl beim Speedtraining ist diesen Sommer jedenfalls ein gutes und damit ein ganz anderes als letztes Jahr. „Da bin ich in der Vorbereitung überhaupt nicht ins Fahren gekommen, habe mir aber kaum Sorgen gemacht, weil das auch 2014 so war, wo ich dann im Dezember in Val-d’Isère Zweite in der Abfahrt geworden bin und den Super-G gewonnen hab.“ Zu Buche steht für den Racing-Winter 2015/16 jedenfalls die erste volle Weltcupsaison, die Elisabeth Görgl ohne einen einzigen Stockerlplatz durchtauchen musste. Mittlerweile ordnet die ungebrochen ehrgeizige, aber doch erfahrenere Lizz derartige Ereignisse allerdings als Chance, weiter zu wachsen, ein. Eine Gelassenheit, die unter anderem auf der nun über ein Jahrzehnt währenden Zusammenarbeit mit Mentalcoach und Manager Helmut Zangerl fußt: „Da geht es viel um Persönlichkeitsentwicklung. In unterschiedlichen Phasen habe ich durch verschiedenste Methoden immer mehr Zugang zu mir selbst gefunden. Auch das schafft immer neue Motivation.“

,,Nur wenn du zu dir selber gut bist, kannst du auch für andere gut sein”

Elisabeth Görgl

Unter anderem tastet sich Görgl durch regelmäßiges Meditieren auch in die entlegenen Nischen ihres Ichs vor und entwickelt so ein immer besseres Gefühl dafür, was sie braucht und was eher nicht. Fix ist, dass sie mit dem Stempel „Individualistin“ keinerlei Probleme hat. „Nur wenn du zu dir selber gut bist, kannst du auch für andere gut sein“, sagt sie und belohnt sich im selben Atemzug mit einem zweiten Kaffee. Das Mannschaftstraining mit ihren durchwegs jüngeren Kolleginnen schätze sie übrigens sehr -als Motivationsquelle und um speziell bei der sommerlichen Schinderei Spaß zu haben: „Die Mädels sind super und wir verstehen uns prächtig, aber klar sind manche Gesprächsthemen nicht mehr wirklich die meinen. Und ab und zu muss ich bei Trainingslagern oder Überseerennen sowieso mit mir selber spazieren oder auf einen Kaffee gehen.“

Überhaupt sind es eigene, oftmals noch unerforschte Wege, die Elisabeth Görgl geht, um Elisabeth Görgl immer und immer wieder mit frischen Reizen zurück auf die Rennstrecken der beschneiten Welt zu pushen: Rennradfahren, Bergsteigen, Wellenreiten, Windsurfen, Slacklining und immer neue Übungsformen fürs Krafttraining, wie die Arbeit am sogenannten „Lifter“, einem elektronisch gesteuerten Gewichtsständer, der beispielsweise exzentrisches, also gegen eine sich senkende Last wirkendes Training sicher und präzise steuerbar macht. Dieses Gerät kennt und schätzt Lizz vom Olympiastützpunkt in Innsbruck. Sein ostösterreichisches Pendant, einen von nur zwei „Liftern“ in Österreich, hat sie im renommierten Therapiekletterzentrum Weinburg ausgemacht und pilgert seither regelmäßig in die Nähe von St. Pölten. Näher liegt eine andere Spielform in Sachen Trockentraining. Seit Kurzem frequentiert Frau Görgl, nun daheim in Maria Enzersdorf gleich südlich von Wien, einen Skaterpark im Herzen Hütteldorfs zum Poolskaten: „Das ist tatsächlich sehr skispezifisch. Gleich wichtig wie die Abwechslung ist es nämlich, dass man sich im Sommer nicht in zu vielem verzettelt. Das habe ich mittlerweile gelernt.“

Bild: (C) Lefti Frühmann
Bild: (C) Lefti Frühmann

Darauf, dass Elisabeth Görgls polysportiver Tatendrang auch in trainingswissenschaftlich zielführende Bahnen mündet, sorgt seit vergangenem Frühjahr Konditionscoach Reinest Innerhofer, mit dem sie etwa auch die künstliche Surfwelle am Wiener Schwarzenbergplatz und die echten auf der Donau gerippt hat. Verantwortlich dafür, dass die langjährige Wahlinnsbruckerin aus Parschlug bei Kapfenberg nun am Südrand der Bundeshauptstadt einen dritten Wohnsitz aufschlug, waren allerdings nicht die leiwanden Wiener Waves, sondern die positiven Vibes, die Chris Harras, einer der Top-Gitarristen im Land, anlässlich eines Konzertes auf Zypern aussandte. Dort schufteten im Vorjahr nämlich zeitgleich die Lizz und die ÖSV-Girls. Beim abendlichen Kennenlernen im Fünfsterneklub stellte sich dann heraus, dass man dieselbe Tonart anschlägt. Ein Gleichklang, der es der Musikkennerin und -könnerin -Skifans erinnern sich an die gelungene Görgl-Performance als Interpretin der Ski-WM-Hymne 2011 in Garmisch, einstige Mitschüler an ihre Auftritte als Sängerin und Tänzerin beim Maturaball am Skigymnasium Stams – erleichterte, die Großstadt über den Sommer zu ihrem pulsierenden Kraftplatz zu machen: „Da gibt es schon einige Parallelen. Musiker wie Sportler können einen ähnlichen Flow erleben und wir haben beide -Chris an der Gitarre und ich auf Skiern – die Möglichkeit, immer noch besser zu werden und zu lernen.“

Sportlich spürt sich die augenscheinlich topfitte Elisabeth Görgl also noch nicht am Plafond anstoßen und will deshalb eventuell auch noch nach dem kommenden Skiwinter die eine oder andere Saison anhängen. Es sei denn, der Wunsch, etwas ganz Neues zu erleben und auch daran zu wachsen, wird zu präsent, um ihn nur allmählich keimen zu lassen: „Ich kann mir schon gut vorstellen, einmal Kinder zu haben.“

Sagt’s und entschwindet nach dem Treffen mit dem Sportmagazin zu einem Termin rein in den Großstadtdschungel. Wahrscheinlich an einen neuen Hotspot, wo es wieder etwas zu entdecken gibt für die Lizz. Oder einfach nur den nächsten guten Kaffee mit der Lizz.

Warum sie private Freuden nach Wien brachten, welches Gefühl die 35-Jährige beim heurigen Speedtraining vermittelt bekommt und warum die jungen Kolleginnen vor allem eine Motivationsquelle sind, lesen sie im neuen SPORTMAGAZIN!

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