Ganze Story: Doskozils letzter Wille

Sportminister Hans Peter Doskozil, bekannt für Hemds­ärmeligkeit und Durchsetzungsvermögen, hat sein Bundes-Sportförderungsgesetz last-minute über die Ziellinie getragen. Das verdient angesichts großkoalitionärer Blockadepolitik Respekt. Ob das auch auf die Paragrafen zutrifft, die uns zu mehr Medaillen verhelfen sollen, scheint längst nicht so sicher.

//Text: Manfred Behr// Fotos: APA//

Wäre Franz Kafka zu Lebzeiten mit dem Spitzensportbeirat des Bundes-Sportförderungsfonds in Berührung gekommen, er hätte wohl augenblicklich den zweiten Teil seines Erfolgsromanes „Der Prozess“ in Angriff genommen. Inspiriert von einer surrealen Bürokratie, von finsteren, undurchschaubaren, nicht greifbaren Mächten. Wie einst Josef K. ist es seit 2013 Legionen heimischer Sportfunktionäre mit besagter Institution ergangen. Nur dass sie am Ende nicht in einem Steinbruch erstochen wurden. Und dass es ein schriftliches „Urteil“ gab, das über die Bewilligung des eingereichten Projekts entschied. Dafür aber ohne Begründung – auch auf Nachfrage. Direkter Kontakt mit Bittstellern? Verboten!

Kuriositäten aus dem österreichischen Sport

Anschauungsbeispiele, welchen Schikanen Fördernehmer im Sport ausgesetzt waren und sind, gibt es unzählige. „Immer wurde uns eingebläut: Jugendarbeit ist das Wichtigste. Also haben wir 400 Leute ausgebildet, die Jugendliche mit pädagogischem Geschick ans Golfen heranführen sollen. Dann wurden uns vom Beirat alle Fördermittel für die Jugendarbeit gestrichen, weil selbige dem Breitensport zugeordnet und damit zur alleinigen Angelegenheit der Dach­verbände wurde. Diese verfügen aber weder über Golfplätze noch über geschultes Personal“, ärgert sich Robert Fiegl, Generalsekretär des ÖGV.

Der Segelverband wiederum musste einen beinahe siebenstelligen Kredit aufnehmen, weil der Fördergeldfluss wegen ausgeprägter Kontrollwut bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag auf sich warten ließ. Obwohl es der ÖSV war, der Österreich in Rio vor einer weiteren Nullnummer bewahrt hatte. Doch die Bronzene reichte nicht, um die matte Medaillenbilanz entscheidend aufzupolieren, das T-Wort war wieder in vieler Munde. T wie Olympia-TOURISTEN. Was Sportminister Hans Peter Doskozil veranlasste, ein neues Bundes-Sportförderungsgesetz auf den Weg zu bringen, das am 27. Juni zumindest mit den Stimmen von SPÖ und ÖVP im Nationalrat verabschiedet werden dürfte, am 3. Juli den Bundesrat passieren und am 1. Jänner 2018 in Kraft treten soll – wobei der am 7. Juni im Parlament eingebrachte Last-Minute-Initiativantrag beinahe noch gescheitert wäre, weil sich Doskozil geziert hatte, das von der ÖVP eingebrachte Sicherheitspolizeigesetz abzusegnen. Am Ende des großkoalitionären Hickhacks wusch dann aber doch eine Hand die andere.

Schon einige Wochen davor schien das Gesetz kaum mehr zu retten zu sein. 28 Institutionen nützten die Begutachtung zu 29 teils wenig schmeichelhaften Stellungnahmen. Das Innenministerium forderte eine „grundlegende Überarbeitung“, vier VP-geführte Bundesländer vermissten die strategische Ausrichtung. Selbst der politische Stallgefährte im Bundeskanzleramt monierte u. a. die zu kurzen Begutachtungsfristen. Die größte Gefahr aber schlummert in der Stellungnahme des Finanzministeriums, das sich weigerte, als Abgabenbehörde einen Freibrief hinsichtlich einer möglichen Umsatzsteuerbefreiung auszustellen. Im schlimmsten Fall droht dem Sport laut Steuerrechtsexperten mangels Vorsteuerabzugsberechtigung der Verlust von zwanzig Prozent der Gesamtsumme.

ÖOC als Sieger

Doskozil und sein großer Verbündeter im Sport, BSO-Präsident Rudolf Hundstorfer, gaben sich stets betont entspannt, ließen den Skiverband selbst dann noch im Gesetzestext herumfuhrwerken, als die BSO-Sportversammlung bereits ihren Sanktus mit nur vier Gegenstimmen gegeben hatte, besserten so lange nach, bis auch das Olympische Comité nicht mehr anders konnte, als zuzustimmen. Das ÖOC, das zwischenzeitlich aufs Abstellgleis zu geraten drohte, ging dank tatkräftiger Unterstützung von ÖSV-­Präse Schröcksnadel am Ende neben den Dachverbänden als strahlender Sieger vom Platz. Es kann sich künftig (wie auch das Paralympische Committee und Special Olympics Österreich) weite Teile der Entsendungskosten vom Ministerium finanzieren lassen. „Wir freuen uns, dass die olympischen Anliegen berücksichtigt wurden. Besonders wichtig: die anlaufende Unterstützung der bisher nur von den Ländern finanzierten Olympiazentren. Dort werden die Grundlagen für künftige Medaillen gelegt …“, zeigt sich ÖOC-General Peter Mennel zufrieden.

Am Ende stand die Einigung. Ein Kraftakt, der ­Respekt verdient. Im Falles eines Regierungswechsels nach der Wahl hätte Doskozil quasi seinen letzten Willen als Sportminister durchgesetzt. Freilich einen, den man einfacher hätte haben können. In Form einer Novellierung des Gesetzes von 2013, das ­bereits so gut wie alle sinnstiftenden Fortschritte (Zusammenführung der Fördertöpfe, mehr Planungssicherheit, Vereinfachung der Förderanträge, Beschränken auf Stichprobenkontrollen, Verstärkung des Leistungsprinzips etc.) zugelassen hätte. Doch Doskozil hatte sich frühzeitig auf eine GmbH, die zu 100 Prozent dem Bund gehört und damit dem Minister untersteht, als neue Organisationsform festgelegt. Eine Position, die Argwohn schürte. Würde der Burgenländer über Weisungen die Autonomie des Sports auszuhöhlen versuchen? Hundstorfer sieht kein Problem: „Der Sport hält in allen Gemien der Bundes-Sport GmbH die Mehrheit.“

Keine Entpolitisierung

Die neue Konstellation findet durchaus Befürworter. „Die Autonomie des Sports ist ein großes Missverständnis. Es wird ja wohl kein ­Minister die Dreistigkeit haben, sich in Nominierungsfragen einzumischen. Selbstverständlich ist es die Aufgabe der Politik, die langfristigen Schwerpunkte zu setzen“, fordert WU-Universitäts­professor Wolfgang Mayrhofer, Olympia-Silber­medaillengewinner 1980 und bis 2016 Spitzensportreferent im Segelverband, ein Abrücken von überholten Floskeln. Auch Martin Hausleitner, scheidender Generalsekretär des Handballbundes, hält das Konstrukt für stimmig: „Im Fonds hatte der Sport in Gestalt der Bundes-Sportkonferenz das Sagen. Für alles, was sie in den ersten Jahren verbockt hat, musste der damalige Minister geradestehen. Da ist es nur zu verständlich, dass einer, der in der Verantwortung steht, auch mitreden und mitgestalten will.“

In der Tat wird die BSK nicht als große Errungenschaft in die heimische Fördergeschichte eingehen. Zu viele Proponenten erwiesen sich als Fehlbesetzung, stellten Partikular- vor Gesamt­interessen. Vor allem die frühere Vorsitzende Astrid Stadler zog sich den Unmut der Funktionäre zu. Immerhin dürfte die Kurzzeit-­Bobpräsidentin ihren BSK-Kollegen Peter Schröcksnadel, auch einer der Umstritteneren, überzeugt haben, wie ihre Ernennung zur Geschäftsführerin der Gastro­betriebe am Bergisel und in der Ski Austria Academy in St. Christoph beweist.

In einem sind sich alle Player einig: Wichtiger als der Gesetzeswortlaut ist die Art, wie dieser interpretiert und umgesetzt wird. „Dass sich Gremien plötzlich bemüßigt fühlten, sich selbst eine völlig sinnbefreite Geschäftsordnung zu geben, hat uns 2013 den immensen Verwaltungsaufwand, die realitätsfremden Zielvorgaben eingebrockt“, wettert ÖGV-Mann Robert Fiegl. „Es liegt nun an uns, das Gesetz mit Leben zu erfüllen, kluge Personalentscheidungen zu treffen“, hält Rudolf Hundstorfer im Sportmagazin-Gespräch dagegen und widerspricht Gerüchten, wonach die beiden Geschäftsführerposten proporzmäßig besetzt werden sollen. Darüber will er als eines von vier Aufsichtsratsmitgliedern wachen. Als Favorit für die wirtschaftlichen Agenden galt lange Michael Sulzbacher, zumal der Job laut Gesetz die Leitung der Bundes-Sporteinrichtungen GmbH (künftig eine 100-%-Tochter der Bundes-Sport-GmbH) inkludiert, die der 57-Jährige seit 2000 erfolgreich führt. Gut informierte Quellen wollen jedoch wissen, dass doch VP-Sportsprecher Hannes Rauch mit der Position bedacht werden könnte. Wenn’s stimmt – Entpolitisierung ginge anders.

Was hat das mit der Zielvorgabe „mehr Medaillen“ zu tun?

In den Kommissionen für Spitzen- und Breitensport (je vier Vertreter BSO, je zwei Ministerium), die das Förderprogramm des Sport-Geschäftsführers absegnen müssen, sähe Hundstorfer am liebsten „junge Leute, die perspektivisch arbeiten können und in der Branche als hauptamtliche Experten anerkannt sind“. Peter Schröcksnadel dürfte da anderes im Sinn haben. Auf Geheiß des bald 76-Jährigen wurden die Unvereinbarkeitsbestimmungen aufgeweicht, wodurch sich nun auch wieder ehrenamtliche Experten für eh fast alles in den Kommissionen selbstverwirklichen dürfen – oder ÖSV-Generalsekretär Klaus Leistner (71), wie der Flurfunk im Skiverband verlautet.

Bei aller Euphorie über wichtige administrative Errungenschaften muss die Frage gestattet sein: Was hat all das mit der Zielvorgabe „mehr Medaillen“ zu tun? Naturgemäß wenig. Denn mehr Geld für den Sport ist durch das neue Gesetz nicht im Umlauf, im Gegenteil, 2011 wurden für die Mittel der besonderen Bundes-Sportförderung 80 Mio. Euro als Untergrenze eingezogen. Inflationsbereinigt entspricht das einer Kaufkraft von heute nur mehr 71 Mio. Da trifft es sich doch hervorragend, dass die Sektion Sport, der Beamtenapparat des Ministers, aus Mitteln der Allgemeinen Sportförderung jährlich rund 15 Mio. an Rücklagen gebildet hat. Schade nur, dass der Finanzminister die mittlerweile gut und gern 80 Mille bestenfalls in Teilen und wenn dann wohl nur für Monumentalprojekte wie Nationalstadion oder Olympiabewerbung 2026 rausrücken würde. Klar, aufgelöste Rücklagen erhöhen das Budgetdefizit.

Kein großer Wurf

Was dem Gesetz sonst noch fehlt, ist der Wille, an den wirklich großen Schrauben zu drehen. Bei der Trainings- und Umfeld­gestaltung, jenem weiten Feld also, das die sportliche Performance unmittelbar beeinflusst, erschöpft sich das Gesetz in vagen Absichts­erklärungen. „Wir haben ein Problem in der Infrastruktur und zum Teil in der – Sportwissen­schaft. In beiden Bereichen wollen wir in ­einem Jahr ein entscheidendes Stück weiter sein“, setzt sich BSO-Präsident Hundstorfer ambitionierte Ziele. Das strategische Tool dafür: ein 16-köpfiger Beirat, der dem Minister unverbindliche Vorschläge unterbreitet. Die Strategie 2018, ein Thinktank der besten Köpfe im Austrosport, ­hatte bereits vor drei Jahren in diese Richtung gearbeitet. Die Erkenntnisse und Ergebnisse wurden nach dem Ministerwechsel im Jänner 2016 – schubladisiert.

In die starren Fronten rivalisierender Konzepte könnte mit Jahresende durch den Pensionsantritt von Hans Holdhaus Bewegung kommen. Sein IMSB, das einstige Epizentrum der hiesigen Sportwissenschaft, soll in der Folge als Leitinstitut des österreichischen Sports wiederbelebt und als weitere Tochter der Bundes-Sport GmbH positioniert werden. Mit ausgewählten Olympia- und Bundes-Sportzentren als starken Partnern. Ein langfristiges Projekt. Bei Weitem aber nicht so langfristig, wie Wolfgang Mayrhofer seine Strategie anlegen würde: „Den Entscheidungsträgern fehlt nach wie vor der Mut, fünf, acht oder zehn Sportarten zu definieren, in denen wir dauerhaft Weltklasse sein wollen. Die wir vorbehaltlos substanziell unterstützen – über Jahrzehnte. So entsteht nachhaltiger Erfolg: indem wir Weichenstellungen für Athletengenerationen vornehmen, die noch nicht einmal geboren sind.“

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