Dominic Thiem: Warum er unser Sportler des Jahres 2016 ist

Ein junger Mann aus Lichtenwörth zog aus, um der Sportwelt einen Haxen auszureißen. Heuer schaffte er das, was mit Thomas Muster und Jürgen Melzer bislang erst zwei anderen Männern in Rot-Weiß-Rot gelungen ist: den Sturm unter die besten 10 der Tenniswelt. Die Art und Weise, wie er dies fertigbrachte, die internationale Dimension seiner Erfolge und seine Vorbildwirkung auf den Nachwuchs machen heuer Dominic Thiem zu unserer Nummer 1 im Sportland Österreich. Entschieden haben wir uns übrigens doch deutlich bevor der Startplatz bei den ATP Worldtour Finals fixiert war… 

//Text: Fritz Hutter //Fotos: Jürgen Skarwan/Die Dominic Thiem-Methode, imago sportfoto, GEPA-pictures-com, Getty Images

Blasen. Wer hätte gedacht, dass der Feind für Dominic Thiem in seinem so ereignisreichen Tennisjahr in den eigenen Socken lauern würde. Gleich dreimal wurde der heute 23-jährige Niederösterreicher von den banal anmutenden Quälgeistern außer Tritt gebracht. Schon spürbar beim verlorenen Brisbane-Semifinale gegen Roger Federer, massiv beim letztlich aufgegebenen Erstrundenspiel in Sydney gegen Gilles Muller und nachhaltig in Runde vier der US Open, als er gegen Juan Martin del Potro rausmusste. Diesmal aber offenbar wegen Überlastungsschmerzen im rechten Knie, die aus einer Kompensationsbewegung gegen das Zwicken der schon Tage davor aufgetretenen Blasen gestammt haben sollen und die Thiem zuletzt wieder und uneingeladen auf seine vorzeitig beendete China-Tour begleiteten.

Fanatische Fußpfleger unter den Thiem-Fans würden für 2016 also entzündliche Hautirritationen zu den härtesten Gegnern von Österreichs juvenilem Tennisidol zählen, der aber zuletzt vom Ausrüster mit einem speziellen Schuh­fitting vertrieben sein sollte. Wir halten uns zwischenzeitlich lieber an die Statistik, um die heuer zahlreichen magic und selteneren tragic moments von Österreichs derzeit erfolgreichstem Einzelathleten im Weltsport zu filtern.

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Zehnmal erreichte Dominic Thiem von Jänner bis ­Redaktionsschluss Anfang Oktober das Semifinale eines ATP-Turniers, sechsmal ging es danach weiter ins Endspiel, nachdem der Rechtshänder schlussendlich viermal den Siegespokal stemmen durfte. Und das auf Sand (Buenos Aires, Nizza), auf Hartplatz (Acapulco) und als allererster Österreicher auch auf Rasen (Stuttgart) – eine Vielseitigkeit des Industrieviertlers, die 2016 selbst von den Überstars der Szene unerreicht bleibt. Gut 75 Prozent seiner zum Zeitpunkt unserer Abgabe fast 80 Einzelmatches hat er heuer gewonnen, über die gesamte Profikarriere liegt die Siegquote bei über 60 Prozent von rund 200 absolvierten Singles. Außerdem war Dominic Thiem 2016 in gut 95 Prozent aller Fälle erfolgreich, wenn es für ihn im Entscheidungssatz um den Sieg ging. Besser war 2016 keiner. Ebenfalls positiv: Trotz deutlicher Reserven in der Verwertung von Breakchancen im ersten Saisondrittel – im März, im Achtelfinale von Miami, musste Thiem gegen Novak Djokovic gleich 15 Stück ungenützt lassen – nahm er den Gegnern heuer immerhin vier von zehn Aufschlagspielen ab. Seinerseits abwehren konnte er bis zuletzt mehr als 62 Prozent aller Breakbälle. Zusammen mit der erwähnten Quote an erfolgreich beendeten Entscheidungssätzen und 53 Prozent gewonnenen Tie-Breaks – fast 26 Prozent weniger als Djokovic, aber beispielsweise um fünf mehr als Jo-Wilfried Tsonga – machen den Österreicher diese Kennzahlen zur aktuellen Nummer 8 (Stand: 4.10.2016) im ATP-Ranking der „Under Pressure Leaders“, also in jenen Charts, die dokumentieren, wie erfolgreich sich wer den Weg aus brenzligen Spielsituationen zu hauen versteht. Zum Vergleich: Im Jahr 2015, das Dominic Thiem u. a. mit drei Titeln auch schon als Nummer 20 der Weltrangliste beendete, schaffte er es in dieser Wertung nur auf Rang 57.

Bleibt noch die Kohle für einen, dessen Vater Wolfgang vor wenig mehr als zwei Jahren mit dem Österreichischen Tennisverband heftige Sträuße wegen seiner Ansicht nach zu geringer bzw. gar nicht ausgeschütteter Förderungen ausfocht. ­Mittlerweile ist das Schnee von gestern, noch heuer wird Dominic Thiem die 4-Millionen-Euro-Marke in Sachen Karrierepreisgeld knacken, allein die ersten neun Monate der laufenden Saison brachten vor Steuern über zwei Millionen aufs Konto. Deutlich mehr als das Doppelte vom Vorjahr, mehr als das Dreifache von 2014. Dazu verdichten sich die Hinweise, dass zudem Sponsoren und Ausstatter immer genauer wissen, was sie an dem jungen Mann mit dem mittlerweile doch angenehm abgeschliffenen NÖ-Akzent im Englischen haben. Schon vor seinem Debüt unter den besten zehn der Welt, nach dem Anfang Juni erreichten Paris-Semifinale, wurde Thiem gemeinsam mit bereits deutlich etablierteren Werbeträgern zum Akteur breit­bandig-viraler Imagekampagnen. Heute finden sich auf Facebook, Instagram & Co. Fotos und Spots in verrückten Zebra-Shirts, unter martialischen Boxer-Kapuzen und mit individuell designten Rackets. Zudem konnten Deals mit einer koreanischen Autoschmiede und einer Schweizer Nobeluhrenmarke ins Trockene gezogen werden.

Um den Wert des Lokalmatadors als Ticketseller wissen heute außerdem nicht nur die Veranstalter der heimischen ATP-Events in Kitzbühel und Wien, wo man sich Dominic Thiems Antreten mittlerweile längerfristig vorab und vertraglich gegen progressive Startgelder sichern muss und dafür die Werbetrommel mit Österreichs erstem Top-10-Mann seit Jürgen Melzer im Frühjahr 2011 rühren kann. International hat sich der Marktwert des Vielspielers, der bis Anfang Oktober mit 28 Turnierstarts und über 70 Saison-Einzelspielen mehr Matches als praktisch jeder andere Spieler auf der ATP Tour in seine Vita stopfte, ebenfalls gesteigert.

Heute schätzen Tennisfans auf der ganzen Welt den juvenilen Champ mit dem charakteristischen „Booom“ im Schlag. Inklusive Daviscup in Portugal lief Thiem heuer in 16 verschiedenen Ländern auf, nur aus Spanien (Madrid vs. del Potro) und Kanada (Toronto vs. Kevin Anderson) verabschiedete er sich nach seinem ersten Einzel-Match. In China, wo er ja zuletzt beim Smog-Turnier von Peking gegen Germanys next Topstar Alexander Zwerew eine empfindliche, der möglichen Masters-Qualifikation wenig zuträgliche Auftaktpleite einstecken musste, war er schon eine Woche davor in Chengdu zu sehen. In Österreich, sprich Kitzbühel, unterlag er topgesetzt zwar in Spiel eins dem damals hemmungslos comebackenden Jürgen Melzer, blieb der komplett auf Thiem gepolten Gamsstadt aber dafür im Doppel mit Buddy Dennis Novak bis zum Finale am Schlusstag erhalten. Sehr zur Freude der in Massen aufgetricksten Fans.

Dominic Thiem ist also zu einem Star in Rot-Weiß-Rot gereift und für den mancherorts tatsächlich spürbaren Aufwärtstrend im heimischen Tennis zu einem bärenstarken Zugpferd, das berufsbedingt trotzdem vor allem auf Weiden jenseits Österreichs enger Grenzen grast. Sportlich wie geschäftlich, hört man doch aus heimischen Marketingkreisen, dass sich Manager-Trainer Günter Bresnik für seinen Schützling gut Sponsoringsummen von internationalem statt daheim üblichem Format vorstellen kann. Was manchem ein bisserl nach Größenwahn klingen mag, wirkt beim genaueren Hinschauen deutlich weniger abstrakt. Tennis in seiner virtuosen Spielart kann nachweislich auch Protagonisten aus überschaubaren Märkten – siehe Djokovic, Federer oder einst die alten Schweden mit Edberg & Co. – zur Weltmarke machen. Erste Voraussetzung dafür ist selbstverständlich anhaltender und großer sportlicher Erfolg, die zweite eine Strahlkraft, welche global die Sympathie unter den in jeder Hinsicht nacheifernden Konsumenten schürt.

Sieht man von den Turnieren in Kitzbühel und Wien ab, sind öffentliche Heimspiele jenes Mannes, dem 2016 allein die offizielle ATP-Homepage über 40 groß angelegte Web-Artikel gewidmet hat, jedenfalls rar. Eines davon brachte die spätsommerliche Sichtung des Steirischen Tennisverbandes. Diese lockte wohl auch wegen der verpflichteten Stargäste Dominic und Wolfgang Thiem sowie Domi­nics Meistermacher Günter Bresnik gleich über 150 Kids zwischen acht und zwölf in die Muster-Stadt Leibnitz. Eine Veranstaltung, die vom Zulauf her laut Bresnik, der Dominic ja genau in diesem Altersfenster zu seinem Projekt kürte, „wahrscheinlich in ganz Europa ihresgleichen sucht“. Ähnliche Aktionen in Wien und an Thiems Hometrainingsstützpunkt in der Südstadt ließen die Herzen zahlreicher Tenniskinder ebenfalls höherschlagen. Allen anderen Thiem-Fans bleibt der Besuch auf der regelmäßig upgedateten Facebook-Seite ihres Lieblings. Weit über 100.000 Followern liefern speziell die so selbstkritischen und längst zweisprachig verfassten Matchanalysen Ein­blicke in den öffentlichen Teil der Seele des anerkannt tadellosen Sportsmannes. Und bringen Interessierte jenem Athleten näher, der vor allem durch gut 45 Reisewochen pro Jahr physisch meist unerreichbar ist.

Via Facebook lassen auch die deutlich in Unterzahl agierenden Thiem-Kritiker Dampf ab. Etwa bezüglich Dominics volatilem Verhältnis zum Daviscup – zunächst mit drei Punkten gegen Portugal strahlender Held, dann mit einer Absage gegen die Ukraine wieder ein bisserl Buhmann – werden dort teils derbe Scharmützel um einen ausgefochten, der immer wieder betont, Österreich doch ohnehin mit Stolz bei jedem Turniereinsatz zu repräsentieren, die Teamvariante aber eben nur selten in die Jahresplanung passe. Dazu lieferte Dominic Thiems oftmals unverstandener, mit Zitaten wie „Ich kann auch ohne Olympia in Zufriedenheit leben“ untermauerter Verzicht auf einen Start bei den heurigen Sommerspielen Diskussionsstoff. Mag sein, dass es die teils heftigen Angriffe waren, die den erklärten Sportfanatiker während Olympia in einer Story unseres Schwesterportals tennisnet.com zu dem Zitat „Vielleicht spiele ich ja in vier Jahren“ bewogen.

Eher unbeeindruckt blieb „Team Thiem“ hingegen vom heuer besonders nach Niederlagen und/oder Verletzungsmeldungen laut gewordenen Unverständnis für den dichtesten Turnierkalender aller Top-Spieler und die vermeintlich zusätzlich überlastenden Doppeleinsätze. Die zuletzt debattierten Reisen zu den 250er-Events von Metz und Chengdu, welche beide nur im Turniersiegfall wertvolle Punkte für das Rennen um einen Startplatz bei den ATP World Tour Finals Ende November in London geliefert hätten, quittierte Mastermind Günter Bresnik ebenfalls gegenüber tennisnet.com gewohnt trocken: „Man weiß nie, was gewesen wäre, wenn er die zwei Turniere nicht gespielt hätte. Wenn er beide gewonnen hätte, würde keiner was sagen. Wenn man in Metz das Finale spielt und sich dann noch beschwert, ist das absurd. Andere erreichen so was im ganzen Leben nicht.“

Schlussendlich war es nun das Sportmagazin, welches die Thiem-Bilanz der auslaufenden Saison, die heuer immer wieder hochlodernde und einige Jahre vermisste Begeisterung um einen österreichischen Tennisspieler und dessen Standing in einer Weltsportart mit Potenzial auf sportlich wie charismatisch noch Größeres penibel in die Waagschale stapelte. Alles zusammen haben wir für schwer genug befunden, um Dominic Thiem den bereits traditionsreichen Titel „Sportmagazin-Sportler des Jahres“ zu verleihen.

Praktisch zeitgleich mit unserer ersten Ausgabe mit Thiem-Cover erscheint Günter Bresniks höchst autobio­grafischer Erfolgsratgeber „Die Dominic-Thiem-Methode“, aus der wir uns einiger griffiger Zitate des erfolgreichen Trainer-Unikats bedienen, um ausgewählte Meilensteine im bisherigen Jahr des Dominic Thiem noch einmal aufzupolieren.

Sieg über Rafael Nadal

„Dominic war in seiner Jugend ein Wunsch-Tennisspieler: Er gab die Verantwortung für den Punkt an den Gegner ab, hoffte auf dessen Fehler. Heute ist er ein Ziel-Tennisspieler: Er will den Punkt aus eigener Kraft gewinnen. Ohne diese Änderung hätte Dominic keine Chance auf eine große internationale Karriere gehabt.“ Günter Bresnik in „Die Dominic-Thiem-Methode“

BUENOS AIRES, ARGENTINA - FEBRUARY 13: Dominic Thiem of Austria greeets Rafael Nadal of Spain after wining the match between Rafael Nadal of Spain and Dominic Thiem of Austria as part of ATP Argentina Open at Buenos Aires Lawn Tennis Club on February 13, 2016 in Buenos Aires, Argentina. (Photo by Gabriel Rossi/LatinContent/Getty Images)

Eines der wirklich plastischen Beispiele für diese selbst im High-End-Bereich ungebrochen stetige Weiterentwicklung war Dominic Thiems dramatisches 6:4, 4:6, 7:6 über Rafael Nadal Anfang Februar am Sand von Buenos Aires. Beinahe jeder Schlag des Österreichers ging an die Linie, ins Eck oder eben ein Fuzzerl zu weit. Punktschlagversuch jagte Punktschlagversuch – kein Vergleich zur ersten Begegnung mit dem spanischen „King of Clay“ zwei Jahre zuvor in Roland Garros. Damals war Dominic Thiem nach couragiertem Beginn doch noch heftig unter die in rasantem Topspin rotierenden Rafa-Räder gekommen. Die Schläge kamen noch gut eineinhalb Meter kürzer, was vielfach laufen statt laufen lassen bedeutete. Bei den Argentina Open 2016 agierte man dann schon auf Augenhöhe. Zumindest. Fast drei Stunden bohrte Thiem den 14-fachen Major-­Sieger schmerzhaft an. Letztlich mit Erfolg. Kommentar im Facebook: „Gegen so einen Großen zu gewinnen ist der komplette Wahnsinn, solche Momente vergisst man nicht so schnell.“

Titelverteidigung in Nizza

„Gerade die physische und psychische Präsenz sind es aber, die einen Welt­klassespieler vom Rest unterscheiden. Die wirklich großen Spieler gewinnen große Titel nicht, weil sie besser Tennis spielen oder fitter sind als ihre Gegner, sondern weil sie den Gegner durch ihr Selbstvertrauen einschüchtern, durch die Überzeugung, jederzeit ein Spiel für sich entscheiden zu können.“

Dominic Thiem ( Aut) TENNIS : Tournoi de Nice - 21/05/2016 NorbertScanella PUBLICATIONxNOTxINxFRAxITAxBEL Dominic Thiem AUT Tennis Tournoi de Nice 21 05 2016 NorbertScanella PUBLICATIONxNOTxINxFRAxITAxBEL

Dominic Thiem kehrte Ende Juni an jenen Ort zurück, wo er ein Jahr davor sein allererstes ATP-Turnier für sich entscheiden konnte. Mit zwei Titeln aus Südamerika im Sack und mit breiter Brust nach weiteren Top-Resultaten. Dass er vor Selbstvertrauen strotzte, zeigten schon die ersten drei Partien in Nizza. Bis ins Endspiel verlor Thiem keinen Satz und insgesamt nur 13 Games. Im Finale wartete dann jener Spieler, dem Günter Bresnik wenig vor Nizza in einem Interview innerhalb der kommenden fünf Jahre am Thron der Nummer 1 sitzen sah – Deutschlands Jungstar Alexander Zwerew. Das Spiel der beiden Kumpels brachte dann das ­erwartet beinharte, hauptsächlich von der Grundlinie mit seriellen „Heavy Topspin“-Schlägen geführte Duell zweier Kronprinzen. Satz eins 6:4 für Thiem, Satz zwei 6:3 für Zwerew. Was im dritten Durchgang folgte, war eine Macht­demonstration des Älteren. Der Österreicher knöpfte dem Deutschen nicht nur sofort den sonst so starken Aufschlag, sondern auch das Momentum nach dem eben noch erreichten Satz­gewinn und somit letztlich auch die Schneid ab. Zwerew wurde in der Folge immer unzufriedener, fahriger und damit fehleranfälliger, Thiem hingegen immer solider und in der Körpersprache immer klarer und selbstbewusster. 6:0 im dritten Satz – die erste Titelverteidigung in der bisherigen Karriere war perfekt.

Semifinale in Roland Garros und Nummer 7 der Welt

„Dominic hat seine Art der Aggressivität gefunden: eine Freude ­daran, eigene Fähigkeiten auszuspielen. Je größer die Erwartungen, je besser der Gegner, je größer die Kulisse, je höher die Erwartungen, desto besser. Er setzt sich durch, weil er Dinge besser kann. Und wenn er sie nicht besser kann, dann übt er so lange, bis er sie besser kann.“

PARIS,FRANCE,26.MAY.16 - TENNIS - ATP World Tour, Roland Garros, French Open, Grand Slam. Image shows the rejoicing of Dominic Thiem (AUT). Photo: GEPA pictures/ Matthias Hauer

In seinem Buch beschreibt Günter Bresnik detailliert, wie er Dominic Thiem beim Paris-Vorbereitungs­turnier in Nizza flankierend zu den Turniermatches gezielt mit zusätzlichen Trainings überlastet hat, um ihn zu lehren, die Müdigkeit zu überwinden und sich durchzubeißen. Und „um vor dem wichtigsten Turnier des Jahres all seine Tugenden zu schärfen“. Aktionen, die viele Experten den Kopf schütteln ließen. Zu müde würde Thiem in Paris sein für Großes. Gekommen ist es dann einigermaßen anders und Österreichs Nummer 1 bog die ersten fünf Paris-Gegner Cervantes, Garcia-Lopez, neuerlich Zwerew, Granollers und schließlich seinen belgischen Dauerrivalen Goffin in durchwegs harten Matches zu einem Gutteil mit ­seiner physischen Präsenz und mit für alle sichtbarem Siegeswillen. Im Halbfinale gegen Novak Djokovic, die Nummer 1 der Welt, war Dominic Thiem dann letztlich ohne echte Chance. Zu stark retournierte der Serbe das Service des Österreichers, zu selten ließ er diesen dadurch den gewohnten Offensivtakt angeben. Bald nach seinem ersten Grand-Slam-Semifinale gab sich Thiem dann trotzdem wieder kämpferisch: „Ich habe zu viele Fehler gemacht, um das Spiel enger gestalten zu können. Aber das inspiriert mich, sogar noch härter zu arbeiten. Ich hoffe, dass ich bald eine neue Chance bekomme.“

Zwei Erfolge gegen Roger Federer

„Dominic war neun, als Roger Federer erstmals Wimbledon gewann, und elf, als Nadal erstmals Roland Garros gewann. Federer und Nadal eröffneten neue Dimensionen in Tempo, Kontrolle, körperlicher und geistiger Fitness. Sie spielten auf einem Niveau Tennis, das man davor nicht für möglich gehalten hatte. Das machte es interessanter, aber nicht einfacher.“

Dominic THIEM (AUT), Roger FEDERER (SUI). Deutschland, Stuttgart: Tennis, MercedesCup 2016: Halbfinale am 11.06.2016, TC Weissenhof. Dominic Thiem AUT Roger Federer SUI Germany Stuttgart Tennis MercedesCup 2016 Semi-finals at 11 06 2016 TC Weißenhof

In seiner Biografie schildert Günther Bresnik unter vielem anderen detailliert den nun deutlich mehr als ein Jahrzehnt währenden Prozess, aus Dominic Thiem einen Tennisspieler zu formen, der in allen Aspekten des Sports ans Menschenmögliche heranreicht. Auf diesem Weg zum „kompletten Tennisspieler“ spielte mehr als einmal der Schweizer Ausnahmekönner eine wesentliche Rolle. Als Inspiration in Sachen Spielverständnis, als Hitting-Partner in den letzten Juniorenjahren und als Dienstgeber von Fitnessguru Pierre Paganini, der Dominic Thiem nach einem Probetraining gegenüber dem Sportmagazin einst Ausnahmefähigkeiten in Sachen Schnelligkeit und Sportmotorik attestierte. Mitte Mai, im Achtelfinale des Sandplatz-Klassikers von Rom, war es dann so weit und der junge bog mit 7:6, 6:4 erstmals den 12 Jahre älteren, der allerdings gegen Ende mit Rückenschmerzen zu kämpfen hatte. Topfit hingegen war Federer anlässlich einer der eindrucksvollsten Thiem-Taten 2016. Ausgerechnet auf Rasen, jenem Belag, auf dem Federer schon alles und der Österreicher bis dahin eher noch nix gewonnen hat, schlägt er den siebenfachen Wimbledon-Champion in drei dramatischen, von zwei Regenpausen unterbrochenen Sätzen inklusive zweier abgewehrter Matchbälle im Tie-Break des zweiten Satzes. „Es fühlt sich natürlich unwirklich an, dass ich da echt als ­Sieger rausgegangen bin. Ich habe eigentlich gar nicht gewusst, dass ich auf Rasen so gut Tennis spielen kann“, lautete das Fazit nach dem 3:6, 7:6, 6:4-­Semifinalerfolg. Tags darauf legte Thiem dann noch den Finalsieg über Philipp Kohlschreiber drauf.

Raus gegen Jürgen Melzer in Kitzbühel

„Dominics derzeit noch größte Schwäche ist sein Umgang mit Misserfolgen. Ich meine das nicht in analytischer Hinsicht; die Gründe für eine Niederlage erkennt er sehr gut. Aber Dominic leidet unter Niederlagen noch zu sehr. Das ­bessert sich zwar – ich erinnere mich, vor ein paar Jahren war er nach dem verlorenen Junioren-Endspiel in Roland Garros volle drei Tage nicht ansprechbar, an ein Training war nicht einmal zu denken –, aber er muss auch da noch professioneller werden.“

Download von www.picturedesk.com am 30.09.2016 (11:38). ABD0097_20160720 - KITZBÜHEL - ÖSTERREICH: Juergen Melzer (AUT) und Dominic Thiem (AUT) am Mittwoch, 20. Juli 2016 beim ATP- Tennisturnier Generali Open in Kitzbühel. - FOTO: APA/EXPA/JFK - 20160720_PD4500

Eines der negativen Erlebnisse ereilte ­Dominic Thiem heuer bei den Generali Open in Kitzbühel. An Nummer 1 gesetzt musste er sich vor ausverkauften Rängen einem topmotivierten Jürgen Melzer 5:7, 3:6 geschlagen geben. In den Interviews danach lobte er den Gegner für eine „super Leistung“, erwähnte eine zehn Tage zuvor überstandene Erkrankung nur eher lapidar und jubelte 24 Stunden später via Facebook bereits wieder über einen Doppelsieg an der Seite seines guten Freundes: „Darüber sind wir beide unglaublich glücklich!“ Das und auch die späteren Analysen von verlorenen Matches klang 2016 bereits recht deutlich nach einer Bresnik-Vorgabe im Buch: „Der richtige Umgang mit einer Niederlage ist die kurze, konzentrierte Analyse, fertig, abhaken, weiterarbeiten. Ärger ist klar. Aber es ist falsch, sich für Misserfolge zu geißeln.“

Buchtipp:

In „Die Dominic-Thiem-Methode“ beschreibt Günter Bresnik nicht nur detailreich, wie er aus einem heillos ballverliebten Kind einen Weltklasse-Athleten formte, sondern leitet aus dem gemeinsamen Weg mit seinem Lieblingsschüler auch griffige Erfolgsprinzipien für das Leben abseits des Courts ab. Ebenfalls spannend: wie der Arztsohn Bresnik zu einem der besten Tennistrainer der Welt reifte und was er von Persönlichkeiten wie Horst Skoff, Boris Becker oder Stefan Koubek lernen konnte. Erschienen im Seifert-Verlag.

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