Dominic Thiem: „Zweifel hatte ich überhaupt nicht“

Mit 21 zieht Dominic Thiem nach seiner ersten vollen Saison auf der ATP-Tour Bilanz und blickt gleichzeitig in die Zukunft. Als Top-40-Spieler, als Mann und Soldat mit vielen Waffen und als Feinspitz, dem der derzeit allgegenwärtige Mehlspeisduft besonders heftig zusetzt.

//Interview: Fritz Hutter

//Titelbild: (C) ADIDAS

SPORTMAGAZIN: Die kommende Saison beginnt mit der wohl ungewöhnlichsten Vorbereitung in deiner jungen Karriere.

Dominic Thiem: Weil mir das Bundesheer sehr entgegengekommen ist, konnte ich unmittelbar nach der dreiwöchigen Grundausbildung wie im Vorjahr nach Teneriffa fliegen. Da ist es perfekt! Das Klima, die Plätze mit demselben Belag wie bei den Australian Open und jede Menge starke Trainingspartner wie Ernests Gulbis und Dennis Novak, meine Kollegen bei Günter Bresnik. Aber auch David Goffin, der mich im Kitz-Finale geschlagen hat. Insgesamt ideal!

Obwohl drei Jahre älter als du, zählt auch der Belgier Goffin zu jenen Young Guns, die den Arrivierten 2014 gehörig eingeheizt haben. Eine neue Entwicklung?

Ich glaube, dass der Trend die letzten Jahre altersmäßig nach oben gegangen ist. Heuer war das anders. Am Anfang der Saison habe ich ganz gut gespielt, dann in Wimbledon der Nick Kyrgios (19) mit seinem Viertelfinale, dann Alex Zverev (17) mit dem Semifinale in Hamburg, dann eben Goffin (24) mit diesem unfassbaren Lauf von 28 Siegen am Stück und am Schluss Borna Coric (18) in Basel mit Siegen über Gulbis und Nadal. Aber auch die bereits etwas weiter vorne Platzierten wie ein Raonic oder ein Dimitrov sind der absoluten Spitze näher gekommen. Da tut sich schon was und das wird wohl 2015 so weitergehen. Ich denke, dass es da durchaus zu einer Wachablöse kommen kann.

Hast du Leute wie Stan Wawrinka, den du in Madrid geschlagen hast, einfach auch überrascht? Viel beobachten konnte er dich ja noch nicht.

Ich glaube, dass das nicht so wichtig ist. Ich bin ja auch nicht vor drei Jahren vor dem Fernseher gesessen und habe mir überlegt, wie ich gegen den Wawrinka spielen würde. Und er wird sich ganz normal auf das Match vorbereitet haben. Der Überraschungseffekt ist ein gegenseitiger, weil ja auch ich gegen die alle zum ersten Mal gespielt habe. Das gleicht sich also aus.

Womit konntest du also in deinem ersten Tourjahr das ganze „Großwild“ erlegen?

Also eine großartige Trickkiste bin ich nicht. Ich habe einfach schnelle Grundschläge und 2014 begonnen, diese besser einzusetzen. Und wenn du wirklich von der Vorhand, der Rückhand und mit dem Aufschlag Druck erzeugen kannst, dann tut das eigentlich schon jedem Gegner weh.

Das Zauberwort heißt also auch ganz vorne Konstanz.

Genau. Es geht darum, den Druck mit immer weniger Fehlern zu erzeugen. Wenn ich den Ball vor zwei Jahren viermal mit vollem Tempo ins Feld spielen konnte, kann ich das jetzt achtmal. Das Ziel ist es, diese Quote ständig zu steigern, auf 12,16 und so weiter. Ein Novak Djokovic kann wahrscheinlich ewig so reinspielen. Deswegen ist er auch so weit vorne.

,,Man muss extrem viele Bälle reinspielen und bekommt auch extrem viele Gelegenheiten, selbst den Fehler zu machen .”

Dominic Thiem

Was hat dich an deinen Begegnungen mit der absoluten Weltklasse am meisten beeindruckt, immerhin hattest du 2014 nicht nur Wawrinka, sondern auch Nadal (Dreisatzniederlage in Roland Garros), Djokovic (3/6,4/6 in Shanghai) und Federer im Training auf dem Platz?

Dass du gegen die keine Geschenke kriegst, etwa beim Return. Auf zweite Aufschläge gibt es praktisch keine Fehler und es kommen auch sehr, sehr viele Erste gefährlich retour. Und man muss eben extrem viele Bälle spielen und bekommt dadurch aber auch extrem viele Gelegenheiten, selbst den Fehler zu machen.

Hahaha, den muss ich noch üben. 😉

Posted by Dominic Thiem on Donnerstag, 2. Januar 2014

Du hast 2014 ein Sieg-Niederlage-Verhältnis von 22 zu 23 erspielt – mit vielen Ups, aber durchaus auch Downs. Hast du zwischenzeitlich befürchtet, einen Lauf zu schieben, oder warst du immer davon überzeugt, das immer wieder gezeigte Top-Niveau als Standardprogramm liefern zu können?

Also Zweifel hatte ich überhaupt nicht. Ich bin nach Wimbledon das erste Mal so richtig müde geworden. Kitzbühel hat mich aber mit der ganzen Euphorie und den vielen Leuten irgendwie herausgerissen. Da war ich sicher auch müde, hab’s aber irgendwie nicht gespürt. Dann habe ich in Cincinnati und Toronto einen ziemlichen Topfen zusammengespielt. Aber nach einer Woche gscheiter Vorbereitung auf die US-Open bin ich wieder in gute Form gekommen. In Asien habe ich auch bei den Niederlagen gegen Anderson und Djokovic gute Partien abgeliefert. Dass mir die Wende trotz Müdigkeit gelungen ist, stimmt mich sehr zuversichtlich.

Das Erstrunden-Out in Wien gegen Robin Hasse war also einfach eine Niederlage, die passieren kann, oder zu viel Trubel um das Heimturnier?

Es war einfach spielerisch ein rabenschwarzer Tag. Der ist mir heuer auch schon überall anders passiert, aber es war halt unglücklich, dass das in Wien geschehen ist. Aber wenn man ehrlich ist, hätte ich auch in Kitz in der ersten Runde gegen Souza 5:7 im dritten Satz verlieren können, genau wie der Haase in Wien auch irgendwie zu schlagen gewesen wäre. Das liegt alles sehr knapp beieinander. Klar sind Heimturniere anders, aber erstens taugt es mir voll, wenn die Leute so zu mir stehen, und zweitens ist es dann unten auf dem Platz so, wie es immer ist: Du genießt die Stimmung, aber du willst einfach nur das Match gewinnen. Im Vorjahr hat’s funktioniert und ich hoffe, dass ich in der Stadthalle noch viele Chancen bekomme, es besser als heuer zu machen.

Alles in allem klingt es trotzdem so, als ob nach Saisonende ein Urlaub besser ins Programm gepasst hätte als die Grundausbildung beim Heer.

Natürlich wäre ich gerne ein bisserl weggefahren. Aber dafür habe ich auch einige wichtige Sachen erledigen können. Direkt nach dem letzten Turnier in Paris-Bercy bin ich zum Zahnarzt und habe mir den letzten Weisheitszahn reißen lassen. In der ersten Woche beim Bundesheer hatte ich dann DGR, Dienst in geschlossenen Räumen, wo viel Kloputzen angesagt war, danach sind sich unter anderem wichtige Blutuntersuchungen ausgegangen. Den Urlaub mache ich halt nächstes Jahr.

Wo liegen die Schwerpunkte in der Vorbereitung?

Die Beinarbeit ist definitiv ein Thema, hängt allerdings von vielen Faktoren ab. Einer davon ist das Gewicht. Mithilfe eines Ernährungsberaters habe ich von Basel Ende Oktober bis Teneriffa schon sechs Kilogramm abgenommen, bis zum Saisonstart, voraussichtlich in Doha, sollen es insgesamt neun werden. Also von 85 runter auf 76 Kilogramm. Wenn du dir den Djokovic oder den Murray anschaust, sind die einfach extrem sehnig. Jetzt fühlt es sich an, als ob ich eine 6-Kilo-Hantel weggelegt hätte. Die Kunst ist aber, ohne Substanzverlust abzunehmen.

Wie geht das?

Ich ess einfach keinen Scheiß, sondern nach Plan. Es gibt Sushi, es gibt Pasta, aber halt keine Wurstsemmeln oder Naschereien zwischendurch. Hart ist, dass ich schon seit Wochen kein Dessert gegessen habe – da zuck ich schon fast aus (lacht).

Was wirst du mit dieser neuen Leichtigkeit auf dem Platz anstellen?

Was heuer sicherlich festzustellen war, ist, dass die Großen wie ein Federer wieder viel mehr ans Netz vorstürmen. Das werde ich auch vermehrt versuchen. Dieser Schritt ist aber alles andere als radikal zu setzen, sondern man muss das nach und nach einfließen lassen. Grundsätzlich mag ich diese Entwicklung und volliere derzeit im Training auch sehr viel.

Wirst du 2015 deshalb auch wieder regelmäßig Doppel spielen?

Auf jeden Fall. Das ist wahrscheinlich das beste Training, das man sich vorstellen kann.

Zum Finale: Was wünscht sich einer der Aufsteiger des vergangenen Jahres fürs kommende?

Nix Materielles, sondern natürlich Gesundheit für sich und die Familie. Und dass die neue Saison möglichst gut läuft. Aber dass die ATP-Tour kein Wunschkonzert ist, weiß ich längst und deshalb werde ich versuchen, mir das in der Vorbereitung selbst zu erarbeiten.

PASSPORT

Geboren: 3. September 1993 in Wr. Neustadt

Wohnort: Lichtenwörth Familienstand: ledig

Größe/Gewicht: 1,85 m/79 kg

Abschlussranking 2014: 39. (beste Platzierung: 36.) Promi-Opfer (Top 30): Stan Wawrinka (Nr. 3, Madrid), Ernests Gulbis (Nr. 12, Roland Garros), Feliciano Lopez (Nr. 21, Paris), Gilles Simon (Nr. 23, Indian Wells), Alexandr Dolgopolov, Nr. 25, Paris), Lukas Rosol (Nr. 26, Shanghai), Marcel Granollers (Nr. 28, u. a. Hamburg)

Preisgeld 2014: 577.539 €(150.757 € für die 4. Runde US-Open)