Dominic Thiem: Die Macht der Nacht

Ganz früh aufstehen hat schlagartig ­wieder Saison. Besonders wenn man Tennisliebhaber und Supporter von Ranking-Rocker Dominic Thiem ist. Österreichs Top-15-Mann haut mit seinen Erfolgen die Nation aus den Federn und ist drauf und dran, einen neuen Boom loszutreten. Was manchem Jungen heute neu ist, taut bei vielen alten Hasen das sportliche Langzeitgedächtnis auf.

//Story: Fritz Hutter
//Titelbild: GEPA pictures/ Matthias Hauer

Was hat Dominic Thiem mit Muhammad Ali gemeinsam? Also was außer den elegant vorgetragenen K.-o.-Schlägen und der Siegermentalität? Nun, der 22-jährige Industrie­viertler macht einer rasant wachsenden Fanschar und auch uns Journalisten die Nacht genauso zum Tag, wie es einst „The Greatest“ als globales Boxphänomen getan hat. An mir selber und mittlerweile vielen anderen, erwachsenen Menschen lässt sich seit geraumer Zeit ein Verhalten studieren, das mich frappant an jenes meines Erzeugers und seiner sportbegeisterten Freunde in den 1970er-Jahren erinnert. Wann immer ein Fight des goscherten wie genialen US-Champs beziehungsweise dessen televisionäre Trans­atlantikübertragung medial in Aussicht gestellt wurde, richteten sich gestandene Sportfreaks damals – ungeachtet der beruflichen Herausforderungen am Morgen danach – den Wecker.

Am 29. September 1976 etwa schlich sich auch mein Vater im hellblauen Pyjama um drei Uhr früh aus dem elterlichen Schlafgemach ins Wohnzimmer. Dort bzw. eigentlich im Yankee Stadium von New York knöpfte sich nämlich mit sechs Stunden Zeitrückstand Schwergewichtstitelverteidiger Ali seinen Herausforderer Ken Norton vor. Volle 15 Runden, die am Ende mit einem einstimmigen Punktesieg des Champs endeten. Wer damals noch live ­dabei war? Na ich als siebenjähriger Stöpsel, der die Nachtschicht natürlich schon im Vorfeld mitbekommen und sich auf die Lauer gelegt hatte. So schnell konnte er gar nicht schauen, der Papsch, wie der Teddybär und ich neben ihm auf dem Diwan gehockt sind – wach gehalten von Ali, ­Norton, den Expertisen vom Vater und jenen von TV-Legende Sigi Bergmann. Unvergessliche Erinnerungen, die Jahre später neuerlich durch spektakuläre Boxkämpfe (Marvin Hagler, Sugar Ray Leonard & Co.), noch exotische NBA-Sitzungen via Kabel-TV, aber auch durch nächtliche ORF-Übertragungen der ersten Großtaten des jungen Thomas Muster hochgekocht wurden.

Thiem spielt auf und die Mama schaut mit

Und heute ist es eben Österreichs Tennisrakete Dominic Thiem, die viele von uns heiß auf einen Frühstart in den Tag macht. Dank der durchaus beachtlichen Flexibilität des ORF in Sachen kurzfristiger Rechteerwerb, aber auch der Segnungen modernerer Technologien wie diverser Live-Streams im Web und deren Kundmachung in den Social Media haben sich Übersee-Matches des Niederösterreichers mittlerweile zu kultigen Nightsessions gemausert. Eine stetig wachsende und immer dichter vernetzte Community verfolgte in den letzten Wochen gebannt die Spiele des rot-weiß-roten Tennisaufsteigers der letzten drei Jahre. Egal, ob der in Austra­lien, Süd- oder Mittelamerika aufgeigt, die Thiem-Aficionados sind daheim live dabei. Vielfach reicht dazu ein ­einziger Bildschirm nicht mehr aus. Am Second Screen wird flankierend analysiert, kommentiert, lamentiert und gratuliert, dass der Elektrosmog aufgeht. Nicht selten macht sich sogar Thiems so erfreulich Facebook-fitte Frau Mama zum Teil der Chats. Wer, wie ich, die Thiem-Spiele aus privatem und beruflichem Interesse verfolgt, der ist dazu noch bemüht, den Followern seines Mediums Zwischen- und Endstände, Videos und Fotos als einer der Ersten und in möglichst einzigartigem Kontext unter die Nase zu posten. Binnen Minuten können Erfolgsmeldungen zu Dominic Thiem um fünf Uhr früh Like-Zahlen generieren, die selbst mittäglichen Streif-Übertragungen zur Ehre gereichen würden.

Echte Burner sind dann übrigens Dominic Thiems eigene, mit erfrischend klarer und wohlformulierter Eigensicht bald nach den Spielen gepostete Matchanalysen. Über 13.000 Likes lieferte allein eine kompakte Danksagung für die Glückwünsche zum Turniersieg in Acapulco. Der Effekt derartiger Posts ist übrigens nicht zu unterschätzen. 13.000 Liker einer einzigen Meldung transportieren den Namen und die Marke „Dominic Thiem“ mit einem einzigen Klick hinaus in ihren eigenen Elektro-Freundeskreis. Dazu zitieren zahlreiche Medien diese Statements mangels zeitnaher Interviewmöglichkeit sehr gerne und helfen so Präsenz und Marktwert weiter zu steigern, können aber dank des herrschenden Interesses durchaus auch die eigene Reichweite steigern, wie die Zugriffszahlen bei unseren Schwesterportalen www.tennisnet.com und www.sportnet.at belegen.Thiem

Thiem: Zeuge von etwas Großem sein

Dass Dominic Thiem, der bereits mit 16 erstmals großflächig aus dem SPORTMAGAZIN knallte, heute vielen von uns den Schlaf rauben kann wie einst eben Muhammad Ali, hat viele Gründe. Ganz oben auf der Liste steht wohl die Freude über länger vermisste Erfolge in einer Disziplin, die seit Thomas Musters Zeiten auch weniger Bewanderte als Weltsportart ausmachen können. Darf Thiem gegen die ganz großen Nummern ran wie neulich in Rio gegen Rafael Nadal, wird dem ­Zuseher immer klarer, in welcher Liga der junge Mann da mitspielt. Schlägt er diese Weltstars dann auch noch, kann einem auch als Nicht-Nationalisten schon einmal der ­rot-weiß-rote Kamm schwellen. Neben dem ansteckenden „Klein, aber oho!“-Feeling ist es die Art, mit der sich Dominic Thiem immer tiefer in die absolute Weltklasse bohrt. Genau wie einst Muster spielt er in einem ganz persön­lichen, mittlerweile ebenfalls unverwechselbaren Stil auf und zeigt am Platz Dinge, die viele bislang nur längst anerkannten Superstars aus der Federer- und Djokovic-Klasse zugetraut haben – der Thiem präsentiert immer öfter, was nur „die Echten“ können: jede Menge Punktschüsse, sogar Asse am Fließband und ein immer tadelloses, positives Auftreten. Alles zusammen vermittelt den Eindruck, dass hier Sport um des Siegens willen betrieben wird und nicht, um ja nicht zu verlieren. Dazu liefern der Werdegang vom Tennislehrerkind zum Weltklassemann, die bärbeißigen Ansagen des Erfolgstrainers Günter Bresnik und die immer mit Spannung verfolgte Entwicklung der Zustände zu Verband, Daviscup oder Olympia jenen Stoff, aus dem Heldensagen noch bunter gestrickt werden können.

Und last, but not least sei noch ein Grund für den Erfolg für Dominic Thiems „Late Night Shows“ aufgedeckt: Die nächtlichen „Treffen“ von Tennisnarren, selbst ernannten wie ausgewiesenen Experten und anderen Schau-Lustigen haben etwas durchaus Konspiratives, ja Elitäres. Du wirst zum Zeitzeugen von möglicherweise Großem – eben fast so wie damals bei Muhammad, Papa und mir …

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