Ganze Story: Die Vermessung des Fußballs

Hightech-Revolution aus Graz: Im skills.lab werden Kicker gnadenlos durchleuchtet und auf wissenschaftlicher Basis trainiert. Eine Philosophie, für die sich die Top-Klubs Europas interessieren. Wir machen mit dem Ex-Internationalen Markus Schopp den Praxistest.

//Text: Markus Geisler// Fotos: Bildagentur Zolles KG Scheriau//

An der Zukunft des Fußballs wird zwischen Lidl-Logistikzentrum und Spedition Englmayr gearbeitet. Nicht im Celtic oder Borussia Park, sondern im Gewerbepark Wundschuh südlich von Graz steht die unscheinbare graue Halle, in der auch Rasenmäher oder Gartenzwerge gelagert sein könnten. Doch tatsächlich geht es um Gigantisches. Highspeed-Kameras, Laser, Beamer und eine raffinierte Software befinden sich in dem Bau, von dem nichts Geringeres als eine Trainingsrevo­lution ausgehen soll. „Wir bauen hier am besten Fußball-Simulator der Welt“, sagt Dr. Michael Lang, CEO der Anton Paar Sports Tec GmbH, die hinter dem Projekt steht. Und der Sportliche Leiter, Ex-Teamkeeper Roland Goriupp (u. a. Sturm, GAK), ergänzt: „Mittlerweile interessiert sich die halbe deutsche Bundesliga für das skills.lab. Leistungsmessdaten und individuell steuerbare Trainingsmethoden werden im internationalen Fußball immer wichtiger. Das alles können wir mit unserem Produkt bieten.“

Vorbild „Footbonaut“

Falls Ihnen etwas bekannt vorkommt: Als Initialzündung für das Projekt dient der sogenannte „Footbonaut“, eine Trainingsmaschine, die erstmals von Borussia Dortmund und später auch von der TSG Hoffenheim eingesetzt wurde. Als Friedrich Santner, CEO der Messtechnikfirma Anton Paar, ihn unter die Lupe nahm, packte den Ex-Aufsichtsrat von Sturm Graz der Ehrgeiz: „Es war klar, dass man ein solches System möglichst praxisnah machen muss. Ziele müssen beweglich sein, Spieler muss man tracken und Spielszenen simulieren ­können.

Jeder Trainer sollte seine Übungsinhalte abbilden können und so sein optimales Trainingssystem verfügbar haben. Das waren die Grundgedanken“, erzählt Santner. Sein Ansatz: Er will die sehr emotional getriebene Sportwelt davon überzeugen, dass Hightech im Sport zu unglaublichen Verbesserungen führen kann. „Weg von der qualitativ und subjektiv gefärbten Spontanbeurteilung hin zu objektivierbaren und messbaren Weiterentwicklungen der Spieler. Wenn ein Verein zum Beispiel seine Jugend­lichen mit dem skills.lab systematisch entwickelt, wird er einen deutlich besseren Nachwuchs haben und in weiterer Folge höhere Transfererlöse erzielen.“

Challenge-Charakter

Klingt interessant – aber entspricht es auch der fußballerischen Realität? Wir baten Ex-Profi Markus Schopp (56 Länderspiele, u. a. Sturm, HSV, Brescia), für uns den Praxistest in dem Sechseck zu machen, das mit 320 Quadratmetern etwa halb so groß ist wie ein Strafraum und von sechs Kameras und einer Vielzahl von Sensoren vermessen wird. Aus den Lautsprechern dröhnt Stadionatmosphäre, Roland Goriupp wählt an seinem ­Tablet eine Übung aus, auf dem Kunstrasen erscheint ein grüner Laser-Kreis, in den sich Schopp stellen soll. „Pässe per Dropkick“, ruft Goriupp. Sekunden später schießt eine der sechs eigens gefertigten Ballmaschinen die Wuchtel Richtung Schopp, während auf einer der sechs Leinwände, die das Feld umranden, eine Zielscheibe erscheint. Der 43-Jäh­rige trifft den Rand der Scheibe, sofort erscheint an dieser Stelle ein 2er für die erzielten Punkte. An einer anderen Leinwand beginnt zeitgleich die Auswertung: Wie lang waren Reaktions- und Ballverarbeitungszeit? Wie scharf und genau wurde geschossen? Nach zehn Bällen ist die Übung beendet, die ermittelten Daten werden zu einer Gesamtpunktzahl umgerechnet. „Damit man seine eigene Entwicklung auf einen Blick sehen kann, aber auch, um sich mit anderen vergleichen zu können. Fußballer lieben diesen Challenge-Charakter“, erklärt Goriupp. „Wir hatten Testkicker hier, die so ehr­geizig waren, sich gegenseitig zu überbieten, dass wir sie am Ende ­hinaustragen mussten.“

Ende der Subjektivität Die nächste Übung ist dagegen viel komplexer: scharfer Ball auf Schopp, auf allen sechs Leinwänden tauchen virtuelle Spieler mit roten und blauen Trikots auf, der Ball soll zu einem roten Spieler gepasst werden, aber nur, wenn der auf seiner Leinwand in Überzahl ist. „Ideal für Sechser oder Achter, die blitzschnell entscheiden müssen, wie sie den Pass weiterverarbeiten“, sagt Goriupp. Gemessen werden Reaktionszeit, Pass­geschwindigkeit, Genauigkeit – dauert es zu lange, gibt es null Punkte. Schopp, bis Sommer Trainer der Sturm Amateure, ist nach der Übung außer Atem, aber begeistert: „Die sofortige Messbarkeit der Aktion ist optimal. Es geht nicht mehr darum, einem subjektiven Eindruck zu folgen, sondern Live-Daten auszuwerten. So kann jeder gezielt an seinen individuellen Stärken oder Schwächen arbeiten.“ Die Vermessung des Fußballs. Wobei klar ist, da sind sich alle einig: Ein Simulator kann immer nur eine Ergänzung, niemals eine Alternative zum „echten“ Training mit der Mannschaft sein.

Trainingsgast Gregoritsch

35 verschiedene Übungen sind derzeit im skills.lab möglich. Man kann nach Flanken auf virtuelle oder echte Tore köpfeln, es gibt Spielformen auf Minitore, die sich alle paar Sekunden auf den Leinwänden verschieben, auch Torhüter können sich Bälle punktgenau um die Ohren schießen lassen. „Und alle ­Übungen haben verschiedene Schwierigkeitslevel, der Nachwuchsspieler kann sich auf seinem Niveau genauso verbessern wie der Profi“, sagt Dr. Lang und verweist darauf, dass HSV-Legionär Michael Gregoritsch bei Heimaturlauben ­regelmäßiger Gast in Wundschuh ist. Seine Lieblingsübung: die Verarbeitung hoher Bälle mit Torabschluss. Außerdem werden laufend neue Trainingsformen ins Programm auf­genommen, bestehende adaptiert. Ein System, das sich in gleichem Maße anpasst, wie sich der Fußball verändert.

Prototyp Mittlerweile hat sich in ganz Europa und auch in Asien herumgesprochen, was da am Grazer Stadtrand entsteht. Delegationen namhafter Klubs geben sich die Klinke in die Hand, selbst nach Fernost ist man bereits gereist, um das Projekt vorzustellen. „Wir möchten keine Namen nennen, rechnen aber heuer mit den ersten Abschlüssen“, sagt Goriupp. Sprich: Was in Wundschuh als Prototyp steht, kann überall auf der Welt aufgebaut werden, die technische Wartung erfolgt von der Steiermark aus über das Internet. Was individuelle Vorlieben einzelner Klubs angeht, sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Es können Fangesänge eigener oder gegnerischer Fans eingespielt werden, die virtuellen Tribünen können dem Heim­stadion nachempfunden, Pfiffe beim Elfmeterschießen simuliert werden. Ein nicht ganz billiges Vergnügen, das sich laut Goriupp aber rechnen soll: „Profimannschaften steigern durch die Verbesserung ihrer Spieler deren Marktwert. Im Nachwuchsbereich kann gezielter selektiert und gefördert werden. Und: Auch Fans können das skills.lab nutzen und sich auf diese Weise mit ihren Idolen messen, weil ja alle Vergleichsdaten vorliegen.“ Kick it like Wundschuh in der großen weiten Fußballwelt.

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