Die Tops und Flops der Champions League Saison

Am 6. Juni steigt in Berlin der Showdown in der Königsklasse. Die spektakulärste Kick-Show der Welt lebt ihr Image mehr denn je. Wer das heißeste Feuerwerk abbrannte, wie die härtesten Hunde heißen und wo die dicksten Tränen flossen: die Tops und Flops der Saison.

//Text: Tom Hofer

//Fotos: (C) GEPA Pictures

Tick, Trick & Track

//Messi, Neymar und Suarez. Gab’s je ein heißeres Sturm-Trio? Wir sagen Nein! Sogar eingefleischte Barca-Fans schüttelten den Kopf, als Klub-Boss Josep Maria Bartomeu, einst Chef der Basketball-Abteilung, 81 Mille für einen Rüpel wie Luis Suarez lockermachte. Obwohl der Agent Provocateur nach seiner Beißattacke bei der WM bis Ende Oktober gar nicht spielen durfte, war der Deal ein Geniestreich! Weil ein flinker Streetfighter wie Suarez genau das war, was der oft viel zu braven Barca-Gang gefehlt hat. Seit Messi, Neymar und Suarez an vorderster Front aufmarschieren, ist’s vorbei mit fadem Ballgeschiebe. Barca hat sich neu erfunden! Lange Pässe aus der Abwehr, unter Pep Guardiola verpönt, sind jetzt erlaubt und sogar erwünscht! Das Mittelfeld wird häufig ignoriert, denn die Super-Striker sind hungrig nach Bällen. Satte 113 Mal ließ es das Trio Infernale bis Anfang Mai insgesamt krachen. Die Systemumstellung konnte freilich nur funktionieren, weil Superstar Messi damit einverstanden war, die Rolle im Zentrum an Suarez abzutreten und auf die rechte Flanke auszuweichen, was seinen Aktionsradius aber überhaupt nicht einengt. Denn wo ein Messi, da ein Weg. Der Beweis: 77 Treffer (14 davon gegen deutsche Teams!) in 97 Champions-League-Matches (inklusive der 3:0-Gala gegen Bayern im Camp Nou), vier Mal Torschützenkönig; nur zweimal ging die Partie verloren, wenn er traf! Von solchen Zahlen ist Spielgefährte Neymar noch tausend Dribblings entfernt, doch der Boy from Brasil hat die irrste Transferstory vorzuweisen: Sein Wechsel hat laut jüngsten Recherchen inklusive aller Provisionen, Steuern, Klauseln und Strafzahlungen sagenhafte 158,3 Millionen Euro gekostet! Brutal – aber die Fußballwelt wäre zweifellos ärmer dran, hätte der Deal nicht geklappt.

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Shame on you, England!

//Manchester City. Langsam, aber sicher wird’s eng für England im UEFA-Ranking. Für Liverpool gingen im Herbst bereits nach der Gruppenphase die Lichter aus. Das restliche Trio – Arsenal, Chelsea, ManCity – sagte wenig später im Achtelfinale bye-bye, Champions League! Noch rangiert das Mutterland des Fußballs in der Fünfjahreswertung (hinter der ungefährdeten Top-Nation Spanien) auf Platz 2, doch Deutschland hat längst den Blinker draußen. Logisch, denn bereits zum zweiten Mal in drei Jahren war im Semifinale kein englischer Klub mehr am Ball. Eines Champions unwürdig, wieder einmal: der Auftritt von Manchester City. Mit Ach und Krach (nur zwei Siege) die Gruppenphase überstanden, waren Kompany und Co. in der Runde der letzten 16 gegen Barca völlig chancenlos. Für das bestbezahlte Sportteam des Planeten (im Schnitt casht jeder Kaderspieler bei City stolze 7,3 Mille im Jahr) ein peinlicher Auftritt.

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Der Rekordjäger

//Cristiano Ronaldo. Beim Lokalaugenschein des Sportmagazins letzten Sommer im „Museu CR7“ in Funchal, wo alle Trophäen des dreimaligen Weltfußballers um 5 Euro Eintritt zu bestaunen sind, prophezeiten die Museumsleiter: „Die nächsten fünf Jahre wird uns Cristiano sicher noch mit Pokalen beliefern.“ Obwohl Portugals Hero seit Februar den 30er am Buckel hat, keine allzu gewagte Prognose. Vielleicht ist ja sogar ein weiterer Champions-League-Pokal dabei. Es wäre sein dritter. Dreimal war er auch schon Torschützenkönig in der Königsklasse. Ein Titel, den seit acht Jahren kein Kicker außer Ronaldo und Messi mehr erringen konnte! Kaká war 2007 der Letzte, dem es gelang, die zwei Giganten zu ärgern. Die 17 Treffer auf dem Weg zu Reals La Decima werden auf absehbare Zeit aber wohl nur schwer zu biegen sein. Doch wer weiß das schon genau? Immerhin hat Ronaldo schon 20 Mal zwei oder mehr Tore in einem CL-Match erzielt. Das Fernduell mit dem Barca-Zwerg in der ewigen Torjägerliste hält den Hunger garantiert noch länger am Leben. Klar, dass der Ehrgeizler auch diese Saison eine Bestmarke aufgestellt hat: erster Spieler, der in zehn Auswärtspartien in Folge trifft? Check!

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Der Unvollendete

//Zlatan Ibrahimovic. Der Mann ist echt ein Phänomen: Seit 2004 beendete Zlatan Ibrahimovic mit seinen Klubs nur einmal die Saison nicht auf Platz 1: 2012 wurde er mit AC Milan Zweiter; die beiden Juve-Titel 2005 und 2006 wurden im Nachhinein aberkannt. Seit acht Jahren küren ihn seine Landsleute ohne Unterbrechung zum „Fußballer des Jahres“. Nur die Champions League kann Schwedens Superstar anscheinend nicht gewinnen! Sechsmal (3 x mit Paris Saint Germain, 2 x mit Juve, 1 x mit Ajax) war im Viertelfinale Schluss mit lustig. Immerhin einmal, mit Barca 2009/10, schaffte es Ibrahimovic ins Semifinale. 43 Treffer (für sechs verschiedene Klubs) hat er in der Königsklasse erzielt – das sind by the way um gut 30 weniger als die beiden Top-Striker Leo M. und CR7. Im Oktober wird Zlatan 34. Das macht’s nicht einfacher, zu spät für den großen Coup ist es dann aber noch immer nicht. Ältester Spieler in einem Endspiel ist bis heute Edwin van der Sar. Der Manchester-United-Goalie war 2011 bei der finalen Niederlage gegen Barca schon knapp 41.

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Auf Augenhöhe mit Messi

//Luiz Adriano. Bis zum Semifinale führte er frech die Schützenliste an. Mit 9 Toren in der Gruppenphase setzte Schachtjor-Striker Luiz Adriano eine neue Benchmark. Alle 69,5 Minuten ein Treffer – Chapeau! Fairerweise soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass der Brasil-Boy gleich 8 Treffer gegen die löchrige Abwehr des weißrussischen Meisters Bate Borisow erzielte. Fünf davon im ersten Match – so ein Kunststück war zuvor nur Magic Messi (2012 beim 7:1 gegen Leverkusen) gelungen. Beim knappen 2:1 der Selecao im Happel-Stadion machte Adriano gegen Dragovic und Co. allerdings keinen Stich. Trotzdem kann sich der 28-Jährige aus Porto Alegre aussuchen, welches Top-Offert er im Sommer annimmt. Arsenal und Liverpool haben angeblich die größten Chancen. Für den Umstand, dass Schachtjor alle Heimspiele im mehr als 1000 Kilometer entfernten Lwiw austragen musste, war die Performance mehr als okay. Erst recht jene des U19-Teams, für das erst im Finale der Youth League (2:3 gegen Chelsea) Endstation war. Und das, obwohl man im Nachwuchs gänzlich ohne Südamerikaner auskommt.

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Der neue Neuer?

//Jan Oblak. Spätestens seit dem Viertelfinal-Showdown gegen den Stadtrivalen Real ist Atleticos Goalie jedem Fußballfan ein Begriff: Bei der Nullnummer im Estadio Vicente Calderón zog Jan Oblak den Galaktischen mit tollen Reflexen reihenweise den Nerv. Selbst im Rückspiel musste sich der 1,86-m-Schlacks aus Škofja Loka, der tausendjährigen Stadt unweit der Grenze zu Österreich, nur Reals Superjoker Chicharito geschlagen geben. Ein Elferschießen wäre garantiert zur Zitterpartie für CR7 und Co. geworden. Eine Runde davor versagten beim Anblick von Oblak gleich drei Leverkusen-Kickern vom Penalty-Punkt die Nerven. In der Meisterschaft entschärfte Sloweniens Teamgoalie sogar einen Strafstoß von Leo Messi himself. Dabei war Oblak, der letzten Sommer um 16 Mille Ablöse von Benfica kam, zu Saisonstart gar nicht die Nummer 1 im Atletico-Tor: Wegen seiner lädierten Hüfte durfte Back-up Miguel Moya die Handschuhe anziehen. Erst als sich der Ex-Getafe-Goalie im Match gegen Leverkusen selbst verletzte, begann die Ära Oblak. Kann er es langfristig sogar mit einem Riesen wie Manuel Neuer aufnehmen? Bayerns Welttorhüter pariert in der Bundesliga 86 Prozent der auf ihn abgefeuerten Schüsse, in der Champions League hielt er in 70 Schlachten stolze 27 Mal die Null fest!

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Der königliche Prinz

//Martin Ödegaard. Zarte 16 Jahre jung. Trotzdem nominierte Real-Coach Carlo Ancelotti Martin Ödegaard bereits in den Kader für die Königsklasse. In die Rekordbücher schaffte es das Wunderkind zu Saisonbeginn allerdings noch bei seinem Stammklub Strömsgodset: mit einem Kurzeinsatz in der Quali gegen Steaua Bukarest – als 15-Jähriger! MARTIN ÖDEGAARD REAL MADRID. Der Bursche ist immer noch zarte 16 Jahre jung. Trotzdem nominierte Real-Coach Carlo Ancelotti Martin Ödegaard bereits in den Kader für die Königsklasse. In die Rekordbücher schaffte es das Wunderkind zu Saisonbeginn allerdings noch bei seinem Stammklub Strömsgodset: mit einem Kurzeinsatz in der Quali gegen Steaua Bukarest -als 15-Jähriger! Der jüngste Kicker, der je in der Champions League zum Einsatz kam. Jüngster Spieler in der Gruppenphase bleibt ein anderer: Céléstine Babayaro war exakt 16 Jahre und 87 Tage jung, als er im Herbst 1994 im Dress von Anderlecht (auch gegen Steaua!) seine Feuertaufe feierte. Jüngster Torschütze zu sein ist für Ödegaard noch drin: Der Ghanaer Peter Ofori-Quaye war 17 Jahre und 195 Tage alt, als er für Olympiakos traf. PS: Unser Bayern-Export David Alaba, verletzungsbedingt nur in der Gruppenphase dabei, war bei seinem Debüt (2010 beim 2:3 gegen Fiorentina) gerade einmal 17 Jahre, 8 Monate und 13 Tage alt.

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Der clevere Krieger

//Arturo Vidal. Er trägt zwar seine Mama Jaqueline als Tattoo am rechten Oberarm immer bei sich -ihn deswegen Muttersöhnchen zu schimpfen, wäre aber komplett falsch. Im Gegenteil: Der holzg’schnitzte Chilene geht stets dorthin, wo’s richtig wehtut. Böse gesagt: Vidal ist der Spieler mit den schlechtesten Manieren in der Königsklasse, da er am öftesten foult. Geht eben nicht anders, wenn man Andrea Pirlo den Rücken frei halten muss. Der 28-Jährige mit dem Extrem-Irokesen mag am Feld ein Krieger sein, privat ist er ein Braver. Und ziemlich clever: Daheim in Santiago de Chile stehen gleich mehrere Rennpferde in seinem Stall, die bei diversen Galopper-Derbys jede Menge Preisgeld abstauben. Seinen schnellsten Hengst, „Il Campione“, einst um läppische 80.000 Euro gekauft, verscherbelte Vidal um stolze 1,8 Millionen.

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Das Stehaufmännchen

//Eden Hazard. Es gibt Spieler, die holt schon ein leiser Windhauch von den Beinen. Barcas Superdribbler Neymar gehört definitiv in diese Kategorie. Eden Hazard mutiert zumindest „nur“ dann zum Diver, wenn er sich dem Strafraum nähert – wie kürzlich beim Elfer, der Chelsea vorzeitig zu Englands Meister machte. Im Normalfall ist der 1,73 m kleine Belgier echt nur mit unfairen Mitteln zu stoppen. Deswegen ist er auch der meistgefoulte Spieler in der Champions League: 33 Mal holten ihn die Gegner in seinen sieben Auftritten diese Saison von den Beinen. Im Schnitt küsste Hazard alle 19 Minuten den Rasen. Über zu wenig Schmerzensgeld braucht er sich freilich nicht beklagen: Dank des kürzlich unterzeichneten neuen Fünfjahresvertrags casht Hazard an der Stamford Bridge 270.000 Euro – pro Woche! Kein Wunder, dass José Mourinho den Marktwert seines Schützlings astronomisch hoch festlegt: „Wer Hazard haben will, muss 280 Millionen zahlen.“

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Bayerns Ballermann

//Thomas Müller. Nicht nur, weil das Finale heuer in Berlin steigt – die Champions League ist eine durch und durch deutsche Veranstaltung: Die beiden Vermarktungsprofis Jürgen Lenz und Klaus Hempel erfanden einst Modus und Format der Königsklasse. Aus der Feder des Bremers Horst Heeren entstammt der Entwurf für den Pokal mit den großen Ohren. Logisch, dass das erste Finale des modifizierten Meistercups am 26. Mai 1993 in München über die Bühne ging. Apropos: Bayerns Allzweckwaffe Thomas Müller löste heuer Mario Gomez ab, ist jetzt mit 27 Treffern bester deutscher Torjäger. Was der Karl Valentin des runden Leders treffend so kommentierte: „Jetzt fehlen mir nur noch 50 Tore auf Messi und Ronaldo!“ Auf Namensvetter Gerd Müller, der es in der guten alten Zeit im Europacup 35 Mal für den FCB krachen ließ, fehlen dem Urviech, das am liebsten in Österreich urlaubt, nur noch acht.

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Die Hoffnung stirbt zuletzt

//Red Bull Salzburg. Wieder nix! Auch der siebte Anlauf endete für Red Bull Salzburg nicht in der Gruppenphase, sondern wieder im Tal der Tränen. Diesmal war Malmö FF eine Nummer zu groß für den rot-weiß-roten Champion. 4:2 lautete am Ende der Score für Schwedens Meister, der in den zwei Quali-Runden davor (gegen Lettlands Vertreter Ventspils bzw. Sparta Prag) wesentlich mehr Mühe gehabt hatte. Gegen Atletico, Juve und Olympiakos fuhr Malmö in der Folge dann zwar nur drei magere Pünktchen ein, peinlich war der Auftritt des Meistercup-Finalisten von 1979 (damals hatte man im Semifinale die Austria gestoppt) allerdings keineswegs. Resümee aus Salzburger Sicht? Am knappsten dran an der Königsklasse waren die Bullen 2007 unter Giovanni Trapattoni beim Last-Minute-Krimi gegen Schachtjor Donezk. Am peinlichsten war der Bauchfleck gegen Düdelingen 2012 unter Roger Schmidt. Im August startet Versuch Nr. 8.

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Catchen in der Coachingzone

//Roger Schmidt. Schon hierzulande ging Roger Schmidt keinem Wickel aus dem Weg: Egal ob mit Didi Kühbauer, Adi Hütter oder Carsten Jancker – der Ex-Salzburg-Coach sagte jedem, der es drauf anlegte, seine Meinung direkt ins Gesicht. In der Champions League sind auch die Gegner in der Coachingzone eine andere Gewichtsklasse. Atletico-Madrid-Cotrainer German Burgos zum Beispiel. Dass der Ex-Goalie, ein Schrank von einem Mann und für seine aggressiven Ausbrüche bekannt (Spitzname: „der Affe“), beim vierten Offiziellen am Spielfeldrand permanent gelbe Karten für Leverkusens Kicker forderte, ging Schmidt verständlicherweise auf die Nerven. Als er ihn deswegen zur Rede stellte, mischte sich auch noch Burgos‘ Boss Diego Simeone ein, und fertig war der „War of Words“. Für Burgos, der sich zwischendurch schon mal mit einer Google-Brille auf die Bank setzt, eine vertraute Disziplin, schließlich schreit sich der 46-Jährige als Leadsänger der Hardrock-Band „The Garb“ auch privat die Seele aus dem Leib.

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Der alte Mann und der Wein

//Andrea Pirlo. Wer sonst? 30 Jahre und 64 Tage betrug das Durchschnittsalter der Juve-Kicker im Viertelfinal-Hinspiel gegen Monaco. Kein anderes Team war heuer ähnlich routiniert wie die Alte Dame. Das Inter-Team von 2012 hält mit 31 Jahren und 331 Tagen den Rekord. Andrea Pirlo ist angesichts solcher Facts natürlich not impressed, schließlich ist der Freistoß-King schon 36. Zum Schmunzeln ist aber folgende wahre Geschichte: Als Pirlo vor vier Jahren den AC Milan überraschend verließ, war das keine Frage des Alters, sondern weil er unter dem damaligen Coach Massimiliano Allegri kein Licht mehr sah. Ausgerechnet jener Allegri ist seit dieser Saison Juve-Trainer – und baut wieder voll auf Pirlo! Privat ist der „Leader Silenzioso“(Copyright: Weltmeister-Coach Marcello Lippi) genauso cool wie am Spielfeld: Auf seinem Weingut südlich von Brescia hat Pirlo das volle Sortiment auf Lager – vom spritzigen Jungwein bis zum edlen roten Tropfen. In absehbarer Zeit will er sich dorthin zurückziehen und ganz auf Winzer machen. Das Unternehmer-Gen liegt in der Familie: Papa Alberto ist Herr über ein ganzes Konglomerat aus diversen Firmen.

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