Die Rückkehr von Renault: Wut tut gut!

Red Bull verleiht Prügel. Renault liegt nach der Formel-1-Saison 2015 am Boden, verwundet, verspottet, verletzt. Der Sieger in 168 Grand-Prix-Schlachten taumelte zum Notausgang. Und steht nun plötzlich wieder auf der Matte: Mit einem eigenen Team, gezeugt in der Stunde der Kränkung, will man es den Österreichern zeigen. Der Rachefeldzug wird lang und teuer – und, vielleicht, bald von einem Star gelenkt: Fernando Alonso.

//Text: Gerald Enzinger

//Titelbild: (C) Renault

Der Weg zurück hat seine Gefahrenstellen. Renaults neuer R. S. 16 wird im supermodernen Entwicklungslabor in Guyancourt, südlich von Paris, präsentiert. Bloß das Hunderte Journalisten am Weg in den Saal erst ein paar Treppen hinuntermüssen, um sich dann links durch einen viel zu kleinen Türrahmen zu zwängen, dessen Tür fatalerweise auch noch nach außen geöffnet ist. Warum das hier steht? Weil jeder, der nach dieser Engstelle wieder von der Menschenmasse verschwitzt ausgespuckt wird, unweigerlich daran denkt, was bei Renault F1 falsch gelaufen sein könnte. Die Formel 1 ist der schnellste Sport der Welt, auch in seinen Abläufen. Zwischen den Sonntagen, an denen gekreist wird, wird vor allem gehandelt. Entscheidungen sind zu treffen, täglich. Gut können das sanfte Dikaturen wie Red Bull unter Dr. Helmut Marko. Teams, die von „Leit-Wölffen“ geführt werden, wie Mercedes. Ferrari, seit Sebastian Vettel lenkt. Weniger gut können das Konzerne mit flacher Hierarchie, aufgeblasener Verwaltung, Abteilungen für Intrigen und Papierkriege. Wie früher Mercedes, wie Toyota und Honda, die zudem noch mit ihren europäischen Schaltstellen total lost in translation waren. Komplizierte Wege, langsame Zeiten – was bei der Tür von Renault gilt, das gilt für den gesamten Rennsport.

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Jean-Pierre Jabouille, Renaults erster Sieger 1979

Renault: 300 Mille auf der hohen Kante

Renault ist wieder mit einem eigenen Auto in der Formel 1, zum dritten Mal. Das ist, wie Spötter sagen, sehr wunderlich. Oder ein Wunder, wie Fans entgegenhalten. Renault baut rund 2,4 Millionen Autos, Jahr für Jahr. Doch keines erzählt eine so wendungsreiche Geschichte wie die beiden Boliden mit den Nummern 20 und 30, von Kevin Magnussen und Jolyon Palmer. Am 16. Dezember 2015 hat Renault das Lotus-Team gekauft. Auf den ersten Blick ein Schnäppchen, billiger als jedes Matchbox-Auto: 1,49 Dollar soll der Kaufpreis betragen haben. Okay: Danach musste man noch 133,5 Euro Millionen Schulden bezahlen, die Lotus angehäuft hatte. Und in Hinkunft wird man rund 300 Millionen Euro pro Jahr investieren müssen, Jahr für Jahr. Carlos Ghosn ist der Mann, der diese Ausgaben verantwortet, der allmächtige Chef von Renault. Er steht auf der Bühne und macht keine leere Versprechungen: „Es kann Jahre dauern, bis wir aufs Podium fahren.“ Und doch will er alles an Geduld und Geld investieren, das er hat, denn er hat seine Lektion gelernt in all den gemeinsamen Jahren mit Red Bull Racing: „Es ist das Auto, das Weltmeister macht. Verlierst du, dann ist der Motor schuld.“ Kurzes Schweigen, im Raum wird gehustet: „Deshalb machen wir alles selbst. So stellen wir sicher, dass das eingesetzte Geld auch gut investiert ist.“ Der Mann, der das sagt, war jener, der am längsten davon überzeugt werden musste. Ghosn galt lange als Formel-1-Skeptiker, das Formel-1-Ausstiegsszenario hatte sein Drehbuch.

,,Es kann Jahre dauern, bis wir aufs Podium fahren.”

Renault-Chef Carlos Ghosn

Renault und das Red Bull-Problem

Red Bull hatte Renault die Schuld an seinem eigenen sportlichen Niedergang gegeben, öffentlich und oft. Die Kränkung spürt man bei Renault bei vielen, vielen Mitarbeitern bis runter zum Laufband, bis in die Werkstätte: Du sagst, du bist Österreicher – und der Mitarbeiter von Renault seufzt. Bis in den Advent 2015 war der Exit ein Thema, aber dann wäre Renault nicht als zwölffacher Weltmeister gegangen und als Turbo-Pionier, sondern als das Ingenieursteam, dass die Entwicklung der V6-Turbomotoren komplett verpennt hatte. Trotz drei eher zufälliger Siege von Dani Ricciardo 2014 wurde spätestens 2015 klar: Der Antriebsstrang ist zu schwach, zu schwerfällig, zu sensibel. Also: zu schlecht.

Vielleicht gerade schlecht genug, denn selbst Ghosn, der nie in Verdacht stand, in Sachen Racing ein Benzinbruder zu sein, wollte Renault so nicht gehen lassen. Aus Wut wurde Mut. Daher überlegte man, ein anderes Team zu kaufen, um selbst wieder in der Formel 1 zu agieren und nicht nur als Zulieferer. Erster Kandidat, kurios angesichts des Dauerstreits mit Red Bull: Toro Rosso. Aber die Verhandlungen zerschlugen sich, ebenso wie jene mit Force India. So wurde es am Ende Lotus, jenes Team in Enstone, das ja bis Ende 2009 das Renault-Werksteam gewesen war.

Ein hochangesehener Standort, der aber seit 23 Jahren tolle Formel-1-Autos produziert, erst als Benetton, dann als Renault, zuletzt als Lotus. Aber Achtung: Das, was Renault hier gekauft hat, ist mit dem supercoolen Lotus-Team des Jahres 2013 nicht zu vergleichen! Zu viele Top-Leute haben das Team verlassen, beginnend bei Superhirn James Allison. Ghosn weiß, dass Mercedes, Red Bull und Ferrari nicht zum Spartarif zu besiegen sind, deshalb hat er die Devise „Gut oder gar nicht“ ausgegeben. Jetzt wird eingekauft – und der erste Transfer, Bob Bell (früher schon bei Renault und dann bei Mercedes), zeigt, dass man in die richtige, weil vernünftige Richtung denkt. Dutzende Top-Ingenieure aus der zweiten Reihe von Red Bull oder Mercedes, motiviert, wissend und ausbaufähig, sollen folgen. Und Bell selbst hat intern längst einen Namen ins Spiel gebracht, der Renault auch in der Lenk-Abteilung nach vorne bringen soll: Fernando Alonso. Der hat zwar einen Vertrag bei McLaren-Honda, ist dort aber zutiefst unglücklich. In Enstone hat er seine besten Zeiten gehabt – und wer, wie Alonso, freiweillig in Spanien Steuern zahlt, um bei seiner Familie zu sein, wird gern zu Renault heimkehren. 2017?