Die neuen alten Celtics

Die NBA erlebt die Auferstehung eines Mythos: Rekordchampion Boston Celtics träumt vom Titel – dank der Pässe von Kyrie Irving und dem Geist von Larry Bird.

// text: Rolf Hessbrügge // foto: getty images

Der Saisonauftakt war der pure Albtraum. Keine fünf Minuten waren zwischen den Cleveland Cavaliers und den Celtics gespielt, als sich Bostons Gordon Hayward­ den linken Knöchel brach. Der Winkel, in dem der Fuß des NBA-All-Stars vom Unterschenkel abstand, ließ alle Umstehenden erschaudern – Haywards schmerzerfüllte Schreie hallten bis in die obersten Sitz­reihen der Quicken Loans Arena (20.500 Plätze). Und Gegenspieler Dwyane Wade sank in die Knie, um für den Verletzten zu beten. Es war schrecklich. Am Ende verloren die Celtics mit 99:102 und der ­frühere NBA-Star Charles Barkley (u. a. Philadelphia 76ers, Phoenix Suns) orakelte an jenem 17. Oktober: „Ihre Saison ist vorbei.“ Nichts war vorbei! Die Männer aus Boston brauchten genau ein weiteres Match und eine 100:108-Pleite gegen die Milwaukee Bucks, um sich zu erfangen. Nach dem Fehlstart schüttelten sie sich einmal kurz, so wie es ihre legendären Vorgänger um Larry Bird, Kevin McHale und Robert Parish in den 80er-Jahren getan hätten, dann starteten die Celtics durch und schrieben einen sensationellen Zwischenspurt von 16 Siegen in Serie in den NBA-Himmel. Mit dieser Startbilanz stellte Boston sogar einen neuen Klubrekord auf. Und spätestens jetzt begannen Millionen Celtics-Fans von etwas Großem zu träumen.

„Wir haben ein sehr starkes Team“, sagt Bostons im Sommer gekommener Spielgestalter Kyrie Irving und fügt bescheiden an: „Die Mannschaft hat ja bereits in der Vorsaison die Play-off-Halbfinals erreicht.“ Dort verloren die Celtics ausgerechnet gegen Irvings Cleveland Cavaliers – und in Boston fasste man einen genialen Beschluss: Diesen Irving, der unsere Defensive so millimetergenau filetiert hat, müssen wir holen. Zumal sich Vorgänger Isaiah Thomas immer wieder mit Blessuren geplagt hatte. Die Cavaliers willigten prompt ein in den Tausch Irving gegen Thomas. Und fast alle finden heute: Boston machte einen very, very good deal. Kyrie Irving und die Celtics spielen derzeit nicht nur erfolgreich, sie liefern den Fans in der Arbeiterstadt Boston genau das, was diese sehen wollen: harten, zupackenden, mitunter sogar schmutzigen Basketball. Showtime und Look-away-Pässe? Das ist was für die „Hollywood Lakers“, wie sie das Team aus Los Angeles in Boston verächtlich nennen. Hier an der Ostküste ist vor allem Hackln in der Verteidigung angesagt. Und das tun die Celtics mit Bravour: Aktuell kassiert das Team mit Abstand die wenigsten Punkte in der NBA (durchschnittlich 95,8 in den ersten 19 Runden) und räumt die drittmeisten Defensiv-Rebounds ab (37,2). „Offense wins games, de­fense wins championships“ sagen die Amis – die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Meisterschaften. Und Kampf besiegt Klasse, oft jedenfalls.

Auch die großen Celtics um Larry Bird, vor einem Vierteljahrhundert der Gegenpol zum brillanten Earvin „Magic“ Johnson und den L. A. Lakers, waren echte Mentalitätsmonster. Der 2,06 Meter große Bird besaß ein über­ragendes Ballgefühl, aber nur eine durchschnittliche Athletik. Doch der weiße Landbursche aus Indiana fand sich damit nicht ab. Wann immer es ging, legte Bird Extraschichten ein und sprintete die Ränge im alten Boston Garden (bis 1995 Heimstätte der Celtics) hinauf – nicht einmal, nicht zehnmal, Dutzende Male. Selbst als der beste weiße Basketballer aller Zeiten in den späten 80ern von chronischen Rückenschmerzen gequält wurde, trainierte er mehr als alle anderen. Rückblickend sagt Bird: „Wir waren sicher nicht das talentierteste Team, aber wir haben uns die Lunge aus dem Hals gerannt, im Training und im Spiel erst recht, weil wir immer gewinnen wollten. Und: Wir waren verdammt clever.“

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