Die größten Loser der Formel-1-Geschichte

Zero statt Hero. Die Formel 1 ehrt dieser Tage wieder einmal seine Helden – allen voran den neuen Weltmeister und überraschend zurückgetretenen Nico Rosberg. Zeit, um einmal ans andere Ende der Startaufstellung zu gehen -auf der Suche nach den legendärsten Losern der Grand-Prix-Geschichte. Um zu sehen: Auch Verlierer haben ihre Heldensaga und manchmal werden auch große Helden in der Welt der nackten Tatsachen zu unerwarteten Verlierern. Ein Auszug.

//Text: Gerald Enzinger
//Titelbild: (c) Imago

Andrea de Cesaris (1959-2014)

Fahrer mit den meisten Rennen ohne Sieg (208) | Fahrer mit den meisten Ausfällen (137) Sein Rufname war Programm: „Andrea de Crasheris“, wie Andrea de Cesaris schon nach wenigen Rennen genannt wurde, führt zahlreiche Negativrekorde für die Ewigkeit an: die meisten Grand-Prix-Läufe, ohne auch nur einen einzigen davon gewonnen zu haben; die meisten Ausfälle über die ganze Karriere; die meisten Ausfälle eines Fahrers in einer einzigen Saison (1987 16 Ausfälle in 16 Rennen!); die meisten Ausfälle noch vor (!) dem Start eines Rennens (11). Dazu passt, so zynisch das klingt, auch sein Abgang von dieser Welt: de Cesaris starb 2014 bei einem Crash mit dem Motorrad. Aber, und das ist gewiss, er starb als glücklicher Mensch. Ein paar Jahre zuvor wurde er gefragt, wie er seinen Biografie nennen würde – und er antwortete schnell und deutlich: „Gewinner ohne Sieg!“

,,Gewinner ohne Sieg!”

Andrea de Cesaris auf die Frage, wie seine Biographie heißen würde.

Im Gegensatz zu vielen anderen hatte er auch abseits der Asphaltbänder ein Leben, das ihn erfüllte. Erst machte er mit Währungsspekulationen und Börsendeals Millionen – angeblich mehr, als so mancher Formel-1-Weltmeister je hinterm Steuer vor Steuern abkassiert hat. Gestresster Business-Mann war er trotzdem keiner, im Gegenteil, de Cesaris wurde zum Surfer-Boy, der oft wochenlang nach der perfekten Welle suchte, ein Surfer mit besonderem Talent und einer entsprechend chilligen Lebenseinstellung. Nein, ein Loser war der erfolgloseste Formel-1-Pilot ganz gewiss nicht. Und er war auch kein talentbefreiter Gas-Mann, im Gegenteil, wie später Lewis Hamilton wurde er früh von Ron Dennis gefördert, der ihn 1981 in sein McLaren-Team holte. Andrea verpasste die Chance seines Lebens mit 19 Unfällen, fast alle davon aus eigenem Verschulden. 1982 bei Alfa knallte er (mit erst 22 Jahren) in Long Beach eine Poleposition hin, doch beim Überrunden von Raul Boesel verschaltete er sich -Niki Lauda überholte ihn und siegte. Nie mehr kam de Cesaris dem Sieg näher, zu fehleranfällig war er – aber er musste auch meist in unterlegenen Autos über die Grenzen gehen. 1983 in Spa hätte er fast vor Alain Prost gewonnen, bis ein Boxenstopp danebenging. In Zeltweg sorgte er 1985 für einen mehrfachen Überschlag – ein Jahrzehntcrash. 1991, beim Debütrennen von Michael Schumacher, war de Cesaris sein Teamkollege. Und während heute alle noch vom Debüt des Deutschen schwärmen, haben viele vergessen: Andrea hätte dieses Rennen im grünen Jordan gewinnen können, nach grandioser Fahrt lag er auf Platz 2 -bis es den Motor zerfetzte. Die Ford-Triebwerkstechniker hatten vergessen, den Jordan-Mechanikern zu sagen, dass sie einen anderen Kolbenring eingesetzt hatten, der mehr Schmierstoff benötigte. Das klassische Ende eines De-Cesaris-Grand-Prix.

Marco Apicella (1965)

Fahrer mit der kürzesten Formel-1-Karriere aller Zeiten (200 Meter)

Ein Vierteljahrhundert lang hatte Marco Apicella, aufgewachsen in der Nähe von Bologna und damit im tiefsten Ferrari-Land, diesen einen Traum geträumt: „Ich wollte Formel-1-Pilot werden, das war mein Lebensziel.“ Er hat es erreicht und, ja, er hat wohl auch einen Rekord für die Ewigkeit erzielt. Den allerdings wollte er nicht. Es ist kurz vor dem Monza-Grand-Prix 1993, als Apicella ein Anruf seines einstigen Formel-3000-Teamchefs Eddie Jordan erreicht. Der sagt: „Wie du weißt, ist Thierry Boutsen nach dem Heimrennen in Spa zurückgetreten. Willst du in Monza sein Auto fahren?“ Natürlich will er. Apicella, der zu dieser Zeit in Japan fährt und lebt, nimmt den ersten Flieger, tags darauf darf er in Imola testen, kurz. Weiter geht’s nach Monza, wo er aber im Zeittraining nur zwölf Runden lang zum Fahren kommt. Er qualifiziert sich als 23., vier Plätze hinter seinem Teamkollegen Rubens Barrichello. Und dann geht’s los mit der Formel-1-Karriere. Der Start ist gut, er kommt gleichauf mit Rubens in die erste Schikane – bis es einen Schlag macht. JJ Lehto hat die beiden Jordan-Piloten abgeschossen. Da Eddie Jordan das Cockpit für den Rest der Saison an Emanuele Naspetti verkauft, ist Apicellas Formel-1-Laufbahn vorbei und geht als die kürzeste aller Zeiten in die Geschichte ein. Er kehrt nach Japan zurück, wo ihm sein Team Dome Hoffnungen auf einen gemeinsamen Einstieg in die Formel 1 macht, doch ein Erdbeben, bei dem die Fabrik schwer beschädigt wird, macht den Hoffnungen aller Beteiligten ein Ende.

Wer mehr über die Herren mit den miesesten Qualifikationen, den meisten Rennen ohne Punkt, der kürzesten Formel-1-Karriere aller Zeiten, der kuriosesten Karriere und mehr lesen will, holt sich das aktuelle SPORTMAGAZIN.