Die Doping-Whistleblowerin Julija Stepanowa

Die bewegende Geschichte ­einer Betrügerin und eines ­Anti-Doping-Kontrolleurs, die sich entgegen ­jeder Logik ver­lieben, beinahe scheiden lassen und letztlich eine sportpolitische ­Supermacht ins Abseits stoßen. Der Preis? Ein Leben im geheimen Exil und kein Rio-Start.

Text: Tobias Wimpissinger Fotos: Getty Images, Imago, privat

An einem sonnigen Juni-Morgen quält sich Julija Stepanowa durchs Intervalltraining – sechsmal 800 Meter in unter drei Minuten, gefolgt von sechs Sprints über 100 Meter. Dirigiert wird die Mittelstrecklerin von Ehemann Witali Stepanow, selbst ein passabler Hobbyläufer mit einer Marathonzeit von unter drei Stunden. Das Olympialimit über die doppelte Stadionrunde erbrachte Stepanowa bereits im Vorjahr, aufgrund ihrer Schlüsselrolle bei der Entlarvung des staatlich geförderten Dopingprogramms in ihrer Heimat hat sie aber kein Land, für das sie in Rio antreten könnte. Nun musste die Russin hoffen, dass IAAF und IOC sie unter olympischer Flagge starten lassen, wie auch zehn Flüchtlinge aus unterschiedlichsten Teilen der Erde. Die letztlich negative Entscheidung – laut IOC erfülle sie als ehemalige Dopingsünderin „nicht die ethischen Anforderungen für einen Start“ –  wartete die 30-Jährige im Exil ab, absolviert ihre Einheiten auf der Highschool-Laufbahn einer US-Kleinstadt, eingebettet zwischen selbst im Sommer schneebedeckten Bergriesen: „Ich sage nicht einmal meiner Mutter, wo wir genau leben.“ Das Ehepaar fürchtet um das eigene Leben, wie um jenes des zwei Jahre alten Sohnes und der Familienangehörigen in der Heimat.

Bei der EM als „neutrale“ Athletin gestartet, musste Julija Stepanowa die 800 m bereits im Vorlauf verletzt abbrechen.

Das Training abzubrechen klingt verlockend. Der Rücken zwickt, das Kind ist krank, die Hitze beißt. Nach der Einheit warten weder eine ­therapeutische Massage noch ein vorgefertigtes Mittagessen. Als Doperin war ja alles so viel einfacher. „Ich erinnere mich an meine erste Saison, in der ich EPO genommen habe“, spricht Stepanowa das Jahr 2007 an, als sie dank des Hormons zur Produktionsförderung roter Blutkörperchen in nur acht Monaten ihre Bestzeit von 2:13 Minuten um ganze neun Sekunden drückte. Der durch die ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht“ im Dezember 2014 aufgedeckte Skandal fundiert auf Stepanowas geheimen Bild- und Tonaufnahmen von führenden Funktionären, Trainern und Athleten beim Gespräch über leistungssteigernde Substanzen. Die Enthüllungen führten zu Untersuchungen durch die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, die Russland beschuldigt, ein weitreichendes staatlich subventioniertes, mit Bestechung und Einschüchterung betriebenes Dopingsystem zu stützen. Der Betrug kann bis zum Sommer 2009 zurückverfolgt werden, als sich Witali und Julija zum ersten Mal begegneten.

Der damals 27-Jährige verteilt am Infostand der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada bei der nationalen Leichtathletikmeisterschaft in Tscheboksary Prospekte an Sportler, auch an die 23-jährige 800-Meter-Läuferin Julija Russanowa. Es funkt. Eine Woche später kommt es in Moskau zum Date. Julija erzählt ihrem Rendezvous noch im Auto von den Trainern, den Camps, den Injektionen, den Tabletten. Sie wolle es unbedingt in die Nationalmannschaft schaffen, dafür müsse sie aber am klandestinen Programm festhalten. Witali zeigt sich schockiert. Wohl hatte er vermutet, dass viele russische Sportler dopen würden und die Rusada galant wegschaue, doch kannte er nicht das Ausmaß der Manipulationen. Tags darauf spricht er seinen Chef auf Julijas Behauptungen an. Die Reaktion: Er solle sich besser von diesem Mädchen fernhalten. „Von da an wusste ich, dass Julija die Wahrheit sagt.“

,,Am Anfang hatte ich Angst, doch dann habe ich verstanden, dass es normal ist - und funktioniert.”

Julija Stepanowa, Dopingsünderin a. D.

Julija Russanowa wächst in Kursk unter schweren Verhältnissen auf. Der Vater ist Alkoholiker, schlägt die Ehefrau und seine drei Töchter. „Ich habe immer in Angst gelebt und wollte nur schnell weg.“ Mit 14 sieht sie die Sydney-Spiele im Fernsehen, in jenen Tagen entsteht ihr olympischer Traum. Julija beginnt zu trainieren – hart zu trainieren. Trotz attestierter Veranlagung läuft sie nach drei Jahren der ­Konkurrenz weiter hinterher: „Da habe ich zum ersten Mal Dinge gehört – über Pillen und Spritzen. Ohne nachzuhelfen, würde man es nie ins Nationalteam schaffen, haben die Mädchen gesagt.“ Auch die Trainer erzählen der 800-Meter-Hoffnung, dass die 2-Minuten-Schallmauer ohne pharma­kologische Unterstützung nicht zu knacken sei. Russanowa fasst den Entschluss, mitzumachen. Sie führt von nun an ein detailliertes Logbuch, mit allen Trainingseinheiten, allen Rennen, allen Substanzen: „Am Anfang hatte ich Angst, doch dann habe ich verstanden, dass es normal ist – und funktioniert. Man betreibt denselben Aufwand, doch die Zeiten werden besser.“ 2008 gewinnt sie den nationalen U23-Titel und schafft den Sprung in den russischen A-Kader.

Mit Mann Witali und dem gemeinsamen Kind lebt Julija nun im geheimen US-Exil.

Das erste Date zwischen Witali und Julija findet im August statt. Einer Beziehung geben sie aufgrund der konträren Ansichten zum Thema Doping keine Chance. „Im Oktober haben wir geheiratet.“ Im Dezember einigen sie sich, die Ehe zu beenden. „In Russland läuft eine Scheidung sehr unbürokratisch ab“, erklärt Witali. „Hat man ­keine Kinder, geht man einfach zur Behörde und reicht die Papiere ein. Dann hat man einen Monat Bedenkzeit. Kehren die Beteiligten zurück, werden die Dokumente genehmigt, keine weiteren Fragen, wenn nicht, werden die Papiere zerrissen und die Ehe bleibt bestehen.“ Als sie Ende Dezember die Trennung offiziell vollziehen sollen, ist wegen der Feiertage geschlossen. „Wir haben es als Zeichen gesehen.“

Julija zieht ihr Dopingprogramm weiter durch, zeitgleich korrespondiert Witali heimlich mit der WADA. 2011 wird er aufgrund von „Umstrukturierungsmaßnahmen“ entlassen, die Spannungen zu Hause nehmen zu. „Es ist keine Woche vergangen, in der wir nicht über Scheidung gesprochen hätten.“ Eine Oberschenkelverletzung verhindert Stepanowas Olympiastart in London 2012, mit neuem Umfeld steuert sie das Projekt Rio 2016 an. Die Ehe liegt hingegen in Trümmern. Am 30. Dezember geht das Paar abermals zur Scheidungsbehörde, Beglaubigungstermin ist der 8. Februar. Stepanowa rückt in der Zwischenzeit ins Trainingslager ein. Anfang Februar teilt ihr die IAAF mit, dass wegen Auffälligkeiten in ihrem biologischen Pass eine zweijährige Sperre gegen sie verhängt werde: „Seit ich ein Teenager war, machte ich alles, was die Trainer verlangten. Und jetzt sollte ich die Strafe einfach hinnehmen und schweigen. Ich würde mein Gehalt weiter bekommen und könnte Anfang 2015 das Training für Rio aufnehmen.“ Der anfängliche Schock weicht schnell enormer Wut: „Eine Welt ist für mich zusammengebrochen. Sollten die Leute, die das ganze System aufgebaut haben, ungeschoren davonkommen und ungehindert Athleten weiter dopen können?“ Julija kehrt nach Moskau zurück und trifft sich mit einem Beamten des Sportministeriums. Er versichert ihr, sie würde nach Ablauf der Sperre wieder ins Dopingprogramm aufgenommen werden. Aber jetzt weiß sie: alles Lügen. Doch hat sie ja diesen verrückten, seit Jahren in der Dopingbekämpfung aktiven Ehemann. Apropos: Die Scheidungspapiere zu unterschreiben steht noch auf der Agenda. Witali holt Julija ab und glaubt, sie würden direkt zur Unterzeichnung der Dokumente gehen, doch in einem Revival ihres ersten Dates bleiben sie stundenlang im Auto sitzen und sprechen über die verheerenden Neuigkeiten: ihre Sperre, ihre Fehler, den Verrat durch die Trainer. Sie erzählt Witali vom anstehenden Meeting mit dem Beamten.

Ein ARD-Doku deckte die russischen Doping-Methoden auf.

Also gehen sie die Optionen durch. Eine davon lautet, die belastende Unterhaltung heimlich mit dem Smartphone aufzuzeichnen. Witali würde die kompromittierende Aufnahme der WADA zuspielen, ein ehrenwerter Kampf gegen mächtige Kräfte, mit geringer Aussicht auf Erfolg. Oder sie könnten die Ehe endgültig beenden. Witali fährt Julija ins Ministerium, wo ihre Karriere als Whistleblowerin beginnt. In Erwartung des zerstörerischen Bebens verlassen die Stepanows mit ihrem neugeborenen Sohn eine Woche vor Ausstrahlung der ARD-Doku das Land und ziehen über Berlin in die USA. Die Familie lässt sich zwecks Höhentrainingsmöglichkeiten in den Bergen nieder. Witali wartet noch auf seine Arbeitserlaubnis, derweil lebt das junge Glück von Ersparnissen und einem Privatsponsor. „Die stürmischen Zeiten sind vorbei“, zeigt sich der 34-Jährige optimistisch. „Doping hat fast unsere Ehe zerstört, aber der Kampf gegen Doping hat sie uns zurückgegeben.“ Julijas Mutter, Krankenschwester in Kursk, wird weiter im Spital gemobbt. „Wie konnten Sie einen solchen Judas erziehen?“ Dreht Witalis Vater in Tscheljabinsk im Uralgebirge den Fernseher auf, werden Sohn und Schwiegertochter als Verräter gebrandmarkt. „Sich gegen ein staatlich gestütztes Dopingsystem in seiner Heimat zu stellen erfordert unglaublichen Mut“, muss Usada-Chef Travis Tygart anerkennen. „Auf ihre Art sind sie wahre olympische Helden.“ Die Stepanows sind mit sich selbst im Reinen, auch ohne Antreten bei den Spielen. „Ich bereue nichts“, sagt sie. „Ich bin auch nicht böse auf die russischen Trainer und Funktionäre, ich bin auf mich selbst böse, weil ich Teil des Systems sein wollte, das mich so lange ausgenutzt hat.“