Die Causa Grasser

Zwanzig Jahre nachdem in Nagano das erste packende Kapitel der Hermann-Maier-Story verfasst wurde, muss der Prolog in Teilen umgetextet werden. Das Sportmagazin holt jenen heute 75-jährigen ehemaligen Fahrschullehrer vor den Vorhang, der die Alpinkarriere des lange Verschmähten gegen alle Widerstände in die Erfolgsspur lenkte.

// text:  manfred behr // foto: Bildagentur Zolles KG/Andreas Schaad //

Eigentlich logisch. Es war ein Freitag, der 13., als Hermann Maier mit einem 80-Meter-Flug, Schulter-„Kacherl“, zwei Salti und eineinhalb Schrauben weltberühmt wurde. Freitag, der 13. Februar 1998. Keine 820 Kilometer Luftlinie östlich von Jeongseon übrigens, wo fast auf den Tag genau zwanzig Jahre später wieder um olympisches Abfahrtsgold gebrettelt wird (11.2.).

Am Mount Karamatsu-dake ist an diesem strahlenden Februar-Tag alles angerichtet für die große Hermann-Maier-Show. Vier Tage lange hat es wegen anhaltender Schneefälle kein Training mehr gegeben, nur eine Besichtigung am Renntag. Doch kaum einer bemerkt, dass das Richtungstor am Ende einer Kompression nach 17 Fahrsekunden nicht exakt dort steht, wo es vor den Schneefällen verankert worden ist. Hinzu kommen Rückenwind und ein Schnee „wie Kugellager“ (@ Hannes Trinkl). Eine Stunde später herrscht im Zimmer 332 des Österreicher-Hotels „Weißer Hof“ bereits rege Betriebsamkeit. Maier, der unmittelbar nach dem Sturz zumindest mit einem Schlüsselbeinbruch gerechnet hat, gibt sich wild entschlossen, tags darauf im Super-G an den Start zu gehen – sehr zum Missfallen von Teamarzt Dr. Anton Wicker, der sich deshalb lautstarke Auseinandersetzungen mit Kollegen liefert, daraufhin von Dr. Wulf Glötzer abgelöst wird. Cheftrainer Werner Margreiter macht eine Nominierung Maiers, der alle vier Saison-Super-Gs gewonnen hat, vom aktuellen Wetterbericht abhängig, doch der lässt auf sich warten. So lange, bis die Meldefrist verstrichen ist. Mit dreißig Minuten Verspätung wird das Team (wegen mäßiger Wetterprognose mit dem noch nicht renntauglichen Maier) bekannt gegeben – eigentlich ein Disqualifikationsgrund. Doch der japanische Rennsekretär nimmt die Schuld nach gutem Zureden auf seine Kappe.

Das Vabanquespiel scheint dennoch fehlzuschlagen – Startvorverlegung, keine Wolke am Himmel. Letzter Einlass zur Besichtigung: 6.45 Uhr. In letzter Sekunde taucht Hermann Maier auf. Sichtlich angeschlagen zwar, aber doch. „Die Konkurrenten waren geschockt, man hätte eine Stecknadel fallen hören können“, erinnert sich Margreiter. Als der letzte Vorläufer im Ziel steht, zögert der Startrichter. Bei Tor 1 hat sich eine kleine Nebelschwade eingenistet. Die Trainer der Konkurrenz fordern vehement, das Rennen zu starten. Sie wissen: Einmal gestartet, würde der Super-G wahrscheinlich durchgezogen werden, doch der Startrichter schaltet auf stur. Bis eine hart­näckige Nebelbank weite Teile der Strecke einhüllt. Anderntags ist an ein Rennen ebenfalls nicht zu denken. Von Margreiter befragt, wie es ihm gehe, meint Maier lapidar: „Gut nicht, aber für die reicht’s.“ Er sollte recht behalten. Auch im Riesenslalom, drei weitere Tage später.

Zwanzig Jahre nach­dem die unnachahmliche Maier-Story um das denkwürdige Kapitel Crash–Gold–Gold bereichert wurde, muss der Prolog nach Erkenntnissen des Sportmagazins in Teilen neu geschrieben werden, weil die Bedeutung eines heute 75-jährigen Salzburgers unterschätzt bzw. gar nicht beleuchtet wurde, denn ohne Gerhard Grasser hätte es die einzigartige Athleten-Vita Maier womöglich nie gegeben. Der frühere Fahrschullehrer engagierte sich über Jahrzehnte als Nachwuchsbetreuer beim SC Elsbethen, kannte das mächtig schmächtige Bürschchen aus Flachau von gemein­samen Derbys mit den eigenen Schützlingen. Jahre später saß Grasser dann zum Kaffeetrinken in der Stube von Hermanns Elternhaus – als Begleitung für seine Tochter Nicole, die sich als Skilehrerin in der Skischule Maier angedient hatte. „Hermanns Vater fragte mich damals unvermittelt, ob ich jemanden bei einer Zeitung kenne. Er wolle publik machen, dass man seinen Sohn daran hindert, FIS-Rennen zu fahren. Ich aber riet ihm ab, bot mich vielmehr an, mit ihm zu trainieren, seine Ski zu präparieren, um Starts über Leistung zu erzwingen.“

Forthin traf man sich in diesem Winter 1994/95 ­wochentags um 6.45 Uhr zum Training in Flachauwinkel. „Ich hab sofort gesehen: Der Bursche fährt eine Technik wie sonst keiner, eine, die er sich selbst angeeignet hatte. Damals verlangte die Lehrmeinung, die Knie eng nebeneinander zu führen, Hermann aber fuhr eine hüftbreite Spur von oben bis unten, belastete beide Ski völlig gleich, arbeitete mit den Hüften phänomenal in den Kurven, hatte einen irren Zug am Ski. Und noch was hatte er: keine Angst.“ Auch abseits der Piste. „Als Fahrlehrer wurde mir manchmal mulmig, wenn er auf seinem Motorrad unterwegs war.“ Trotz Maiers einzigartiger Skills gelang es zunächst nicht, bei den Funktionären des Salzburger Skiverbandes einen Meinungsumschwung herbeizuführen. „Schau, wie O-haxert der daherkommt“, bekam Grasser zu hören. Und außerdem sei der Möchtegern-Skigott mit 21 ohnehin zu alt. Hinzu kam eine kleine „Jugendsünde“ Maiers: Der gelernte Maurer lechzte derart nach Renneinsätzen, dass er im Jänner 1995 beim Profirennen auf der Planai (die Initialzündung für das spätere Schladminger Nightrace) an den Start ging – und sich dort als sein Bruder ausgab. Der Schwindel flog auf. Kein Kavaliersdelikt in jenen Tagen, als sich die FIS und ihr Mitglied ÖSV auf der einen und die US-Profi-Tour auf der anderen Seite unversöhnlich gegenüberstanden. Mit einem „Gauner“ wolle man sowieso nichts zu tun haben, bedienten sich die Funktionäre nun eines zusätz­lichen Arguments.

Gerhard Grasser aber ließ nicht locker: „Ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker, wollte diese Engstirnigkeit einfach nicht akzeptieren.“ Schließlich ließ er ­seine Kontakte zum damaligen Europacup- und späteren Herren-Cheftrainer Giger spielen: „Toni, ich hab da einen gewaltigen Skifahrer an der Hand, wie es im Land keinen zweiten gibt.“ – „Das kann jeder sagen. Auf Kunstschnee und Eis schaut das meist gleich ganz anders aus.“ – „Im Gegenteil, da ist er noch stärker!“ Giger ließ sich erweichen und beauftragte den Landesverband, das „betagte“ Talent (mittlerweile 22) für die österreichischen Meisterschaften zu melden, wartete geduldig, bis die Startnummer 123 auf arg ramponierter Piste nicht ohne Schnitzer zu Tal kurvte. Seine Expertise: „Die schwierigste Kurve des Kurses ist er am besten von allen gefahren.“ Was dem Spätberufenen weitere ÖMS-Einsätze am Semmering einbrachte, darunter einen 18. Platz im Riesen­slalom – und einen ersten Autogrammwunsch. „Eine 70-, 80-jährige Frau ließ es sich nicht nehmen, Hermann neben Formel-1-Größen und Skistars unterschreiben zu lassen. Eine echte Kennerin“, erinnert sich Gerhard Grasser lächelnd. Da Maier in besagtem Riesentorlauf als bester Salzburger auf der Ergebnisliste aufschien, konnte nun selbst der Landes­verband nicht mehr anders, als den lange Verschmähten ins Team zu integrieren und zu FIS-Rennen zu entsenden. Grassers Schuldigkeit als Trainer und Servicemann war damit getan. Im nächsten Winter folgte Maiers legendärer Auftritt als Vorläufer beim Weltcup in Flachau, dadurch bedingt sein Europacup- und kurz darauf sein Weltcupdebüt. Der Rest ist Geschichte.

Auch für Gerhard Grasser hat sich das Investment letztlich gelohnt, wenngleich nicht monetär. „Gegen Ende unserer Zusammenarbeit habe ich einmal zu Hermann gesagt: ‚Wenn du wirklich den Durchbruch schaffst, wäre es nett, wenn du meinen Einsatz abgelten könntest.‘ Schließlich bin ich jeden Tag von Salzburg nach Flachauwinkel und retour gefahren, habe Material besorgt, meinen gesamten Urlaub investiert. Aber Hermann war ein sehr sparsamer Mensch. Kurz darauf bekam ich einen Anruf von seiner Mutter: ‚Heute ist der Ski aber gar nicht gegangen.‘ Ausgerechnet jetzt. Natürlich wusste ich, was man mir damit mitteilen wollte.“ Groll hegt Grasser wegen seiner unfreiwilligen Ehrenamtlichkeit keinen: „Erstens ist alles viel zu lange her, zweitens habe ich damals unheimlich viel gelernt und drittens haben mir all die Funktionäre, die mich einen ‚Volltrottel‘ genannt haben, weil ich in ‚den Maier so viel Zeit stecke‘, ihre Anerkennung ausgedrückt.“ Auch Hermann Maier selbst hat Grassers Anteil am Heldenepos nicht ver­gessen. Als der „Herminator“ im Spätherbst 2009 seinen Abschied vom Rennsport zelebrierte, fand man für den frühen Wegbegleiter einen würdigen Platz – am Familientisch.