Der Richter und sein Lenker

David Gleirschers Gold im Einsitzer traf die Rodelszene in Pyeongchang reichlich unvermittelt. Ein Zoom auf das Kunstwerk ÖRV enthüllt aber: Der Zufall spielte dabei nur bedingt Regie. Nun ist der Olympiasieger wild entschlossen, das Image des One-Hit-Wonders ganz schnell loszuwerden.

||Text: Manfred Behr||Foto: Getty Images/Mason||

Ein paar juristische Vorkenntnisse können im Sport nie schaden, denn wir wissen ja: Der Cup, Derbys, Weltmeisterschaften, Olympische Spiele, also eigentlich eh so ziemlich alles, haben eigene Gesetze. Logisch, dass die „eigenen Gesetze“ auch vor den Rodelbewerben bei den Pyeong­chang-Spielen nicht haltmachten. Nur dass sie dort gleich von einem „Scharfrichter“ exekutiert wurden. Die martialische Diktion stammt übrigens von den Rodlern selbst, die mit dieser Bezeichnung der gefürchteten Kurve 9 im Alpensia Sliding Centre ihren Schrecken nehmen wollten – vergeblich. Keiner der sechs favorisierten Weltcup-Saisonsieger klassierte sich in den Medaillenrängen.

Gold und Silber gingen hingegen an David Gleirscher und US-Boy Chris Mazdzer, die Nr. 12 und 18 des Weltcuprankings. Deren Podestausbeute 2017/18: null. Sensationssieger? Zweifellos. Zufallssieger? Nicht im mindesten. „Uns ist da eine taktische Meisterleistung gelungen“, freut sich Tobias Schiegl, Technikchef im Österreichischen Rodelverband. „Das Eis ist vor dem letzten Lauf um die Kurve 9 immer kälter und rutschiger geworden. Darauf­hin haben wir Davids Kanten ein wenig geschärft, damit er auch mit einem allfälligen kleinen Fahrfehler sicher durch diese Kurve lenken kann. Die Deutschen hingegen wollten noch einen draufsetzen, haben bei Leader Felix Loch (dreifacher Olympiasieger, Anm.) auf noch rundere Kanten gesetzt. Der Schuss ging nach hinten los.“

Gerade einmal 22 Tage lagen zwischen der Qualifikations-Punktlandung (Gleirscher holte beim Weltcup in Lillehammer exakt den nötigen 6. Platz) und dem Goldrutsch. Zu wenige, um die Olympiareise der Familie in die Wege zu leiten. Die organisierte auf dem Dachboden des Elternhauses ein Public Viewing. Mit dabei: Vater Gerhard, dreimal Siebenter bei seinen drei Olympiaeinsätzen und lange Trainer des Juniors. Nicht dabei: Großvater Vinzenz Hörtnagl. Die Gewichtheber-Legende nahm zweimal an Sommerspielen teil und wurde 8. und 5.

Gleirschers Coup war schon 2017 ruchbar geworden, als er in Alpensia einen neuen Bahnrekord markierte, der bis zu den Spielen Bestand hatte. „Dabei bin ich alles andere als ein Trainingsweltmeister“, grinst der 24-jährige Familienvater. In den Rennen fehlte es hingegen weniger an Speed als an Konstanz. „Einen von zwei Läufen hat er fast immer verbockt. Dass er bei Olympia gleich vier ­Fahrten ohne Schnitzer ins Ziel bringt, war so nicht ganz zu erwarten“, staunt Schiegl, der nun auf olympischen ­Rückenwind hofft: „Mental hat ihm die Goldmedaille viel gebracht, das sieht man an seinen Fahrten.“ Gleirscher selbst gibt sich nicht der Illusion hin, dass ihn der Olympiasieg per se zu einem besseren Rodler gemacht hat: „Was mir sehr wohl hilft, ist aber, dass der Qualifikationsstress wegfällt. Dadurch kam ich viel mehr zum Materialtesten als in der Vergangenheit. Bei den Trainingskursen habe ich mich mit meinem Zimmerkollegen Wolfgang Kindl gematcht. Wenn du dem Paroli bietest, musst du ganz gut dabei sein.“ Den Beweis gilt es am 24./25. November beim Weltcupstart in Igls, 25 Autominuten von seiner Stubaier Heimat, anzutreten.

Was Anlass zu weiterem Optimismus gibt: Der ÖRV mausert sich zusehends zum Vorzeigeverband. Noch vor ein paar Jahren fuhren die Deutschen mit uns in Sachen Material Schlitten, mittlerweile aber befindet man sich auf Augenhöhe. Tobias Schiegl: „Uns gelangen immer wieder schnelle Prototypen, von Hand gefertigt in unserem Keller, aber wir wussten nicht, warum dieses Material schnell war, hatten auch keine Chance, es zu reproduzieren. Genau dort wollte ich ansetzen.“ Heute verweist man stolz auf weitreichende Kooperationen mit namhaften ­Unternehmen, auf die Firma Gerg nahe München etwa, die auch Chassis für den Motorsport fertigt, oder die ober­österreichische Firma Rübig, die für die Beschichtung der Schienen verantwortlich zeichnet.

Auch die personelle Neuausrichtung im ÖRV deutet auf weitere Höhenflüge hin. Rodel-Legende Markus Prock übernahm im Juni das Präsidentenamt, trug binnen kürzester Zeit das stockende Projekt einer Kunsteisrodelbahn in Bludenz über die Ziellinie. Naturbahnrodler Helmut Ruetz amtiert neuerdings als Generalsekretär, Chef­trainer René Friedl auch als Sportdirektor, Peter Penz und Georg Fischler, die Olympia-Silbernen von Pyeongchang im Doppelsitzer, heuerten als Schiegls rechte Hand bzw. als Athletikcoach an. Die ursprünglich angepeilte Fusion mit dem Bob- und Skeletonverband liegt hingegen fürs Erste auf Eis. Vielleicht eh besser so, denn auch Verbandszusammenführungen haben eigene Gesetze – komplizierte Gesetze, für deren korrekte Auslegung man womöglich einen Richter braucht. Und nicht immer ist einem der so wohlgesonnen wie damals in Kurve 9.