Der Mann hinter Über-Adler Stefan Kraft im Interview

Paradox: Das Erfolgs­geheimnis von Österreichs derzeit erfolgreichstem Skispringer, dem Doppelweltmeister, Gesamtweltcupsieger und Skiflugweltrekordler Stefan Kraft, liegt ausgerechnet in dem unbedingten Wunsch, am Boden zu bleiben. Warum, erzählt uns sein Mentor & Coach ­Patrick Murnig, der mit seiner Consulting-Firma JumpandReach auch Krafts Zimmerkollegen Michael Hayböck unter die Fittiche genommen hat.

//Text: Fritz Hutter //Fotos: Getty Images/Heathcote, JumpandReach

Sportmagazin: Was tust du für Stefan Kraft?

Patrick Murnig: Meine Arbeitsweise als systemischer Coach beinhaltet die Erarbeitung eines individuellen Konzepts rund um Stefans Entwicklung, wobei für mich die Persönlichkeitsentwicklung im Mittelpunkt steht. In weiterer Folge ist es meine Aufgabe, darauf zu achten, dass wir auf dem richtigen Weg bleiben und gleichzeitig sein System mit ihm gemeinsam ständig weiterbringen. Mein persönliches Fundament als Sportwissenschaftler und -ökonom ist die inzwischen bereits 17 Jahre lange Arbeit mit Spitzensportlern in völlig unterschiedlichen Sportarten. Diese eher ungewöhnliche Breite in der Betreuung von Sportlern lieferte mit der Zeit einen detaillierten und facettenreichen Einblick in unterschiedliche Sportarten und machte dabei ein klares Muster erkennbar, das in jeder einzelnen Sportart super viele Ähnlichkeiten im Umfeld von Sportlern zeigt. Dabei dreht es sich immer um unzählige ähnliche Bausteine wie z. B. persönliches Umfeld, Training, Regeneration, eventuell Material, aber auch um Parameter wie die Ernährung, die für den Weg eines Spitzensportlers wichtig sind und dann in einem angepassten individuellen Konzept zusammengefügt werden. Ich bin dabei so etwas wie ein Taktgeber, der dieses Puzzlespiel begleitet und Stefan hilft, es immer weiter zu verfeinern.

Was ist der Weltklassesportler Stefan Kraft für ein Mensch?

Für mich persönlich im Herzen immer noch der Bub, der er am Beginn unserer Freundschaft war und der durch seine Erfahrungen und Persönlichkeitsentwicklung gereift ist. Am Anfang hat er zu mir gesagt, Patti, ich möchte unbedingt so bleiben, wie ich bin, und mich nie verstellen müssen – du musst das so bauen, dass das funktioniert. Und daran arbeiten wir permanent. Eine große Herausforderung, aber bis jetzt haben wir es super geschafft.

Welche Stärken machen seinen Charakter dazu noch aus?

Er ist einfach ein herzensguter Mensch – was übrigens, bei aller Verschiedenheit, auch für den Michi gilt –, der aus seiner Intuition und aus seinem Bauchgefühl heraus lebt, den man sich als Freund nur wünschen kann und der fähig ist, eine unglaubliche Freude zu entwickeln.

Michael-Hayböck,-Stefan-Kraft,-Patrick-Murnig
JumpandReach-Gründer Patrick Murnig (re.) mit seinen Freunden und Klienten Stefan Kraft und Michael Hayböck. Mehr über seinen Coaching-Ansatz unter www.jumpandreach.com

Die Fähigkeit zu tief empfundener Freude ist nicht jedem gegeben. Ist sie für Stefan Kraft auch sportlich dieses ganz spezielle Zusatztriebwerk? ­

Sicher, aber natürlich braucht es im Spitzensport diesen ganz besonderen Ehrgeiz, um erfolgreich zu sein. Und natürlich trägt Stefan auch diesen definitiv in sich. Das kann sich auch beim Aufwärmen mit Michael und den anderen Skispringern oder bei harmlosen Fußballtennispartien ­äußern. Man merkt, wie es ihn anzipft, wenn er da einmal nix gewinnt (lacht).

Der Doppelweltmeistertitel von Lahti muss auch für dich einer der schönsten Momente in eurer Zusammenarbeit gewesen sein.

Das bin ich zuletzt öfter gefragt worden, aber für mich zählt in unserer ganzen Skisprung­historie mit Stefan und Michael Hayböck noch viel mehr, wie die beiden bei der Vierschanzentournee 2014/15, bei der sie ja sportlich Erster und Zweiter geworden sind, unsere Philosophie gemeinsam perfekt vorgelebt haben. Da ist unser ­Spirit an Werten, an Respekt und an Freundschaft im Vordergrund gestanden – das war mein glücklichster Moment, weil ich gesehen habe, dass die beiden ein super Feedback für ihr natürliches Auftreten bekommen haben und trotzdem erfolgreich waren.

Trotzdem, eine WM, die Tournee oder Olympia liefern definitiv ein anderes Getöse als ein x-beliebiges Weltcupspringen. Wie reagiert Stefan Kraft darauf, im Brennpunkt zu stehen?

Wenn man die Bilder sieht und sich überlegt, was die Journalisten gesagt haben, wie supercool es war, ganz unkompliziert Interviews zu kriegen, wie nahbar er und auch der Michi waren, dann kommt man schnell zurück an den Ausgangspunkt unserer Zusammenarbeit: dass er einfach so sein will und darf, wie er ist. Wenn ihm das möglich ist, dann ist es meistens egal, auf welcher Schanze er steht.

Was stresst ihn?

Natürlich geht es auch ihm auf die Nerven, wenn es einmal nicht so läuft, wie er sich das vorstellt. Und dann sieht unser vorher skizziertes Konzept eben vor, dass es meine Aufgabe als sein Begleiter ist, Inputs zu liefern, die meiner Meinung nach helfen können, egal, ob im beruflichen wie möglicherweise auch im privaten Bereich.

Zum Zeitpunkt unseres Interviews, knapp vor Redaktionsschluss und zwei Wochen vor dem Weltcupfinale, hat Stefan Kraft vom polnischen Tourneesieger Kamil Stoch auch noch die Führung im Gesamtweltcup übernommen. Deine Bilanz?

Die Saison war ohne Zweifel großartig. Selbst die Vierschanzentournee, wo wir sprichwörtlich eine in den Magen bekommen haben (Anm.: sowohl Auftaktsieger Kraft wie auch Zimmerkollege Michael Hayböck waren von einem Magen-Darm-Virus geschwächt), hatte vielleicht etwas Positives. Ich habe ihm gesagt, dass die erzwungenen Ruhetage später in der Saison noch ein Vorteil sein könnten. Also noch mal: Die Saison ist ein Wahnsinn und toll und mega, aber nach der WM noch nicht fertig. Und wollen mitnehmen, was geht. Ich habe eine unglaubliche Gaudi mit der Entwicklung, aber es gilt, wieder bis zum Schluss den Fokus zu behalten (Anm: Nach Redaktionsschluss folgten der Weltrekord im Skifliegen mit 253,5 m, der Gesamtweltcupsieg und jener in der Flug-Wertung). Und genau mit dieser Devise werden wir auch in die anstehende Olympiasaison gehen.

Worauf muss einer wie er aufpassen?

Nur bei den Schnittenpackerln, die er von seinem Kopfsponsor regelmäßig aufs Zimmer geschickt bekommt (lacht), sonst fällt mir grad nix ein, weil er einfach viele Dinge richtig macht.

Hier noch einmal und zum Genießen Stefan Krafts Weltrekordflug von Vikersund: