Der König von Ägypten

Mohamed Salah hat die spektakulärste Saison aller WM-Teilnehmer hinter sich. Schießt der „Killer mit dem Lächeln“ jetzt sogar Ägypten ins Finale?

Text: Markus Geisler //Foto: Getty Images/Liverpool FC/Powell

Wer wissen will, wie man Druck standhält, ­sollte sich die Nachspielzeit des WM-Qualifikationsspiels Ägypten gegen Kongo zu Gemüte führen. Es steht 1:1, mit einem Sieg wäre Ägypten erstmals seit 28 Jahren wieder bei einer WM-Endrunde, der Schiedsrichter pfeift Elfmeter für die Gastgeber – und das Stadion inklusive Auswechselbank rastet komplett aus vor Freude. Anspannung? Restzweifel? Keine Spur. Jeder spürt in diesem Moment: Mo Salah wird’s schon richten. Und er richtet. Mit seinem genialen linken Fuß drischt er den Ball in die rechte Ecke, danach brechen alle Dämme. „Die haben keine Sekunde daran gezweifelt, dass der Ball reingeht“, wunderte sich Jürgen Klopp, Salahs Trainer beim FC Liverpool, später. „Diese Nerven musst du erst einmal haben.“

Als wäre die Geschichte nicht schon kitschig ­genug, wurde parallel zu den Ereignissen im Stadion in Salahs Elternhaus eingebrochen. Die Diebe wurden gefasst, zu einer Bestrafung kam es aber nicht. Salah verzieh ­ihnen, schenkte ihnen Geld und half ihnen, einen Job zu finden. Großmut, der aus Sportstars Helden macht. Und der dazu führt, dass Salah in Ägypten als unendlich viel mehr wahrgenommen wird als ein sensationeller Fuß­baller, wie der in Kairo lebende ORF-Korrespondent Karim El-Gawhary im Interview (s. S. 54) erklärt.

Dabei ist die Geschichte des Fußballers Mo Salah schon spektakulär genug. Mit 15 fährt er fünfmal die Woche viereinhalb Stunden mit dem Bus zum Training und wieder zurück, mit 17 debütiert er für Nadi El Mokawloon El Arab El Riyadi (auch bekannt als Arab Contractors) in der höchsten ägyptischen Liga, kurz darauf wird er erstmals ins Nationalteam einberufen. 2012 schießt er für Ägyptens Olympiaauswahl zwei Tore in einem Testspiel gegen Basel – und wird vom Schweizer Serienmeister zum Probetraining eingeladen. „An den ersten beiden Tagen hielt er nicht, was die Videos versprachen, am dritten Tag aber saß jeder Schuss“, erinnert sich der damalige Trainer Heiko Vogel, heute bei Sturm Graz. Eine Vorschau auf das, was folgte, denn in seinen zwei Jahren in der Schweiz galt Salah sowohl als Chancentod als auch als Mann für die wichtigen Treffer, der den Klub an der Seite von Aleks Dragovic bis ins Halbfinale der Europa League schoss. „Er hatte zu dieser Zeit noch Probleme beim Abschluss“, ­erinnert sich der damalige Basel-Keeper Yann Sommer in einem Spox-Interview.

Man kann José Mourinho zugutehalten, dass er Salahs Talent trotzdem erkannte und den Rechtsaußen 2014 zu Chelsea holte. Vorwerfen muss man ihm, dass er nicht mit ihm umgehen konnte. Er kreidete ihm Schwächen im Defensivverhalten an, ließ ihn oft auf der Bank schmoren und schickte ihn letztendlich erst nach Florenz, dann zu AS Roma. „Ich habe seine Fähigkeiten sehr wohl gesehen“, ver­teidigte sich der Por­tugiese später. „Aber erst in Italien hat er die Reife erlangt, die auf diesem Niveau nötig ist.“ Zumindest Teil zwei der Aussage ist unbestritten richtig. In Florenz, wo er in Gedenken an die 74 Todesopfer des „Massakers vor Port Said“ mit der Nummer 74 spielte, ließ er mit wichtigen Toren gegen Inter und Juve aufhorchen. Und in Rom, wo ihn Luciano Spalletti auch mit den Grundzügen italienischer Defensivarbeit vertraut machte, wurde er endgültig zum gefeierten Goal­getter, erzielte 34 Tore in 83 Spielen. Und rief damit Jürgen Klopp, der Salah schon 2014 nach Dortmund holen wollte, erneut auf den Plan. „Als wir uns trafen, haben wir drei Stunden geredet. Ein fantastisches Gespräch. Er war offen, hat die ganze Zeit gelacht“, erinnert sich der Deutsche.salah_GettyImages-859216018

Danach schloss er den Schnäppchen-Deal des Jahres ab. Während vergangenen Sommer so mancher Spieler für einen dreistelligen Millionenbetrag über die Theke ging, verpflichtete Liverpool Salah für 42 Millionen. Ende April stand Salah bei 43 Pflichtspieltoren – ein ­besseres Preis-Leistungs-Verhältnis wird sich auf diesem ­Level schwer finden lassen. Nie traf ein Spieler in seiner Debütsaison in England so oft wie Salah (Fernando Torres, der zweitbeste in diesem Ranking, kam 2007/08 auf 33 Tore). Was auch daran liegt, dass der 25-Jährige mit seiner Aggressivität und Schnelligkeit wie gemacht scheint für Klopp-Fußball, der auf Gegenpressing und überfallsartigem Umschaltspiel ­beruht. „Er könnte in einem Rennen gegen Usain Bolt mithalten“, sagte einmal Ex-Trainer Murat Yakin (Basel) über ihn. Und was zudem beeindruckt, ist die Lockerheit, die lässig-freund­liche Art, mit der Salah seine Gegner vernascht und Tor um Tor erzielt. Und das, ohne in dieser Saison auch nur eine einzige Gelbe Karte gesehen zu haben. Was der englische „Guardian“ so zusammenfasst: „Der Typ killt dich mit einem Lächeln.“

Afrikas Fußballer des Jahres, Premier-League-Spieler des Jahres, Champions-League-Finalist, womöglich Gewinner des Goldenen Schuhs (nach Redaktionsschluss) – kein WM-Teilnehmer kommt mit einer spektakuläreren Saison im Rücken zum Turnier. Dabei kann die WM selbst zur ganz großen Krönung seines großartigen Jahres werden – und nicht nur, weil er am Tag des Auftaktspiels gegen Uru­guay seinen 26. Geburtstag feiert. Unter Trainerfuchs Héctor Cúper verfügt Ägypten über eine stabile Defensive und wer vorne einen Mann hat, der in 57 Länderspielen 33 Treffer und 18 Assists zu Buche stehen hat, kann sich durchaus Chancen ausrechnen, weit zu kommen, auch wenn der Marktwert des restlichen Kaders gerade einmal etwa die Hälfte der 80 Millionen ausmacht, die transfermarkt.at für Salah veranschlagt. „Mo hat sich in den letzten beiden Jahren zu einem der besten Spieler der Welt entwickelt“, sagt Cúper. „Die Schwierigkeit ist jetzt, diesen Status zu erhalten.“ Die WM wird einen Hinweis darauf geben, ob Salah dieses Unterfangen gelingt. Dass er auch dem größten vorstellbaren Druck standhält, hat er ja bereits bewiesen.