Der Held von Bern

Zu Besuch bei Meistermacher Adi Hütter. Wie er den Young Boys das Scheitern austrieb, warum er der Mann für die heiklen Missionen ist und welches neue Ziel er jetzt schon im Kopf hat.

//Text:  Markus Geisler // Foto: Getty Images/ullstein Bild/Otto

Sollte Adi Hütter so etwas wie Anspannung ­verspüren, lässt er sie sich nicht anmerken. In seinem schwarz-gelb gebrandeten Young-Boys-Flitzer cruist er lässig auf den Parkplatz des Berner Stade de Suisse, das helle Sakko flattert im Wind, die Gesichtszüge zeugen von Tiefenentspannung.

Kommt so jemand daher, der in ­wenigen Wochen Schweizer Fußballgeschichte schreiben und mit dem Hauptstadtklub den ersten Meistertitel seit 32 Jahren gewinnen kann? Vielleicht liegt die Gelassenheit ja daran, dass Hütter ein Spezialist für heikle Fälle ist. In Grödig führte er einen vom Wettskandal gebeutelten Aufsteiger in den Europacup.

In Salzburg trat er das schwere Erbe von Roger Schmidt an und holte souverän das Double. Doch jetzt bei den Young Boys scheint ihm das größte Husarenstück seiner Trainerkarriere zu gelingen. Seit dem letzten Titelgewinn 1986 stand YB (ausgesprochen Ibe) für gepflegtes Scheitern, dramatische Niederlagen und peinliche Ausrutscher. „Veryoungboysen“ gehört mittlerweile zum Schweizer Sprachgebrauch und wird benutzt, wann immer das Wort verlieren zu gewöhnlich erscheint.

„Auf meiner ersten Pressekonferenz wurde ich gefragt, ob ich weiß, was veryoungboysen bedeutet. Ich hatte zwar keine Ahnung, wusste aber sofort: Wir müssen das Wort so schnell als möglich vertreiben“, erzählt Hütter im Restaurant „Eleven“, gleich neben dem Stade de Suisse. Und gönnt sich einen Schluck von seinem Cappuccino.

Das hat der 48-Jährige eindrucksvoll geschafft. 13 Punkte beträgt der Vorsprung auf Serienmeister FC Basel, der zuletzt acht Championate in Serie holte, außerdem steht man im Cöppfinal, wie der Schweizer sein Cup-Endspiel nennt. Eine sensationelle Performance, die umso höher zu bewerten ist, wenn man bedenkt, dass vergangenen Sommer Spieler im Wert von 22 Millionen Euro den Verein verlassen haben und jetzt in Gladbach, Freiburg oder Leipzig unter Vertrag stehen. „YB wäre kein Zufallsmeister, sondern ein würdiger Titelträger“, sagt Trainer-Legende Ottmar Hitzfeld im Gespräch mit dem Sportmagazin. „Sie haben zwar klasse Individualisten, die muss man aber erst einmal zu einem guten Team formen. Das ist das Verdienst von Adi Hütter. Er ist unaufgeregt, gibt gute Interviews, bleibt immer sachlich. Er hat das Team im Griff.“ Wertschätzung, die sich Hütter erarbeitet hat. Er hat seiner Mannschaft einen variablen Spielcode implementiert, der für die Gegner nicht zu dechiffrieren ist. „Zu Beginn ließ er kompromissloses­ Red-Bull-Pressing spielen“, erzählt Fabian Ruch, Redakteur der Berner Zeitung. „Als er merkte, dass sich die Gegner darauf einstellten, ist er in der Spielanlage unberechenbar geworden. Das ist sicher ein Erfolgsgeheimnis.“ Ein anderes: Hütter schafft es, den Hunger nach Erfolg in seinem Team hochzuhalten. Wer auch nach 19 Saisonsiegen Zufriedenheit ausstrahlt, wird zu einem Gespräch gebeten. „Wenn ich spüre, dass es einer nonchalant angehen lässt, stehe ich sofort parat“, sagt er. Getreu seiner Formel: Zufriedenheit = Stillstand = Rückschritt.

Hütter war sich auch nicht zu schade, bei den Berner Eishacklern, deren Halle nur einen Schlagschuss vom Stade de Suisse entfernt ist, Anleihe zu nehmen. Während die Young Boys seit dem Cupsieg 1987 titellos blieben, gewann der SC neun Meisterschaften, und das seit vielen Jahren vor der europäischen Rekordkulisse von mehr als 17.000 Zuschauern pro Spiel. „Ich bin immer mal wieder drüben und sauge die tolle Atmosphäre auf. Und auch wenn es unterschiedliche Sportarten sind, geht es um Teamspirit, Mentalität, darum, zum richtigen Zeitpunkt Spiele zu gewinnen.“ Was seinen Burschen mittlerweile auch gelingt. Unter den Top 6 des Torjäger-Rankings finden sich vier Berner Profis, die YB-Viertelstunde (analog zu der von Rapid) ist in der ganzen Schweiz gefürchtet. Und trotzdem ist die Skepsis nicht totzukriegen, die Angst, auch den sichersten Vorsprung noch zu vergeigen. „Veryoungboysen“ kommt schließlich nicht von ungefähr. „Die Geschichte lässt die Leute nicht los, das ist aber auch verständlich“, sagt Hütter. „Und trotzdem merke ich immer öfter: Jetzt glauben die Menschen wirklich daran, dass wir es schaffen können.“ Vor allem, nachdem Verfolger Basel am Ostermontag nicht über ein 2:2 im direkten Duell hinauskam. Zuletzt war die 31.000 Zuschauer fassende Arena, die exakt an der gleichen Stelle wie das legendäre Wankdorfstadion steht, immer öfter bummvoll. Und der gemeinsame Traum von der Champions League ist in jedem Sektor greifbar. Als Meister würde YB direkt ins Play-off einsteigen und müsste nur eine Runde überstehen, um erstmals seit 1986 in die ­Königsklasse einzuziehen. Eine riesige Chance – für den Klub, aber auch für Adi Hütter: „Ich durfte als Spieler mit Salzburg die Hymne hören, einmalig, dieses Flair. Und natürlich denke ich mir, wenn ich im Fernsehen die Spiele verfolge: Genau dort möchtest du eines Tages selbst einmal stehen.“

Eine allerdings auch heikle Angelegenheit, denn kaum jemand, der es mit den Young Boys hält, hegt die Hoffnung, dass Hütter seinen bis 2019 datierten Vertrag auch wirklich erfüllen wird. Zu groß sind die Meriten, die er sich in den letzten Jahren erworben hat. Schon in dieser Saison hätte er zu Werder Bremen oder als Koller-Nachfolger zum ÖFB wechseln können. „Die Anfrage aus Österreich war eine Ehre, aber mir war relativ schnell klar, dass ich noch zu gern Klubtrainer bin. Wenn man hier die Möglichkeit hat, nach 32 Jahren wieder Meister zu werden, kann man nicht so einfach weggehen“, sagt Hütter. Und wenn die Mission erfüllt ist? Ist alles offen. „Ich habe dem Klub gegenüber ganz offen kommuniziert, dass mein langfristiges Ziel die deutsche Bundesliga ist. Es müsste allerdings alles zusammenpassen, wenn ich den Schritt schon in diesem Sommer machen sollte. Wenn ein Angebot kommt, müsste ich es mir in Absprache mit allen Beteiligten überlegen.“ Der Blick Richtung Weltmeister-Liga kommt nicht von ungefähr. Mitte der 90er-Jahre hätte der Spieler Hütter zu 1860 München gehen können – und entschied sich dagegen. Eine Absage, die er heute bereut: „Ich war damals in Salzburg in einer Komfortzone, mir ging es zu gut. Ich war Kapitän, hatte die Chance, zum dritten Mal Meister zu werden. Da habe ich es nicht riskiert zu gehen.“ Damals schwor er sich: „Sollte ich noch einmal die Möglichkeit bekommen, ins Ausland zu gehen, werde ich sie ergreifen.“

Klar ist: Das Trainerkarussell in Deutschland wird demnächst mächtig Fahrt aufnehmen. Und auch wenn es nicht für Klubs wie Bayern oder Dortmund reicht, wird durch die Vakanz dieser beiden Trainerstühle einiges durcheinandergewirbelt. Zwischen Frankfurt und Gladbach hat sich jedenfalls herumgesprochen, dass die Marke Hütter für eine klare CI steht: spektakulären und ergebnisorientierten Offensivfußball mit bemerkenswert hoher Erfolgsquote. Seit Hütter vor neun Jahren als Trainer begonnen hat, beendete er keine Saison schlechter als auf Rang drei. Mit Altach scheiterte er nur hauchdünn am Ziel Wiederaufstieg. Mit Grödig schaffte er den Sprung ins Oberhaus und kam in den Europacup – trotz des Wettskandals rund um Dominique Taboga: „Ich war damals kurz davor, als Trainer hinzuschmeißen, konnte damit nicht umgehen, dass ein Spieler so etwas macht. Die heikelste Phase meiner Karriere.“ In Salzburg war er Nachfolger von Spieler-Liebling Roger Schmidt, musste den Mané-Skandal moderieren (der Senegalese provozierte seinen Abgang mit einem Streik vor der CL-Quali gegen Malmö), die Abgänge von Kevin Kampl und Alan verkraften und holte trotzdem unangefochten das Double:­ „Wir haben in dieser Saison junge Spieler wie Marcel Sabitzer und Naby Keita eingebaut und sind unserer Favoritenrolle gerecht geworden.“ Dass die Trennung nach nur einer Saison von unglücklichen Wortmeldungen ­begleitet wurde („Ich sehe mich nicht als Ausbildungstrainer“) blieb nicht an Hütter hängen, auch weil er in Bern direkt zweimal Vizemeister wurde. Und jetzt vor dem größten Wurf seiner Trainerkarriere steht. „Man munkelt, dass bei einer YB-Meisterfeier 50.000 Fans auf den Beinen wären, die Stadt explodieren würde“, prophezeit Zeitungsmann Ruch. Ob Hütter dann immer noch so gelassen bliebe? Wohl kaum.