Der g’rupfte Ferdl

Fernando Alonso ist – vielleicht – der beste Pilot der Welt. Gewonnen hat er aber seit Jahren nichts. Wie ein Supertalent mit einer Serie von Fehlentscheidungen in eine Sackgasse raste und es sich mit allen Top-Teams verscherzte. Letzte Ausfahrt zum Glück: Amerika.

// Text: Gerald Enzinger // Foto: Imago

44 PS – so stark war das Renn-Kart, mit dem Max Verstappen am 12. Mai 2013 testete, zwischen seinen Siegen in Preceniccio bei Udine und im bayrischen Wackersdorf. Niemandem war an dem Tag bewusst, das er historisch werden sollte, denn in Barcelona gewann Fernando Alonso (gegen den einst schon Verstappens Vater Jos in der Formel 1 gefahren war) den Grand Prix von Spanien. Ferrari war wieder bärenstark, Experten visionierten: „Das war die Wende im Duell mit Red Bull. Von den nächsten sechs Rennen gewinnt Alonso wahrscheinlich fünf.“ Bis heute hat Fernando Alonso, einer der besten Rennfahrer aller Zeiten, aber nie mehr einen GP gewonnen. Das Kart-Kind Verstappen schaffte in dieser Zeit den Sprung zum Formel-1-Sieger.

2006 und mit 25 war Alonso der bis dahin jüngste Formel-1-Weltmeister aller Zeiten. Nun, mit knapp 36, ist der Spanier der schnellste Don Quijote seit der Motorisierung der Menschheit – einer aber, der immer auf das falsche Pferd setzt. Zu McLaren ging er, als dort gerade ein noch schüchterner Bub namens Lewis Hamilton die Welt eroberte. Zu Renault kehrte er zurück, als Flavio Briatore gerade mit dreckigen Tricks den Abstieg verhindern wollte. Seinen Lebenstraum Ferrari erfüllte er sich, als Maranello unter dem überforderten Stefano Domenicali und nach dem ­Abgang der größten Generation aller Zeiten führungslos im Chaos versank. Und dann setzte er erneut auf McLaren – just als dort Honda wieder das Ressort Antrieb übernahm und in ein Ressort Antrieb-Losigkeit verwandelte und das Team in einem Machtkampf zerfiel. Seit einem Dutzend Jahren ist Fernando Alonsos Karriere von einer Konstante geprägt: Er sitzt zur falschen Zeit im falschen Auto.

Fernando, den manche in Österreich wegen seiner lässigen Art salopp „Ferdl“ nennen, war einmal ein geborener Gewinner. Seine ersten Erinnerungen gehen zurück in sein drittes, viertes Lebensjahr – und damals war er schon Kart-Pilot und so talentiert, dass man nie etwas anderes zu ihm sagte als „Wunderkind“. Er war der erste Mensch, der Michael Schumacher im Rennwagen die Grenzen dauerhaft aufzeigte. Im Oktober 1998, wenige Tage nach der Gründung von Google, saß er zum ersten Mal in einem echten Rennwagen – und nach drei Tagen war er schon schneller als der re­gierende Meister dieser Formel Open, der spätere Le-Mans-Sieger Marc Gene.

Heute findet Google in 0,57 Sekunden rund 13,2 Millionen Ergebnisse zum Thema „Fernando Alonso“. Doch immer mehr davon sind Memes, Witze, Gags auf Kosten eines Begnadeten. Seine tragikomische Art, seinen Niedergang zu zelebrieren, hat ihn zum Kultstar gemacht. Wir sehen Tausende von Bildern: Alonso, wie er nach einem Motorschaden in São Paulo in einem Liegestuhl den Kollegen zusieht; Fernando, wie er gemeinsam mit seinem ebenfalls weltmeisterlichen Teamkollegen Jenson Button auf das Siegerpodest klettert, als Gaudium – wohl wissend, dass sie sportlich hier bei McLaren nie raufkommen können. Und lesen seine legendären Funk-Zitate: wie er Honda ausgerechnet auf der Heimstrecke Suzuka live im TV als „GP2-Motor“ bezeichnete, eine Firma, die ihm jährlich rund 30 Millionen Euro überweist. Schmerzensgeld, wie man mittlerweile weiß.

Jetzt wird das alles noch getoppt: Während sein Team mittlerweile das statistisch schlechteste (!) der F1 ist, schenken ihm McLaren und Honda einen Wellnessurlaub vom Grand-Prix-­Zirkus. Fernando darf die legendären Indy 500 bestreiten, obwohl am gleichen Tag (dem 28. Mai) in Europa gerade der Grand Prix von Monaco über die Bühne geht – das einzige Rennen, bei dem McLaren-Honda eine Minichance hat. Aber sie sagen es offen: Um Alonso bei Laune zu halten und seinen vorzeitigen Abgang zu verhindern, gönnt man ihm den Traum von Amerika. Er wollte immer in den Nudeltopf: „Ich werde nicht mehr der erfolgreichste Formel-1-Fahrer aller Zeiten“, seufzt Fernando, „das habe ich erkannt.“ Daher will er auf eine andere Art Geschichte schreiben: „Ich will die Triple Crown gewinnen.“ Bisher ist es erst einem Piloten (Graham Hill) gelungen, die drei berühmtesten Rennen der Welt zu gewinnen: den GP von Monaco, das Indy 500 und die 24 Stunden von Le Mans.

Wobei Le Mans bereits eine für Alonso typische zartbittere Geschichte geschrieben hat. Schon 2015 wollte er dort fahren, und zwar für Porsche. Er hatte sich dem österreichischen Porsche-Chef Fritz Enzinger quasi angeboten, weil er eine Siegchance sah. Ron Dennis hatte seine Zustimmung signalisiert, sogar den Sitz von Porsche hatte man bereits für Alonso vermessen – doch dann passierten binnen drei Tagen zwei Ereignisse: Zuerst crashte Mark Webber in São Paulo schwer und zeigte Honda: Diese Serie ist nicht ungefährlich. Dann hatte Honda bei den Tests in Abu Dhabi Probleme – und so forderte man Alonso auf, sich voll auf die Formel 1 zu konzentrieren. Er musste absagen. Typisch, dass der für ihn reservierte Porsche 919 mit der Nummer 19 und mit Nico Hülkenberg prompt den Klassiker in Le Mans gewann.

Doch nur hier haben wir einen Fall von Pech, sonst ist Alonso in der Verfilmung von Alonsos Abstieg nicht der Mann in der Opferrolle, er ist nicht schuldlos in einem Netz politischer Intrigen gefangen. So gut wie alle Fehlentscheidungen seiner Karriere hat er selbst getroffen, beraten von den üblichen Verdächtgen in seinem Umfeld wie Flavio Bria­tore (inoffizieller Manager) oder Luis Garcia Abad (offizieller Manager). Von Abad nahmen wir zuletzt am 16. August 2015 Notiz, als wir von ihm hörten: „Fernando wird 2016 im McLaren um den WM-Titel kämpfen, das steht völlig außer Zweifel.“

Alonsos Pferdestärkenflüsterer und ihre Prognosen:­ Sein erster Manager Adrian Campos schaffte es schon vor (!) Alonsos Formel-1-Einstieg, politisch so ungeschickt zu agieren, dass ein Wechsel zu Ferrari zu Amtszeiten von Jean Todt de facto gestorben war. Nach den zwei WM-Titeln für Renault wechselte er zu McLaren, nicht ohne noch etwas spöttisch über das Team zu reden, das ihm diese Triumphe ermöglicht hatte. Das erste Jahr bei McLaren? Ein Albtraum! Fernando und ­seine Berater hatten Rookie Lewis Hamilton, dessen Speed und seine Nähe zu Teamchef Ron Dennis völlig unterschätzt.

Erster Tiefpunkt: ein unfaires Boxenmanöver gegen Hamilton in Buda­pest. Zweiter Tiefpunkt: Das Stallduell führte zur völlig unerwarteten Niederlage im WM-Dreikampf gegen Kimi ­Räikkönen im langsameren Ferrari. Dritter Tiefpunkt: die Spionageaffäre, die rund um ein Mail von Alonso an dessen Busenfreund Pedro de la Rosa aufgeflogen war. McLaren bekam 100 Millionen Dollar Strafe, wurde auf den letzten Platz der Team-WM zurückversetzt, Mercedes drohte wegen des unverschuldeten Imageschadens mit dem Rückzug aus der Formel 1 (nicht passiert) und der Trennung von McLaren (zeitversetzt passiert).

Mit ein Grund, warum Fernando jetzt keine Chance auf ein Cockpit bei Mercedes hat (das würde Oberboss Dieter Zetsche verhindern). Vierter Tiefpunkt: Kaum hatte sich Alonso vorzeitig von McLaren getrennt, trat er noch einmal lautstark gegen das Team nach: „McLaren hat es nicht geschafft, weil man so viele Fehlentscheidungen gegen mich getroffen hat. Ron Dennis hat es verbockt.“ Nächste Station: wieder Renault. Diesmal ohne Erfolg, aber mit einem Megaskandal: Sein Sieg in Singapur 2008 war nur möglich, weil Teamchef Briatore Nr.-2-Pilot Nelson Piquet jun. aufforderte, in eine Mauer zu fahren und so eine Safety-Car-Phase auszulösen.

Piquet und Briatore flogen aus der F1, Alonso blieb von der FIA verschont. Next stop: Ferrari. 2010 wäre er Weltmeister geworden, doch dann wurde er im Finale in Abu Dhabi zu früh an die Box geholt und blieb hinter Witali Petrow hängen. Vettel wurde Weltmeister und Serien-Champion. Ferrari zerfiel in zwei Lager. Domenicali und seine Freunde bei Ferrari führten Krieg gegen Alonso und dessen Freunde. Stefano musste gehen, doch bald wollte auch Fernando nicht mehr, trotz laufenden Vertrages wollte er zu McLaren („Die künftige Nummer 1!“). Er verzichtete auf 50 Millionen, Vettel bekam seinen Platz, fährt nun um die WM.

Für Alonso sind die Türen zu: bei Red Bull (denen er 2008 absagte, weil er das Potenzial nicht sah), bei Ferrari, bei Mercedes. Stunden nach dem Rücktritt von ­Rosberg rief Briatore bei Toto Wolff an, um Alonso trotz abermals laufenden Vertrages (diesmal mit McLaren)anzubieten. Toto hatte kein Interesse. Da Bernie Ecclestone grad bei ihm war, bat er ihn, den Anruf anzunehmen und dies seinem Spezi Flavio klarzumachen.

 

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