Der „Borg/McEnroe“-Regisseur im Interview: „Borg war wütend und verwundbar“

„Borg/McEnroe“ erzählt nicht nur die Geschichte eines der genialsten Tennisduelle aller Zeiten. Der Film, der am 13. Oktober in die heimischen Kinos kommt, dringt auch tief in die Psyche der beiden Superstars Björn Borg und John McEnroe ein. Für das Sportmagazin nahm sich der dänische Regisseur Janus Metz ausführlich Zeit für ein Gespräch über existenzielle Fragen, die Faszination von John McEnroes Wutausbrüchen und Björn Borgs emotionale Reise in die Vergangenheit.

//Interview: Hannes Kropik  //Fotos: Filmladen Filmverleih

SPORTMAGAZIN: John McEnroe hat gesagt, er habe noch nie einen guten Tennis-Film gesehen. Werden Sie ihn ausgerechnet mit „Borg/McEnroe“ vom Gegenteil überzeugen können?

Janus Metz: Ich sehe „Borg/McEnroe“ nicht als Tennis- oder Sportfilm. Es geht um die existenziellen Fragen des Lebens, für die sich Menschen ganz allgemein interessieren. Tennis ist nur die Kulisse, in der die Geschichte erzählt wird. Wer einen spannenden Film über die pure Liebe zum Tennis sehen will, sollte lieber gleich ein richtiges Turnier besuchen.

Um welche „existenziellen Fragen“ geht es Ihnen in Ihrem neuen Film? Und warum versuchen Sie, ausgerechnet in einer Geschichte über Björn Borg, John McEnroe und deren legendäres Wimbledon-Finale 1980 die Antworten zu finden?

Björn Borgs Geschichte ist die eines Mannes, der sein Leben ultimativ in Frage stellt: Warum bin ich hier? Wie verdiene ich es, geliebt zu werden? Wie passe ich zu all den anderen Menschen? Warum muss ich eines Tages wieder sterben? Und was ist eigentlich der Sinn meines Lebens? Björn war ein extrem verwundbares Kind, das an irgendeinem Punkt seines Lebens großes Glück darin gefunden hat, einen Tennisball gegen ein Garagentor zu knallen. Er hat es mit einer simplen, fast schon autistischen Freude getan, die ihm letztendlich den Tumult der wesentlich größeren Lebensfragen vom Leib gehalten hat.

Was für viele Fans vermutlich neu sein wird: Sie stellen den Teenager Björn Borg als Menschen dar, der sehr wütend war.

Ja, diese riesige Wut war sehr eng mit Björns verwundbarer Seite verbunden. Tennis war die Antwort auf all seine Fragen. Es war eine Möglichkeit für ihn, unendlich erfolgreich zu werden und so von der Welt geliebt zu werden. Erst durchs Tennis hat er offenbar seinen Lebenszweck gefunden. Allerdings: Wenn du mit so gewaltigen Mächten in Berührung kommst, dann wirken sie auch wie eine ungemein intensive Droge – eine Droge, von der du rechtzeitig loskommen musst ehe sie dich zerstört.

Zu John McEnroe wiederum stellen Sie die These auf, dass seine permanenten Zornausbrüche vor allem seinem Gefühl entsprungen wären, sich aus der Defensive heraus wegen vermeintlich unzureichender Leistungen rechtfertigen zu müssen.

John ist in einem extrem ehrgeizigen Familienumfeld aufgewachsen. Die McEnroes waren eine Einwanderer-Familie, sein Vater hat sich seinen Weg aus der unteren Mittelschicht an die Spitze einer angesehenen New Yorker Anwaltskanzlei hart erarbeitet. Von John wurden von klein auf Höchstleistung erwartet und es wurden ganz strenge Regeln aufgestellt: Du musst immer der Beste sein und du musst dir deinen Weg an die Spitze ganz alleine erkämpfen.

Sie selbst waren beim legendären Wimbledon-Finale 1980 noch keine sechs Jahre alt. Haben Sie dennoch irgendwelche Erinnerungen an dieses Spiel?

Nein, ich erinnere mich nicht, das Finale gesehen zu haben. Aber ich erinnere mich, dass um Wimbledon damals eine fast schon himmlische Aura geherrscht hat. Wimbledon war die Kathedrale des Tennissports, in der sich die Menschen vor Idee des göttlichen Sports verneigt haben. Ich erinnere mich aber auch daran, dass sich Menschen in dieser Zeit vor dem Fernseher versammelt hatten und voll gespannter Aufregung auf den nächsten Ausbruch von John McEnroe gewartet haben.

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Regisseur Janus Metz

Was denken Sie, war für die Zuschauer so faszinierend an McEnroes Wutausbrüchen?

Die Menschen haben Blut gerochen, wenn McEnroe die Nerven verloren hat – und sie wollten immer mehr davon sehen. 1984, als ich schon ein bisschen älter war, habe ich ihn in Stockholm spielen gesehen. Er ist ausgerastet und hat mit seinem Schläger mehrere Becher voll Eiswasser weggedroschen und hat damit unter anderem den schwedischen König angespritzt, der in der ersten Reihe in seiner Loge gesessen ist.

John McEnroe hat sich in einem Interview mit Vanity Fair im Jahr 2016 verwundert gezeigt, dass Sie vor Beginn der Dreharbeiten nicht mit ihm gesprochen hatten …

Ich weiß leider nicht, warum er das gesagt hat. Wir haben auf verschiedenen Kanälen versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Ich weiß, dass mehrere Menschen in seinem Umfeld das Drehbuch gelesen oder zumindest bekommen haben. Aber John war für uns unglücklicherweise nicht greifbar. Ich hätte liebend gerne meine Ideen mit ihm diskutiert.

Ihre andere Hauptfigur hingegen war von Anfang an in den Film involviert. Sein 14-jähriger Sohn Leo schlüpft sogar in den Rolle des jungen Björn Borg.

Gut, man muss vielleicht dazu sagen, dass sich Björn ja mehr oder wenig vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat und sein Terminkalender heutzutage nicht ganz so ausgebucht ist wie der von McEnroe. Aber es stimmt. Ich hatte im Vorfeld mehrmals die Gelegenheit, ausführlich mit ihm über sein Leben zu sprechen. Björn hatte sich allerdings nicht ins Drehbuch oder sonst wie in die Entstehung des Filmes eingemischt. Im Gegenteil, er war die ganze Zeit über sehr respektvoll.

Hat er Ihnen bei den Dreharbeiten über die Schultern geschaut?

Björn war mit seiner Frau Patricia am Set, wenn Leo vor der Kamera gestanden ist. Für eine Szene, in der wir den jungen Björn beim Abendessen nach seinem Hinauswurf aus dem Tennisklub gefilmt haben, hatten wir die Wohnung seiner Eltern in Södertälje so detailgetreu als möglich nachgebaut. Für Björn war diese Reise in die ganz persönliche Vergangenheit offensichtlich ein sehr emotionaler Moment.

Sie gehen bei der Darstellung seiner schwierigen Kindheit und Jugend ziemlich in die Tiefe. Hatte Borg kein Problem damit, sein Privatleben so detailliert geschildert zu sehen?

Er sagt, er liebt den Film, denn er entspricht aus seiner Sicht tatsächlich seinen eigenen Erfahrungen. Wir haben uns schon während der Dreharbeiten immer wieder einzelne Szenen angesehen. Darunter jene, in denen er als Kind so unglaublich zornig wird und sein Racket durch die Gegend fetzt. Ich habe ihn gefragt: Warst du damals tatsächlich so temperamentvoll? Und er hat gelacht und geantwortet: Ja, genauso furchtbar war es! Ich wünschte, ich hätte zu John eine ähnliche Arbeitsbeziehung aufbauen können. Aber das war leider unmöglich.

Björn Borg wird im Film von dem bei uns eher unbekannten Sverrir Gudnason verkörpert. Was hat Sie beim Casting an ihm am meisten fasziniert?

In Schweden ist Sverrir längst ein anerkannter Schauspieler und ich denke, dass sein internationaler Durchbruch nur eine Frage der Zeit ist. Er ist ein riesiges Talent und verfügt über genau jene unterdrückt mysteriösen Qualitäten, die Björn Borg ausgezeichnet haben.

Hollywood-Star Shia LaBeouf, der in die Rolle John McEnroes schlüpft, ist selbst kein Kind von Traurigkeit und immer wieder durch erlebnisorientiertes Verhalten in die Schlagzeilen geraten.

Nicht deshalb, aber dennoch war Shia eine offensichtliche Wahl. Er arbeitet mit extrem großer Hingabe. Was Shia und John so ähnlich macht, ist ihre nahezu Borderline-artige Besessenheit, mit der sie sich ihrem Beruf hingeben. Sie gingen und gehen beide mit hehren Gefühlen auf die Jagd nach Perfektion. Sie teilen die Empfindsamkeit für ihren jeweiligen Beruf, nein: für ihre Berufung, ihre Kunst und das macht sie zu sehr temperamentvollen Persönlichkeiten

Sie haben anfangs erwähnt, dass „Borg/McEnroe“ für Sie selbst kein Tennisfilm ist. Dennoch haben Sie sich größte Mühe gegeben, den Sport anno 1980 möglichst exakt ins Bild zu setzen.

Mir war klar: Die Tennisszenen müssen so realistisch und authentisch als möglich aussehen, um nicht von der eigentlichen Geschichte abzulenken. Also haben wir sehr viel Aufmerksamkeit auf kleinste Details gelegt. Wir haben mit Original-Rackets gefilmt: „McEnroe“ spielt mit dem Wilson Jack Kramer Pro Staff, „Borg“ mit seinem berühmten Donnay Borg Pro. Das Art-Department hat sich aber nicht nur bei den Hauptfiguren ins Zeug gelegt. Unser Film-Connors spielt zum Beispiel Jimmys berühmten Wilson T-2000 und auch Randfiguren wie Rod Frawley oder Ismail El-Shafei wurden exakt mit jenen Schlägern ausgerüstet, wie sie sie damals verwendet hatten.

Sverrir Gudnason und Shia LaBeouf sehen so aus, als ob sie vorher schon einmal einen Tennisschläger in der Hand gehabt hätten …

Die beiden haben ihre Rollen sehr ernst genommen und vor Beginn der Dreharbeiten sechs Monate lang praktisch jeden Tag mehrere Stunden Tennis gespielt. Shia ist eigentlich Rechtshänder und musste komplett umlernen, um den Linkshänder John McEnroe spielen zu können.

Dennoch, in den eigentlichen Actionszenen werden die beiden gedoubelt, oder?

Natürlich. Henrik Sillanpää, ein Finne, spielt Björn Borg und Thomas Kromann, ein Däne, John McEnroe. Thomas war im Doppel einmal die Nummer 501 der Welt, Henriks beste Platzierung im Einzel war Rang 503. Sehr wichtig fürs Gelingen des Filmes war aber vor allem die Zusammenarbeit mit Jarkko Nieminen, dem ehemaligen finnischen Weltklasse-Spieler: Er hat sowohl Sverrir und Shia als auch Henrik und Thomas jede Menge Kleinigkeiten beigebracht. Zum Beispiel, wie McEnroe die Brust vorschiebt, um dem Volley mehr Druck zu geben oder wie Borg seinen Ellenbogen anhebt, wenn er zur beidhändigen Rückhand umgreift.

Warum waren Ihnen diese Details gar so wichtig?

Mir ist bewusst, dass dieses Wimbledon-Finale für Tennisfans eine mindestens ebenso große Bedeutung hat wie für mich als Dänen das Fußball-EM-Finale 1992. Ich erinnere mich ganz genau, wie Peter Schmeichel diesen einen Ball mit einer Hand runtergefangen hat! Du kannst die Zuschauer bei so wichtigen Ereignissen nicht beschummeln. Es ist einfach ein historisches Ereignis und wir haben versucht, es so wahrhaftig wie nur irgendwie möglich nachzuerzählen.

Gedreht haben Sie aber nicht am Originalschauplatz, sondern in Prag.

Wir hatten leider keinen Zugang zum Centercourt in London, also mussten wir ihn im Prager Štvanice-Stadion neu aufbauen. Das war logistisch eine ganz schöne Herausforderung. Wir haben alles neu angestrichen und einige Teile komplett neu aufgebaut, damit es aussieht wie damals. Aber ich weiß ganz genau: Egal, wie exakt wir uns an die Wirklichkeit halten wollten, es wird sicher Nerds geben, die irgendwelche Kleinigkeiten bemängeln werden. Zum Beispiel die Farbe von irgendwelchen Sessellehnen. Aber das gehört zum Filmgeschäft, wenn du nicht mit historischem Archivmaterial arbeitest.

Wir wissen natürlich, dass Björn Borg das Wimbledon-Finale 1980 gegen John McEnroe in fünf Sätzen gewonnen hat. Aber haben Sverrir Gudnason und Shia LaBeouf eigentlich je ein Match gegeneinander gespielt?

Obwohl die beiden so viel Zeit am Platz verbracht haben, haben sie erstaunlicherweise nie ein echtes Match gegeneinander gespielt. Ich habe keine Ahnung, wer der bessere Tennisspieler der beiden ist – und wir werden es wohl auch nie mehr herausfinden.