Denn sie wissen nicht, was sie tun

Ferrari ist nicht so gut, wie es klingt, wurde nie Weltmeister in den 80er-Jahren, nie in den 90ern. Und wird es wohl nie in den 2010er-Jahren. Das Protokoll einer Farce.

||Text: Gerald Enzinger||Foto: imago/Motorsport Images||

Emotionen sind kein Fall für das Museum. Schon gar nicht bei Ferrari, und das in doppelter Hinsicht. Das Mueso Ferrari in Maranello enttäuscht Formel-1-Enthusiasten tendenziell, weil man selten ein Museum gesehen hat, das so wenig Gefühl und Geschichte(n) vermittelt wie ausgerechnet jenes der Drama-Queen des Grand-Prix-Sports. Vielleicht mag aber auch Kalkül dahinterstecken – man hat sowieso den Eindruck, dass es in erster Linie darum geht, die Besucher so schnell als möglich in die Merchandising-Zone am Ausgang zu treiben, wo man schnell und teuer erröten kann. Billigstes von uns erspähtes Produkt: ein Bleistift um sechs Euro. Als Journalist freilich kann man diesen Bleistift schnell nutzen, um ein paar Zahlen aufzuschreiben, die einem erst im Museum an einer Wand mit Bildern und Helmen der Ferrari-Weltmeister so richtig bewusst werden: 1964 – 1975 – 2007 – 2018.

Hinter dieser Zahlenreihe verbirgt sich der Niedergang von Ferrari. Unvorstellbare elf Jahre musste Enzo Ferrari persönlich nach dem WM-Titel von John Surtees 1964 warten, bis ein Österreicher den Niedergang stoppte und dem Grauen ein Ende setzte: Niki Lauda im Jahr 1975. Er war es, der Ferrari aus der größten Pleitenserie aller Zeiten befreite.

Halt! Stopp! Scusi! Aller Zeiten? Natürlich nicht, denn Ferrari war danach auch von Jody Scheckter (1979) bis Michael Schumacher (2000) ohne Titel. Und jetzt, da es so gut wie gewiss ist, dass es Sebastian Vettel und sein Team heuer verbockt haben, ist es doch auch schon wieder elf Jahre her (also wie vor Lauda) seit dem letzten Fahrer-WM-Titel von Ferrari. Kimi Räikkönen holte diesen damals und er war ein Geschenk von McLaren, das sich überlegen in Führung liegend im Stallkrieg zwischen Alonso und ­Hamilton selbst noch vernichtete. Sonst aber bleibt: Ferrari­ wurde (bei den Fahrern) nie Weltmeister in den 1980ern, nie in den 1990ern und wird es wohl auch jetzt nicht in den 2010er-Jahren, wo es nur mehr eine Chance (2019) gibt. Und das wiederum hat ganz viel mit Emotionen zu tun, denn die findet man bei Ferrari zwar nicht im Museum,­ dafür aber dort, wo man sie am wenigsten braucht: in den Kommandozentralen des Teams.

Selten zuvor hat ein Rennstall, der mit einem überlegenen Auto und einem sehr guten Motor in die Saison gegangen ist, die ersten beiden Rennen gewonnen und bis Sommer in der WM meist den Ton angegeben hat, binnen wenigen Wochen den WM-Titel so spektakulär weggeschmissen wie Ferrari 2018. Und das mit einer Pannenserie in einer Welt voller Intrigen und Absurditäten – wobei am Anfang eine Tragödie steht. Ende Juni/Anfang Juli verschwindet Präsident Sergio Marchionne­ aus der Öffentlichkeit, wenige Wochen danach verstirbt er. Was für eine der vielen kolportierten Krankheiten den Patriarchen hinweggerafft hat, ist bis heute nicht ganz klar. Eindeutig ist aber, welch unfassbare Lücke im Team und welches Machtvakuum der Pulloverträger, der oft bis zu dreimal pro Woche in der Ferrari-Kantine mit den normalen Mit­arbeitern zu Mittag gegessen und trotz seines Mammut-Jobs im Konzern immer alles für Ferrari gegeben hat, hinterlassen hat – und das blanke Chaos.

Am Todestag von Sergio am 25. Juli liegt Vettel in der WM nur 17 Zähler hinter Hamilton. Hätte er sein Auto nicht eben in Hockenheim in Führung liegend versenkt, wäre er sogar 16 Punkte vorne. Nach dem Japan-Grand-Prix zehn Wochen später ist er aber 67 Punkte zurück, der Rückstand Ferraris in der Team-WM ist von 8 auf 78 an­gewachsen. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Ohne Marchionne fährt Ferrari völlig ziellos Richtung Abgrund.

Marchionne lag noch im Koma, als in Maranello schon der Erbfolgekrieg ausbrach. Motorenchef Binotti, der als Marchionne-Mann gilt und seit Monaten auf die Entmachtung von Arrivabene gewartet hatte, sich wegen der unerwarteten Erfolge im Frühjahr aber gedulden musste, war ohne seinen Mentor sofort kaltgestellt. Neuer Präsident wurde John Elkann, von dem jeder weiß, dass er sich nicht für die Formel 1 interessiert. Seit Wochen hat man von ihm nichts mehr zum Thema gehört. Sein Statthalter ist Louis Camilleri, von dem man wiederum nur zwei Dinge mit Sicherheit weiß: Er war als ehemaliger Kollege von Teamchef Maurizio Arrivabene bei Philip Morris bestrebt, diesen so lange als möglich zu retten, und als Erzfeind von Jean und Nicolas Todt (Vorgeschichte nicht näher bekannt) versuchte er, deren Piloten Charles Leclerc so lange als möglich zu verhindern. Das eine ist bereits misslungen, Leclerc ersetzt 2019 Räikkönen, so wie es sich Marchionne noch wünschte. Und Arrivabenes Ablösung ist wohl nur mehr eine Frage von Tagen. Nach dem Japan-Grand-Prix versuchte der ­bereits völlig zerstört wirkende Ex-Charismatiker Arriva­bene gerade, seine Flucht zu Juventus Turin vorzubereiten, wo ein technischer Direktor gesucht wird. Dort will der ­Agnelli-Clan aber lieber Juve-Legende Pavel Nedved sehen.

Nicht allzu weit von Turin, in Monza, hatten die Chaoswochen von Ferrari begonnen. Beim Gran Premio d’Italia war man der haushohe Favorit, Mercedes galt als völlig chancenlos. Doch genau den Donnerstag, der den Beginn eines Rennwochenendes markiert, hielt Arrivabene für den richtigen Zeitpunkt, um Publikums­liebling Kimi Räikkönen darüber zu informieren, dass er 2019 dem jungen Starlet Leclerc weichen muss. Die Folgen? Ein grantiger Räikkönen, der – im Gegensatz zu sonst – nicht den Hilfsdiener für seinen Spezi Vettel spielen wollte und selbst in Monza auf Sieg fuhr, und ein Arrivabene mit schlechtem Gewissen, der stur an der Fairness-Strategie festhielt. Was dazu führte, dass WM-Fighter Vettel im Quali­fying dem in der WM abgeschlagenen Räikkönen Windschatten geben musste! Das mag nett sein, ist aber purer Wahnsinn in dieser Millionenschlacht, denn es passierte, was passieren musste: Von Startplatz 2 aus kam Vettel in die Startturbulenzen – und nach zwei Kurven waren seine Siegchancen vorbei. Experten wunderten sich, wie sehr Ferrari den eigenen Leader Vettel zerstört hatte und das auch weiter tat, indem man ihm jene Unterstützung verweigerte, die Rivale Hamilton bei Mercedes bekommt.

Und dann begann die Abwärtsspirale mit vielen taktischen Chaos-Entscheidungen und dem Tiefpunkt in Suzuka, wo Ferrari als Einziger mit Intermediates auf trockener Piste herumirrte, zudem verlor man auch politisch Duelle hinter den Kulissen. So wird der Motor von Ferrari durch andere Sensoren nun besser überwacht, was offensichtlich (einst illegale?) Leistung kostet. Und am Ende des elften Jahres ohne Titel kann man nur neidig zu Mercedes blicken, wo der bessere Teamchef das bessere Team im heuer maximal gleich guten Auto zum fünften Titel in Serie führt. Ferra­ri schreibt 2018 nur als Tragikomödie Geschichte.