Das Schweigen der Männer

Was für ein Sommermärchen: Der beste Spieler des ­Planeten sollte Juventus und der Serie A zu neuem Ruhm verhelfen. Dann wurde der ­Vorwurf der Vergewaltigung gegen Cristiano ­Ronaldo ­untermauert. Ein Albtraumszenario für viele Beteiligte.

||Text: Markus Geisler||Foto: Getty Images/Man Utd/Peters||

„Torno a casa senza voce.“ Der Geruch von Bier und Grillfleisch liegt in der Luft. „Mi domandano il perché.“ Sechs ­Fernseher buhlen um Aufmerksamkeit. „Il mo­tivo è molto semplice.“ Soeben hat Paulo Dybala nach Vorarbeit von Cristiano Ronaldo das 1:0 gegen Manchester United erzielt. „Ho cantato per la Juve!“ Und alle 70 Juventinos, die sich an diesem Abend in der Burger’s Bar im 2. Wiener Bezirk eingefunden haben, singen und klatschen zu dem berühmten Fan-Gassenhauer der Curva Sud, bei dem man sich für die heiseren Fan-­Kehlen selbst feiert. Keine Frage: Auch beim Juventus Club DOC Vienna herrscht riesige Euphorie um la vecchia signora, die „alte Dame“, die dieses Jahr nur eine Mission kennt: nach 23 Jahren endlich wieder den Champions-League-Pokal in die Fiat-Metropole zu holen. „Darum geht es heuer, um nichts anderes“, sagt David Hasenclever, einer der Gründer der Vereinigung. Getreu dem Juve-Motto von Legende Giampiero Boniperti: „Titel zu gewinnen ist für Juve nicht wichtig. Es ist das Einzige, was zählt.“

Der grenzenlose Optimismus, der die schwarz-weiße Fan-Gemeinde nicht nur in Wien und Norditalien, sondern weltweit zwischen Sydney und New York erfasst hat, trägt einen Namen: Cristiano Ronaldo. Seit der Ankunft des Überdrübermegastars träumt ganz Italien von der Wiederbelebung der ganz großen Zeiten des Calcio. Als der Stiefel in den 1980er-Jahren der Nabel der Fußballwelt war und jeder Kicker, der etwas auf sich hielt, unbedingt bei den Tifosi vorspielen wollte. „Man muss ja ehrlich sein“, sagt Gyuri Garics, der fast 200 Serie-A-Spiele auf dem Buckel hat und sich selbst als Botschafter der Liga sieht. „In den letzten zwanzig Jahren war unser Klubfußball auf dem absteigenden Ast. Jetzt plötzlich schaut die ganze Welt wieder auf Italien. Jeder hier profitiert von diesem Transfer. Ich habe auch noch niemanden getroffen, der Juve dafür kritisiert hätte. Das wäre auch idiotisch.“

In einer auf Profitmaximierung ausgelegten Welt gelten Aktienkurse ja oft als Seismograf für Stimmungen. Und in der Tat bildet der Chart des Juventus-Wertpapiers ideal die Geschehnisse der letzten Monate ab, denn mit der Ankunft von CR7 schoss der bis dahin vor sich hin dümpelnde Kurs drastisch in die Höhe, Anleger freuten sich über Gewinne von bis zu 150 Prozent. Doch Anfang Oktober folgte der Absturz, das Papier, das im Spätsommer noch bis zu 1,80 Euro wert war, fiel wieder auf unter einen Euro zurück. Der Grund: Recherchen des deutschen Magazins „Spiegel“ untermauerten den Vorwurf, Cristiano Ronaldo, für den die Unschuldsvermutung gilt, hätte 2009 die Amerikanerin ­Kathryn Mayorga in Las Vegas vergewaltigt. Herzstück der Enthüllungen: ein durch Football Leaks an die Öffentlichkeit gebrachtes Dokument, in dem Ronaldo selbst seinen An­wälten gegenüber eingeräumt haben soll, dass die damals 25-Jährige in besagter Nacht mehrfach „Nein“ und „Stopp“ gesagt hätte. Und, so werden Ronaldos Angaben im „Spiegel“ zitiert: „Ich kam von hinten in sie rein, auf die brutale Tour … Aber sie hat immer weiter ‚Nein‘ gesagt. ‚Mach das nicht. Ich bin nicht so wie die anderen.‘ Hinterher habe ich mich entschuldigt.“ Dazu kommt, und das ist gesichert, dass Ronaldo 2010 die Summe von 375.000 Dollar an Mayorga im Zuge einer außergerichtlichen Einigung gezahlt hat, wofür sich die Amerikanerin im Gegenzug verpflichten musste, über den „Vorfall“ im Hotel Palms Place zu schweigen.

In dieser Geschichte kann es nicht darum gehen, was in jener verhängnisvollen Nacht vom 12. auf den 13. Juni 2009 tatsächlich passiert ist, wirklich wissen können das nur Cristiano Ronaldo und Kathryn Mayorga, sehr wohl muss aber über den Umgang mit den im Raum stehenden schweren Vorwürfen, mit denen sich ein Gericht in Las Vegas in einer Zivilklage befasst, diskutiert werden. Zum Beispiel in Italien, wo „kein großer Wirbel“ darum gemacht wurde, wie Garics sagt. Eine Beobachtung, die von Oliver Birkner, in Florenz lebender Korrespondent des Fachmagazins „kicker“, bestätigt wird: „Zwei Tage wurde groß da­rüber berichtet, dann ist das Thema wieder eingeschlafen. Ronaldo genießt in vielen Blättern eine Art Schutzstatus, hat einen Bonus. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass in manchen Blättern die Lage pro Ronaldo skizziert wurde.“ Wie zum Beispiel in der Zeitung „Il Giornale“ aus dem Berlusconi-Imperium, die allen Ernstes einen Graphologen Cristianos Unterschrift analysieren ließ und zu dem Schluss kam: Der Mann hat ein reines Gewissen. Bemerkenswert: Nach Spiel eins nach Bekanntwerden der neuen Anschuldigungen, einem 2:0-Sieg von Juve in Udine, wurde Ronaldo demonstrativ vom ganzen Stadion mit Applaus verabschiedet. Birkner: „Die meisten Kommentare gingen in die Richtung: Falls ihn die Angelegenheit psychisch ­belasten sollte, merkt man ihm das auf dem Platz nicht an.“ Eine doch bitter anmutende Verschiebung der Wertigkeiten.

Als wir die TV-Moderatorin Elisabeth Auer, anerkannte Fußball-Fachfrau und als Gründerin des Vereins „Wir Frauen im Sport“ (www.wirfrauenimsport.com) eine engagierte Kämpferin für Frauenrechte, um ihre Einschätzung baten, hielt die sich gerade zufällig in Lissabon auf. Und nutzte die Gelegenheit, um sich ein Stimmungsbild in der portugiesischen Heimat von CR7 zu machen. Klares Fazit: Im Land des Europameisters glaubt kaum jemand, dass sich der berühmte Sohn etwas zuschulden kommen ließ. Auer: „Ich habe bewusst einige Frauen gefragt, wie sie die Sache sehen. Der Tenor war, dass es der Klägerin nur ums Geld geht, und wie es sein kann, dass sie sich so viele Jahre später meldet. Das war für mich schon erschreckend.“ Allerdings besteht durchaus die Angst, dass die Angelegenheit Ronaldos Karriere zerstören könnte. „Esmeralda Araújo aus dem Benfica-Fanstore meinte: ‚Wir wissen ja nicht, wem das Gericht am Ende glaubt. Es ist ja nicht das einzige Mal, dass solche Anschuldigungen gekommen sind, es soll sich ja auch noch eine weitere Frau gemeldet haben.‘“ Dazu kommt die steuerliche Malaise, nach der Ronaldo erst im vergangenen Sommer in Spanien zu einer Nachzahlung von 18,8 Millionen Euro und einer zweijährigen Haftstrafe auf ­Bewährung verurteilt wurde.

Und wie bewertet Auer das Gebaren von Juventus Turin, wo man dem Starspieler vorbehaltlos den Rücken stärkt und der Causa mit Catenaccio begegnet? Wäre da nicht eine differenzierte Herangehensweise angebracht gewesen? Die 41-Jährige nimmt sich Zeit für die Antwort. „Was wir dort erleben, sind die Nachwehen eines verhaberten Systems von Sport, Politik und Medien. Ich verstehe,­ dass Juventus ihn nicht an den Pranger stellt, zumal ja nichts bewiesen ist und für ihn die Unschuldsvermutung gilt. Aber der Klub hat es verpasst, das Thema generell zum Anlass zu nehmen, dafür ein Bewusstsein zu schaffen, offen­ darüber zu diskutieren, nach dem Motto: Wir nehmen so etwas ernst und sind uns unserer gesellschaftspolitischen Verantwortung bewusst. Ich finde es schade, dass das nicht passiert ist.“ Das Schweigen der Männer. Cristia­no selbst hat sich zu den Anschuldigungen einmal via Twitter ge­äußert, jede Schuld von sich gewiesen und bekräftigt, Vergewaltigung für ein „abscheuliches Verbrechen“ zu halten, das „gegen alles verstößt, was ich bin und woran ich glaube“. Später sagte er noch in einem Interview mit „France Football“: „Ich weiß, wer ich bin und was ich getan habe. Die Wahrheit wird eines Tages ans Licht kommen. Natürlich beeinflusst diese Geschichte mein Leben.“

Und dennoch wird weiter munter Fußball gespielt, das allerdings auf höchstem Niveau. Von den ersten 13 Pflichtspielen (Serie A und CL) gewann Juve 12, Ronaldo trug nach anfänglicher Ladehemmung 7 Tore und 5 Assists bei. Dass die „Bianconeri“ den achten (!) Scudetto hintereinander holen werden, bezweifelt ohnehin niemand, aber auch in der Königsklasse ist die Bilanz makellos. Unter diesem Aspekt hat Klubboss Andrea Agnelli wohl alles richtig gemacht, als er den insgesamt fast 350 Millionen Euro schweren Deal (Ablöse plus Gehaltszahlungen für vier Jahre) realisierte. „In Italien stellt niemand infrage, dass sich der Transfer für Juve rechnet. Die werden das genau kalkuliert haben. Dafür ist der Klub viel zu kontrolliert“, erklärt Birkner. Kurz nach der Bestätigung des Deals kauften Tifosi mehr als eine halbe Million Trikots mit der Nummer 7, der amerikanische Sender ESPN investierte in die Übertragungsrechte der Serie A, die beim Fernsehgeld noch in den Kinderschuhen steckt, denen aber möglichst schnell entwachsen will. Und auch die Juve-Konkurrenz nascht ordentlich am Honigtopf mit. Kommt der Rekordmeister, wird kräftig an der Preisschraube gedreht, der Ronaldo-Zuschlag beträgt teils mehr als 500 Prozent. Ein Star, viele Profiteure. Einer von ihnen ist nicht zuletzt Ronaldo selbst, der weiter an seiner sportlichen Unsterblichkeit bastelt. Der erste Spieler, der in den Top-5-Ligen Europas 400 Tore erzielte, ist er seit Mitte Oktober, Meisterschaften und womöglich den CL-Titel in drei verschiedenen Sprachen zu erklären war auch nicht vielen vergönnt.

Es gibt aber auch einen sportlichen Wermuts­tropfen: Noch in dieser Saison feiert Ronaldo seinen 34. Geburtstag, „und selbst ein Typ wie er wird es nicht schaffen, jünger zu werden“, sagt Garics. Das weiß natürlich auch Big Boss Agnelli, der in einem Interview mit der „Financial­ Times“ erklärte, dass so ein Deal, bei dem „sportlich und wirtschaftlich alles zusammenpasst“, die Ausnahme ist: „Ab jetzt konzentrieren wir uns darauf, den nächsten ­Cristiano zu finden. Der ist dann aber 25 Jahre alt und soll erst bei uns sein komplettes Potenzial voll ausschöpfen.“ Als Zugpferd, um solche Spieler anzulocken, soll der Original-Cristiano dienen. Ein Plan, der allerdings nur dann aufgeht, wenn dessen Karriere nicht vorzeitig durch die Justiz beendet wird.