Die ganze Story: Das Mysterium CR7

Cristiano Ronaldo, ein Superstar mit Spaltfunktion. Ein der Steuerhinterziehung Verdächtiger, der Millionen spendet. Ein Vergötterter, der auch gehasst wird. Ein Macho mit Hang zur Heulsuse. Einfach nicht zu fassen, dieser Typ.

//Text: Markus Geisler// Fotos: Imago//

„In Portugal gibt es niemanden, der Ronaldo wirklich hassen könnte“, sagt Hugo Neves, Journalist bei der Tageszeitung „Record“. Und trotzdem gehört auch im Land des Europameisters Cristiano-Bashing zur Fußball­folklore. „Entweder weil man glaubt, dass er für sein Land nicht genauso gut spielt wie für Real Madrid, oder weil man einfach neidisch auf das ist, was er erreicht hat. Damit muss er leben.“ Das Spannungsfeld zwischen grenzenloser Bewunderung und tief sitzender Abneigung, das im Rest der Welt noch viel größer ist als in Portugal, ist kein gemütliches Plätzchen, aber der Superstar scheint sich mittlerweile gut eingerichtet zu haben. Er weiß, dass er es nicht allen recht machen kann, zieht sein Ding durch und macht auf beeindruckend konstante Weise das, was er am besten kann: die Menschen verzücken, die das Spiel lieben.

Es ist ein durch und durch verrücktes Leben, mit dem sich der Beckham-Nachfolger als größter Popstar des Fußballs engagieren muss: Multimillionär zu sein, obwohl man nur eine Sache richtig gut kann, nämlich kicken. Millionen für karitative Zwecke zu spenden und dann wegen angeblicher Steuerschulden vor Gericht gebracht zu werden. Unbeeindruckt Tore wie am Fließband zu schießen, während die ganze Welt wissen will, ob er nicht doch ein Betrüger ist oder demnächst noch bei Real, doch wieder in Manchester, vielleicht in Paris oder in China gegen die Kugel tritt. Ein starker Nachweis mentaler Stärke, erbracht beim Confederations Cup, die kaum ein zweiter Kicker zusammenbringen würde.

Cristiano und der Luxus

Kurzum: CR7 ist eines der größten Phänomene unserer Zeit, ein Superheld, der die Massen bewegt und mehr Facebook-Follower hat als Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen Einwohner. Der trotz x-facher Belastung in den letzten sieben Saisonen gerade einmal 25 Spiele wegen Verletzung oder Krankheit verpasste. Der mühelos den Spagat zwischen Männlichkeitsgehabe und Heul­susenattitüde schafft. Und der keinen kaltlässt, weil man ihn einfach hassen muss, wenn man sich nicht zur Liebe durchringen kann – oder umgekehrt. Niemand würde ernsthaft bestreiten, dass Cristiano nicht mindestens der zweitbeste Kicker des Planeten ist – was Kritiker nicht ­davon abhält, ihn durch den Kakao zu ziehen. Was das Mysterium Ronaldo noch mehr befeuert.

Knapp 83 Millionen Euro verdiente Ronaldo laut „Forbes“-Liste 2016 – und er weiß die Kohle unters Volk zu bringen. Zu Terminen lässt er sich mit einem 19 Millionen Euro schweren Gulf­stream-G200-Businessjet fliegen, in Madrid wohnt er in einer auf sieben Millionen Euro taxierten Protzvilla – Koch, Kinosaal und Kickplatz inklusive. Auch seiner geliebten Mama ­Maria Dolores spendierte der Hotelbesitzer ein Luxushäuschen auf Madeira. „Wenn er so weitermacht, hat er bald mehr Immobilien als auf ein Monopolybrett passen“, witzelte einmal ein Bekannter. Und: Ronaldo ist ein Autonarr, soll um die zwanzig Schlitten im Gesamtwert von knapp fünf Millionen Euro besitzen, darunter der sündhaft teure Bugatti Veyron für schlanke 1,5 Millionen Euro. Wie ein Ferrarimotor schnurrt die Geldmaschine Ronaldo. An der Uni Vancouver gibt es einen Soziologiekurs mit dem Titel „Wie CR7 kommerzialisiert wird“. Eine eigene Vorlesung zu haben kann auch nicht jeder von sich behaupten.

Cristiano und die Charity

Als Ronaldo bei der WM 2014 mit einer Blitz-Frisur auftauchte, war das zunächst ein gefundenes Fressen für alle Hater. Bis der Hintergrund bekannt wurde, denn es war die Reminiszenz an den damals einjährigen Erik Ortiz Cruz, der nach einer Gehirnoperation genau solch eine Narbe davontrug. Absolut typisch für Cristiano. Der 2015 zum „most charitable athlete“ gekürte Superstar unterstützt von UNICEF bis „Aid Still Required“ viele Hilfsorganisationen, am liebsten die, die sich um kranke oder benachteiligte Kinder kümmern. Mal übernimmt er alle Behandlungskosten, mal die Ausbildung. Und wer sich gefragt hat, warum CR7 als einer der wenigen Starkicker nicht tätowiert ist: Er will nicht riskieren, fürs regelmäßige Blutspenden gesperrt zu werden. Der registrierte Blutstammzellenspender ist nämlich Botschafter für die Blutspendekampagne #BeThe1Donor.

Cristiano und die Frauen

Paris Hilton, Kim ­Kardashian, Gemma Atkinson – wahrscheinlich würde es weniger Platz kosten, an dieser Stelle die Celebrities aufzulisten, die in den letzten zehn Jahren keine Beziehung/ Liebschaft/Affäre mit Cristiano hatten. Den längsten Paarlauf veranstaltete der heute 32-Jährige mit dem russischen Model Irina Shayk (2010 bis 2015), die der Klatschpresse zufolge irgendwann genug von seinen Affären gehabt haben soll. Seit November 2016 die Frau an seiner Seite: die ebenfalls in Madrid lebende Georgina Rodriguez, Balletttänzerin, Schauspielerin, Model und zehn Jahre jünger als der Superstar. Als im Frühjahr bekannt wurde, dass Ronaldo Vater von Zwillingen (Eva und Mateo wurden Anfang Juni geboren) wird, dachte man zunächst, die Spanierin sei die Mutter. Fehlanzeige – zumindest vorerst, da jüngst aufgetauchte Babybauch-Fotos die Gerüchteküche anheizen. Wie schon bei seinem ersten Kind, dem 6-jährigen Cristiano junior, wird auch bei den Zwillingen, deretwegen Ronaldo auf das Spiel um Platz drei beim Confed Cup verzichtete, die (Leih-)Mutter geheim gehalten.

Cristiano und die Dramen

Cristiano Ronaldo ist unbestritten die Drama-Queen des Kick-Gewerbes, und zwar schon seit dem Start seiner Karriere. Im zarten Alter von 19 Jahren ist alles angerichtet, dass er an der Seite der Top-Stars Figo, Deco und Pauleta Heim-Europameister wird. Und dann kommen die bloßfüßigen Griechen daher und zerstören diesen Traum. Herzzerreißend, wie Trainer-Papa Scolari seinem Super-Youngster nachher die Tränen trocknet. Dann, 2010, als die Portugiesen die damalige Weltmacht Spanien im WM-Achtelfinale an den Rand einer Niederlage bringen. Und dann doch mit 0:1 ausscheiden, weil Cristiano dem Druck nicht standhält und abtaucht. Es ist die kurze Phase der Geschichte, in der man CR7 ­Big-Match-Mentalität abspricht – was für eine Fehleinschätzung! Und zu guter Letzt die Mutter aller Dramen, das EM-Finale 2016, mit der längsten Auswechslung in der Fußballhistorie, vielen Tränen, dem Theater-Trainer Ronaldo und einem Happy End, das Hollywood als viel zu kitschig abgelehnt hätte. Für Cristiano gerade real genug.

Cristiano und die Skandale

14,7 Millionen Euro soll Cristiano ­Ronaldo zwischen 2011 und 2014 am spanischen Fiskus vorbeigedribbelt haben, am 31. Juli wird er vor Gericht, wo er die Summe als „Zeichen der Kooperation“ hinterlegt hat, dazu einvernommen. Das spanische Gesetz sieht bei dieser Größenordnung eine Maximalstrafe von sieben Jahren Gefängnis vor, Bewährungsstrafen sind nur bei bis zu zwei Jahren ­üblich. Zum Vergleich: Dauerrivale Messi wurde für die Summe von 4,16 Millionen Euro zu 21 Monaten Haft verurteilt. Kleinere und größere Skandale gehören zu den ständigen Begleitern des Portugiesen. 2009 zerlegte er in Manchester seinen Ferrari, 2012 soll es in einer Disco zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit einem Model gekommen sein. Und im April berichtete „Der Spiegel“ über eine angebliche Schweigegeldzahlung in der Höhe von 275.000 US-Dollar an ein vermeintliches Vergewaltigungsopfer aus dem Jahr 2009.

Cristiano und die Titel

Nicht einmal ein Fluch kann diesen Mann stoppen. Dank Ronaldos zwölf Toren gelang es Real Madrid heuer als erstem Team der Geschichte, den Champions-League-Titel zu verteidigen. Es war Ronaldos vierter Titel in der Königsklasse – genauso oft, wie er den „Goldenen Schuh“ als bester Schütze Europas und die Wahl zum Weltfußballer gewann. Und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn er diesen Titel nicht auch heuer holen und damit seinen ewigen Rivalen Lionel Messi überholen würde. Im Gegensatz zum Argentinier eroberte CR7 im vergangenen Jahr mit dem EM-Titel einen großen Pokal für sein Land, wobei er diesbezüglich noch eine Mission vor der Brust hat, denn 2018 in Russland hat er vermutlich letztmals in ­seiner Karriere die Chance, Weltmeister zu werden. „Die WM zu gewinnen ist ein Traum und wäre wohl der größte Moment in meiner Karriere“, sagte er einmal.

Cristiano und der „inner circle“

Es war ein Bild, das 2014 um die Welt ging. Als Ronaldo mit Real das CL-Finale gegen Atlético gewann, lag er sich nachher sekundenlang mit seinem Bruder Hugo Alveiro in den Armen. Das Gerücht hält sich hartnäckig, dass Ronaldo zu ihm gesagt haben soll: „Ich hab den Pokal gewonnen, jetzt hörst du auf mit dem Trinken.“ Genau wie Ronaldos Vater, der mit 52 Jahren an den Folgen seiner Alkoholsucht starb, soll auch Hugo diesbezüglich labil sein. Ronaldo hat auch zwei ältere Schwestern, in deren Boutiquen er investiert. Zu seinen engsten Vertrauten gehört der streitbare wie mächtige Berater Jorge Mendes (vertritt auch José Mourinho oder Radamel Falcao), dem ein gewisses Händchen für steuerschonende Geschäftsmodelle nach­gesagt wird. Als sein bester Freund gilt Ricardo „Ricky“ Regufe, ein 38-jähriger Marketingmanager von Nike und mittlerweile auch persönlicher Berater des Superstars, den Cristiano seit 2003 kennt. Wegen ihrer engen Beziehung werden sie gemeinsam „Cricky“ genannt. „Es ist ein sehr kleiner Kreis, dem Cristiano vertraut“, sagt der portugiesische Journalist Hugo Neves.

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