Das Leben des Bryant

Nach 20 Jahren im Dress der Los Angeles Lakers beendete NBA-Superstar Kobe Bryant mit einer 60 Punkte seine großartige Basketball-Karriere. Das SPORTMAGAZIN blickte schon im Herbst auf das rasante Leben des nun 37-jährigen zurück.  

//Text: Jürgen Garneyr
//Titelbild: (C) Nike

Schwere Verletzungen, hitzige Auseinander­setzungen mit Mitspielern, fünf Meisterschaftsringe, Anschuldigung zu einem Mordauftrag und ein Strafverfahren wegen Vergewaltigung: Das Leben der „Black Mamba“ gleicht dem Drehbuch eines Hollywoodschinkens. Dass Kobe Bryant seine Brötchen im Herzen der amerikanischen Filmindustrie verdient, passt da nur zu gut ins Bild. 25 Millionen Dollar kassiert der Shooting Guard von der Franchise aus Kalifornien in der neuen Saison und ist damit Spitzenverdiener in der NBA. Für diesen Top-Vertrag mussten sich die Lakers-Verantwortlichen viel ­Kritik gefallen lassen, da vor allem die letzten drei Saisonen im Zeichen schwerer Verletzungen standen: 2013 Riss der Achillessehne, 2014 Bruch der Kniescheibe und 2015 schließlich Riss der Muskelsehnensappe in der rechten Schulter. Andererseits kämpfte sich Kobe bisher stets zurück ins Rampenlicht und exerziert der neuen Hoops-Generation im Fitness-Fall ­ungebrochen vor, was man mit mentaler Stärke, grenzenlosem Selbstvertrauen und gott- oder gengegebenem Talent aus ­einem geschundenen Körper noch alles herausholen kann.

Bryant: Am Anfang war die High School

55.415 Minuten dribbelt der 37-Jährige bereits im gold-­violetten Trikot der Lakers (Regular Season und Play-offs) – nur vier Spieler bringen es in der Geschichte der NBA auf mehr Einsatzzeit. Dass der Ausnahmekönner überhaupt für den 16-maligen Champion aufläuft, ist Lakers-Präsident Jerry West zu verdanken: 1996 wählen die Charlotte Hornets den Teenager von der Lower Merion High School an 13. Stelle, doch unmittelbar nach dem Draft tauscht West seinen Center Vlade Divac gegen das damals 17-jährige Talent aus Philadelphia. Im selben Jahr draften die Lakers Point Guard Derek Fisher und holen im Sommer mit Shaquille O’Neal einen Free Agent von den Orlando Magic. Das Fundament einer Dynastie ist somit gelegt.

Sofort zieht der 1,98 Meter große Ausnahmeathlet die Fans mit seiner spektakulären Spielweise in seinen Bann. Krachende Dunks und akrobatische Crossovers im Graubereich der Physik und zählen genauso zum Repertoire der Nummer 8 wie knallharte Defense-Aktionen. 1998 wählen die Fans Kobe schließlich in das Starting-Line-up des Allstar-Teams. Das Spiel, das seitens der NBA als Duell zwischen Michael „Air“ Jordan und seinem legitimen Nachfolger propagiert wird, zeigt jedoch Bryants dunkle Seiten: Er agiert arrogant und eigensinnig. Das übergroße Ego des Shooting Guards wird auch immer mehr zum Problem für seine Mitspieler. Vor allem seine Beziehung zu Shaquille O’Neal wird von Tag zu Tag schlechter. Die beiden Alphamännchen können und wollen das Scheinwerferlicht der kalifornischen Metropole nicht miteinander teilen. Luke Walton, ehemaliger Small Forward der Lakers, beschreibt die Situation wie folgt: „Kobe ließ uns immer wissen: Ich bin als Erster beim Training, ich arbeite härter als jeder andere, ich bin offensichtlich talentierter als ihr und gebe in jedem Spiel 100 Prozent.“ Shaquille O’Neal verfügt indes über angeborene Führungs­qualitäten und scherzt täglich mit seinen Teamkameraden. Acht Jahre arrangieren sich Bryant und O’Neal trotzdem und gewinnen drei Meisterschaften zusammen. Nach einer verkorksten Saison 2003/04 ergreift der Center schließlich doch die Flucht und wechselt zu den Heat nach Miami.

Dabei sollte gerade die Saison 03/04 ein historisches Jahr für die Lakers werden und mit dem nächsten Titel enden. Vor der Saison gelingt General Manager Mitch Kupchak der ultimative Coup: Er lotst Gary Payton und Karl Malone nach Los Angeles. Die beiden zukünftigen Hall-of-Famer verzichten für ihre Unterschrift bei den Lakers auf eine Menge Geld. Das exklusive Line-up verheißt ­damals Showtime in der Stadt der Engel. Doch bereits vor dem ersten Saisonspiel kommt es zum Crash zwischen Bryant und Shaq. Während des letzten Trainings geraten die beiden Superstars derart an­einander, dass Teamkollege Brian Shaw sie trennen muss. Shaq droht im Eifer des Gefechts sogar, Kobe zu töten. Am selben Tag gibt Bryant ein Interview, in dem er O’Neal als faul und übergewichtig bezeichnet. Ab diesem Zeitpunkt befetzen sich die beiden Diven fast täglich über die Medien. Trotzdem kaschieren sie auf dem Spielfeld ihre gegenseitige Abneigung noch einmal mit Virtuosität und erreichen sogar die Finals gegen die Detroit Pistons. Doch in der Best-of-Seven-Serie watscht der Underdog die Lakers mit 4:1-Siegen ordentlich ab und das Team aus Kalifornien zerfällt in seine Einzelteile. „Sie spielten in den Play-offs überragend und hatten eine hervorragende Team-Chemie“, erinnert sich Kupchak. „Wir waren einfach kein Team. Wir waren eine Gruppe von herausragenden Individualisten, aber keine Mannschaft“, bestätigt der heutige Knicks-Coach Derek Fisher.

Ein Leben zwischen Gerichtssaal und Spielfeld

Nicht nur die Differenzen zwischen der „Black Mamba“ und „Diesel“ sorgen in dieser Zeit für mediales Aufsehen, auch abseits des Platzes kämpft Bryant um sein Image. Nachdem sich der Shooting Guard im Sommer 2003 in Colorado einer Arthro­skopie im Knie unterzogen hat, beschuldigt ihn eine junge Hotelangestellte der Vergewaltigung. Bryant gibt zwar zu, Sex mit Katelyn Faber gehabt zu haben, bekräftigt aber, dass dies einvernehmlich passiert sei. Das Leben des Basketball-Idols spielt sich nun zwischen Gerichtssaal und Spielfeld ab. Zusätzlich versucht er, die Ehe mit seiner Frau ­Vanessa zu retten und sich um seine beiden Kinder zu kümmern. 14 Monate dauert der Albtraum für den damals zweifachen Olympiasieger, doch am 1. September 2004 endet schließlich die wohl schwierigste Phase des Allstars: Die außergerichtliche Einigung kostet Kobe eine sechsstellige Summe, ganz abgesehen von den ausbleibenden Werbeverträgen, da in dieser Zeit niemand mit dem Gesicht des Basketballers werben will. Drei Jahre später erregt der Fall neuerlich Aufsehen, als der Schweizer Bodyguard Patrick Graber in seinem Buch „Dead Women Tell No Tales – Who Planned the Murder of the Witness in the Kobe Bryant Rape Case“ behauptet, von Bryant den Auftrag erhalten zu haben, Katelyn Faber zu töten. Das Buch schafft es sogar in die Kataloge der wichtigsten US-Buchhändler, doch weitere Auswirkungen ­haben die Anschuldigungen Grabers für Kobe nicht.

,,Vielleicht wache ich eines Morgens auf und denke mir, jetzt ist Schluss”

Kobe Bryant

Dieses dunkle Kapitel im Leben des Bryant liegt lange ­zurück. Mittlerweile konnte der Scharfschütze der Lakers die Gunst der Fans zurückgewinnen und ist wieder einer der ab­soluten Lieblinge der Medienvertreter. Speziell am asiatischen Markt gibt es keinen Basketballer, der eine höhere Popularität genießt als Kobe. Vor der kommenden Saison beschäftigt ­daher nicht nur die Fans eine Frage: Ist das Kobes letzte ­Saison? Der Superstar kennt die Antwort selbst nicht: „Ehrlich, ich habe keine Ahnung. Wenn ich es wüsste, würde ich es auch sagen. Aber wie soll man es wissen? Vielleicht wache ich eines Morgens auf und denke mir, jetzt ist Schluss“, so die Nummer 24 der Lakers während des traditionellen Media Day. Auf jeden Fall wird es eine sehr herausfordernde Saison für den Ballartisten. Sein Team befindet sich im Umbruch, die Play-offs sind in weiter Ferne. Bryant muss den Mentor für die jungen Spieler geben. Gerade für D’Angelo Russell, den kommenden Star und ­diesjährigen Rookie der Lakers, ist eine Saison unter den Fittichen der „Black Mamba“ unbezahlbar. Von wem könnten Killerinstinkt und Siegeswille explosiver überspringen als vom Großmeister himself? Bryant muss seine Erfahrung weitergeben, den Youngsters vorleben, was es heißt, zu gewinnen, und ihnen dabei zugestehen, ­Fehler zu machen. Speziell Letzteres wird für den Shooting Guard mit den legendär hohen Ansprüchen an sich selbst nicht leicht werden – möglicherweise versüßen dem bestbezahlten NBA-Star aber die rund 25 Millionen Dollar Spielergage die mutmaßlich letzte Saison einer durch und durch bemerkenswerten Karriere.