Die ganze Story // „Das ist der beste Red Bull aller Zeiten“

Vom Sudern zum Siegen sind es oft nur ein paar Kurven. Red Bull Racing ist wieder wer in der Formel 1. Eben drohte man noch mit Ausstieg, nun denkt man nur mehr an Aufstieg.  Einer der Hauptgründe: Der beste Red Bull aller Zeiten. Das SPORTMAGAZIN holt ihn ins Rampenlicht.

//Text: Gerald Enzinger
//Titelbild: (c) Imago Sportfoto/LAT Photography

Paris ist es nicht, Nizza ist es nicht, Marseille ist es nicht. Spielberg ist es. Tausende Holländer werden diesen Begriff Ende Juni in ihr Navi eintippen und statt zur EM im Fußball zur WM der Formel 1 fahren. In die Steiermark, zum Red Bull Ring. Jahrzehntelang waren die Nieder länder nur der Wohnwagen des Formel-1-Starterfeldes – also die, die hinten sind: Huub Rothengatter. Jan Lammers. Christijan Albers. Überrundungspiloten. Mit der Droge „Speed“ hat man die geniale Fußballnation nie in Verbindung gebracht, aber jetzt ist alles anders. Max Verstappen ist der nächste Weltstar der Formel 1. Fernando Alonso ist – in Rennfahrergenerationen gedacht – wie ein Opa für ihn, einer, der auch schon gegen seinen Vater Jos gefahren ist. Selbst die jungen Weltmeister Sebastian Vettel und Lewis Hamilton fuhren schon internationale Kartrennen, als er geboren wurde. Und: Als es in Jerez 1997 zum legendären Rammstoß von Michael Schumacher gegen Jacques Villeneuve kam (sie erinnern sich sicher, liebe Formel-1-Fans), da war Max Verstappen gerade 27 Tage auf der Welt. Vergleiche, die erahnen lassen, wie unfassbar jung der Holländer ist, wie schnell ihn der Erfolg ereilt hat, wie überwältigend seine Perspektiven sind.

Renault und Red Bull: Endlich wieder happy

Wenn Max Verstappen siegt (wie bei seinem ersten Rennen für Red Bull Racing in Barcelona), wenn Max Verstappen brilliert (wie bei seinem sensationellen Verteidigungsduell gegen Nico Rosberg in Montreal), dann ist es auch ein Triumph für Dr. Helmut Marko. Der Grazer Jurist hat viel gelitten unter dem Niedergang von Red Bull Racing mit Beginn der Saison 2014, er war oft grantig, verärgert, verzweifelt und enttäuscht. Die Niederlagen gegen Mercedes mit Toto Wolff haben wehgetan, sehr weh. Die lahmen Triebwerke von Renault störten nicht nur den Antrieb, sondern auch die Motivation von Red Bull. Selbst das böse Wort vom „Ausstieg“ kam plötzlich im Fuschler Wörterbuch vor. Bis Marko die Wende schaffte -und ihm alles aufging. Er gewann den Poker um Verstappen, der in der Formel 3 höchst verhaltensauffällig geworden war, im besten Sinne. Ferrari, Mercedes und Red Bull buhlten um den erst 16-jährigen Niederländer, der unschwer als Jahrzehnttalent auszumachen war. Marko gewann, indem er volles Risiko ging und dem Buben, der einst ein paar Formel-3-Rennen intus hatte, einen fixen Platz in der Formel 1 anbot, bei Toro Rosso, ab 2015. Ein mutiges Manöver, dem ein ähnlich waghalsiges und umstrittenes 2016 folgte: Er setzte Verstappen nach dem vierten Rennen in den Red-Bull-Racing-Boliden, im Tausch mit Daniil Kwjat. All der Spott in den sozialen Medien war nach ein paar Tagen beendet -da raste Verstappen gleich im ersten Versuch zum Triumph. Denn „wenn’s läuft, dann läuft’s“: Hamilton und Rosberg (beide unschlagbar) kollidierten, Teamkollege Ricciardo wurde von der eigenen Box ausgebremst -wie übrigens auch 14 Tage später in Monaco und 28 Tage später in Montreal. Aber das Wie ist egal, das „Wau“ umso deutlicher. 100.000 kamen zu einem Verstappen-Event in Zandvoort und Tausende Holländer wollen nun zum Grand Prix von Österreich fahren, um ihren neuen Helden zu feiern.

,,Der RB12 ist fraglos der beste Red Bull aller Zeiten”

Helmut Marko

Das späte Erwachen von Adrian Newey

Ein bisschen im Schatten des Personenkults um den superegoistischen und eben auch superschnellen Verstappen ist es aber auch das Auto, das 2016 spektakuläre Fortschritte macht. „Der RB12 ist fraglos der beste Red Bull aller Zeiten“, glaubt Marko. Und weiter: „Und es ist das beste Chassis des ganzen Starterfeldes.“ In schnellen Kurven ist man schon schneller als Mercedes, auch weil Renault ganze Arbeit geleistet hat. 30 PS konnte man gewinnen, zudem enorme Fortschritte in Sachen Haltbarkeit machen. Kein Wunder, dass der Vertrag verlängert wurde, obwohl im Februar noch Eiszeit zwischen den beiden Langzeitpartnern Red Bull und Renault geherrscht hatte. Aber mit jeder Sekunde, mit der der RB12 den Werks-Renaults (Ex-Lotus) enteilt, erkennen die Franzosen, um wie viel besser das Auto des österreichischen Kunden ist. Umgekehrt ist Red Bull mit Renault so happy, dass man ab 2017 auch Toro Rosso wieder mit Aggregaten made in France bestückt.

Ein ganz entscheidender Grund für Red Bulls Erwachen liegt aber auch in Milton Keynes und in einer (späten) Einsicht von Adrian Newey. Red Bulls Superdesigner, der Einsicht von Adrian Newey. Red Bulls Superdesigner, der Einsicht von Adrian Newey. Red Bulls Superdesigner, der nur mehr die Leitlinien vorgibt, wiederholte einen Fehler nicht, den er 2014 und 2015 gemacht hatte. Damals baute er Autos, die so waren, wie man Rennwagen baut, wenn man dominiert und vorne liegt. Autos, mit denen Vettel einst in Serie Rennen von der Poleposition aus gewinnen konnte, die aufgrund ihrer überragenden Aerodynamik aber nicht wirklich zum Arbeiten kommen, wenn man hinten liegt und hinter einem anderen Auto fährt. 2016 war Newey eines Besseren belehrt. Der RB12 ist kein typisches Newey-Auto, eher einfach und ohne Schnörkel, vor allem ohne aerodynamische Auswüchse. Das wiederum aber erleichtert das Überholen. Unter idealen Bedingungen in einem Windkanal mag das Auto aerodynamisch schlechter sein, doch es funktioniert nun unter eben nicht idealen Bedingungen in einem Feld viel, viel besser, da die Aerodynamik ausgeglichener ist.

Apropos ausgeglichener: Der konstantere der beiden Red-Bull-Piloten ist natürlich noch Dani Ricciardo. Doch dem ewig lachenden Sonnyboy aus Down Under gefriert das Grinsen zusehends. Verstappen ist der Albtraum eines Teamkollegen: sauschnell, rücksichtslos, zweikampfwillig. Gerade jetzt in diesen psychologisch so wichtigen Phasen patzt die Box bei Ricciardo in Serie. In Barcelona war eigentlich er der Schnellere gewesen, bis man sich bei der Taktik verzockte. Doch Verstappen gewann und keine Sau interessierte sich für Ricciardos Hättiwari-Gedanken. Zumal auch er einst (2014) kurioserweise meist dann gewann, nachdem das Team beim Kollegen Vettel etwas verbockt hatte. Nach dem Boxendesaster in Monaco spürte man dann sehr wohl schon eine Entfremdung Team – Dani. Vielleicht hofft er auf Ferrari, für den Enkel eines Italieners ein Traum, zumal bei Red Bull höchst anstrengende Jahre gegen Verstappen drohen. Auch wenn es immer mehr im Fahrerlager merken, auch Ricciardo hat das Zeug zum Weltmeister der Zukunft. Was er gleich einmal „daheim“ am Red Bull Ring beweisen könnte.

Das neue SPORTMAGAZIN – zu haben im guten Zeitschriftenhandel und auf www.magazinshop.at/sportmagazin