Count Memories, Not Medals

Gesundheit und Freude am Tun vorausgesetzt wird Mikaela Shiffrin in wenigen Jahren die Größte aller Zeiten im Skisport sein – verdientermaßen, weil sie die meisten Entbehrungen auf sich nahm, ihre mentale Gesundheit riskierte, selbst ihr Liebesglück hintanstellte. Nun will auch die Olympiasiegerin Spaß haben. Eminem, eine Psychologin und ihr French Lover helfen dabei.

||Text: Manfred Behr||Foto: Getty Images/Shaw||

Damals in der Burke Mountain Academy in ­Vermont, einer Highschool mit Skischwerpunkt, bekam Mikaela Shiffrin einen bemerkenswerten Spitznamen ­verpasst: Piglet, „Ferkel“ also. Weil sie schüchtern und schrullig war, wie die Figur aus Winnie Puuh. Bug Pech wiederum, bis heute Shiffrins beste Freundin, gab den Problembären selbst. An einem Morgen mit einem halben Meter Neuschnee zeigte sich einmal mehr, wie sehr sich Piglet vom Rest der Rasselbande abhob. Puuh alias Bug: „Wir setzten bei den Lehrern durch, dass wir Powdern gehen dürfen. Und was tat Mikaela? Sie zog ein Stangentraining der Möglichkeit vor, sich mit ihren Freunden im Gelände auszutoben. Aber so war sie immer: Wir brannten für den Skisport, sie aber brauchte Skirennen wie die Luft zum Atmen. Mit ihrer Hingabe konnten wir nicht einmal im Entferntesten mithalten.“

Gut, das traf bisher noch auf so ziemlich alle zu, die Shiffrins Weg kreuzten. Deshalb sieht ihre Karriere-Zwischenbilanz so aus, wie sie aussieht. Wie ein Spiegelbild ihres Lieblingssatzes nämlich: Hard work pays off. Von den letzten 30 Slaloms hat sie 23 gewonnen, von den letzten sechs Kristallkugeln in dieser Disziplin fünf. Sie hat die letzten drei Slalom-WM-Titel geholt und die zwei letzten Gesamtweltcups, sie ist Olympiasiegerin in Slalom (2014) und Riesenslalom (2018), gewann bisher Rennen in vier Disziplinen. Und der Super-G? Nur eine Frage der Zeit. Wo das noch hinführen soll? Direkt an die Spitze, wo Lindsey Vonn aller Voraussicht nach nur interimistisch Platz nehmen wird dürfen, denn Shiffrin hat bei allen Parametern, bei allen Hochrechnungen die Nase vorn: Sie stand im Alter von 16 Jahren und 9 Monaten in ihrem 8. Weltcuprennen erstmals auf dem Podest (Vonn mit 19 Jahren und 3 Monaten in ihrem 44.), holte bei ihrem 24. Einsatz den ersten Sieg (Vonn: 59.). Mit 23 Jahren ist Shiffrin Nr. 5 in der ewigen Siegrangliste, hält bei 43 Weltcupsiegen und 63 Podestplätzen (Vonn in diesem Alter: 13 erste Plätze, 31 x Top 3). Rechnet man Shiffrins letzte sechs Saisonen hoch, würde sie spätestens mit 30 Vonn (hält vor Beginn ihrer letzten Saison bei 82 Weltcupsiegen) und Ingemar Stenmark (86) überflügeln. Nimmt man die letzten beiden Winter als Maßstab, wäre sie bereits in vier Jahren die Größte aller Zeiten. Für Shiffrin ein Tabuthema: „Wenn du deinen Fokus darauf verrückst, die Größte aller Zeiten zu sein, verlierst du den Blick dafür, was du täglich tun musst, um die Größte aller Zeiten zu werden.“

Wer für all die athletischen Skills und die Bodenhaftung verantwortlich zeichnet? Jeff und Eileen Shiffrin, zwei, die selbst nichts gegen eine Racer-Karriere einzuwenden gehabt hätten, stattdessen aber im St. Elizabeth Hospital nahe Boston landeten, als Anästhesist und Krankenschwester auf der Intensivstation. Sich dort kennenlernten, nach Colorado zogen, im Abstand von zwei Jahren zwei Kinder, Taylor und Mikaela, in die Welt setzten und diese mit allerlei Methoden konfrontierten, die sie für eine Weltcupkarriere als förderlich empfanden. Trefferquote: 50 Prozent. Mikaela stapfte mit Plastikski durchs Wohnzimmer, mit Langlauflatten über den Golfplatz, lernte Einrad fahren und dabei zu jonglieren. Beim prestigeträchtigen Jugendrennen Trofeo Topolino sorgte sie bei den Eltern ihrer Konkurrentinnen für Entrüstung – ob der vermeintlich fehlerhaften Zeitnehmung. Doch die 3,3 Sekunden Vorsprung waren nur allzu real. Generell aber mied man Skirennen, so gut es ging – viele Stunden im Auto für zwei Minuten Fahrt. Eine beschwerliche Zeitverschwendung.

Da gab ein Training schon bedeutend mehr her, auch wenn man Daniel Coyle bei Weitem nicht gerecht wurde. Der hatte in seinem Buch „The Talent Code“, das Mikaelas Eltern förmlich aufsaugten, 10.000 Trainingsstunden als Benchmark für Exzellenz ausgerufen. „Gemessen am Stangentraining komme ich auf nicht mehr als elf Stunden pro Jahr“, bedauert die Olympiasiegerin, weiß aber, wie sie gegenüber der Konkurrenz an Trainingszeit rauszuschinden vermag. Während alle anderen die Strecke zwischen Ziellinie und Lift ohne Umschweife bewältigen, nutzt sie jeden Meter, um an ihrem Schwung zu feilen. Dreißig zusätzliche Sekunden pro Trainingsfahrt, die sich summieren. Das Mehr an Trainingskilometern und Wieder­holungen gibt Shiffrin Selbstsicherheit. Ihr Ex-Coach Brandon Dyksterhouse weiß Wunderdinge über ihre Trainingsperformance zu berichten: „Mikaela hat bis zu 18 Trainingsläufen täglich abgespult. Und jeder war schneller als der vorige. Trotzdem verzeichnete sie während 50 Trainingstagen keinen einzigen Ausfall.“

Die Gründe für ihre sportliche Entrücktheit glaubt Shiffrin zu kennen: „Ich habe mit Sicherheit viel früher als andere begonnen, ein diszipliniertes Leben zu führen.“­ Dazu zählten und zählen: neun Stunden Schlaf, beginnend um 20.30 Uhr, plus rund 60 Extraminuten untertags. Am Boden neben dem Starthaus, am Sessellift, wherever. Abstinenz – sie hat erst einmal mehr als ein Glas Alkohol zu sich genommen. Und: keine Motivationspausen. Okay, die Mutter hat mit aufmerksamem Blick darüber gewacht, weicht winters seit dem Weltcupdebüt 2011 selten von Mikaelas Seite – und wenn doch, war Ungemach nicht weit. 2015 in Åre etwa, als sich die Alpin-Queen die einzige nennenswerte Verletzung in ihrer bisherigen Karriere zuzog (Innenbandriss). Und hinterher der Mutter zugeraunt haben soll: „Ich bin noch nicht bereit, ohne dich zurechtzukommen.“ Die nächste Bewährungsprobe dieser Art könnte unmittelbar bevorstehen, denn Eileen Shiffrin hat triftige Gründe, kürzerzutreten. Mikaelas Oma, die im November 2017 noch 95-jährig beim Heimweltcup in Killington vor Ort die Daumen drückte, braucht mittlerweile intensive Pflege.

Ab und zu stehen aber selbst die Zeichen zwischen Mutter und Tochter Shiffrin, sonst meist dicke Freundinnen, auf Sturm. „Wenn sie mit mir als Trainerin redet und ich als Tochter zuhöre, dann gehört das mitunter zu den schmerzvollsten Dingen. Diese Gespräche können schrecklich sein“, gesteht die 23-Jährige. 2013 wurden ein paar mehr als üblich geführt. Damals hatte sich Mikaela den Luxus einer Liebesbeziehung geleistet – mit Brennan Rubie, einem talentierten Teamkollegen. Eileen Shiffrin: „Ich würde es nicht Rebellion nennen, Mikaela wollte verständlicherweise einmal erleben, was für Mädchen ihres Alters völlig normal ist, aber so hart es klingt: Für eine Rennfahrerin mit ihren Ansprüchen, mit so viel Trainingsaufwand, mit so vielen Disziplinen, gibt es kein soziales Leben.“ Das „Problem“ löste sich schließlich von selbst. Rubie machte seiner prominenten Freundin Vorwürfe, nicht genug Zeit für ihn zu haben, doppelt so viel zu trainieren wie alle anderen. Der Anfang vom Ende.

Was blieb, war die schmerzvolle Erkenntnis, dass wohl nur ein Weltklasse­skifahrer Verständnis für diese Art von Beziehung aufbringen würde. Und von denen carven bekanntlich nicht überbordend viele herum. Aber einer reicht ja schon und dieser eine eroberte im Frühjahr 2017 das Herz der Ausnahmeathletin: Mathieu Faivre. Die gemeinsame Zeit – selbst im Sommerhalbjahr 2018 ein ­Fleckerlteppich: zehn Tage bei ihm in Albertville, zehn bei ihr in Avon nahe Beaver Creek (Mikaela bewohnt nach wie vor ein Zimmer im elterlichen Apartment), 14 urlaubender­weise auf Martinique, wo sich das eine alpine Traumpaar Boot und Haus mit einem anderen (Tessa Worley und Julien Lizeroux) teilte.

Möglich, dass das Timing der neuen Liebe nicht nur auf Zufällen basierte, denn Mikaela Shiffrin war im Winter davor gezwungen gewesen, sich als Rennläuferin, als Persönlichkeit neu zu erfinden. „Bis 2016 lebte sie unbekümmert in ihrer Bubble, dann aber wuchsen die Anforderungen – mehr Disziplinen, mehr Medienarbeit, mehr von allem“, schildert Ex-ÖSV-Crack Kilian Albrecht, seit 2011 als Manager an Shiffrins Seite. Die fühlte sich vor Rennen plötzlich hundeelend, musste sich regelmäßig übergeben. Bis sie sich der Sportpsychologin Lauren ­Loberg anvertraute, die auch in der NFL mentale Wehwehchen kuriert. „Es hat sich schnell herauskristallisiert, dass Mikaela große Angst davor hatte, Menschen zu ent­täuschen: ihre Eltern, Coaches, die Medien. Der Schlüssel war, ihr klarzumachen, dass kein Rennen etwas daran ändert, wer sie ist. Und dass ein großartiger Lauf aus ihr noch keinen großartigen Menschen macht, sondern all die Momente davor und danach, die niemand sieht.“ Aus Lobergs Inputs strickte sich Shiffrin ihr neues Credo: „Value love, not triumph. Remember moments, not victories. Count memories, not medals.“ Klingt nach einem guten Plan.

Einen einzigen Rückfall erlitt sie seither – bei den Olympischen Spielen im Februar. Durch zahlreiche Verschiebungen musste sie am Tag nach Riesenslalom-Gold als haushohe Favoritin im Slalom ran. Gestresst und ermüdet, weil sie aufgrund von Mixed Zone, Pressekonferenz, Medaillenzeremonie & Co. nicht ausreichend regenerieren konnte. Kilian Albrecht: „Da hat man einmal mehr gesehen, wie egal die AthletInnen dem IOC eigentlich sind. Die werden herumgeschubst, ausgepresst. Was zählt, ist nur die Show.“ Shiffrin war die Leidtragende, wieder stellte sich Übelkeit ein, am Ende blieb Slalomrang vier – nachdem sie von der US-Presse wochenlang zum „Michael Phelps der Winterspiele“ hochgehypt worden war, bis zu fünf Medaillen, drei davon in Gold, gefordert wurden. Shiffrin verließ Korea mit jeweils „nur“ einmal Gold und Silber. Doch statt sich zu rechtfertigen, lieferte sie die entwaffnendste, ­authentischste Analyse: „Die Goldmedaille war für mich hochemotional, weil ich in den Riesentorlauf so viel Arbeit gesteckt hatte. Vielleicht kosteten mich diese Gefühle die Slalommedaille, aber lieber erlebe ich einmal solche Emotionen, als dreimal Gold zu holen und wie ein Roboter nach Hause zu fahren.“

Sprach’s, verabschiedete sich artig und setzte sich ihre Kopfhörer auf. Aus denen wummerte Eminems „Guts Over Fear“. Ein Song, den Shiffrin Wort für Wort mitrappen kann. Weil es ihr Song ist. Weil er ihr aus der Seele spricht. „For all the times I let you push me around, and let you keep me down. Now I got guts over fear.“ Endlich habe ich Mut anstatt Angst. Keine schlechte Basis, wenn man die Größte aller Zeiten werden will.