Christian Fuchs: „Wenn ich gegen Vardy spiele, werde ich ihn umhauen“

Am 23. Mai 2016 ist es zehn Jahre her, dass Christian Fuchs im Spiel gegen Kroatien sein Debüt für die österreichische Nationalmannschaft feierte und sich zum ersten Mal das Team-Dress überstreifte. Mit dem  SPORTMAGAZIN EURO-Extra spricht er über seine Team-Erinnerungen, sein neues Standing im Fußball-Business und ein mögliches Duell gegen seinen Kumpel Jamie Vardy.

Interview: Tom Hofer
Titelbild: (C) Christopher Kelemen

 

SPORTMAGAZIN: Exakt vor zehn Jahren hast du dein erstes Länderspiel bestritten. Was ist vom Debüt am 23. Mai 2006 gegen das kroatische Starensemble mit den Kovac-Brüdern, Luka Modric sowie den Österreich-Legionären Joey Didulica und Mario Tokic in deinem Kopf hängen geblieben?

CHRISTIAN FUCHS: Ich wurde acht Minuten vor Schluss für Stefan Lexa eingetauscht. In Erinnerung geblieben ist mir, wie stark die Kroaten physisch waren. Das war für mich ein Weckruf und gleichzeitig eine Motivation, dass ich noch mehr aus mir rausholen und Gas geben muss.

Christian Fuchs (re.) bei seinem Team-Debüt gegen Kroatien

Das 1:1 in Torshavn gegen die Färöer in der WM-Quali für 2010 wirst du wahrscheinlich auch nie vergessen.

So was hatte ich vorher noch nicht erlebt. Hans Krankl würde sagen: Die Verhältnisse waren irreregulär! Ich werd nie vergessen: Alex Manninger wollte einen Abstoß machen und der Ball ist wieder am eigenen Sechzehner aufgekommen, so windig war’s. Als wir 0:1 in Rückstand gerieten, hab ich mir gedacht, ich will bei keinem zweiten Färöer dabei sein. Zum Glück hat Martin Stranzl ziemlich schnell den Ausgleich geschossen.

Mittlerweile hältst du bei 74 Länderspielen -schon fünf mehr als der ewige Goleador Krankl und nur noch neun weniger als Österreichs Jahrhundertkicker Herbert Prohaska.

Auch wenn’s eine Floskel ist – es ist immer etwas Besonderes, für sein Land zu spielen. Ich bin stolz, Österreicher zu sein. Auch wenn mich Österreich als Privatperson nicht mehr so oft sehen wird. Ich weiß, wo ich herkomm, wo meine Wurzeln sind. Ich bin durch alle Tiefen und jetzt auch durch alle Höhen mit dem ÖFB gegangen. Das schweißt zusammen. Ich weiß, was ich dem ÖFB zu verdanken habe. Man hat in diesen zehn Jahren immer an mir festgehalten, auch wenn’s einmal nicht so gut gelaufen ist bei mir. Das Team war immer eine Art Auffangbecken, wo ich mich immer wieder hochziehen konnte. Ich möchte das nach wie vor mit guten Leistungen zurückzahlen.

Ist der 100er-Klub ein Ziel für dich?

Ganz ehrlich: Es ist mir nicht wichtig, ob es am Ende soundso viele Länderspiele werden, wichtig ist, dass ich meine Leistung bringe, wenn ich spiele. Alles andere kann man nicht vorhersehen, ich mach mir da keinen Druck.

Dein allererstes Highlight im Teamdress war 2003 Bronze bei der U17-EM in Portugal: ein 1:0-Sieg im Spiel um Platz 3 – ausgerechnet gegen England.

Damals ist man als Österreicher noch in Ehrfurcht erstarrt vor solchen Fußballmächten, egal in welcher Altersklasse. Wir waren ja auch im Niemandsland. Mittlerweile hat sich Österreich entwickelt, das sieht man ja auch daran, dass wir uns im Nachwuchs regelmäßig für Turniere qualifizieren. Als ich in die U21 kam, waren dort Spieler aus der zweiten Liga oder Ersatzspieler aus der Bundesliga. Jetzt haben wir sogar dort viele Legionäre.

Stimmt die Geschichte, dass dich der damalige U17-Teamchef Ernst Weber zufällig in Wiener Neustadt entdeckt hat?

Wir haben damals gegen den ÖFB-Nachwuchs das Vorspiel zum Cupmatch Wiener Neustadt gegen Sturm bestritten. Nach dem Match sitz ich in der Kabine, auf einmal steht Weber vor der Tür und schreit: „Wo ist der Fuchs?“ Dann hat er mich gefragt, ob ich Lust hätte, das nächste Mal bei ihm dabei zu sein. Ich hab am ganzen Körper gescheppert und leise Ja gesagt. So hat bei mir alles angefangen mit dem Nationalteam.

Im A-Team hat dich jede vergeigte Quali maßlos geärgert. 2011 hast du dann im SPORTMAGAZIN-Interview gefordert: „Die Zeit der Ausreden ist vorbei!“

Ich glaub, das Problem war, dass wir uns immer zu klein gemacht haben. Das hat sich mittlerweile schon geändert. Wir haben jetzt das Selbstvertrauen, zu wissen, dass wir mit den Großen mithalten und sogar gegen sie gewinnen können. Aber als ich kürzlich im Premier-League-Team-der-Runde war, hat eine österreichische Zeitung geschrieben: „Fuchs hat die Ehre, mit solchen Stars nominiert zu sein.“ Was soll das? Da kommt es wieder durch, wie klein Österreich ist. Nein, wir sind es nicht! Eigentlich muss es heißen, es ist für die anderen eine Ehre, mit dem Leader der Premier League im Team der Runde zu sein!

Du warst auch 2008 bei der Heim-EURO dabei. Kann die Erfahrung jetzt nützlich sein?

Ein Turnier im Heimatland ist schon noch einmal etwas ganz Spezielles. Egal, wie die EM verlaufen ist, das Gefühl dabei zu sein, der ganze Rummel – es war schon etwas Besonderes, das mitzuerleben. Aber jetzt ist ein komplett anderes Zeitalter. Es war nicht alles schlecht damals, das will ich gar nicht sagen, aber sportlich herrschen jetzt ganz andere Gegebenheiten.

Würdest du sagen, wir erleben derzeit den besten Fuchs aller Zeiten?

Ich hab mich schon bei Mainz gut gefühlt, auch in den ersten zwei Jahren auf Schalke war ich richtig gut. Wenn du spürst, der Verein und der Trainer stehen hinter dir, dann bewegt das sehr viel. Der Kopf ist dein wichtigster Partner im Fußballgeschäft. Wenn du nicht mit Freude spielen kannst, wie’s bei mir wegen der Verletzung lange Zeit war, wenn alles eine Qual ist, du dich mit Schmerzen acht Monate drüberquälst, dann ist das halt nicht grad unterstützend. Ich fühl mich jetzt körperlich richtig gut – so gut wie lange nicht. Dazu kommen das Selbstvertrauen und der Erfolg, sowohl im Nationalteam wie auch bei Leicester. Klar fühlst du dich dann wie neu geboren.

Liegt’s auch daran, dass in England sehr viel Kraft trainiert wird?

Die Vorbereitung war physisch sehr fordernd, da haben wir viel Kraft trainiert. Unter der Saison bleibt es dir selbst überlassen, wie viel du machst. Zumindest ist es in Leicester so. Ich war wenig in der Kraftkammer, weil die Spiele wirklich intensiv und Challenge genug sind. Und je mehr Muskeln du aufbaust, umso mehr Gewicht schleppst du mit dir herum. Klar brauchst du eine gewisse Basis, aber du musst halt auch schnell sein auf der Außenbahn.

The dream came true…. 󾟛 #champions #5000to1

Posted by Christian Fuchs on Samstag, 7. Mai 2016

Was machst du, wenn’s bei der EURO zum Duell gegen deinen Kumpel Jamie Vardy kommen sollte?

Was soll ich machen – ich werd alles für Österreich geben! Und wenn ich ihn umhauen muss, werd ich ihn umhauen.

Darf man England zu den Turnierfavoriten zählen?

Vor Kurzem haben wir bei Leicester darüber gesprochen – England ist auf jeder Position drei- bis vierfach besetzt, das ist schon Qualität, und es hat eine perfekte Qualifikation gespielt. Aber das heißt halt noch nichts. Seien wir ehrlich: Die Quali ist das eine, aber beim Turnier selbst geht’s gegen andere Kaliber, das ist immer noch eine andere Herausforderung.

,,wenn ich ihn umhauen muss, werd ich ihn umhauen”

Christian Fuchs über Jamie Vardy

Apropos: Gilt die abgedroschene Phrase „Wir denken von Spiel zu Spiel“ auch in Frankreich oder setzt ihr euch intern genau definierte Ziele?

Es gibt natürlich für Journalisten nicht viel her, aber ich glaube, diese Denkweise ist die einzig richtige. Klar haben wir Ziele, man fährt zu einem Turnier, um etwas zu erreichen. Aber das Ziel kann nur erreicht werden, wenn man sich von Spiel zu Spiel konzentriert und Gas gibt. Das ist einfach so. Ich brauch nicht über Portugal reden, wenn ich vorher gegen Ungarn gewinnen soll.

Ist die Situation des Nationalteams mit Leicester vergleichbar? Auch mit den Foxes hat vor Saisonbeginn niemand gerechnet.

Gute Frage. Ich denk nicht, dass wir so ein krasser Außenseiter waren, weil wir schon in der letzten Quali gute Ergebnisse erzielt hatten. Klar, Russland war Favorit Nr. 1, dann kamen die Schweden und dann wir. Die Chancen, dass Leicester Meister wird, standen vor der Saison 5000:1 – die gleiche Quote wie für den Fall, dass sich das Ungeheuer von Loch Ness blicken lässt. Das ist schon eine richtig große Außenseiterrolle.

Wie realistisch ist es, dass Österreich langfristig eine Top-10-Nation bleibt?

Wenn ich schau, was in den Jugend-Nationalteams nachkommt, ist da schon Potenzial vorhanden, um Österreich längerfristig als Fußballnation zu etablieren. Nicht nur Schöpf, Sabitzer und Gregoritsch sind Versprechen für die Zukunft, es gibt auch noch andere. Ob das dann für die Top 10 oder Top 20 reicht, ist aus heutiger Sicht reine Spekulation.

Du bist ein enger Vertrauter von Marcel Koller – warst du überrascht, dass der Teamchef seinen Vertrag bis 2018 verlängert hat?

Nein. Er hat in Österreich ein super Standing, das Vertrauen vom Verband ist auch groß. Und die Spieler fressen ihm aus der Hand. Es gibt also genug Gründe, um in Österreich zu bleiben.

Deine Fox Soccer Academy veranstaltet im Sommer wieder Kindercamps -nicht nur in New York, sondern vom 15. bis 19. August auch im Sportcenter Donaucity in Wien. Ein erster Schritt Richtung Trainerkarriere?

Ich steh gern mit den Kindern auf dem Platz, aber ob ich später einmal Trainer werd? Ich sag nicht Nein, aber ich weiß es noch nicht. Derzeit bin ich viel zu gern selber Spieler.

Für deine Zukunft ab 2018 gibt’s drei Optionen: Du spielst in der Major League Soccer, eine Liga drunter bei New York Cosmos oder machst als Kicker in der NFL Karriere. Richtig?

Ich halt mir alles offen. Klar will ich dann nicht gleich meine Fußballschuhe an den Nagel hängen. Mein oberstes Ziel ist es, mit meiner Familie zusammenzuleben. Nicht mehr über Facetime kommunizieren zu müssen und nur alle drei, vier Wochen meine Söhne und meine Frau zu sehen. Aber klar, ich hab durchaus Ambitionen, eventuell ein neuer Toni Fritsch zu werden.

Das war also nicht nur ein Publicity-Gag.

Wenn du nicht träumst, wirst du nie etwas erreichen. Ich sag so: Wenn’s passiert, passiert’s, und falls nicht, gibt’s etwas anderes.

 

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