Christian Fuchs: „Mein Jubiläum feiere ich in Frankreich!“

Christian Fuchs, der Captain, über den neuen Winning Spirit im Team, seine ganz spezielle Beziehung zu Marcel Koller, eine Jubiläumsparty in Frankreich, die Zukunft in New York und Soccer-Nachhilfe in der Bronx.

//Interview: Tom Hofer

//Fotos: (c) Christian Hofer

SPORTMAGAZIN: Es ist schon länger her, dass der Teamgeist in der Nationalmannschaft so stark war wie jetzt. Das ist zumindest der Eindruck von außen. Ist dieser Spirit euer wahres Erfolgsgeheimnis?

CHRISTIAN FUCHS: Es ist ganz einfach so, dass wir ein gemeinsames Ziel haben, dem sich jeder unterordnet. Wir wissen, dass es nur gemeinsam geht, und dementsprechend treten wir auf dem Platz auf. Es macht keinen Unterschied, ob wir jetzt gegen Schweden, Russland, Liechtenstein oder Moldawien spielen. Jeder ist ein vollwertiger Gegner und wir nehmen jeden sehr ernst.

Genau diesen Eindruck hatte man vor der Ära Koller nicht immer, vor allem bei Spielen gegen sogenannte Fußballzwerge.

Jeder hat kapiert, dass diese Spiele die Basis schaffen für eine erfolgreiche Qualifikation und mit einer dementsprechenden Ernsthaftigkeit gehst du dann in ein Spiel rein.

Selbst Marko Arnautovic macht nicht mehr auf Alleinunterhalter. Wie habt ihr das Kunststück hingekriegt?

Er spürt ja auch, wenn’s läuft und dass wir voll hinter ihm stehen. Es hat mich enorm gefreut, dass er gegen Liechtenstein doch noch sein Tor gemacht hat und für seine Hartnäckigkeit belohnt worden ist. Vorher war er schon mehr oder weniger verzweifelt, weil der Ball nicht reingegangen ist. Er hat insgesamt großen Aufwand betrieben und auch defensiv sehr viel gearbeitet.

Man hatte in der Vergangenheit den Eindruck, dass dich die vergeigten Qualis mehr genervt haben als so manch anderen Kicker. Weil es immer dein erklärtes Ziel war, sich mit dem Team für ein großen Turnier zu qualifizieren.

Na klar, ich bin ja jetzt wirklich schon länger dabei. Ich weiß gar nicht, wie viele Jahre es genau sind.

2016 werden es zehn Jahre.

Dann wär’s umso schöner, dieses runde Jubiläum in Frankreich zu feiern! Schon die Heim-EURO war ein super Erlebnis. Das ist etwas, was man gern noch einmal erleben will. Ganz ehrlich – nach insgesamt zehn Jahren im Team noch einmal bei einer Endrunde dabei zu sein wäre für mich das höchste der Gefühle. Das wär eine Belohnung für den Aufwand, den du so lange betrieben hast. Das gilt aber für jeden Spieler, weil jeder voll mitzieht und alles reinhaut. Deshalb wär’s echt gut, wenn wir uns alle belohnen würden.

(c) Christian Hofer

Über Thomas Tuchel, deinen ehemaligen Trainer in Mainz, hast du einmal gesagt: „Für den würde ich durchs Feuer gehen!“ Auch zu Marcel Koller, deinem Ex-Trainer in Bochum, scheinst du eine besondere Beziehung zu haben, immerhin hat er dich zum Teamkapitän gemacht.

Die gemeinsame Vergangenheit verbindet uns. Der Kontakt ist auch nach Bochum nie wirklich abgerissen. Er hat im Team auch dann an mir festgehalten, als es vereinsmäßig nicht so gut gelaufen ist. Das hab ich mit Leistung zurückgezahlt. Klar, wenn einer so auf dich baut und dich so unterstützt, ist das etwas Besonderes.

Du warst nie in einer Akademie, bist den unbequemen Weg gegangen, hast schon mit 15 Jahren in der Kampfmannschaft von Wiener Neustadt in der Landesliga gegen Erwachsene gekickt, später Zusatzschichten mit einem Privattrainer eingelegt. Macht es einen deshalb noch mehr stolz, die Kapitänsbinde zu tragen?

Es macht mich stolz und es ist etwas ganz Besonderes, aber das hat nichts damit zu tun, wo ich herkomme. Ich denke, jeder wäre stolz, wenn er die Mannschaft auf den Platz führen könnte.

Wo siehst du derzeit noch Verbesserungspotenzial im Team?

Wir machen sehr viele Analysen, schauen uns das Positive genauso an wie die Dinge, die nicht so gut geklappt haben. Du wirst den Fußball sowieso nie perfektionieren können, du kannst deine Schwächen minimieren, kannst Fehler abstellen, aber während eines Spiels kommt es immer zu Fehlern, das ist ganz normal. Was uns aber derzeit auszeichnet: Wenn ein Fehler passiert, sei es taktischer oder individueller Natur, ist der nächste Spieler da, ihn auszubessern. Deswegen ist Fußball auch so ein schöner Teamsport, weil jeder Einzelne dem anderen helfen kann. Und das machen wir im Team sehr gut, find ich.

Die entscheidenden Quali-Spiele steigen allesamt in der Fremde, zuerst am 14. Juni in Moskau gegen die Russen, dann im Herbst in Schweden und Montenegro. Kann das Team seine Auswärtsschwäche endlich ablegen?

Wir haben ja schon damit begonnen – mit Moldawien und Liechtenstein haben wir die letzten beiden Auswärtsspiele gewonnen. Auch wenn das keine großen Kracher waren, wir haben sechs Punkte geholt. Anders als in der letzten Quali, als wir in Kasachstan nur unentschieden gespielt und wertvolle Punkte verloren haben. In Moldawien haben wir das Spiel sogar in Unterzahl noch gewonnen. Wir sind auf einem guten Weg, dass wir auswärts genauso auftreten wie daheim.

Dein Kumpel Robert Almer hat sein einziges Pflichtspiel diese Saison in der zweiten Mannschaft von Hannover beim 3:0-Sieg gegen den Goslarer SC in der Regionalliga Nord bestritten. Wann wird die fehlende Matchpraxis ein ernsthaftes Problem für den Teamgoalie?

Ich finde, dass dem viel zu viel Wertigkeit beigemessen wird. Der Robert hat genauso wie jeder andere von uns bei seinem Verein den Kampf ums Leiberl. Er hat Trainingseinheiten, bei denen er täglich auf höchstem Niveau gefordert wird. Das ist viel wert. Außerdem: Wir alle spielen Fußball, seit wir Kinder sind. Wenn es uns dann nicht liegt, auf dem Platz zu stehen und ein Match zu spielen, kenn ich mich nicht mehr aus. Es hilft ihm natürlich, dass er im Team das Vertrauen des Trainers hat. Wenn’s echt so ein Problem wäre, dann hätte er gegen Schweden, Russland und Montenegro nicht so gut gehalten.

,,Wir alle spielen Fußball, seit wir Kinder sind. Wenn es uns dann nicht liegt, auf dem Platz zu stehen und ein Match zu spielen, kenn ich mich nicht mehr aus. ”

Christian Fuchs

Das Gerücht, dass er im Sommer zurück zur Austria geht, kocht heiß. Weißt du mehr darüber?

Klar reden wir darüber und natürlich ist der Schritt, den er im Sommer machen wird, ein sehr wichtiger, aber ich muss dir ehrlich sagen, das ist sein Stiefel, er wird die richtige Entscheidung für sich und seine Familie treffen. Egal, was er macht, er kann keinen falschen Entscheid treffen.

Früher warst du der Freistoß-King im Team, jetzt gibt’s mit Alaba und Junuzovic übermächtige Konkurrenz bei den Standards.

Mit David und Sladdi haben wir natürlich zwei Freistoßschützen, die zuletzt einen richtig guten Lauf hatten, den darf man nicht brechen. Das kann uns ja nur weiterhelfen, denn bei Standards sind wir immer gefährlich. Die beiden sind wie zwei zusätzliche Waffen, die du immer dabei hast. Ich seh das ganz locker, uns geht’s ja allen darum, als Mannschaft Erfolg zu haben. Der Einzelne ist unwichtig, das gilt genauso für mich. Ob David, Sladdi oder ich die Freistöße schießen, ist wirklich ghupft wie ghatscht.

Ganz und gar nicht egal wird dir dein Treffer im Bernabéu-Stadion in der Champions League gegen Real gewesen sein. Ist das Tor Platz 1 in deiner persönlichen Hitliste?

Das war definitiv eine Partie, an die ich mich ewig erinnern werde. Natürlich freut mich das Tor extrem. Ich glaub, ich war erst der fünfte Österreicher, der im Bernabéu getroffen hat. Noch mehr hätt’s mich gefreut, wenn wir den Aufstieg auch noch geschafft hätten. Aber natürlich hat mir das Tor sehr gutgetan, es wird mir auch in Zukunft noch guttun.

,,An das Spiel gegen Real werde ich mich ewig erinnern. Ich glaub, ich war erst der fünfte Österreicher, der im Bernabéu getroffen hat.”

Christian Fuchs

Das neue System von Schalke-Coach Roberto Di Matteo, ein 3-5-2, bei dem du links im Mittelfeld und nicht mehr in der Abwehr spielst, scheint dir gutzutun.

Das liegt ja auf der Hand. Meine Aufgabe ist sehr offensiv angelegt, ich bin ja mehr oder weniger schon ein Flügelstürmer. Das gibt mir natürlich gewisse Freiheiten. Ich fühl mich aber auch im 4-4-2, wie wir es gegen Liechtenstein gespielt haben, sehr wohl. Wenn die Mannschaft funktioniert, ist das System eigentich egal, dann bringst du deine Leistung und spielst gute Partien.

Dein Vertrag bei Schalke läuft mit Saisonende aus. Bisher gab’s keine Anzeichen, dass der Klub mit dir verlängern will. Machen wir eine Zeitreise: Als Legionär welchen Landes reist du zur EURO nach Frankreich?

Okay, das setzt erstens voraus, dass wir uns qualifizieren. Klingt gut! Und zweitens: Das ist die große Frage, die ich gern beantworten würde, aber noch nicht kann. Weil ich noch nichts unterschrieben und auch mit Schalke noch keine Gespräche geführt habe. Es gibt Interessenten aus diversen Nationen, aber etwas vermelden werde ich erst, wenn ich meine Unterschrift unter einen Vertrag gesetzt habe.

Kann man sagen, die nächsten zwei Monate sind die heiße Phase?

Das kann man sicherlich so sagen. Ich gehe aber davon aus, dass es nicht mehr so lange dauern wird, bis diesbezüglich Klarheit herrscht.

Deine Frau Raluca betreibt in New York eine Event-Agentur. Die Klientel von RA Entertainment ist breit gefächert: vom Investment-Riesen Goldman Sachs bis zum Biodiesel-Start-up von Country-Music-Legende Willie Nelson. Wirst du über kurz oder lang nach Amerika auswandern?

Das wird fix so sein. Meine Frau lebt mit meinem Sohn Anthony und meinem Stiefsohn Ethan drüben. Und da ich gern mit meiner Familie zusammen bin, werde ich spätestens nach meiner aktiven Karriere auswandern.

Wie anstrengend ist so eine Fernbeziehung?

Es gibt natürlich bessere Voraussetzungen. Aber wir machen das Beste daraus, sehen uns relativ oft. Momentan lastet der Großteil der Reisen auf ihren Schultern. Es ist nicht die optimale Lösung, aber momentan nicht zu ändern. Ich bin sehr dankbar dafür, dass sie mir zu jeder Zeit den Rücken freihält und mich voll unterstützt.

In New York gibt’s zwei professionelle Fußballteams – die Red Bulls und den neuen Manchester-City-Ableger New York City FC.

Da bist du falsch informiert. Es gibt noch einen Klub und da spielt ein Freund von mir: Cosmos, Raúl!

Dein ehemaliger Schalke-Kumpel! Der Kultklub Cosmos wäre natürlich auch eine Option. Wie genau verfolgst du die Soccer-Szene in Amerika?

Wenn du so einen Fußballbezug hast wie ich, verfolgst du das natürlich genau mit. Ich hab auch Kontakt mit einem weiteren Ex-Schalker, Jermaine Jones, der jetzt bei New England Revolution in der Major League Soccer spielt.

Ende Juni veranstaltest du ein Fußballcamp in Manhattan. Als Trainer der „Foxsoccer Academy“ werden ausschließlich Österreicher aufgelistet: dein ehemaliger Privatcoach Heinz Griesmayer, Ex-Seattle-Goalie Michael Gspurning und Teamtormann Almer. Standort des Camps sind die Bronx Shore Fields. Dort ganz in der Nähe, im ehemaligen Downing Stadium, hat Pelé einst sein Debüt im Cosmos-Dress gegeben. Wie viele Kids werden deinem Ruf folgen?

Wir planen mit 60 Kindern im Alter von 10 bis 15 Jahren, also relativ vielen Kids. Es wird unser erstes Camp, ich freu mich schon total drauf.

Wie steht’s mit US-Sport?

Football und Basketball hab ich mir schon angeschaut, Eishockey fehlt mir noch in der Sammlung.

Dein Lieblingsklub?

Als Bald-New-Yorker darf ich’s ja eigentlich gar nicht verraten – die New England Patriots taugen mir schon sehr. Heuer bin ich im Trikot von Tom Brady vorm Fernseher gesessen und hab Superbowl geschaut. Bei der Rivalität zwischen Boston und New York sollte man das aber nicht zu laut sagen.

PASSPORT

Geboren: am 7. April 1986 in Neunkirchen

Familie: in zweiter Ehe mit der gebürtigen Rumänin Raluca verheiratet, Sohn Anthony (4 Monate), Stiefsohn Ethan (6 Jahre)

Größe/Gewicht: 1,86 cm/86 kg Stationen: SVg Pitten, Wiener Neustadt, SV Mattersburg, VfL Bochum, FSV Mainz 05, Schalke 04 (seit 2.7.2011)

Champions League: 16 Spiele/2 Tore (gegen Olympiakos Piräus und Real Madrid)

Nationalteam: 66 Länderspiele/1 Tor; Debüt am 23. Mai 2006 beim 1:4 in Wien gegen Kroatien („Ich hab dreimal den Ball berührt und bin bei jedem Körperkontakt um die Erd geflogen, weil die Gegner so robust waren“)