Biedermänner statt Bären

Russland ist WM-Gastgeber – und für viele hoffnungsloser Außen­seiter. Der Zerfall der einstigen Sportgroßmacht Sowjetunion hat vor allem ihren fußballerischen Haupterben nachhaltig geschwächt. Natascha Rusnachenko war UdSSR-­Handballstar und Alfred Tatar Trainer im größten Land der Welt. Für uns stöbern sie Spuren des Ruhms auf und forschen nach Ursachen für den Verfall.

Text: Fritz Hutter // Fotos: Getty Images/PA Images (gr.), imago/Colorsport (kl.)

Zu Zeiten der UdSSR haben sich Erfolge halt noch ausgezahlt. Für den Olympiasieg – das Allergrößte in der 1991 endgültig aufgelösten Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken – bekam jeder Beteiligte einen ­fabriksneuen Lada Schiguli vor die Datscha gestellt. Und 1988 durften endlich auch die Helden der Fußball-Sbornaja ans Steuer des Top-Modells des größten Pkw-Herstellers auf russischem Boden, der Firma AwtoWAS.

Zugang zum eigenen Automobil war nur eines der Privilegien für die Sportstars des damals fast 300 Millionen Einwohner starken Reiches zwischen Ostsee und Pazifik. Rare Konsumgüter, sogar Westware, ein erleichterter Zugang zu Wohnungen und die Chance, vom bzw. für den Sport als Angestellte von Staatsbetrieben zu leben, waren andere. Auch für Natascha Rusnachenko, als Handballtorfrau zweifache Juniorenweltmeisterin, Serienmeisterin sowie zweimal Champions-League-Gewinnerin mit Spartak Kiew – und später dreimal mit Hypo Niederösterreich. Vor ihrer Einbürgerung für Olympia 1992 erlebte die heute 49-Jährige nicht nur den eigenen Aufstieg zur Sportheldin, sondern auch jenen der „goldenen Generation“ des Sowjetfußballs. „Wir Handballerinnen und die Spieler von Dynamo Kiew wurden immer gemeinsam für unsere Meistertitel im vollen Dynamo-Stadion geehrt. Mein Trainer und Mentor Igor Turtschin und Fußball­trainer-Legende Waleri Lobanowski waren enge Freunde, aber trotzdem hat sich Igor immer über die Aufmerksamkeit geärgert, die der Fußball bekam, obwohl wir Handballerinnen damals wirklich alles gewonnen haben“, so die 2008 als österreichische Nationalkeeperin abgetretene nunmehrige Erzieherin im Leistungszentrum Südstadt über jene Zeit, zu der sie sich ihr Monatsgehalt noch als offizielle Angestellte eines Autoteilekonzerns Seite an Seite mit vielen Dynamo-Kickern abholte. Bejubelt wurden international erfolgreiche Vereine wie Spartak und Dynamo Moskau sowie eben Dynamo Kiew, das unter Mastermind Lobanowski 1974/75 und 1985/86 den Europapokal der Pokalsieger stemmen durfte, und natürlich die Nationalmannschaft. Als Sbornaja (zu Deutsch: „Auswahl“) hamsterte diese Meriten wie den EM-Titel 1960, Platz zwei bei den Europameisterschaften 1964 und 1972, WM-Rang vier 1966 und das Erreichen des letztlich gegen die Niederlande verlorenen EM-Finales 1988. Oder eben den Olympiasieg unter Coach Anatoli Byschowez über Brasilien, als Vizeeuropameister Michaili­tschenko & Co. Stars wie Romario oder Bebeto nur Silber überließen.

Triumphe, von denen vor allem der größte, weltpolitisch unbestritten mächtigste Erbe und internationale Rechtsnachfolger der Sowjetunion nur träumen darf. Zwar qualifizierte sich die russische Nationalmannschaft seit ihrem ersten offiziellen Antreten nach der EM 1992 für drei Weltmeisterschaften und fünf Euros, kam dabei aber nur einmal über die Vorrunde hinaus. Bei der EM 2008 in Österreich und der Schweiz stießen der einstige Arsenal-Zauberer Andrej Arschawin & Co. unter dem niederländischen Startrainer Guus Hiddink überraschend bis ins Semifinale gegen den späteren Champion Spanien vor.

Eine Leistung, der in einem Land, das nach anfänglicher Verwirrung über die plötzliche Bewegungs­freiheit der Ideen lustvoll im Brachialkapitalismus badete, kaum Nachhall beschert war. Dies konstatiert Alfred Tatar, der von 2006 bis 2008 als Co-Trainer des Ex-Austrianers Raschid Rachimow bei Amkar Perm und Lok Moskau wirkte: „Die gute Arbeit von Hiddink und seinem Nachfolger Dick Advocaat war nicht nachhaltig. Dazu hätte man auch im Nachwuchs beispielsweise niederländische Strukturen installieren und diesen Zeit geben müssen.“

Aber nicht nur importiertes Fußball-Know-how dürfte bis heute mächtig abgehen. Dass Alfred Tatar, mittlerweile TV-Experte bei Sky, Russlands biedere, von Athletik und solider Organisation, aber kaum von Kreativität geprägte Fußballphilosophie beklagen muss, hat seine Gründe auch im Verlust der positiven Teile des UdSSR-Sportsystems. Natascha Rusnachenko erinnert sich an die sportliche Fruchtfolge von einst: „Du wurdest in der Schule vom Turnlehrer für eine Sportart entdeckt und an einen regionalen Verein weitervermittelt. Bei landesweiten Wettkämpfen konntest du dich dann größeren Klubs zeigen und in der Folge für die Auswahlmannschaften empfehlen.“

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Dazu räumt die in Tiraspol geborene Moldauerin, die mit 14 als Handballtalent ins 500 Kilometer entfernte Kiew gelotst wurde, mit dem Vorurteil der uniformen Gleichschaltung auf: „Trainer wie Igor Turtschin, Eis­hockey-Legende Viktor Tichonow und eben auch Waleri Lobanowski waren selbst damals echte Ausnahmeerscheinungen und verfügten über ein enormes Wissen als Sport­wissenschaftler. Sie haben über Jahrzehnte voll auf eine sehr individuelle Ausbildung ihrer Spieler gesetzt und damit ganze Generationen geprägt.“

Im Zuge der Perestroika wollten dann aber nicht nur zahlreiche sowjetische Top-Spieler wie Igor Belanow, Europas „Fußballer des Jahres“ 1986 (Anm: bereits 1989 von Kiew zu Mönchengladbach), sondern eben auch Coaching-Gurus wie der 2002 verstorbene Lobanowski Land und Liga verlassen. Klaffende Lecks hinterließen diese großkalibrigen Leistungsträger genau dort, wo bei der Akklimatisierung an die Gesetze des inter­nationalen Fußball-Biz behutsamer Aufbau statt eines regelrechten Goldrauschs gefragt gewesen wäre. Die bis knapp vor dem Zerfall so spekta­kulär offensiv kickenden EM- und Olympiahelden konnten kaum hochveranlagte Nachfolger finden. Statt „Hollywood“ spielte es bald nur mehr „Sibirien“. Sein Übriges dazu tat der abrupte Wegfall der Ukraine, die von Mitte der 1970er weg den Stamm der Sowjet-Elf stellte. Spätere Top-Stars wie Andrij Schewtschenko (AC Milan, Chelsea), Anatolij Tymoschtschuk (FC Bayern) oder Serhij Rebrow (Tottenham) liefen somit für ihre ­wiedergeborene Heimat auf, statt den russischen Bären in alter Stärke brummen zu lassen.

Für Talentnachschub sollte eigentlich die 1992 installierte „Oberste Liga“, die 2002 namentlich von der „Premjer-Liga“ abgelöst wurde und heute als höchste Spielklasse mit 16 Klubs ausgetragen wird, sorgen. Traditionell geben dort die finanzstarken Hauptstadtvereine Lokomotive (Hauptsponsor ist die staatliche Eisenbahngesellschaft RŽD), der Militärklub ZSKA und Rekordmeister Spartak Moskau den Ton an. Dazu mischen noch Rubin Kazan aus Tatarstan und der Arschawin-Stammverein Zenit St. Petersburg mit. Aber die Liga stagniert gefühlt in der europäischen Mittelklasse. In der Saison 2017/18 erreichte kein russischer Klub die K.-o.-Phase der Champions League. Besser lief es in der Euro League, wo Zenit und Lok im Achtelfinale und ZSKA, der Sieger von 2008, erst im Viertelfinale do swidanija sagen mussten.

Auch wenn diese Resultate zuletzt noch Platz sechs in der UEFA-Fünfjahres­wertung ermöglichten, scheinen sie in der russischen Restmenge einer erfolgshungrigen Supermacht, in der einst auch schon sämtliche Spieler samt Trainer zur Strafe für die Schmach einer EM-Finalniederlage lebenslang vom Nationalteam suspendiert wurden, nicht gut genug. Euphorie ist deshalb Mangelware in den teils riesigen Stadien. Die geografischen Dimensionen Russlands geben der Atmosphäre häufig den Rest. „Echte Begeisterung und so etwas wie Fankultur ist nur im Raum Moskau zu spüren. Flächendeckend ist dies durch die Größe des Landes, in dem du für ein Auswärtsmatch mit dem Flugzeug oft mehrere Zeitzonen überwinden musst, unmöglich“, so Alfred Tatar. Und noch eine Ursache für die Fadesse in jener Liga, die aktuell den einzigen Spielerpool für die vom ehemaligen FC-Tirol-Goalie Stani Tschertschessow betreute „Sbornaja 2.0“ bildet, nennt er: „Seit erfolgreiche Unternehmen in privater oder staatlicher Hand noch echte Top-Legionäre nach Russland lotsen konnten, ist viel Wasser die Wolga runtergeflossen. Heute geht’s etwa in England um so viel Geld, dass maximal noch Südamerikaner aus der zweiten Garnitur in die Premjer-Liga kommen.“

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Neben der mangelnden Kreativität und Offensivkraft im Klubfußball sieht Alfred Tatar außerdem den Gastgeberstatus als echtes Hindernis für einen Über­raschungserfolg. Die völlig legionärsfreie Nationalmannschaft Russlands geht naturgemäß ohne die unersetzlich lehrreiche Mühle der WM-Qualifikation in die anstehende Heim-WM: „Diese Situation erinnert mich an jene von Österreich vor der Euro 2008, als uns auch die ernsthaften Bewerbsspiele gefehlt haben. Das kannst du mit Freundschaftsspielen nicht simulieren. Ich glaube nicht, dass mehr als das Achtelfinale realistisch ist.“

Und weil sie sich Fußball eher als Sportexpertin denn als Anhängerin anschaut, setzt auch Natascha Rusnachenko bei der WM nicht wirklich auf Russland. „Da bin ich eher ein Fan von Deutschland. Die schaffen es immer wieder, im entscheidenden Moment ihre Best­leistung abzurufen“, erklärt sie. Kann sein, dass die Olympiadritte von 1988 eine der deutschen Sporttugenden vertraut vorkommt: „In der UdSSR wollte man immer gut sein, um seine Position halten zu können, denn hinter dir haben immer gleich mehrere gewartet, die deinen Platz wollten.“