Groß war die Begeisterung, als verkündet wurde, dass der Golfsport nach 112 Jahren wieder ins olympische Programm rückt. Doch längst steht das Turnier in Rio unter keinem guten Stern. Bernd Wiesberger lässt sich die Laune aber nicht vermiesen.

//Text: Tobias Wimpissinger

Um das Flair Olympischer Spiele inklusive Eröffnungsfeier so richtig aufsaugen zu können, reist Bernd Wiesberger frühzeitig nach Rio de Janeiro. Und ungeachtet des gewohnten Luxus auf der Profitour freut sich der Burgenländer auf die Tage im Athletendorf: Speisesaal von der Größe zweier Fußballfelder, ständiger Kontakt zu Sportlern anderer Disziplinen, Coffeeshop, Supermarkt, Friseur, Wäscherei und Trainingsstätten, die 24 Stunden zur Verfügung stehen. Aber nicht nur deshalb kam eine externe Wohnlösung nie in Betracht. „Die tägliche Anreise mit diversen Security- Schleusen und dem komplizierten Transport wäre unendlich schwieriger“, weiß Sportdirektor Niki Zitny, der im Dorf ein eigenes Golf-Apartment mit Wiesberger, ÖGV-Starterin Christine Wolf und den jeweiligen Caddies bezieht. Um sowohl die besten Golfer als auch möglichst viele Nationen im 60er-Teilnehmerfeld zu garantieren, fand man folgenden Quali-Schlüssel: Den Top 15 der Welt steht eine fixe Teetime zu, allerdings für maximal vier Spieler pro Land, darüber hinaus dürfen höchstens zwei Athleten einer Nation antreten. „Den kleineren Verbänden hilft es, dass viele Spieler von Großmächten wie den USA, Australien oder Südafrika die Kriterien nicht erfüllen und Großbritannien unter einer Flagge antritt.“

Doch die Liste prominenter Abwesender wird länger und länger. Rory McIlroy, Jordan Spieth und Jason Day, die drei wichtigsten Zugpferde des internationalen Golfsports, bleiben dem Turnier ebenso fern wie die Major- Gewinner Adam Scott, Charl Schwartzel, Louis Oosthuizen und Vijay Singh, nicht alle schieben die Angst vor dem Zika-Virus als Motiv vor. Als Rückschlag möchte Wiesberger die Absagenflut aber nicht werten: „Natürlich macht es keinen tollen Eindruck, aber man muss diese privaten Entscheidungen akzeptieren.“ Zitny glaubt, dass man der Idee Zeit geben muss: „Wenn ich mich daran erinnere, wer aller bei der Rückkehr des Tennis ins olympische Programm 1988 gefehlt hat, ist die Ausfallsquote überschaubar.“ Doch enden die Probleme nicht beim Starterfeld.

Im Gastgeberland gilt Golf nicht einmal als Randsportart, trotzdem sorgt das olympische Turnier für Zündstoff, muss sogar als Symbol herhalten für alles, was rund um die Spiele schiefläuft, denn der Platz wurde im Naturreservat Marapendi errichtet, selbstverständlich ohne Umweltverträglichkeitsprüfung. Dabei gab es in Rio bereits zwei Golfplätze, die Anlage des Clubs Itanhangá zählt laut Branchenbibel Golf Digest sogar zu den hundert besten außerhalb der USA und liegt nur zwanzig Autominuten vom Athletendorf entfernt. Dennoch wurde Itanhangá für den olympischen Wettbewerb nie in Erwägung gezogen. Dass in Barra da Tijuca in unmittelbarer Schlagdistanz zum Großteil der Wettkampfarenen unbedingt ein neues Grün entstehen musste, wundert nicht nur organisierte Olympiagegner. Zwar sind den Brasilianern der Umweltschutz und das Leben der im Biotop ansässigen Kaimane, Gürteltiere und Wasserschweine ähnlich wurscht wie Golf, die Wettkampfstätte erregt aber vor allem aufgrund der umliegenden Gebäude die Gemüter: Direkt neben den Fairways entstehen 160 Luxusappartements in vier 20-stöckigen Wohntürmen mit Blick aufs Meer. Der Golfplatz soll für die bis zu sieben Millionen Dollar teuren, 2017 bezugsfertigen Wohneinheiten lediglich Teil einer großen Immobilienspekulation sein. Auch das konservative 72-Loch-Strokeplay-Format wird in der Szene als verpasste Chance gewertet, ursprünglich standen ein Matchplay-Turnier sowie ein Teambewerb mit Damen und Herren im Raum. „Ich hätte mir ein Head-to- Head gewünscht, in dem es letztlich in einem echten Finale um Gold oder Silber geht“, zeigt sich Zitny enttäuscht.

,,Ich sehe das Turnier als Chance für Golf, sich zu einem Breitensport zu entwickeln. ”

Bernd Wiesberger

Wiesberger sieht den Zählspielmodus pragmatischer: „Es ist das aktuell am öftesten angewandte Format und bietet mehr Chancengleichheit, weil du nicht vom Los abhängig bist. Und dass man jetzt mit einem Strokeplay-Turnier beginnt, heißt ja nicht, dass es sich in Zukunft nicht ändern kann.“ Für sein Land statt für sich selbst bzw. um Medaillen statt Preisgeld zu spielen erfüllt den 30-Jährigen mit Stolz: „Vor allem auf dieser großen Bühne. Golferisch macht es aber keinen großen Unterschied. Man versucht sich jede Woche bestmöglich auf ein Turnier vorzubereiten, eine geänderte Routine könnte mehr Schaden als Gutes anrichten.“ Freilich schielt das heimische Aushängeschild aufs Podest, seine Gedanken gelten aber auch einer höheren Mission: „Ich sehe das Turnier als Chance für Golf, sich zu einem Breitensport zu entwickeln. Durch die Olympia-Aufnahme werden sicher viele Leute dazu animiert, ihre Berührungsängste fallen zu lassen und es selbst einmal zu versuchen.“

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