Benni Raichs WM-Rezept: Kritisch, mündig, goldig?

Benni Raich hat während seiner Alpinkarriere eine Unmenge an Erfahrungen angehäuft. Darunter: eine wenig erfolgreiche Ski-WM in St. Moritz. Dem Sportmagazin erklärt der zehnfache Medaillengewinner, was es braucht, um am Tag X reibungslos zu funktionieren, wovor er Mikaela Shiffrin warnt und warum Marcel Hirscher dem Idealtypus des selbstbestimmten Athleten am nächsten kommt.

//Text: Manfred Behr  //Fotos: GEPA-PICTURES.COM

Die Welt hatte schon auch andere Sorgen, als im Februar 2003 bei der Ski-WM in St. Moritz bei Champagner­klima Gold, Silber und Bronze vergeben wurden. Am Tag der Eröffnung etwa schockte der Absturz des Spaceshuttles „Columbia“, ein defekter Hitzeschild kostete alle sieben Astronauten das Leben. Vier Tage später beunruhigte US-Außenminister Colin Powell mit Satellitenfotos, die die Existenz angeblicher irakischer Massenvernichtungswaffen beweisen sollten. Die Sorge vor einem neuen Golfkrieg wuchs. Zu Recht. Er wurde am 20. März vom Zaun gebrochen. Mit all den Konsequenzen, die uns auch noch im Februar 2017 beschäftigen werden, wenn bei der Ski-WM in St. Moritz Gold, Silber und Bronze vergeben werden. Bei Champagnerklima hoffentlich.

14 AthletInnen, durchwegs namhafte indessen, hatten die Weltpolitik im Februar 2003 aus ihrer Gedankenwelt weitgehend verbannt. Und sie werden genau das nächsten Monat wieder tun, müssen es sogar. Der Kampf um Medaillen, zum Teil bei Höchstgeschwindigkeit, verträgt sich nicht mit Ablenkungen dieser Art. Das wissen Routiniers wie Hannes Reichelt, Aksel Lund Svindal, Felix Neureuther, ­Peter Fill, Elisabeth Görgl oder Julia Mancuso. Von den nach Svindals jüngster Knieoperation und Görgls Nichtnominierung (nach Print-Redaktionsschluss) nur mehr 12 Dauerbrennern, die sich 14 Jahre später noch einmal auf Medaillenjagd begeben, gingen 2003 alle leer aus. Erik Guay, 6. in Abfahrt und Super-G, war den Medaillen noch am nächsten. Im Gegensatz zu seinen heutigen ORF-KollegInnen Niki Hosp (Kombi-Silber, Slalom-Bronze), Alexandra Meißnitzer (Abfahrts-Silber) und Hans Knauß (Riesentorlauf-Silber) zählte damals auch Benni Raich zu den Geschlagenen: Im Slalom fehlte ihm ein Zehntel auf Silber, im Kombislalom schied er in aussichtsreicher Posi­tion aus. „Als ‚Nerverl‘ hat man mich damals bezeichnet. Ich wusste natürlich, dass das nicht stimmte. Mir war im Kombislalom die Kante eines Skis gebrochen.“ Den Beweis für seine Fähigkeit, am Tag X zu funktionieren, trat der Pitztaler oft genug an – sechsmal bei Weltmeisterschaften, viermal bei Olympischen Spielen.

,,Der kritische und mündige Athleten-Typus muss von den Trainern gefördert werden”

„Das Wichtigste ist, perfekt vorbereitet am Start zu stehen. Dazu musst du aber erst einmal wissen, wie alles im Idealzustand sein soll. Dein konditionelles, ­skitechnisches, mentales Level, dein Kraft­niveau, das Material, die Wohnsituation, das Training vor Ort. Es darf dir nicht zu stressig sein, all das nach deinen Wünschen zu gestalten. Schließlich stehst du auch dafür gerade, was am Ende rauskommt“, erläutert Benjamin Raich sein persönliches Erfolgs­rezept. Der Countdown für ein Groß­ereignis à la St. Moritz beginnt bereits im Frühjahr davor. „Du weißt, die Hänge sind nicht allzu steil, der Schnee ist aggressiv. Wo lässt sich diese Kombination am besten trainieren? Schon im Sommer bist du den Lauf hunderte Mal im Kopf gefahren. Mit dem Ziel, dass dich dann nichts mehr über­raschen kann – keine Windböe, keine schlechte Sicht.“ Von der beliebten Herangehens­weise, dem WM-Rennen keine besondere Bedeutung beizumessen, hält Raich herzlich wenig: „Das redet man sich ja doch nur ein. Da sind ein Haufen Leute, eine Menge Medien. Es ist völlig okay, nervös zu sein, aber ich muss mich an den Start stellen und mich darauf freuen können, endlich zu zeigen, was ich trainiert habe.“

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Im WM-Slalom 2003 in St. Moritz als Vierter glücklos (l.) bunkerte Benni Raich bei acht Weltmeisterschaften zehnmal Edelmetall.

Grundvoraussetzung für eine selbstbestimmte, optimierte Vorbereitung: der kritische, mündige Athlet. „Dieser Typus muss von den Trainern gefördert werden, denn irgendwann braucht man ihn – spätestens wenn man Seriensieger will. Anfangs ist es natürlich angenehmer, wenn nicht jeder 15-Jährige ständig deine Trainingsmaßnahmen hinterfragt. An sich aber wäre nichts dabei, die Übungen zu erklären und hinterher zu kontrollieren, ob sie gebracht haben, was sich der Trainer davon versprochen hat.“ Doch damit beginnt das Dilemma: Kritische und mündige Athleten zu produzieren war über Jahrzehnte nicht unbedingt der allererste Anspruch der ÖSV-Funktionäre. So strahlt die verpflichtend zu unterschreibende Athletenvereinbarung doch eine gewisse Symbolkraft aus. Raich, Doppel-Olympiasieger von 2006, hat es trotzdem immer verstanden, seine Vor­haben durchzusetzen. „Wenn du stich­haltig argumentierst und den Leuten nicht blöd kommst, hilft man üblicherweise auch. Wobei es einem arrivierten Athleten natürlich leichter fällt, in der Betreuerriege Unterstützer zu finden. Bei Winterspielen etwa habe ich mich, wann immer es Sinn ergab, außerhalb des olympischen Dorfes einquartiert, unter anderem wegen der vielen Kontrollen, wegen des Speisesaals für 300 Leute. Dort herrscht ein derartiger Lärm, dass dich allein das schon Kraft ohne Ende kostet. Aber du musst auch bereit sein, dafür etwas zu investieren.“

Bei der WM 2009 in Val-d’Isère reiste der heute 38-Jährige nach drei Bewerben unvermittelt und medaillen­los ab. „Ich spürte instinktiv: Wenn ich so weitermache, wird das nix. Also ließ ich einen Flug buchen, die Leute daheim im Pitztal begannen, eine Piste mit Wasser zu bearbeiten, auf der ich zwei Tage trainieren konnte. Dann reiste ich noch einmal an – und wurde prompt Riesen­slalom-Vizeweltmeister.“ Seine letzte Medaille, zwei Jahre später dann der Kreuzbandriss bei der WM in Garmisch. „Ich habe schon ein bis zwei Jahre davor gemerkt, dass ich am Limit bin, dass sich Stress aufbaut, weil mir viele Dinge auf den Geist gingen, mich manches langweilte. Un­passende Fragen so mancher Journalisten zum Beispiel. Die Pause verschaffte mir die Luft, mir Lösungen für die Situationen, die mir nicht taugten, zu finden. Ich durfte sie entweder gar nicht entstehen lassen oder musste anders damit umgehen, zum Beispiel, indem ich mich in mein Gegenüber reinversetzte, nach dem Motto: Würde ich mich nicht auskennen, würde ich die gleichen Fragen stellen.“

Mit Fragen waren die ÖSV-Abfahrer in diesem Winter gar nicht so sehr konfrontiert, eher schon mit Feststellungen. Lässig aus der Hüfte geschossen in Talkshows: Gekämpft werde zu wenig. Punkt. „Mir sind diese Erklärungen zu einfach, weil ich alles erlebt habe. Mich hat auch einmal in Chamonix ein Holländer abgehängt. Oder ein Jan Hudec, der halb aufrecht runtergefahren ist. Oft liegt es ja daran, dass zu viel und zu verbissen gekämpft wird und dir in den Gleitkurven die Lockerheit fehlt. Umso erstaunlicher fand ich, dass das Speedteam in Gröden zurückgeschlagen hat – dort, wo wir seit Jahren nichts gerissen haben.“ ……

ZAGREB,CROATIA,05.JAN.17 - ALPINE SKIING - FIS World Cup, slalom, men. Image shows Marcel Hirscher (AUT). Photo: GEPA pictures/ Daniel Goetzhaber
Marcel Hirscher: technisch, mental und logistisch ein Role Model

Was Benjamin Raich im Detail vom Weltcup-Dominator Marcel Hirscher  hält und seine Warnung ans Phänomen „Mikalea Shiffrin“  finden Sie im aktuellen Sportmagazin – übrigens auch in unserem Magazinshop erhältlich -> https://www.magazin-abo.com/