Belgiens Britpop-Bande

Seit Jahren zerschellen die Roten Teufel am Ruf des Geheimfavoriten. Doch
jetzt wollen De Bruyne, Hazard & Co. – gestählt in den Top-Klubs von Vorrundengegner England – endlich den WM-Titel holen. Unsere Experten Jean-Marie Pfaff und Axel Lawaree sind überzeugt: „Die schaffen das!“

||Text:  Markus Geisler||Foto: Getty Images/Photonews/Voecht

„Ah, ihr wollt über den kommenden Weltmeister reden.“ Jean-Marie Pfaff haut auf den Putz, als ihn der Anruf des Sportmagazins ereilt. Verschmitzt fügt die Tormannlegende des FC Bayern (1982 bis 1988) und der belgischen Nationalmannschaft (64 Spiele) hinzu: „Unsere goldene Generation ist noch einmal um zwei Jahre gereift, hat einen guten Trainer. In Belgien glauben die meisten Fans, dass es diesmal fürs Finale reicht.“

Eine Meinung, der auch der frühere Rapid-Stürmer Axel Lawaree etwas abgewinnen kann, er schränkt allerdings ein: „Das Team muss seine defensive Balance finden und darf nicht viele Verletzte haben, sonst bekommt die Mannschaft Probleme.“ Eine Mannschaft, die mit elf (!) Spielern nach Russland reist, die bei einem der Top-6-Klubs in der englischen Premier League unter Vertrag stehen. So viele hat sonst nur das englische Team selbst zu bieten. Eine besonders ­brisante Konstellation, treffen die Roten Teufel im letzten Spiel der Gruppe G doch auf die „Three Lions“. Wir baten die beiden Insider, die belgischen Stars der Premier League genau unter die Lupe zu nehmen.

Tormann ohne Konkurrenz

„Thibaut Courtois ist die unangefochtene Nummer 1 – und das auf Jahre hinaus“, sagt Lawaree. Meister und Cupsieger in Belgien (Genk), Spanien (Atlético) und England (Chelsea) – die Vita des 26-Jährigen ist schwer beeindruckend. „Er hält nicht nur fantastisch, er strahlt auch die nötige Ruhe aus“, meint Pfaff, dem allerdings aufstößt, dass hinter ihm eine rie­sige Lücke klafft. „Fällt er aus, gibt es keinen adäquaten Ersatz.“ Stimmt wohl.

Simon Mignolet ist bei Liverpool nur Bankdrücker, Koen Casteels spielte mit Wolfsburg eine Horrorsaison. „Und in der belgischen Liga sind fast alle Tormannpositionen bei den Spitzenklubs mit Ausländern besetzt“, schimpft Pfaff. Courtois sorgte im Vorfeld der WM für Unruhe, weil ihm von Ex-Teamchef Marc Wilmots vorgeworfen wurde, zu dessen Zeit Interna an Journalisten verraten zu haben. Woraufhin Courtois’ Vater gleich eine Klage ankündigte. Ungemach, das für Lawaree nicht ins Gewicht fällt: „Das wird keine Rolle spielen, er wird trotzdem ein starker Rückhalt sein.“

Tottenhams Bollwerk

Kaum ein Abwehr-Duo dürfte so gut eingespielt sein wie Toby Alderweireld und Jan Vertonghen. Mehr als 270 Partien haben die beiden für Beerschot, Ajax Amsterdam, aktuell Tottenham und die belgische Nationalmannschaft gemeinsam absolviert. „Mir fällt auf der ganzen Welt kein Verteidigerpaar ein, das so gut miteinander harmoniert wie die beiden“, meint der englische Sky-Experte Tony Gale, früher selbst ein Abwehr-Haudegen. „Leider hatten beide 2018 Verletzungen, deswegen hofft ganz Bel­gien, dass sie während der WM gesund bleiben“, sagt Lawaree. Und spielt damit auf das EM-Viertelfinale 2016 gegen Wales an, als Vertonghen gelbgesperrt und Thomas Vermaelen verletzt fehlten und das Match mit 1:3 verloren ging. „Da haben wir auf einmal ganz schlecht ausgesehen“, erinnert sich Pfaff. Mit Vincent Kompany steht dem spanischen Trainer Roberto Martinez, selbst mit England-Vergangenheit (u. a. Everton, Wigan), zudem noch ein Abwehrspezialist von Meister Manchester City zur Verfügung, der mit 32 Jahren allerdings schon im fortgeschrittenen Fußballeralter ist. Pfaff: „Man muss zugeben, dass er langsamer geworden ist. Wenn man ihn aggressiv anpresst, Druck aufbaut, wird er nicht seine schönsten Tage haben. Wenn man unsere Abwehr aber spielen lässt, kann sie im Spielaufbau jedem Gegner die Hosen ausziehen.“

Mentalitätsmonster im Mittelfeld

Als Teamchef Martinez Roma-Star Radja Nainggolan vor der WM aussortierte, sorgte er für heftige Diskussionen unter den belgischen Fans. Auch bei Jean-Marie Pfaff, der den 30-Jährigen gern im Kader gesehen hätte. Aber die Alternativen haben es eben auch in sich. Mousa Dembélé zieht bei Tottenham Hotspur die Fäden und gilt als Mastermind im Spiel der „Lilywhites“. „Er muss mit dem Ball auf die Welt gekommen sein. Anders ist es nicht zu erklären, dass man ihm die Kugel nicht wegnehmen kann“, sagt Lawaree. Und dann gibt es noch Wuschelkopf Marouane Fellaini, der bei Manchester United zwar keine überragende Saison gespielt hat, aber als Mentalitätsmonster eine wichtige Rolle spielen kann. „Für mich ist er gesetzt“, schwärmt Lawaree. „Er ist eine Maschine, zwei Meter groß, der einzige Spieler, der körperlich etwas Besonderes bringen kann. Als Box-to-Box-Spieler ist er auch torgefährlich und gewinnt jedes Kopfballduell. Wenn du ein Tor brauchst, ist er der richtige Mann.“ Pfaff ist dagegen etwas skeptischer und moniert, dass er immer auch für ein überflüssiges Foul gut ist: „Er arbeitet viel mit dem Ellbogen und legt sich oft mit dem Schiedsrichter an. Das muss nicht unbedingt gut sein für eine Mannschaft.“

Zauberer in der Offensive

Die Achse De Bruyne/Hazard gehört nominell zum Besten, was die WM zu bieten hat. „Allerdings haben die beiden gemeinsam noch nicht ihre optimale Abstimmung in der ­Nationalmannschaft gefunden“, meint Lawaree, der bei Hazard das höhere Potenzial als Fan-Liebling ortet. „Beide sind genial in Eins-gegen-eins-Situationen, aber bei Hazard gehen sie immer Richtung Tor, er sucht stets den Abschluss. De Bruyne dagegen schätzt Situationen schneller als alle anderen ein und spielt den perfekt getimten Pass in die Tiefe, aber die Fans glauben, dass er bei Manchester City immer den Tick effektiver spielt als in der Nationalmannschaft. Deswegen wird er manchmal kritisiert.“ Auch Pfaff ist ein riesiger Anhänger von Hazard, vor allem auch, weil er sich als Typ entwickelt hat: „Unter Ex-Teamchef Leekens ist er einmal nach einer Auswechslung direkt zum Hamburger-Stand gegangen, das kam nicht so gut an. Aber er ist mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben. Und er lacht immer, man sieht ihm an, dass er Spaß am Fußball hat, das gefällt mir.“ Was ihm an Kevin De Bruyne, der seit seiner Vertragsverlängerung im Jänner mit 230.000 Euro ­Wochengage zu den Top-Verdienern in der Premier League gehört, imponiert: „Genk, Bremen, Wolfsburg, City – er konnte sich mit seiner Aufgabe immer steigern. Seine Qualitäten als Passgeber sind einmalig. Wenn die ­Automatismen zwischen ihm und Hazard passen, müssen sich alle Gegner warm anziehen.“

Waffe auf zwei Beinen

Fast 70 Länderspiele, Verträge bei Chelsea, Everton und seit Sommer 2017 Manchester United – ­eigentlich unglaublich, dass Romelu Lukaku erst kurz vor der WM 25 Jahre alt wurde. „Für mich ist er die klare Nummer 1 im belgischen Sturm“, sagt Axel Lawaree, der findet, dass er in seinem Heimatland manchmal eine Spur zu heftig kritisiert wird. „Man wirft ihm oft vor, dass er technisch nicht auf dem gleichen Niveau ist wie ­Hazard oder De Bruyne. Das ist aber auch nicht sein Stil. Er hat einen Wahnsinnskörper, sprintet mit gefühlten 200 km/h, kann mit beiden Füßen abschließen. Wer in seiner ersten Saison bei United 27 Tore schießt (Anm.: in 51 Bewerbs­spielen), muss über eine außergewöhnlich hohe Qualität verfügen.“ Auch im Dress der Nationalmannschaft gelingt ihm im Schnitt in jedem zweiten Match ein Tor – eine Top-Quote! Jean-Marie Pfaff findet, dass er von den Mittelfeld-Künstlern noch mehr gesucht werden müsste, um seinen Torriecher besser ausspielen zu können: „Mit seinem Körper kann er sich im Strafraum perfekt durchsetzen. Er ist eine Waffe, die für jede Abwehr schwer zu entschärfen ist.“