Das ganze Interview // Beate Schrott: „Ich habe alles umgestellt“

Vor vier Jahren nahm die Laufbahn von Beate Schrott so richtig Fahrt auf, doch danach erlebte sie einen Rückschlag nach dem anderen. Die Hürdensprinterin über den Neustart in Holland, Motivationsbooster im Training und das Anpeilen der Traummarke. Ein Auszug

//Interview: Tobias Wimpissinger
//Titelbild: (C) Stefan Gergely

SPORTMAGAZIN: Seit den letzten Olympischen Spielen hat sich bei dir einiges getan.

BEATE SCHROTT: Ja, ich habe mein ganzes Umfeld verändert, bin vor eineinhalb Jahren nach Holland gezogen, hab einen anderen Trainer und musste nach einem Jahrzehnt mein Trainingssystem komplett umstellen.

Der Relaunch erfolgte vor allem aufgrund der folgenden Pech- und Pannenserie.

Es war nicht leicht. Ich habe mit den vielen Verletzungen gehadert. Davor war ich ewig lang verletzungsfrei. Du verlierst ein bisschen das Vertrauen in deinen Körper. Und ich war bei den wenigen Wettkämpfen dann immer supernervös.

Was hat dich in dieser Phase angetrieben?

Ich habe mich durchgebissen, weil ich diesen Sport mit Leidenschaft ausübe. Wir führen ein irrsinnig privilegiertes Leben, können das, was wir lieben, unseren Beruf nennen, selbst wenn die Trainingseinheiten anstrengend sind. Die Teamkollegen treiben mich an, motivieren mich, spornen mich an, helfen mir, Fehler zu überwinden. Hinzu kommt, dass du in der Leichtathletik immer ein relativ zeitnahes Ziel vor Augen hast.

Wie kannst du die Nervosität ohne Einsätze abstellen?

Nur durch Laufen, Laufen, Laufen. Wettkämpfe sind die beste Übung, Defizite zu korrigieren.

,,Ich habe mich durchgebissen, weil ich diesen Sport mit Leidenschaft ausübe. ”

Beate Schrott

Was hast du konkret umgestellt?

Im Grunde alles. Ich mache nicht einmal ansatzweise das gleiche Krafttraining, auch Fitness, Ausdauer und Schnelligkeit trainieren wir anders. Jetzt habe ich ein Jahr Zeit gehabt, deshalb würde ich heuer gern eine Bestzeit laufen.

Hast du auch an der Technik gefeilt?

Und wie, da ist Rana Reider einer der besten Trainer weltweit. Er hat diese Gabe, sehr viel von außen zu sehen, selbst wenn du nur eine Kleinigkeit änderst. Es wird wohl dauern, bis alles greift, aber mir geht es jetzt mehr um die Umsetzung als um die Zeit, denn die Technik wird mir im Endeffekt zu einer besseren Zeit verhelfen.

Wie lange dauert so ein Prozess?

Monate. Der Trainer gibt dir zunächst eine Anweisung. Bei mir dauert zum Beispiel der Abdruck in die Hürde, die Bodenkontaktzeit, zu lang. Also sagt er, ich muss ihn aktiver setzen. Zuerst bekommst du die Information, dann setzt du es um und denkst dir, ach ja, stimmt, jetzt weiß ich, was er meint. Nach vier, fünf Läufen passt es. Doch bis die Bewegung automatisiert ist, musst du unzählige Male über die Hürden rennen. Und im Wettkampf hast du keine Zeit, um nachzudenken.

Was hat sich im Tagesablauf geändert?

Ich habe die Wandlung von der Medizinstudentin, die Hürden läuft, zur professionellen Sportlerin gemacht. Früher hatte ich keine Trainingskollegen und musste meine Einheiten um das Studium herum planen. In Holland bin ich in einer Gruppe mit Olympiasiegern, Weltmeistern und sonstigen Medaillengewinnern. Der Trainer schickt erst um 22 Uhr den Trainingsplan aus. Ich weiß bis dahin nie, wann ich trainiere. Nicht einmal die Inhalte zu kennen war für mich eine enorme Umstellung, aber mittlerweile ist es mir so lieber. Wenn ich nicht weiß, dass ich am nächsten Tag Tempoläufe habe, bei denen ich mich halbert anspeibe, beschäftigt mich das am Vorabend nicht.

In St. Pölten hattest du einen Exklusivtrainer, jetzt teilt ihr euch zu zwölft den Coach.

Ich würde gern manche Sachen besprechen, kann aber nicht erwarten, dass ich mehr Aufmerksamkeit bekomme als ein Olympiasieger und zweifacher Weltmeister. Der Körper von Tiffany Porter etwa hält ein ganz anderes Training aus als meiner, das kann ich nicht ändern. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich etwas herausnehmen muss, da hätte ich gern ein individueller gestaltetes Training. Ich kann aber nicht auf große Klappe machen, sondern möchte, dass er mich kennenlernt, und sehen, wie ich auf sein Training reagiere. Heuer geht es schließlich um Olympische Spiele.

Wie gehst du mit diesem Druck um, täglich gegen Schnellere bestehen zu müssen?

Druck ist grundsätzlich nicht schlecht, den hast du in jedem Wettkampf. Und von den Trainingskollegen habe ich bisher nur profitiert und mir viel abgeschaut -von der Einstellung her, wie sie an Wettkämpfe herangehen, wie sie das Training anlegen. Ich bereue den Schritt überhaupt nicht.

Die Gruppe besteht aus Flach- und Hürdensprintern sowie Weit- und Dreispringern. Was können dir Sportler aus anderen Disziplinen mitgeben?

Sie helfen mir vor allem mental. So sagt Christian Taylor, ich darf nicht aufhören, an mich selbst zu glauben, weil ein einziger Lauf eine Wende in deiner Karriere sein kann. Für ihn war es ein Sprung. Im Vorjahr wurde er mit 18,21 Metern Dreisprung-Weltmeister, der zweitgrößten Weite aller Zeiten. Das ist der größte Unterschied zu Österreich. Wir sind der Meinung, wir leben in einem kleinen Land mit geringen Möglichkeiten. Diese Mentalität und Einstellung, für den Sport zu leben, hat mir so gutgetan, ganz wurscht, was ich dafür opfern musste.

Was ist von der Zeit her drinnen?

Ich habe mir schon immer 12,70 Sekunden zugetraut. Und wenn letztes Jahr nicht so viel danebengegangen wäre, bin ich überzeugt, dass ich es gepackt hätte. Bei den 12,92 hatte ich endlich einen schönen Rückenwind, bin beim Aufwärmen nicht gestürzt, ist mir keine Läuferin auf die Bahn gefallen. Ja, ich glaube daran! Warum sollte es nicht gehen?

Zunächst musst du bei kleineren Rennen starten, bei denen du nur gegen die Uhr läufst.

Das passt so. Die großen Meetings geben dir keinen Startplatz, nur weil du vor vier Jahren irgendwo gut gerannt bist. Manchmal ist es okay, einfach draufloszurennen. Die Konkurrenz kannst du ja nie ganz ausblenden. Du spürst sie, du hörst sie, du siehst sie. Aber klar renne ich lieber gegen andere, die dich auch ziehen.

Beim Saisonstart auf der Heimbahn in St. Pölten musstest du der von Ex-Coach Philipp Unfried trainierten Steffi Bendrat den Vortritt lassen. Wie gehst du damit um?

Ich habe vom Trainingslager in Florida her gewusst, dass sie in Form ist. Der Fokus ist aber nicht auf interne Konkurrenz, sondern auf den Anschluss an die Weltspitze gerichtet. Und wen mein Ex-Trainer coacht, ist mir wirklich egal, es geht mich nichts an.

 

Wie hoch möchtest du hinaus?

In London habe ich mich mit meiner eigenen Erwartungshaltung selber limitiert. Nie wieder werde ich mir einreden, dass etwas nicht möglich ist. Andererseits weiß ich, dass es beim jetzigen Stand nicht reichen würde. Aber es ist nur ein Lauf, der dir das volle Selbstvertrauen gibt, vielleicht eine Woche Training, die dich in Höchstform bringt. Ich glaube fest daran, dass ich 12,70 laufen kann und momentan bin ich ganz auf diesen Prozess, der mich dorthin führen soll, fokussiert.

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Und du kannst die Erfahrung von London 2012 mitnehmen.

Nicht nur. Ja, mir hilft London, aber die Leute, die mich jetzt umgeben, denken nicht in der Vergangenheit. Ich habe das Gefühl, dass ich in diesen vier Jahren zu einem komplett anderen Menschen geworden bin.

Wie soll es nach Olympia weitergehen?

Erst mit Saisonende Mitte September setze ich mir neue Ziele, beginne mit der Planung fürs nächste Jahr. Es kann sein, dass ich große Trainingsblöcke in Amerika absolviere, weil ich unheimlich gern drüben bin. Mein Wunsch, in der Zukunft in Amerika zu leben, ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. Aber noch ist nichts entschieden. Im Moment liegt der Fokus ganz klar auf Rio.

 

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