Bauer sucht Challenge

Unser Mann in Russland: ÖFB-Hoffnungsträger und Kasan-Legionär Moritz Bauer über WM-Euphorie, überholte und bestätigte Klischees, Steinzeit-Fußball und abgefahrene Hobbies.

// text:  markus geisler // foto: picturedesk.com/EXPA/haumer //

Das muss man sich auch erst einmal trauen. Als Moritz Bauer im Sommer 2016 das gefürchtete Einstandsritual des Singens über sich ergehen lassen musste, wählte er den aus vielen hohen Tönen bestehenden Marvin-Gaye-Klassiker „Ain’t No Mountain High Enough“, einem jüngeren Publikum bekannt aus dem Football-Klassiker „Gegen jede Regel“. Und das ganz tief im Osten, in Kasan, noch mal 800 Kilometer weiter weg von Westeuropa als Moskau. „Meine Überlegung war, dass die meisten das Lied kennen und anfangen mitzusingen. Wenn es am Ende ein Chor ist, merkt man nicht mehr, dass ich überhaupt kein guter Sänger bin“, sagt Bauer. „Hat funktioniert, so konnte ich die peinliche Situation einigermaßen meistern.“ 

Es war die einzige wirklich missliche Lage, in der sich Bauer seit seinem Wechsel in die Republik Tatarstan befand. Denn, Klischee olé, Kasan mag ansonsten so gar nicht dem Bild entsprechen, das man hierzulande von einer Großstadt im tiefsten Russland hat. „Wer verrostete Autos und baufällige Häuser sucht, der sucht vergeblich“, sagt Bauer, der die Millionenmetropole an der Wolga euphorisch als „fantastisch, absolut lebenswert“ bezeichnet. Und jetzt, gut ein halbes Jahr vor der Weltmeisterschaft, putzt man sich noch einmal extra heraus: „Die Straßen werden geteert, viele Gebäude neu gestrichen. Wer in Kasan durch einen der vielen Parks geht, sieht immer einen gemähten Rasen und akkurat geschnittene Blumen. Mir kommt vor, dass das Erscheinungsbild nach außen hier unglaublich wichtig ist. Das fängt in der Stadt an und hört bei den Frauen auf. Hier findet man zum Beispiel nie Dreck auf dem Boden.“

Einzig die sportliche Entwicklung bei Rubin Kasan lässt noch zu wünschen übrig. Knapp zehn Jahre ist es her, dass der Klub der Shootingstar Europas war. Zwei Meistertitel (2008 & 2009) wurden geholt, in der Champions League sogar Barcelona auswärts geschlagen, alle fragten sich: Wie machen die das nur? Erfolgstrainer war damals Gurban Berdiyew, er führte den 1958 gegründeten Verein in die höchste Liga und zu internationalem Ruhm. Als im vergangenen Sommer der spanische Coach Javi Gracia, der Bauer nach Kasan holte, wegen des enttäuschenden neunten Tabellenplatzes gefeuert wurde, holte man den Turkmenen mit dem schütteren Haar zurück. „Eine absolute Legende in der Stadt“, erzählt Bauer. Und ein Paradebeispiel, dass manche Stereotypen eben doch der Realität entsprechen: „Er ist ein knorriger Typ, der nicht viel spricht, sehr distanziert ist, kühl, aber trotzdem feinfühlig. Er achtet auf jedes Detail, du kannst nichts vor ihm verstecken. Aber wenn er dir einmal auf die Schulter klopft und den Daumen nach oben hält, weißt du: Das war jetzt wirklich gut.“

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