Barbara Schett: „Einen Schädel zwischen den Schultern“

Auf 12 Jahre Profitennis, in denen sie sich bis auf Rang 7 der Weltrangliste spielen konnte, ließ die Tirolerin Barbara Schett-Eagle bislang 12 weitere als international gern gesehene TV-Expertin folgen. Gründe genug für die Halbzeit-Austra­lierin und Mutter eines Achtjährigen, uns Antworten auf 12 Fragen zu echten Weltstars, blödsinnigen Regel­änderungen oder Dominic Thiem zu liefern.

Interview: Fritz Hutter // Fotos: Sepp Gallauer

Sportmagazin: Was war dein coolster TV-­Moment, den du bis jetzt miterleben durftest?

Barbara Schett: Da gab es viele. Etwas Besonderes ist es immer, wenn die Grand-Slam-Sieger direkt nach dem Finale zu uns ins Studio kommen, etwa Roger Federer heuer in Australien. Da hat sich die Freude auf uns alle übertragen. Ganz speziell war es aber natürlich, als John McEnroe bei den French Open live verkündet hat, dass unsere Sendung ab sofort offiziell nicht mehr „Game, Set and Mats“ heißt, sondern eben „Game, Schett and Mats“. Jeder hat davon gewusst, nur ich nicht und konnte es zuerst gar nicht fassen. Ich sehe das als echte Wertschätzung für 12 Jahre Arbeit für die Show.

Was siehst du als die größte Tennisleistung der vergangenen 12 Jahre?

Sicher, dass es Roger Federer und Rafael Nadal über diesen Zeitraum geschafft haben, ihre einzigartige Rivalität bis heute immer weiter zu treiben. Auch die Konstanz, mit der sich Serena Williams an der Spitze gehalten hat, ist unglaublich. Diese Legenden persönlich zu kennen und über die ganze Phase quasi live dabei gewesen zu sein, ist schon cool.

Wodurch unterscheidet sich das Damentennis deiner aktiven Zeit von jenem heute?

Vor allem durch die heute fast flächendeckende Fitness! Früher gab es schon ­einige Spielerinnen unter den ersten 100, die im Vergleich zu den Top 10 physisch nicht wirklich auf der Höhe waren. Auch dadurch sind kaum Überraschungen passiert. Heute hingegen kann durchaus auch die Nummer 70 eine von ganz vorne schlagen. Insgesamt haben die Fitness und das Material mehr Power ins Damentennis gebracht. Was mir immer noch fehlt, sind die Varianten im Spiel. Einen giftigen Rückhand-Slice wie früher den von Steffi Graf sieht man auch heute kaum. Außerdem würde ich mir mehr taktisch schlaues Winkelspiel statt immer nur Power und noch mehr Power wünschen.

Welche Faktoren neben sportlicher Virtuosität machen einen echten Superstar in der millionenschweren Einzelsportart Tennis aus?

Dass er einen eigenen Schädel zwischen den Schultern und eine eigene Persönlichkeit entwickelt hat. Außerdem fällt schon auf, dass die echten Heroes auch spielerisch auf ihre ganz persönliche Art erfolgreich sind, am Platz ihre Leidenschaft für das Spiel zeigen und allesamt eine gewisse Intelligenz ausstrahlen. Diese erkennt man auch an der Schlagfertigkeit und der Lust auf eine eigene Meinung, die sie bei Interviews beweisen. Um eine echte Marke zu werden, hilft natürlich auch ein markantes Aussehen. Alles zusammen ergibt wohl das, was man Charisma nennt.

Mit wem ist es schwierig vor der Kamera?

Mit Serena Williams. Bei ihr weißt du vorher nie, wie sie drauf sein wird. Manchmal plaudert sie locker dahin und manchmal ist sie derart wortkarg, dass du 20 Fragen brauchst, um wenigstens ein paar brauchbare Antworten zu bekommen.

,,Bei ihr weißt du vorher nie, wie sie drauf sein wird.”

Barbara Schett über Serena Williams

Wie erklärst du dir eigentlich das Megajahr von Nadal und Federer?

Durch die verletzungsbedingt langen Pausen sind sie körperlich wieder komplett fit geworden. Und weil das gleichzeitig passiert ist, haben sie sich 2017 von Anfang an gegenseitig extrem gepusht. Dass sie einander haben, ist das Beste für beide. Dazu sind sie immer und ungebrochen an Neuerungen in Sachen Training und auch Ausrüstung ­interessiert und haben die Fähigkeit, sich immer neue Ziele zu setzen. Außerdem haben beide schon so viel erreicht, dass sie sich nicht zwingend jede Woche beweisen müssen, um an sich zu glauben. Das reduziert den Stress erheblich.

Ungebrochen unter den Top 10 rangiert Dominic Thiem, der allerdings nicht nur das großartige Sand-Frühjahr und die Qualifikation für die ATP-Finals von 2016, sondern auch die eher bescheidene Hartplatz- und Hallensaison wiederholt hat. Wo liegen aus deiner Beobachtung heraus die Gründe dafür und die Reserven des DT?

Grundsätzlich einmal Hut ab davor, so souverän das erste Jahr unter den Top 10 zu bestätigen! Ich weiß, wie schwer das ist. Was die Reserven betrifft, so habe ich ab und an Angst, dass er zu viel spielt. Dazu kommt, dass er auf Hartplatz meiner Meinung nach manchmal versucht, sein Sandplatztennis aufzuziehen. Auf Dominics Level sind das oft nur Nuancen wie die Positionierung auf dem Platz. Für meinen Geschmack könnte er zum Beispiel mehr auf der Grundlinie statt relativ weit dahinter agieren. Aber letztlich geht es wohl darum, sich auch auf Hartplatz wohlzufühlen und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln.

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