Austrian Heroes 2017: Mensur Suljovic – Reine Nervensache

Mit dem historischen Triumph in der Champions League of Darts setzte sich ein Wahlwiener endgültig in der Weltspitze fest.

//Text: Tobias Wimpissinger //Foto: PDC/Lustig

Verschmitztes Lächeln, ein Schluck Wasser, der Blick sucht im Trubel der Motorpoint Arena nach Inspiration – oder gar Halt. Die Aufgabe: den Pfeil einfach nur ins Lieblingsfeld jagen. Leicht gesagt, es geht schließlich um die Champions League. Und der Gegner heißt Gary Anderson, seines Zeichens zweifacher Weltmeister. „Plötzlich habe ich die Zitterhand bekommen“, verrät Mensur Suljovic, die Nummer sieben der Welt. „Ich bin halt nicht jede Woche in einer solchen Situation.“ Elegant bohrt sich der Pfeil letztlich in den acht Millimeter schmalen Streifen der Doppel-14. Großer Jubel. Großer Sieg. Großer Preisscheck. 100.000 Pfund sackt der 45-Jährige ein und feiert seinen ersten ­Major-Triumph in der Professional Darts Corporation.

Dabei hatte sich zwei Wochen vor seinem Karriere­highlight eine Schwäche beim Finishen eingeschlichen, neue, schwerere Pfeile schafften Abhilfe. „Ich war zu der Zeit viel daheim, weil meine Tochter Ema geboren wurde – gutes Timing für Umstellung und Motivation“, grinst der seit 23 Jahren in Brigittenau lebende Serbe, der mit österreichischer Lizenz spielt. Warum er noch immer nicht eingebürgert ist? In seinem früheren Kaffeehaus hatte Suljovic eine Studentin eingestellt, trotz Anmeldung beging er einen Formfehler, der Staatsbürgerschaftsantrag wurde abgelehnt. „Jetzt darf ich erst 2020 wieder ansuchen.“

Dass Darts gern als Wirtshausspiel belächelt wird, stößt dem Berufswerfer sauer auf: „Bei fünf, sechs Stunden Training am Tag die Konzentration zu halten ist harte Arbeit.“ Überhaupt spiele sich viel im Kopf ab, bis vor zwei Jahren wurde Suljovic von einem Mentalcoach betreut. Seither vermag „The Gentle“, wie er aufgrund seines ­sanften Gemüts genannt wird, äußere Einflüsse komplett auszublenden: „Sonst hat man in den riesigen Hallen, in ­denen die Fans singen und feiern, keine Chance.“ Selbst sattelfeste Mathematik könne eine Rolle spielen: „Zum Schluss ist man oft so fokussiert, dass man aufs Zählen vergisst.“ Apropos Stars: Rund um die Turniere suchen die auf der Insel so verehrten Helden der Szene gern ein Pub zum gemeinsamen Training auf. Um den Duellen mehr Reiz zu verleihen, wird um ein Getränk gespielt. Der Schmäh rennt also, nicht nur unter den Assen, für seine launigen Fernsehinterviews wird Mensur geliebt: „Mit meinem holprigen Englisch muss ich mich immer irgendwie drüberretten.“

Heuer stehen mit der EM ab 26. Oktober in Belgien und der WM zum Jahreswechsel im historischen Londoner Alexandra Palace noch zwei Höhepunkte an. Schafft Suljovic im Ranking den Sprung in die Top 4, hätte er sein Fixticket für die Premier League 2018. Doch übt sich „The Gentle“ wie immer in Understatement: „Konstant in den Top 8 zu bleiben ist mir lieber als kurzfristiger Erfolg.“