Ausgerechnet Frankreich: Der EURO-Traum der Sabitzers

Ein Typ mit Ecken und Kanten, dessen Karriere rundläuft. Marcel Sabitzer hat den Vornamen eines typisch österreichischen Nationalhelden. Und ein solcher könnte Kollers erste Wahl bei Einwechslungen auch heuer werden – ausgerechnet auf der Bühne, die seinem Vater vor 18 Jahren verwehrt blieb: Frankreich.

//Text: Gerald Enzinger
//Titelbild: (C) Christian Hofer

Der Marcel. Die Herren Koller und Hirscher haben dafür gesorgt, dass ein französischer Vorname in Österreichs Volkshelden- Register in einer Reihe steht mit Amadeus, mit Hanseeee oder Franziii, mit Schneckerl, Toni oder Tom. Doch ausgerechnet in Frankreich könnte die „Marcelaise“ neu tönen: Marcel Sabitzer, 22, schickt sich an, ein Nationalheld zu werden. In Kollers System, in dem meist die gleichen elf Spieler gesetzt sind, ist er der strategisch wertvolle zwölfte Mann, jener, der meist als Erster von der Bank aufs Grün geholt wird für den frischen Wind. Mit Erfolg: Der Steirer war es, der in der 90. Minute in Podgorica gegen Montenegro das entscheidende 3:2 erzielte, was wiederum erst die unbeschwerte Party gegen Liechtenstein ermöglichte. Bezeichnend für einen jungen Mann, der forsch und doch still die Fußballwelt im Sturm erobert hat. Admira-Rapid-Salzburg-Leipzig. Überall hat er sich durchgesetzt, stets hat er Spuren hinterlassen. „Ich bin ein Fan von ihm“, sagt Ralf Rangnick knapp und der Trainer von Rasenball hat schon mit einigen der Größten zu tun gehabt. „Der Marcel ist kein Plauderer“, analysiert U21-Teamchef Werner Gregoritsch, der ihn schon als Baby kannte. „Wegen ihm fühlte ich mich zum ersten Mal richtig alt“, erzählt Teamkapitän Christian Fuchs im neuen Buch „Frankreich, wir kommen!“. Denn: „Mit 16 habe ich bei Mattersburg noch mit seinem Vater Herfried trainiert.“

,,Sein Fleiß ist beeindruckend, ich habe ihn immer bewundert.”

Marcel Sabitzer über Cristiano Ronaldo

Herfried Sabitzer. Beim GAK ist der eine Ikone, nicht erst seit seinem Siegestor in der Europacupschlacht gegen Inter Mailand. Jetzt sieht er, voller Stolz, im Fernsehen oder im Stadion, wie sein Sohn eine prägende Figur im Spiel von RB Leipzig ist: Das deutsche Supertalent Selke, der schwedische Ibrahimovic-Partner Forsberg, der dänische Star Poulsen, sie alle hatten das Nachsehen, als die Leipziger Fans den Spieler der Herbstsaison wählten und sich für Sabitzer entschieden. Kein roter Bulle hat mehr Starteinsätze als der Mann mit der Nummer 7, dem manche Ähnlichkeit mit Cristiano Ronaldo attestieren: „Einige Kollegen haben immer Sprüche dazu auf Lager“, seufzt Marcel. Der Vergleich macht verlegen, verehren tut er ihn sehr wohl: „Ich weiß aus erster Hand von einem Kollegen von ihm: Ronaldo kommt als Erster zum Training und geht als Letzter. Sein Fleiß ist beeindruckend, ich habe ihn immer bewundert.“ Doch auch er selbst hat den Zug nach vor. Herfried: „Mit 14 Jahren ist er allein in eine fremde Stadt gegangen, um die Stronach-Akademie zu absolvieren, ein brutal schwieriger Schritt.“

Geplant und ausgeführt: Die Karriere von Marcel Sabitzer

Zladdi Junuzovic ist beim GAK zu einer Zeit groß geworden, als Marcel dort im Nachwuchs netzte. Er wurde zu einem Role Model für die Sabitzers: Seine Karriere war sehr geplant mit vielen kleinen Schritten: GAK, Kärnten, Austria. Und erst dann ins Ausland. Auch Marcel geht es Step by Step an. Der Vater: „Viele haben gesagt, das mit Salzburg wird nix, und dann hatte er 19 Tore und 17 Assists.“ Christian Fuchs applaudiert: „Marcel hat eine irre Spielintelligenz.“ Und sein Karriere-Script kennt keine Patzer. Der Vater: „Ich habe genug Fehler gemacht in meiner Karriere, vielleicht ist man dann glaubwürdiger, wenn man seinem Sohn rät: Mach das nicht.“ Die Beziehung ist eng, herzlich. Sie haben immer viel Zeit miteinander verbracht. Und auch gemeinsam gelitten: Rund um den umstrittenen Wechsel von Rapid via Leipzig nach Salzburg wurde Marcel in Hütteldorf zum Staatsfeind Nummer 1. „Die Zeit ist nicht spurlos an uns vorbeigegangen, vieles war unter der Gürtellinie, vor allem rund um das erste Spiel gegen Rapid in Salzburg“, erinnert sich der Vater. Marcel relativiert. Er, der als einer der ersten österreichischen Sportler Opfer eines Shitstorms wurde, bleibt cool: „Ich lese das auch ab und zu, manchmal muss ich sogar lachen, was da für ein Blödsinn steht. Generell interessiert mich das aber nicht.“ Er ahnt: „Solange ich bei einem Red-Bull-Klub spiele, wird sich das nicht mehr ändern.“ Trotzdem: „Rapid war eine Superzeit, es hat echt Spaß gemach, aber es war an der Zeit, mich der nächsten Herausforderung zu stellen.“

Marcel macht es sich nicht immer leicht. Er denkt zuerst. Und dann? Sagt er trotzdem, was er sich denkt. Er war noch nicht einmal in Leipzig, da hatten schon alle Fans gelesen, was er in Österreich gesagt hatte: „Leipzig ist in meinem Kopf für die Weiterentwicklung nicht drinnen.“ Frage heute: Wie war das wirklich? „Es war ein Satz aus einer Emotion heraus, mein Leihvertrag in Salzburg lief aus, ich sollte zurück, doch bei Leipzig war nicht klar, wer Trainer werden würde.“ Als dann Ralf Rangnick aus dem Urlaub zurückkam und selber übernahm, da war rasch alles klar. Wenige Monate später wurde er zum Fan-Liebling in Leipzig gewählt, Ende der Debatte. „Hier ist echt eine tolle Stimmung, es kommen immer 30.000 Fans. Und in der Stadt hätte ich noch nie Anfeindungen erlebt, ganz im Gegenteil, die Euphorie und Unterstützung sind hier riesengroß.“ Ganz anders ist das, wenn die Bullen auf Tour gehen und in Karlsruhe oder Freiburg der Hass der Fans wartet: „Das ist für uns als Team überhaupt kein Thema. Was man auch daran erkennt, wie viele Punkte wir auswärts machen.“ Zumal der Respekt vor Leipzig deutschlandweit zunimmt und selbst wenn nicht, meint Gregoritsch: „Diese jungen Buben erleben, wie ihr Bus angegriffen wird, hören die ärgsten Beschimpfungen, aber es macht sie mental stark, weil sie trotzdem gewinnen.“

„Wie sein Vater ist er extrem stark am Ball“

Marcel redet auch im Gespräch unter Steirern hochdeutsch, es gehört zur Professionalität: „Fußballer zu sein ist ein Traumberuf und es ist nicht so, dass ich das nicht zu schätzen wüsste. Natürlich vernachlässigst du Freunde, du verzichtest auf Feste, du musst früher schlafen als andere in deinem Alter, aber, glaube mir, es gibt dann auf dem Rasen Momente und eine Freude am Spiel, die alle Entbehrungen wert sind.“ Gregoritsch sieht die Entwicklung: „Wie sein Vater ist er extrem stark mit dem Ball, er ist robust, er hat eine außergewöhnliche Gabe, zu spüren, was im Spiel passiert. Seine Auge für den Mitspieler ist außergewöhnlich und er setzt die anderen auch ein. Marcel ist einer, der zuhört und aufsaugt, der vom Wissen anderer profitieren will. Und einer, der weiß, wann er Ja sagt und wann Nein.“ Er profitiere davon, dass er viel spiele: „Für die Bank ist Marcel nicht geschaffen, da hat er zu wenig Geduld.“

,,Ich hab von meiner Einberufung im Internet gelesen und konnte es gar nicht glauben.”

Marcel Sabitzer

Das Pappelstadion in Mattersburg. Vor rund 14 Jahren sind hier vor und nach dem Spiel der Großen immer zwei Buben dem Ball nachgerannt, die vielleicht schon bei der WM 2018 Österreichs Nationalsturm bilden werden: Marcel Sabitzer, Sohn des SVM-Stürmers, und Michael Gregoritsch, Sohn des SVM-Trainers. „Sie sind immer zsammpickt“, erinnert sich Herfried. In wenigen Monaten werden sie wohl in der deutschen Bundesliga aufeinandertreffen. Das nächste erreichte Ziel. „Seit ich 2013 mein Management wechselte und zur Agentur Rogon ging, versuchen wir Pläne umzusetzen.“ Zur Not auch über die zweite deutsche Liga: „Da lernt man schon dazu, alles hier ist körperlicher, diese Liga hat eine ganz eigene Mentalität.“ Marcel war bei einigen Klubs wie dem GAK und der Admira, die für ihre exzellente Nachwuchsarbeit bekannt sind. Was aber macht eine gute Förderung aus? „Ich denke, das Wichtigste ist, dass Schule, Training und Internat eine Einheit und gut aufeinander abgestimmt sind. Es ist sicher kein Zufall, dass die Admira in der Tabelle mittlerweile dort ist, wo sie ist, sondern das Ergebnis toller Arbeit.“ Bei den Sabitzers wird Fußball seit Generationen gelebt. 1998 war Herfried nah dran, zur WM zu fahren, er war in der Qualifikation dabei, im Trainingslager in Frankreich. Dann musste Teamchef Herbert Prohaska aussieben. „Er hat gesagt, er trifft eine Bauchentscheidung“, erinnert sich Herfried. Es traf Adi Hütter, Didi Ramusch und – Herfried Sabitzer: „So wäre es natürlich doppelt schön, wenn der Marcel zur EURO fährt, wo sie doch ausgerechnet in Frankreich ist.“ Die Chancen stehen gut, auch wenn Marcel die Spiele gegen Albanien und die Türkei wegen einer Zahnoperation verpasste. „Ich war echt enttäuscht, keiner will für das Team absagen. Ich hoffe, dass sich das für mich nicht negativ auswirkt.“ Die Gefahr ist gering, Koller weiß, was er am anderen Marcel im Team hat. 2012 holte er Sabitzer von der Admira in die Elf, da hatte der noch nicht mal ein U21-Länderspiel absolviert: „Ich hab von meiner Einberufung im Internet gelesen und konnte es gar nicht glauben.“ Das Team ist nicht nur eine Ehre, sondern auch eine Lehre: „Klar nutzt du die Zeit, um mit den anderen über ihren Klub und ihre Liga zu reden.“ Alaba, Arnautovic – abseits des Rasen-Rechtecks gibt es keine Hierarchien: „Es war unglaublich schön“, schwärmt Marcel, „wie sich nach meinem Tor gegen Montenegro wirklich alle mit mir gefreut haben. Das war echt lässig.“

PASSPORT: Marcel Sabitzer

Geboren am 17. März 1994 in Graz

Familie: Vater Herfried (sechsfacher Teamspieler)

Größe: 177cm

Position: Offensivspieler

Vereine: Admira Villach (2000/01), GAK (2001–2008), Austria (2008/09), Admira Wacker (2009–2012), Rapid Wien (2013/14), Red Bull Salzburg (2014/15), RB Leipzig (seit 2015, Vertrag bis 2021)

Erfolge: österreichischer Meister 2015, Erste-Liga-Meister 2011, Schülerligameister 2007, Torschützenkönig beim TOTO Jugendcup 2010 (mit Österreichs U17) Nationalteams A-Team (16 Spiele/3 Tore); U21 (6/1), U19 (4/5), U18 (2/0), U17 (11/4), U16 (5/1)

­Instagram: marcel7sabitzer

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