Das ganze Interview: Armin Assinger – Blöd fragen kann ich immer

Armin Assinger wacht künftig für den Sportminister über die zweckgerichtete Vergabe der Fördermillionen. Was ­österreichgemäß gewisse Reflexe ­hervorruft. Uns erklärt der Alpin-­Komantsche seinen „Versorgungsposten“, warum die Oberschenkel brennen müssen, aber auch wie man erfolgreich sudert und bei der ­„Millionenshow“ groß abräumt.

//Interview Manfred Behr //Foto: ORF/Thomas Jantzen

Sportmagazin: Sie haben einmal geschrieben: „Man darf nicht immer darauf warten, entdeckt zu werden, man muss sich manchmal auch selbst ­entdecken.“ Hat Sportminister Doskozil Sie entdeckt, als er Sie zum Aufsichtsratsvorsitzenden der neuen Bundes-Sportförderungs GmbH ernannt hat – oder umgekehrt?

Armin Assinger: Ich habe Minister Doskozil im März bei einer Podiumsdiskussion zuhause am Nassfeld kennengelernt. Im Sommer hat er mir dann diese Aufgabe angeboten, weil er gern einen Unabhängigen „da drin“ haben wollte. Nach kurzer Bedenkzeit und dem Okay von ORF-General­direktor Wrabetz nahm ich die Herausforderung an.

In den Foren wird ihr Engagement vielfach so kommentiert: „Der Protegé des Rotfunks wird jetzt von den Roten mit einem Posten versorgt.“ Wie „rot“ ist denn Armin Assinger?

Meine politische Gesinnung ist meine Privatsache. Mir ist es völlig wurscht, welche Farbe der Sportminister hat, Hauptsache, er setzt sich für die Belange des Sports ein. Ich fühle mich unabhängig und dem Sport verpflichtet, nicht der Politik.

Und wie viel „Versorgung“ steckt in dem Amt?

Gar keine. Mein Rechtsanwalt hat mir gesagt, dass ich „ein idealistischer Trottel“ sei, wenn ich diese Aufgabe übernehme. Soviel ich weiß, sind aber Spesenersatz und Sitzungsgeld vor­gesehen.

Was ist Ihre vorrangige Aufgabe in dem vierköpfigen Gremium, in dem auch BSO-Präsident Hundstorfer und ÖOC-Präsident Stoss sitzen?

Auf jeden Fall verteilt der Aufsichtsrat kein Geld, wie auch kolportiert wurde, sondern er überwacht die Geschäftsführung der GmbH. Es gibt den § 34 des Bundes-Sportförderungsgesetzes, danach hat sich der Aufsichtsrat zu richten. Was ich als Aufsichtsrat aber immer machen kann, ist, blöd zu fragen – warum, warum nicht, warum schon?

Sie sind ehemaliger Alpinrennfahrer, drei der fünf Kandidaten für den Geschäftsführerposten wiesen ein Naheverhältnis zu Peter Schröcksnadel auf, der wiederum in der Spitzensportkommission und wohl auch im Beirat der GmbH sitzen wird. Verstehen Sie Verbände, die befürchten, dass mehr Gelder Richtung Wintersport kanalisiert werden könnten?

Na ja, da sind die „Verdachtschöpfer“ wieder recht früh unterwegs! Lassen wir das Ganze doch einmal anlaufen und die Geschäfts­führer arbeiten. Was mir schon auffällt, ist, dass wir etwa bei der Leichtathletik-WM 2017 nur fünf AthletInnen am Start hatten. In der Mutter aller Sportarten! Ein Armutszeugnis! Die Schweiz hatte 19 SportlerInnen am Start, darunter sogar eine 4 x 100-m-Damenstaffel. Es braucht einen Kraftakt der gesamten Sportfamilie, damit wir im Sommersport zu solchen Nationen aufschließen. Die verbesserte Förderstruktur bietet die Chance dazu. Mein Zugang ist aber schon auch: weniger jammern, härter trainieren! Schwimm! Laaf! Spring! Hau di eini und zag denen da oben, dass es ohne dich nicht geht! Wer hindert den Leichtathleten oder Gewichtheber, am Ende des Trainings drei Serien zusätzlich zu absolvieren? Der Geschäftsführer? Spätestens jetzt werden Ihre Leser denken: „Der Assinger, der Obergscheite! Na der wird sich noch anschauen!“ Wenn dadurch die „Jetzt erst recht!“-Mentalität greift, passt’s genau.

Erleben Sie die heutige Athletengeneration als eine, die mehr zum Jammern neigt als die Ihre?

Da erkenne ich keinen Unterschied. Hochleistungssportler neigen zum Jammern, weil keiner gern Zweiter wird. Wir waren auch Suderer. Einmal war’s der Wind, dann wieder das Set-up – bei mir die Sonne, die sich genau vor meiner Fahrt hinter den Wolken versteckt hat. Die Kunst ist, möglichst rasch zu erkennen, dass Jammern nur Kraft kostet, die, wenn es um die Wurscht geht, abgehen kann. Aus dem ­Sudern kann aber auch neue Motivation entstehen, siehe vorher – jetzt erst recht!

Im Wahlkampf war der Sport den Parteien wieder einmal kaum eine Silbe wert. Sehen Sie es als Ihre Aufgabe, für ein Umdenken zu sorgen?

Gemeinsam mit allen, deren Herz für den Sport schlägt. Vielleicht war es gar nicht schlecht, dass der Sport kein Wahlkampfthema war, sonst wäre er vielleicht auch zum Spielball der Politik geworden. Als ehemaliger Profisportler sage ich natürlich, dass der Sport bei uns viel zu wenig geschätzt, gewürdigt und auch gefördert wird, gerade, was die Infrastruktur anbelangt. In meinem Heimatbezirk Hermagor mit seinen 20.000 Einwohnern gibt es nicht einen Kunstrasenplatz, geschweige denn eine Kunsteisbahn. Vergessen wir nicht die erzieherische Funktion des Sports, die unzähligen Kinder, die sich in den Vereinen unter professioneller Aufsicht körperlich betätigen. Das hat ja alles einen Wert! Ganz zu schweigen von der integrativen Komponente. Als Präsident des FC Hermagor freut es mich sehr, dass bei uns vier afghanische Flüchtlinge mitspielen. Als wir für die Burschen neue Fußballschuhe aufgetrieben haben, bekamen sie glatt feuchte Augen.

,,Vielleicht war es gar nicht schlecht, dass der Sport kein Wahlkampfthema war, sonst wäre er vielleicht auch zum Spielball der Politik geworden.”

Armin Assinger

Sie kommentieren nur mehr sieben bis zehn Skirennen pro Winter. Eines 2017 in Kitzbühel hat aber gereicht, um einen Sturm der Entrüstung zu entfachen. Waren Sie schon bei der Gender-Nachschulung, nachdem Sie den Ski-Damen abgesprochen hatten, die Streif in Renntempo bewältigen zu können?

Es hat sich noch kein Termin finden lassen. Das Witzige an der Geschichte war, dass ich ja hinzugefügt habe: „… auch wenn das chauvinistisch klingt …“, das aber so nicht gehört werden wollte.

Welche Rennfahrerin überzeugt Sie als Athletin und Persönlichkeit?

Conny Hütter – auf der Abfahrt ist sie ein richtiges „Packl“, wobei sich das von „kompakt“ ableitet. Sie steht sehr zentral überm Ski, gerät daher selten in Schwierigkeiten, hat ein stark ausgebildetes „Risiko-Gen“ mitbekommen. Sie weiß, was sie kann, was sie will und was sie nicht will. Von Lindsey Vonns Strahlkraft und Glamourfaktor wiederum profitiert der ­gesamte Zirkus. Ich bewundere außerdem, wie sie ihr Leben als Celebrity und Sportlerin unter einen Hut kriegt.

Und bei den Herren?

Hannes Reichelt kenne ich am längsten von allen. Er lässt sich nur ganz schwer aus der Ruhe bringen, erinnert mich an eine Herdplatte – brennheiß auf der Piste, abseits davon auf Warmhaltestufe, Energiesparmodus. Über Marcel brauchen wir nicht zu reden, der verkörpert alles – Leidenschaft, Professionalität, systematisches Arbeiten, taktische und kognitive Fähigkeiten, körperliche Robustheit, Motivation, Sturheit …

Hirscher ist vermutlich der beste Skifahrer aller Zeiten. Warum bleibt der Hype um ihn hinter dem eines Hermann Maier, eines Franz Klammer zurück, sind Vorbilder nicht mehr so gefragt?

Die bräuchte es mehr denn je, aber die Vorbilder machen sich ein bisschen rarer. Der Marcel steht von Oktober bis März in der Auslage, kann keinen unbeobachteten Schritt machen. Wo immer er auftaucht, verfolgen ihn Handycams. Das zehrt an den Kräften. Bei Franz Klammer war das noch anders – keine Handy­kamera, keine sozialen Medien oder Boulevardblattln. Keiner, der scharf drauf war, ihn beim Essen eines Paarls Frankfurter zu beobachten. Was aber auch stimmt: Es gibt viel mehr „Helden“ als früher, Dschungelkönige, Container­bewohner usw., die den Medien jedes intime Detail preis­geben wollen. Spitzensportler verfolgen ganz andere Ziele als diese „15 Minuten Ruhm“-Protagonisten.

Sie selbst sahen sich auch schon im Fadenkreuz der Yellow Press. Welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen?

Das ist leider Teil des Geschäfts. Und ich muss nicht jeden verbalen Rülpser lesen. Mit der Zeit stumpft man ab und denkt sich: Welche Bedeutung hat das im Weltgefüge? Gar keine.

Die FIS schraubt mal wieder am Produkt Weltcup herum. Die Kombis sind unten durch, die Parallel­rennen boomen, die City-Events stagnieren – man fährt in Oslo und Stockholm, vor ein paar Jahren hatte man New York und den Circus Maximus in Rom angepeilt.

Diesbezüglich ist es eher der Circus Minimus, wobei mir der Event in Stockholm mit seinem natürlichen Hang schon sehr gut gefällt. Aber wenn’s mit dem Central Park in New York noch was wird, ist mir auch ein Gerüst recht. Mit den guten alten Kombinationen am Hahnenkamm oder in Wengen ist ­leider ein Stück Tradition verschwunden, wobei die großen Zeitrückstände eben nicht mehr zeitgemäß waren.

Sie werden voraussichtlich 2020 Ihre 1000. „Millionenshow“ moderieren. Hat sich der Job eigentlich nachhaltig auf Ihre Allgemeinbildung ausgewirkt?

Es bleibt schon was hängen, aber ich habe in all den Jahren rund 27.500 Fragen und 110.000 Antwortmöglichkeiten vorgelesen. Ich versuche nach wie vor mitzuraten und liege oft ziemlich gut, weil ich verstehe, wie die Fragenredaktion tickt. Bis Frage 7, 8 oder 9 ist der erste Gedanke meist der richtige, danach braucht es mehr Kombinationsgabe. Leider vergesse ich nach den Sendungen oft, ob mein Tipp dann auch richtig war. Ich gebe also zu, weiß Gott wie viel gscheiter bin ich nicht worden.

„Angst entsteht aus zu viel Denken“ predigen Sie in Ihren Vorträgen. Ich behaupte: Wir leben in einem Zeitalter von extrem viel Angst, aber die resultiert nicht aus zu viel Nachdenken.

Ich vergleiche das Leben in meinen Vorträgen mit einer Fahrt auf der Streif. Im Skifahren musst du am Start mit dem Denken abgeschlossen haben, im Flow sein, alles muss automatisch passieren. Angst ist hier als Synonym für Zweifel oder Unsicherheit zu sehen. Wer zu viel nachdenkt, sieht oft Gefahren, die es so gar nicht gibt, oder zweifelt, wo sich nichts zu zweifeln findet. Das alles hemmt die Leistungsfähigkeit. In diese Richtung gehen auch die Botschaften nach einer Terrorattacke: „Wir lassen uns vom Terrorismus nicht unterkriegen.“ Tatsächlich fahren die Menschen weiter nach Barcelona, Berlin, an die Côte d’Azur. Zu Recht, sonst dürftest du dein Haus ja nie mehr verlassen. Manchmal denke ich mir: „Warum machen wir es uns so schwer?“ Der Trump, der Kim, die Nachbarn, die wegen eines Apfelbaums streiten. Mehr Gelassenheit täte not. Mir hilft dabei, dass ich in der Öffentlichkeit stehe. Da überlegst du dir dreimal, anderen Verkehrsteilnehmern den Vogel zu zeigen – auch wenn ich es manchmal gern täte.

Was bringt Sie tatsächlich aus der Ruhe?

Ein Interview, das zu lange dauert! Im Ernst, wenn nichts ­weitergeht. Ich bin leider ein ungeduldiger Mensch. Mehr Gelassenheit täte auch mir gut, aber ich spüre mit jedem Tag, den ich älter werde, dass sie näher kommt. Hoffentlich erwischt sie mich irgendwann.

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