Andreas Herzog: „Windtner kann meine Nummer löschen“

Von wegen Herzilein: Andreas Herzog bricht endgültig mit dem ÖFB-Boss, gibt Einblicke in sein Seelenleben und erklärt, warum 2017 für ihn ein Pokerturnier war – und er sich verzockt hat.

// text:  markus geisler // foto: christian hofer //

Sportmagazin: War 2017 das schwerste Jahr in deiner Fußballkarriere? Es war das erste seit dreißig Jahren ganz ohne Job.

andreas herzog: 2017 war eine Art Pokerturnier für mich. Ich bin „all in“ gegangen und musste im November feststellen: Ich hab mich verzockt. (lacht) Ich hab geglaubt, ich hab ein Full House, in Wirklichkeit war es nur ein Paar Fünfer. Ich muss ehrlich sagen: Nach fünf Jahren in Amerika und insgesamt zwölf Jahren als Nationaltrainer hab ich mir diesmal wirklich gute Chancen ausgerechnet, ÖFB-Teamchef zu werden. Deswegen habe ich auch andere Möglichkeiten abgesagt.

Altach wollte dich unbedingt, auch St. Pölten soll interessiert gewesen sein.

Bei Altach war das Pro­blem, dass ich grad aus Amerika zurückgekommen war und eine Zeit lang gar nichts machen wollte. Dann rief mich Schurl Zell­hofer (Anm.: Sportdirektor) an. Erst dachte ich, ich mache es sicher nicht, nach 15 Minuten hatte ich richtig Kopfweh. Er hat mir den Job echt schmackhaft gemacht. Ich hab mir zwei Tage Bedenkzeit erbeten, dann aber gesagt: Tut mir leid, ich muss erst meine Akkus wieder aufladen.

Bereust du es im Nachhinein, Altach abgesagt zu haben, weil du dann im Teamchefrennen bessere Karten gehabt hättest?

Nein! Wenn ich etwas mache, dann bin ich voll und ganz auf die Aufgabe konzentriert, mache sie mit ganzem Herzen.

Der ewige Vorwurf lautet: Dir fehlt die Erfahrung als Cheftrainer.

Ich kenne mich sehr gut und weiß ganz genau, was ich von mir erwarten kann. Und ich weiß auch, was von einem Cheftrainer erwartet wird. Immerhin bin ich seit dreißig Jahren im Fußball-Business unterwegs und habe in den letzten zwölf Jahren als Trainer mit exzellenten Spielern weltweit gearbeitet, durfte jahrelang den Nachwuchs Österreichs trainieren und dann mit ­Jürgen Klinsmann auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Erfahrungen konnte ich da wirklich rund um den Globus sammeln – von Asien bis Südamerika. Erfahrungen, die die anderen Cheftrainer sicherlich gar nicht sammeln konnten.

Dann sag einmal konkret, wie deine Aufgaben in den USA im „Team Klinsmann“ aussahen.

Ich war rund 200 Tage im Jahr für die US-Nationalmannschaft unterwegs. Ich hab alles gemacht und wir haben alles diskutiert. Oft ging Jürgen auf meine Ideen ein, weil er sie geschätzt hat. Ich habe Trainings geleitet, Spiele analysiert, war verantwortlich für die Olympiaauswahl. Letztlich hatte ich ein ähnliches Aufgabengebiet wie Jogi Löw bei der WM 2006. Und eines ist klar: Ein Jürgen Klinsmann umgibt sich immer mit den Besten – und nicht mit irgendwelchen Waschlappen, ob sie nun zuvor in der Türkei oder Deutschland eine Mannschaft trainiert haben oder ihren ganz eigenen Weg gegangen sind.

Du hast in einem Blog auf deichstube.de geschrieben, dass der Vorwurf der mangelnden Erfahrung lächerlich sei, weil du mehr als 100 Spiele Erfahrung als Cheftrainer hättest, eine deutlich zu hohe Zahl. Das hat dir eine Menge Häme eingebracht.

Ich hab das einfach so geschätzt und mich dabei – ehrlich gesagt – ziemlich vertan. Wir hatten mit dem US-Team bis zu 23 Spiele pro Jahr, dazu kam die Olympiamannschaft, deswegen lag ich da ziemlich daneben.

Und wie viele sind es wirklich? Laut transfermarkt.at kommt man auf 39.

Nach meiner Rechnung müssten es knapp 50 sein. Die haben sicher das U21-Turnier in Toulon (Frankreich) vergessen, das größte und prestigeträchtigste dieser Altersklasse mit Teams wie Frankreich, England, Elfenbeinküste usw. Dort wurden wir Dritter, die beste Platzierung eines US-Teams aller Zeiten.

Du hast dich nach der Entscheidung mächtig geärgert und bei Sky Dampf abgelassen: „Verarschen kann ich mich selber, der ÖFB braucht sich nicht mehr zu melden.“

Falsch! Ich habe gesagt, Herr Windtner braucht sich nicht mehr zu melden.

Stehst du nach wie vor dazu?

Na logisch! Das war jetzt das vierte Mal. Von seiner Seite ist das Vertrauen nicht da, da hab ich auch das Vertrauen in seine Art verloren. Als Peter Schöttel Sportdirektor wurde, hab ich schon gehört: „Jetzt hast du keine Chance mehr, zwei Rapidler werden es nicht werden.“

Konkret: Würdest du bei der nächsten Teamchef-Wahl zur Verfügung stehen?

Wahrscheinlich schon, allerdings nicht unter den Leuten, die jetzt zu entscheiden haben, Ausnahme: Peter Schöttel. Aber Leo Windtner und auch Hans Rinner (Anm.: Liga-Präsident und somit Teil des ÖFB-Präsidiums) können meine Nummer aus ihren Kontakten löschen.

Bei den Fans wurdest du als Favorit gehandelt, Umfragen sahen dich stets ganz vorn, was wohl an deinem Image liegen dürfte: grundsympathisch, authentisch, mit Schmäh. Glaubst du, dass dir dieses Image zum Nachteil gereicht, nach dem Motto „Unserem netten Herzilein trauen wir den Job nicht zu“?

Ich glaube, dass es eher umgekehrt ist. Ich bin vielleicht ein netter Kerl, aber viele in Österreich wissen: Wenn ich komme, gehe ich meinen Weg und lasse mich nicht verbiegen. Wurscht, ob bei einem Klub oder beim Verband, es hätte sicher Situationen gegeben, wo du den einen oder anderen aussortieren musst. Da wäre ich knallhart und sage: Der muss weg! Das habe ich von Jürgen gelernt. Und Einflüsse von außen würde es bei mir auch nicht geben, was vielen in Österreich nicht passt.

Was wäre für dich eine gute nächste Option als Trainer?

Ich werde mich der Herausforderung stellen, wenn sie auf mich zukommt. Wichtig ist mir, dass es ein Verein oder Verband ist, der eine klare Philosophie lebt und wo vor allem die Chemie im zwischenmenschlichen Bereich passt. Natürlich habe ich einen gewissen Qualitätsanspruch und Vorstellungen von der Infrastruktur und den Rahmenbedingungen. Alles Weitere wird sich dann ergeben.

Du hast im Vorgespräch anklingen lassen, dass ein weiteres „Abenteuer“ mit Jürgen Klinsmann durchaus seinen Reiz hätte.

Er hat mich am Abend der Teamchef-Entscheidung angerufen und gesagt: „Sei nicht traurig! Wir zwei machen wieder etwas gemeinsam.“ Das wäre, wenn es passt, für mich eine mögliche Option. Er war einer derjenigen, die immer gesagt haben: „Andi, du musst eines Tages Cheftrainer werden!“

Wäre ein österreichischer Mittelständler für dich eine Option?

Wie oben schon erwähnt: Ich bin für alles offen.

Viele der derzeit erfolgreichsten österreichischen Trainer – Peter Stöger, Ralph Hasenhüttl, auch Adi Hütter –, haben als Trainer ganz unten angefangen, teils in der 4. Liga. Warum kam das für dich nicht infrage?

Es ergab sich einfach nicht so. Als ich aufgehört habe, als Profi zu spielen, hab ich sofort die Chance bekommen, als Assistent des damaligen Teamchefs Josef Hickersberger zu arbeiten. Dann war ich U21-Nationaltrainer, danach ging es in die USA, wo ich fünf Jahre lang jedes Jahr bei einer Endrunde war: WM, Gold Cup, Copa America. Außerdem habe ich als Cheftrainer mit den USA den Gold Cup 2013 gewonnen (Anm.: Jürgen Klinsmann war im Finale gesperrt). Ich war seit Beginn meiner Trainerkarriere mit tollen Jobs unterwegs, das ist eine ganz andere Geschichte, und bin eben meinen eigenen Weg gegangen. Natürlich haben die Genannten einen gewissen Vorteil bei einem Klub, aber jetzt wurde ein Nationaltrainer gesucht, also genau der Job, den ich seit zwölf Jahren mache. Da hätte ich wiederum die Vorteile auf meiner Seite gesehen.

Wo wir bei Peter Stöger sind: Hättest du es für möglich gehalten, dass ein siegloser und gefeuerter Köln-Trainer sieben Tage später bei Borussia Dortmund anheuern kann?

Die Konstellation war einfach sensationell. Dortmund wollte Peter Bosz unbedingt loswerden, Stögsi, der ja schon im Sommer ein Thema war, wurde genau zu dem Zeitpunkt gefeuert. Da hätte ich viel gewettet, dass die sich finden. Er ist ja der Typ, der wirklich an Köln hing und von sich aus gar nichts gesucht hätte. Aber diese Geschichte mit dem BVB, das muss er machen. Ich hab mich richtig gefreut für ihn.

Was macht das Phänomen Stöger aus?

Seine Art. Extrem überlegt, total ruhig. Selbst im größten Erfolg bleibt er sachlich, stellt sich nie in den Mittelpunkt. Das kommt bei den Leuten extrem gut an. Ich glaube allerdings, dass es jetzt in Dortmund eine Spur anders ist, da wollen sie einen wie Jürgen Klopp, der auch einmal an die Linie rennt und dazwischenhaut. Aber ich will dem Peter keine Ratschläge erteilen.

Zum ÖFB-Team generell: Was kann man sich von der Mannschaft unter Franco Foda erwarten?

Ich finde, dass ein ganz spannendes Jahr auf den ÖFB wartet: Franco Foda als Teamchef, der in Österreich viele Erfolge auf Klubebene vorzuweisen hat. Peter Schöttel als Sportdirektor, der den Fußball aus dem Effeff kennt. Und trotzdem hängt alles von der Auslosung ab, das ist in Österreich nun mal so. Ich bin jedenfalls sehr gespannt. Mich hat aber etwas anderes verwundert.

Nämlich?

Dass es in letzter Zeit so viele Rücktritte gab.

Nach der EURO Christian Fuchs, zuletzt Junuzovic und Harnik.

Das finde ich schon sehr komisch, erst recht in ihrem Alter, aber das muss jeder selber wissen. Was glaubst du, wie oft ich als Spieler gesagt habe: „Schluss jetzt, ich hau den Hut drauf!“? Wenn mich mein Vater nicht immer wieder beruhigt hätte, wäre ich nicht auf 103 Länderspiele gekommen.

Wann warst du am kürzesten davor?

Oft! Nach der Niederlage gegen die Färöer hat mich der Krankl gerettet, der war damals mein Trainer bei Rapid. Ich war erst zwanzig, total deprimiert und hab gesagt: „Ich mag nicht mehr!“ Darauf Krankl: „Komm her, depperter Bua! Wennst noch einmal daran denkst aufzuhören, hau ich dir rechts und links a Watschn eine.“ Damit war das Thema erst einmal erledigt.