Analyse: Marcel Kollers Menschwerdung

Unser heimgekehrter EM-Reporter ist sicher: Auch Marcel Koller hat die Chance verdient, an den Lehren der desaströsen EURO 2016 wachsen zu können.

//Text: Markus Geisler

Bis zum 14. Juni galt Marcel Koller hierzulande als Messias, ein Fußball-Heiliger, den der Himmel schickte. Seine Erfolgskurve zeigte steil nach oben, die Fußballgemeinde fraß ihm aus der Hand. Und wäre er übers Wasser gegangen, kein Kritiker hätte ihm vorgeworfen, dass er nicht mal schwimmen könne. Selbst Testspielpleiten mit mäßigen Leistungen wurden hingenommen, auch beim Original-Jesus war schließlich nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich, wozu seine Maßnahmen gut waren. „In Koller we trust!“ Es war eine schöne Zeit bis zum 14. Juni, weil sie mit Euphorie verbunden war, mit der Hoffnung, etwas Großes zu erreichen. Und mit der Aussicht, langfristig im Konzert der Großen mitspielen zu können. Das kleine Österreich als Big Player auf der Weltbühne des Fußballs. Wirklich schön war das.

Dann kam das Ungarn-Spiel – und alles war anders. Leistungsträger waren angeschlagen oder liefen ihrer Form hinterher, verdiente Superstars waren plötzlich nicht in der Lage, Pässe über zehn Meter an den Mann zu bringen. Koller experimentierte, warf einen Großteil seiner Grundsätze über Bord, versuchte verzweifelt zu retten, was nicht mehr zu retten war. Österreich spielte eine desaströse EM, ein Punkt, ein Tor. Es ist dem gnadenlosen Takt eines solchen Turniers geschuldet, dass aus Euphorie innerhalb weniger Tage Angst wird, aus Hoffnung Verzweiflung.  Am viel zu frühen Ende standen alle da wie die begossenen Pudel, von der internationalen Presse verspottet, an ihren eigenen Ansprüchen zerschellt. Schiach war das.

Doch werfen wir einen kurzen Blick zurück. Am Anfang, im Herbst 2011 oder im Jahre null, je nach Weltanschauung, war es ja so: Beide Seiten, Marcel Koller und der ÖFB, gaben einander keine großen Versprechen, aber die Chance, gemeinsam zu wachsen. Der eine brauchte die Challenge, weil er seit zwei Jahren keinen Job mehr hatte und drohte, als Trainer in Vergessenheit zu geraten. Der andere, weil er am Cordoba-Virus litt und auf der Weltkarte des Fußballs irgendwo zwischen  Zypern und  Burkina Faso eingequetscht war. Es trafen zwei Energien aufeinander, die so gut zusammen passten wie Schwefel und Reibung, wie Sonne und Blattgrün, wie Eis und Waffel. Es wurde eine Erfolgsgeschichte geschrieben, die ihresgleichen sucht. Aufregend war das.

Und jetzt? Hat die Mannschaft gezeigt, dass sie doch (noch) nicht so gut ist, wie wir alle und die Spieler selbst glaubten. Und hat Marcel Koller den Verdacht erhärtet, dass er doch  nur ein Mensch ist, der Fehler macht. Gegen Island mit Dreierkette und ohne echten Stürmer – keine gute Idee. Zu spät auf den unbekümmerten Alessandro Schöpf gesetzt – da hat der Mut gefehlt. Ausgerechnet in den wichtigsten Tagen seiner Ära die Experimentierfreude in sich entdeckt – der falsche Zeitpunkt. Merkwürdig war das.

Doch weder Koller, noch die Spieler hätten es verdient, jetzt, nach dem ersten großen Rückschlag, verteufelt zu werden. Wer Marcel Koller kennt, weiß, dass er knallhart mit sich selbst ins Gericht gehen wird. So wie er sonst Gegner in alle Einzelteile zerlegt, wird er seine eigene Performance detailliert hinterfragen: Was habe ich falsch gemacht? An welchen Schrauben hätte ich mehr oder weniger drehen sollen? Wo wären mehr Härte, mehr Offenheit, mehr Courage angebracht gewesen? Dass er unmittelbar nach dem Ausscheiden meinte, sich nichts vorwerfen zu können, darf getrost dem Schock der Situation zugeschrieben werden. Oder Selbstschutz. Egal. So wie jeder einzelne Spieler hat auch Marcel Koller die Chance verdient, aus dem Turnier seine Lehren zu ziehen, an ihnen zu wachsen und beweisen zu können, dass er es besser kann. Nur eben als Mensch, nicht als Messias. Spannend wird das.