Amoi geht’s no: Bayerns Angriff mit dem Menschenflüsterer

Herbert Prohaskas Kumpel Carlo Ancelotti soll mit einem Mix aus Gaudi, Gelassenheit und ausgefuchstem Old-School-Kick Bayern München wieder zur Nr. 1 in Europa machen. Revolution war gestern.

//Text: Tom Hofer
//Titelbild: (C) adidas

Carlo Ancelotti weiß genau, wie und wann seine Ära bei Bayern zu Ende gehen wird. Er wird es Monate vorher ahnen: „Es läuft jedes Mal nach demselben Schema ab: Irgendwann kommt der Chef zu mir, um mich davon zu überzeugen, dass ich strenger zu den Spielern sein und härter durchgreifen soll. So war’s bisher immer, bei Berlusconi, bei Abramowitsch und natürlich auch bei Florentino Perez in Madrid. Und jedes Mal lagen sie damit falsch. Erst stellen sie mich ein, weil sie wollen, dass ich die Situation im Klub beruhige und zu den Spielern eine gute Beziehung aufbaue, später ist es genau das, was sie stört. Ab dem Zeitpunkt verschlechtert sich die Situation – nicht mit den Spielern, sondern mit den Besitzern. Sie holen mich, um freundlich mit den Spielern umzugehen, und beim ersten Anzeichen einer Krise halten sie genau das für die Ursache des Problems“, verrät der neue Bayern-­Coach in seinem Buch „Quiet Leadership – Wie man Menschen und Spiele gewinnt“.

Einziger Unterschied zu seinen bisherigen Stationen: In München hat es Ancelotti mit Karlheinz Rummenigge und (demnächst wieder) Uli Hoeneß erstmals mit Bossen zu tun, die sich früher selbst die Kugel gaben. Sein Auftrag ist klar definiert: Als Nachfolger des Fanatikers Pep Guardiola, der Ribery & Co. mit seinem Perfektionismus zunehmend auf die Nerven ging, soll Ancelotti die Fesseln lockern, den Spaß am Spiel zurückbringen und mit der wiedergewonnenen Leichtigkeit des Seins den Champions-League-Pott retour in die Säbener Straße holen. Nicht mehr, aber auf keinen Fall weniger!

Ein Lehrmeister für den Menschenflüsterer

Seinen Stil zu ändern, darüber hat Ance­lotti in all den Jahren nie nachgedacht. Der Bauernsohn aus der Region Emilia-Romagna lässt sich nicht verbiegen. Warum auch, schließlich hatte er bis jetzt immer Erfolg. In Mailand, London, Paris und Madrid füllte er die Vitrinen mit Pokalen. Dreimal hat er die Königsklasse gewonnen – so oft wie kein anderer Trainer. Dass Ancelotti tickt, wie er tickt, liegt an seinen Lehrmeistern. Der vielleicht wichtigste war Nils Liedholm in Rom. Unter dem charismatischen Schweden holte Ancelotti an der Seite von Herbert Prohaska 1982/83 nach 41 Jahren den Scudetto in die Ewige Stadt zurück.

,,Wir haben uns gesagt: Für diesen Trainer reißen wir uns den Arsch auf! ”

Herbert Prohaska über Ancelotti-Lehrmeister Liedholm.

Liedholm galt als Laisser-faire-Trainer. Er ließ den Spielern die lange Leine, die Kicker zahlten es mit Liebe und Leidenschaft zurück. „Wir haben uns gesagt: Für diesen Trainer reißen wir uns den Arsch auf! Weil wir nicht wollten, dass ein anderer kommt, der dann alles über den Haufen wirft und strenger zu uns ist“, erinnert sich Prohaska im Interview mit dem SPORTMAGAZIN. „Liedholm war in der Art seiner Menschenführung der Zeit weit voraus. Er hat gesagt: ‚Ihr seid erwachsene Menschen, ich sag euch nicht, wann ihr schlafen gehen müsst oder was ihr trinken dürft. Ich seh, wie ihr trainiert und wie ihr spielt. Sollte ich feststellen, dass einer immer die gleichen Fehler macht, sitzt er auf der Tribüne.‘ Seine Motivation war simpel, aber clever: Für jeden Sieg gab’s zwei freie Tage.“ Die Liedholm-Schule hat Ancelotti geprägt – wie er in seinem Buch gesteht: „Liedholm hat nie mit einem Spieler geschimpft. Vor Matches hat er oft den Doktor zu uns in die Kabine geschickt, um uns Witze zu erzählen.“ Beides hat Ancelotti übernommen.

Die ganze Geschichte über den neuen Stil bei Bayern München gibt es im neuen SPORTMAGAZIN. Das SPORTMAGAZIN – zu haben im guten Zeitschriftenhandel und auf www.magazinshop.at/sportmagazin