Am  Kindertisch ist die Hölle los!

Die Crash-Boom-Bang-Show von São Paulo war der Beginn einer neuen Ära. Mit Verstappen, Ocon und all den anderen verrückten Kids beginnt gerade die bleihältige Zukunft der Formel 1.  

||Text: Gerald Enzinger||Foto: Red Bull Content Pool/Jarno Schurgers||

Die wertvollsten Dinge, die, die wirklich Spuren hinterlassen haben und viel mehr wert sind, als es die Denker der Gegenwart mit ihrem limitierten Zeithorizont auch nur erahnen können, werden oft einfach nur achtlos weggewischt, ohne jede Achtsamkeit, ohne Nachhaltigkeit oder ohne zu ahnen, was man da für einen Schatz in Händen gehalten hat.

Die Mechaniker von Force India und Red Bull ­Racing haben Biss- und Kratzspuren penibel entfernt, mit Wasser aus England, denn als die Rennboliden von Max Verstappen und Esteban Ocon zurück aus São Paulo in ihre Fabriken in Milton Keynes und Silverstone kamen, sah man diesen Autos noch an, was sie mitgemacht hatten. In vielen Jahren werden sich Fans und Verrückte und Investoren und die, die alles zugleich sind, also viele in der Formel 1, auf den Kopf greifen, dass man diese Dokumente und diese Wertanlagen zerstört hat, künden diese Spuren, diese Risse,­ diese Kratzer, diese Dellen und diese Lackschäden doch von jener Kollision zwischen Max Verstappen und Esteban Ocon in São Paulo, die einmal Teil der Formel-1-­Geschichte sein wird.

Von dem Crash, mit dem alles so richtig angefangen hat. Vom Urknall des nächsten Jahrzehnts und von der ersten großen Konfrontation zwischen zwei Fahrern, die mit ihren Altersgenossen die kommende Dekade im teuersten Sport der Welt prägen werden.

Man war live im TV dabei: Beim Grand Prix von Brasilien stürmte Max Verstappen entfesselt in Richtung Sieg – bis ihn der bereits überrundete Esteban Ocon nach dem Senna-S in der Anbremszone torpedierte und umdrehte. Der Rest ist bekannt: ein Mittelfinger, deutliche Worte am Funk und ein Verstappen, der Ocon noch auf der Waage­ nach dem Rennen zur Rede stellte – zwei Schubser mit der rechten Hand, einer mit der linken. Wäre Ocon Neymar, er hätte sich am Boden gekrümmt vor Schmerzen. So aber grinste er seinen Feind nur an und dass sein Kopf aus ­einem rosaroten Rennanzug hervorlugte, gab der Situation eine groteske Note.

Verstappen muss nun zwei Tage Sozialdienst im Namen der FIA leisten – keiner weiß, was genau diese Strafe be­deuten soll. Ocon, der im Rennen selbst als Schuldiger gerichtet wurde, bekam 10 Sekunden Zeitstrafe. Und mit jeder weiteren Wiederholung der Szene etwas an Achtung zurück, denn erst bei der Analyse war klar, dass er ja Verstappen schon fast zurückgerundet hatte, so wie es der klare Auftrag seiner Kommandobrücke war: Er hatte eben erst Reifen gewechselt und war in dieser Runde der Schnellere der beiden. Verstappen wusste das und es hätte ihm völlig egal sein können, dass Ocon vorbeifährt. Es hätte ihn nicht am triumphalen Sieg gehindert. Der Erste, der ihn daran erinnerte, war der dankbare Sieger Lewis Hamilton im Cooldown-Room. Psychologisch geschickt tadelte er Max wie einen Schuljungen: „Du weißt, dass Ocon das Recht hatte, sich zurückzurunden.“ Ein Nadelstich gegen den Jungen, der Hamilton als „Renngott“ folgen wird.

So wenig einsichtig Max Verstappen in dieser Szene auch sein mag und so dickköpfig er war, sosehr ist auch klar: Verstappen ist der Mann der Stunde. Und der Zukunft. Atemberaubend, wie konstant schnell er in der zweiten Saisonhälfte gefahren ist. Außer Hamilton konnte keiner auch nur annähernd so glänzen wie der eben erst 21 Jahre jung gewordene Holländer, der alle Zutaten eines Stars hat: begnadet, schnell, rücksichtslos, egoistisch. Einer wie Schumacher und Senna – zwei, die ebenfalls schon einmal handgreiflich werden wollten, wenn sich wer ihren Siegeszwängen widersetzte.

Was Max Verstappen zum größten Formel-1-Talent der Zukunft macht, für welches Team Ocon 2020 fahren wird, und was das alles mit Österreich zu tun hat, lesen Sie im neuen Sportmagazin.