Am Höhepunkt des Transfersommers: Das ist Super-Agent Jorge Mendes

„Super-Agent“ Jorge Mendes ist der King am Transfermarkt. Der Portugiese pusht nicht nur die Karriere von Mourinho, Ronaldo, Sanches & Co., sondern dirigiert auch ganze Klubs. Sogar Österreichs NBA-Export Smart.

//Text: Tom Hofer
//Titelbild:  (c) Imago

„Nothing is impossible – nothing!“ Jorge Mendes muss es wissen, schließlich ist die Story seines Lebens der beste Beweis dafür, dass das Lotto-Motto auch im realen Leben gelten kann. Deshalb packt er den Satz auch bei jedem Gespräch aus. Muss einfach sein. Es ist ja auch wirklich unglaublich: Als Teenager verkaufte er an der Costa da Caparica vor Lissabon noch Eis und Strohhüte, die seine Mutter geflochten hatte, an die Sonnenanbeter. Später versuchte er als Videoshop-und Nachtklubbesitzer bei einer anderen Zielgruppe sein Glück. Heute ist der 50-jährige Portugiese der mächtigste Mann im Fußball. Und das ist keine Übertreibung. Mit den Klienten von Mendes‘ Kanzlei Gestifute könnte man locker eine Weltauswahl zusammenstellen, die jeden Gegner das Fürchten lehrt: Cristiano Ronaldo, James Rodriguez, Ángel Di María, Falcao, Pepe, Diego Costa, Thiago Silva, David de Gea, Neo-Bayer Renato Sanches – sorry, wir wollen’s mit dem Namedropping nicht übertreiben, deshalb ist hier Schluss, denn Mendes‘ Kundenliste umfasst die Namen von mehr als 80 – durchwegs prominenten – Profis. In der Szene wird er deshalb nur ehrfurchtsvoll „Super-Agent“ genannt. Zu Recht.

Mendes ist der erste Spielervermittler, der mit Ablösesummen für seine Spieler die Schallmauer von einer Milliarde Euro durchbrechen konnte. Zwei Jahre ist das jetzt her. Doch nicht nur die Stars auf dem Rasen, auch Trainergurus wie sein Landsmann José Mourinho, Belgiens Ex-Teamchef Marc Wilmots oder Unai Emery, Seriensieger mit Sevilla in der Europa League und jetzt bei Paris Saint-Germain, vertrauen auf die Dienste des stets in feinsten Zwirn gehüllten Portugiesen. Jedes Mal wenn sich das Transferfenster öffnet, hat Magic Mendes Hochkonjunktur. Oft – so wie diesen Sommer wieder – rollt schon davor der Rubel. Wo Mendes ist, ist eben vorn. Egal, welcher Irrsinn sich in der „Silly Season“ bis 31. August noch abspielen wird, mit dem Deal Mourinho zu Manchester United hat er schon im Vorfeld den Vogel abgeschossen.

Mendes: Der Aufstieg zu Ronaldos Wunderwuzzi

Mit einem anderen Trainer, dem aktuellen Porto-Coach Nuno Espírito Santo, begann vor genau zwanzig Jahren die Millionenshow. Nuno, damals zweiter Goalie in Guimarães, schüttete Mendes in dessen Bar „Luz do Mar“ sein Herz aus. Ein Wechsel zum FC Porto sei sein Traum, aber er hätte keine Ahnung, wie er das anstellen sollte. Mendes, dessen eigene Profiträume mangels Talent früh platzten, nahm die Herausforderung an und verschaffte seinem Stammgast zwar keinen Job in Porto, aber beim spanischen Erstligaklub Deportivo La Coruña! Deal done, fire on! Das Verkaufsgenie Mendes war nicht mehr zu stoppen. Doch erst einige Jahre später sollte er den Jackpot seines Lebens knacken. Was nicht ganz so einfach war, denn Cristiano Ronaldo war damals noch bei José Veiga, dem Manager von Luis Figo, unter Vertrag. Doch weil Ronaldo eben noch lange nicht CR7 und außerdem noch minderjährig war, reichte ein simples Kündigungs-Fax mit dem Autogramm von Mama Maria-Dolores und das Wunderkind war frei.

,,Nothing is impossible - nothing!”

Jorge Mendes

Der Rest ist Geschichte. Gut, die Rangelei zwischen Veiga und Mendes beim Gepäcksband des Lissaboner Flughafens als schmerzhafte Nachwehen des Beraterwechsels sei noch erwähnt. Und der Geniestreich von Sir Alex Ferguson, mit dem er sich die Dienste des damals 17-jährigen Megatalents sicherte, auch: „Er hat Cristiano in die Hand versprochen, dass er in seinem ersten Jahr bei Manchester United 50 Prozent der Spiele bestreiten wird. Viele Klubs waren damals hinter ihm her, die meisten hätten mehr für ihn bezahlt, aber keiner bot ihm diese sportliche Perspektive. Also war für uns schnell klar, wohin der Weg geht. Denn es ist nun einmal so: In diesem Alter ist nicht Geld das Wichtigste, sondern Matchpraxis.“ Längst schweißt die beiden mehr als eine Geschäftsbeziehung zusammen. „Er ist ein guter Kumpel und eine Art Ersatzvater für mich“, gesteht Ronaldo im vergangenen Herbst erschienenen Dok-Film des britischen Regisseurs Anthony Wonke. Als Mendes vor einem Jahr mit Langzeitfreundin Sandra Barbosa endlich die Ringe tauscht, ist CR7 sein Trauzeuge. Das Hochzeitsgeschenk? Eine griechische Insel! Der Preis für so ein exklusives Präsent? Drei Millionen Euro aufwärts! Typisch Ronaldo halt.

Ein Besuch auf seiner Insel ist sich bis jetzt noch nicht ausgegangen. Kein Wunder, der Mann ist im Dauerstress. Bis zu vier Handys hat er gleichzeitig im Einsatz. Mendes will für seine Schützlinge immer erreichbar sein. Er gibt ihnen das Gefühl, sich umgehend für all ihre Anliegen einzusetzen. So was wird geschätzt. Es gibt das Gerücht, dass er in der Ära Mourinho bei Real bis zu 25-mal am Tag mit Klubboss Perez telefoniert haben soll. Mendes sei im königlichen Trainingszentrum in Valdebebas ein und aus gegangen wie ein Klubangestellter, selbst die Spielerkabine sei kein Sperrgebiet für ihn gewesen, heißt es. Wahrlich kein Einzelfall. Es gibt mehrere Vereine, die sich komplett auf Mendes eingelassen haben. Bei Sporting Braga war der Super-Agent Steigbügelhalter auf dem Weg nach oben.

So funktioniert das Mendes-Geschäft

Die Zusammenarbeit trug Früchte, der Provinzklub hat sich als vierte Kraft in Portugal etabliert. In Porto mischt Mendes am längsten mit, mittlerweile ist er die rechte Hand des ewigen Präsidenten Pinto da Costa. Echt crazy: In den ersten zehn Jahren dieses Jahrtausends hat Mendes 68 Prozent aller Transfers der Big 3 seiner Heimat – Benfica, Porto und Sporting – abgewickelt! Doch auch außerhalb Portugals laufen die Geschäfte prächtig. Bei AS Monaco stehen aktuell sieben Gestifute-Kicker im Kader – weil sich Mendes mit dem russischen Klubchef Dmitri Rybolowlew, einem der hundert reichsten Menschen des Planeten, eben gar so gut versteht. Auch Peter Lim, noch so ein ballverliebter Investor, gehört zu Mendes‘ Freunden. Der Businessman aus Singapur riss sich vor zwei Jahren für geschmeidige 100 Millionen den maroden FC Valencia unter den Nagel. Seitdem geht’s nicht nur sportlich wieder bergauf, auch die Geschäfte mit Mendes laufen wie geschmiert. Zwischenzeitlich waren acht Spieler plus der Trainer aus dem Hause Mendes.

Der größter Feind von Jorge Mendes? Mino Raiola: Der Pizzabäcker hinter Ibrahimovic, Pogba und Co.

Und so nebenbei war auch noch Zeit für einen äußerst lukrativen Deal für seinen Premium-Klienten Ronaldo: Um 35 Mille trat CR7 seine Fotorechte an Mint Media, Lims Agentur, ab. Laufzeit: sechs Jahre. Wieder so ein Geschäft, das alle Beteiligten happy macht. „Mendes ist der große Zampano, ohne ihn läuft im Weltfußball gar nichts“, sagt Dr. Christian Flick, die heimische Spielerberater-Legende, im Gespräch mit dem Sportmagazin. Obwohl ähnlich lange im Geschäft und ähnlich viel unterwegs haben sich die Wege der beiden nie gekreuzt. Flick: „Ich hab ihn nie persönlich kennengelernt, aber er hat ohne Zweifel die besten Connections und beherrscht den Markt.“ Unter klassische Spielerberatung oder gar Karriereplanung falle Mendes‘ Tätigkeit nicht: „Wenn man so viele Klienten hat, ist das gar nicht möglich. Auf diesem Niveau geht’s eher darum, die Nachfrage nach Top-Kunden zu befriedigen.“ Auch Vielflieger Max Hagmayr, der die meisten österreichischen Profis unter Vertrag hat, ist Mendes nie begegnet: „Nein, ich hatte bisher nie das Vergnügen. Aber wer weiß, ob’s ein Vergnügen wäre.“

Mendes und die Pöltl-Connection

Für seine Klienten ist es garantiert eines. Und eine Hand wäscht bekanntlich die andere. Wenn sich José Mourinho mit Andrea Berta, bisher bei Atlético Madrid, ausgerechnet einen guten Kumpel seines Spezls Mendes als neuen Sportdirektor in Manchester wünscht? Ein klassischer Fall von Umwegrentabilität. Renato Sanches, Portugals neuer Superstar und natürlich ebenfalls Mendes-Kunde, haben die Red Devils erstaunlicherweise nicht bekommen. Dabei schien der Transfer aufgelegt – und auch schon so gut wie gelaufen. Englands Rekordmeister war als Erster am bulligen Teenager dran, die geforderte Ablösesume eigentlich auch kein Problem. Ein Fünfjahresvertrag lag unterschriftsreif auf dem Tisch. Doch nachdem man bereits letzten Sommer 50 Mille für einen Jungspund wie Anthony Martial ausgegeben hatte, waren nicht alle sofort Feuer und Flamme für den Rookie mit der Rastamähne. Und genau dieses kleine Zeitfenster nützte Mendes zu einem Plausch mit Neo- Bayern-Coach Carlo Ancelotti. Dann ging alles ratzfatz: Mendes setzte einen Vertrag mit etlichen Zusatzklauseln auf, um die bei Benfica verankerte Ausstiegsklausel zu aktivieren. Als erste Tranche überweisen die Münchner 35 Millionen Euro nach Lissabon. Im Extremfall folgen weitere 45 Millionen: fünf Mille für jede Saison, in der der Mittelfeldabräumer auf mindestens 25 Einsätze im Bayern-Shirt kommt; sollte Sanches bis 2021 in die „Elf des Jahres“ gewählt werden oder es unter die Top 3 bei der „Ballon d’Or“-Wahl schaffen, werden außerdem weitere 20 Millionen fällig. Nicht gerade wenig für einen Spieler, der erst knapp ein halbes Jahr davor sein Debüt in der ersten Mannschaft gegeben hatte. Sollte man meinen. Alles reine Verhandlungssache.

Und auch wenn er für die heimischen Berufskollegen bisher ein Phantom blieb, hat Mendes sehr wohl einen Österreich-Bezug: Dank seiner Beteiligung am US-Riesen „Creative Artists Agency“ gehört auch der erste rot-weißrote NBA-Export Jakob Pöltl quasi zu den Klienten von Mister Clever & Smart aus Portugal.

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