Aleksandar Dragovic: „Irgendwann singen wir die Hymne“

Es war kein Zufall, dass das SPORTMAGAZIN Aleksandar Dragovic ausgerechnet dort zum großen Interview traf, wo Wien zum bunten Schmelztiegel wird – am Naschmarkt. Die Auszüge aus dem großen Interview Interview des Monats mit dem ÖFB-Hero und Dynamo-Kiew-Abräumer. 

//Interview: Tom Hofer
//Titelbild: (C) Christian Hofer

SPORTMAGAZIN: Lass uns mit einem nichtsportlichen Thema beginnen: Was bedeutet Österreich für dich?

ALEKSANDAR DRAGOVIC: Mein Heimatland! Ich hab immer gesagt, dass ich nach meiner Karriere zurückkehren werde. Für mich ist Wien die beste Stadt der Welt. Natürlich auch deswegen, weil ich hier meine Freunde treffen kann. Aber ich fühl mich hier einfach wohl, bin da aufgewachsen. Es heißt ja, „zu Hause ist es am schönsten“ – bei mir stimmt das Sprichwort hundertprozentig.

Wie machen sich deine serbischen Wurzeln bemerkbar?

Wenn’s richtig emotional wird. Wenn ich zum Beispiel während des Spiels einen Fehler mach, schimpf ich auf Serbisch. Das gehört dazu, das muss manchmal raus. Aber eigentlich bin ich ein sehr ruhiger Typ, ein richtiger Familienmensch. Ich bin keiner, der in Bars herumhängt.

Wie sehr hat dein familiärer Background deine Karriere beeinflusst -hattest du mehr Hunger als andere?

Vielleicht war’s ein Vorteil. Ich seh’s jetzt in der Ukraine, da gibt es so viele arme Menschen. Für die ist der Sport alles. Wir können uns in Österreich echt glücklich schätzen, dass es uns gutgeht. Mein Ziel war von klein auf, Fußballer zu werden. Klar war’s auch ein Risiko, als ich die Akademie abgebrochen und alles auf Fußball gesetzt hab. Aber wie heißt’s so schön: No risk, no fun!

Du bist bei deinen Großeltern aufgewachsen, kennst deinen Vater nicht. Hattest du nie das Bedürfnis, ihn kennenzulernen?

Ich kenn ihn vom Sehen, wir hatten aber nie Kontakt. Ich weiß, dass er Lkw-Fahrer ist und zwischen Serbien und Österreich pendelt. Zumindest eines rechne ich ihm hoch an -okay, hoch ist vielleicht übertrieben, sagen wir, ich respektiere es -: Er hat sich nicht um mich gekümmert, als ich ein kleines Kind war, sich aber auch nicht gemeldet, als meine Fußballkarriere losging. Das zeugt von einer gewissen Größe. Ich hab aber trotzdem kein Verlangen, ihn näher kennenzulernen.

Der ehemalige Austria-Vorstand Tommy Parits hat im Talk mit dem SPORTMAGAZIN erzählt, dass deine Mutter vor Dankbarkeit geweint hat, als er dir den ersten Profivertrag angeboten hat.

(Dragovic lacht) Ist schon ein paar Jahre her! Es war eine sehr schwierige Zeit, weil meine Mutter ja damals ausgewandert ist. Natürlich war das ein kleiner Teilerfolg und eine Genugtuung für meine Familie, dass mein Traum in Erfüllung ging, aber es heißt ja noch lange nicht, dass man den Durchbruch schafft, nur weil man einen Vertrag unterschrieben hat.

,,Es heißt ja noch lange nicht, dass man den Durchbruch schafft, nur weil man einen Vertrag unterschrieben hat. ”

Aleksandar Dragovic über seinen ersten Profi-Vertrag

Seit wann hast du das Gefühl, dass du’s geschafft hast?

Ich hab’s noch immer nicht geschafft! Das kann ich vielleicht mit 35 sagen, wenn sich meine Karriere dem Ende zuneigt und ich bei einem richtig großen Klub gespielt hab. Selbst wenn ich demnächst bei einem Top-Klub unterschreiben sollte, werd ich nicht sagen, ich hab’s geschafft. Es ist mein Ziel und ich arbeite und trainiere hart dafür, aber ich kann nicht versprechen, dass ich es schaffe. Am Ende des Tages kann ich nur mit Sicherheit sagen, dass ich alles probiert hab. Ob’s gelingt, weiß nur der liebe Gott.

Ziemlich kitschig, dass du im Juni 2009 ausgerechnet gegen Serbien dein erstes Länderspiel bestritten hast.

Das wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Und sollte mich irgendwann einmal wer fragen, was mein schönstes Erlebnis war, dann werd ich sagen: dieses Match!

Gab es damals in Belgrad auch negative Reaktionen, weil du dich für Österreich entschieden hast?

Nein, gar nicht. Ich kann mich nur bei Didi Constantini bedanken, dass er so viel Vertrauen hatte und mich von Beginn an aufgestellt hat. Das war ja nicht selbstverständlich, ich war gerade einmal 18. Das werde ich ihm nie vergessen.

Du singst bei der Hymne nie mit – aus einem bestimmten Grund?

Ich bin ja nicht der Einzige, der nicht mitsingt. Ich würd sagen, die Hälfte der Mannschaft singt nicht. Ich kann nur so viel sagen: Ich hab zwar serbische und österreichische Wurzeln, fühl mich aber als Österreicher.

Gibt es eine Vorgabe von Marcel Koller oder ist es euch freigestellt, mitzusingen?

Ja, deswegen hab ich mir auch keine Gedanken darüber gemacht. Ich glaub, es liegt daran, dass nur so wenige mitsingen, weil viele ihre Wurzeln woanders haben. Aber ich bin mir sicher: Irgendwann wird die ganze Mannschaft mitsingen, vielleicht schon in Frankreich.

Themenwechsel: Wie weit siehst du dich in deiner Entwicklung?

Mir war klar, dass im Winter transfermäßig nichts passieren würde. Das hätte auch nichts gebracht. Ich sag aber schon: Ich fühl mich bereit für einen Top-Klub! Auch wenn immer noch Luft nach oben ist und ich sicher noch einiges dazulernen muss.

Bayern hat einen Innenverteidiger gesucht. Blöd, dass du nicht infrage kamst, weil du diese Saison schon Champions League gespielt hast.

(lacht) Kann ja auch im Sommer noch was werden!

Wann war eigentlich klar, dass du Innenverteidiger wirst?

Im Nachwuchs hab ich immer im Mittelfeld gespielt, bei der Austria sogar noch unter Karl Daxbacher. Als sich dann Fränky Schiemer vorm Derby gegen Rapid verletzt hat, kam’s zu der Entscheidung, wer ihn ersetzen sollte: Michi Madl oder ich. Weil Stefan Maierhofer damals für Rapid stürmte und ich ein paar Zentimeter größer als Madl war, hat sich Daxbacher für mich entschieden. Wir haben das Derby 2:0 gewonnen. Das war meine Geburtsstunde als Innenverteidiger. Mittlerweile hab ich mich daran gewöhnt, obwohl es früher nie meine Lieblingsposition war, aber als Junger ist man froh, wenn man überhaupt spielt. Daxbacher hätte mich als Tormann aufstellen können und ich wäre überglücklich gewesen.

Ist ein Comeback im Mittelfeld irgendwann denkbar?

Der Zug ist abgefahren, das muss ich mir eingestehen. Ich spiel jetzt seit gut sechs Jahren Innenverteidiger. Für diese Position sind ganze andere Voraussetzungen nötig, vor allem im körperlichen Bereich. Ich hab zwar im Team auch ab und zu im defensiven Mittelfeld gespielt, aber ich bin in der Abwehr sehr zufrieden. Wer weiß, vielleicht hätte ich es als Mittelfeldspieler nicht so weit geschafft. Mein Motto ist: Man darf nie denken, was gewesen wäre, man muss immer in der Gegenwart leben.

Apropos: Alle im Team schwärmen vom positiven Spirit, von diesem Familiengefühl.

Ist auch so! Ich kann’s nur bestätigen – die Stimmung im Nationalteam ist einfach überragend.

Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Was war der Knackpunkt für die Wende?

Wenn du erfolgreich bist, ist die Stimmung meistens besser, logisch. Ein wichtiger Punkt ist sicher auch, dass wir jetzt seit vier Jahren fast immer in der gleichen Besetzung spielen. Alle ziehen an einem Strang und die Chemie in der Mannschaft stimmt einfach. Wenn du dann auch noch das eine oder andere Mal in wichtigen Momenten Glück hast, hast du alle Puzzleteile beisammen, die für den Erfolg notwendig sind.

Hat die Mannschaft noch Luft nach oben?

Sicher, aber wir müssen die Kirche im Dorf lassen und weiter von Spiel zu Spiel schauen. Ich kann nur sagen, wir haben noch viel Potenzial, wir sind hungrig, aber ich bin keiner, der große Töne spuckt. Reden kann jeder, die Wahrheit liegt auf dem Platz.

Hätte sich das Team schon früher für ein Großereignis qualifizieren können?

Ja, sicher. Österreich hatte fast immer gute Spieler, das zeigen die Erfolge im Nachwuchs. Wir brauchen uns nicht zu verstecken. Das Leistungsvermögen war auch in der Vergangenheit da, nur hat vielleicht das Quäntchen Glück gefehlt. Und die Stimmung im Team und außerhalb war auch nicht so gut.

Die Zusammenarbeit mit Fitnessguru Heini Bergmüller hast du vor einiger Zeit beendet. Wie schaut dein Betreuerteam aktuell aus?

Mein Team besteht aus meinen zwei Medienberatern und einem Fitnesscoach in Kiew. Er hat früher selbst bei Dynamo gespielt, den Durchbruch aber nicht geschafft. Mit ihm bereite ich mich auf die EURO vor. Zum Thema Ernährung versuch ich mich selber weiterzubilden. Ich hab auch das Buch von Novak Djokovic gelesen. Bei mir ist’s leider so: Wenn ich mich nicht richtig ernähre, nehm ich leider schnell zu. Und in Kiew sind sie sehr streng, was das Gewicht betrifft. Ein, zwei Kilo zu viel, schon zahlt man Strafe.

(C) Christian Hofer

Nach fünf Jahren im Ausland: Was war das Wichtigste, was du in Basel gelernt hast?

Mit Druck umzugehen. Bei der Austria hat man zwar auch Druck, aber in Basel war es viel ärger. Jedes Spiel gewinnen zu müssen war Neuland für mich. Die Fans waren sehr verwöhnt. In der Europa League gegen Zenit kamen zum Beispiel nur 10.000 ins Stadion.

Und die Lehren aus den Kiew-Jahren?

Man sagt ja, aus Niederlagen lernt man am meisten. So war’s auch im ersten Jahr, da ist alles schiefgelaufen, was schieflaufen kann. Dementsprechend war auch meine Leistung. Mit dem Trainerwechsel ist alles anders geworden. Mit Raul Riancho haben wir jetzt einen spanischen Co-Trainer, der sehr gut mit Chefcoach Sergej Rebrow harmoniert. Vor allem spielerisch merkt man den spanischen Einfluss. Im Training gibt es keine Läufe mehr wie unter Oleg Blochin, wir machen alles mit dem Ball. David hat mir erzählt, dass es bei Bayern unter Guardiola genauso ist.

In der Quali hast du Zlatan Ibrahimovic gestoppt, bei der EURO wartet mit Cristiano Ronaldo das nächste Kaliber. Wie bereitest du dich auf solche Duelle vor?

Ich brauch keine Extravideos, weil ich generell sehr viel Fußball im Fernsehen schau. Da bekommt man eh schon einiges mit. Und dann gibt’s auch noch Infos vom Trainer. Sicher hab ich Respekt vor Spielern wie Ibra oder Ronaldo, aber sobald ein Match angepfiffen ist, ist mir egal, wer vor mir steht. Ich versuch meinen Mann zu stehen und das Beste fürs Team zu geben. Es ist auch nicht gut, sich nur auf den Gegner zu konzentrieren. Wir müssen uns auf unsere eigenen Stärken besinnen. Außerdem: Ronaldo ist zwar das Um und Auf von Portugal, aber er wird von seinen Mitspielern gefüttert, die sind auch nicht schlecht.

Wer war bis jetzt dein unangenehmster Gegenspieler?

Eindeutig Zlatan! Wenn er mit dem Rücken zum Tor steht, hast du keine Chance, ihm den Ball abzunehmen, weil er ihn so gut abdeckt. Eine sehr schöne Erfahrung war es auch, gegen Ryan Giggs zu spielen. Wahnsinn, was der für Pässe rausgezaubert hat – ein überragender Spieler! Da wird dir klar, dass du gegen solche Kaliber jede Sekunde hellwach sein musst.

Genauso wichtig wahrscheinlich, wie sich nicht provozieren zu lassen.

Ja, aber da war die Zeit bei der Austria eh eine gute Schule: immer, wenn’s in der Liga gegen Ilco Naumoski zur Sache ging.

Paul Scharner hat uns erzählt, dass ihm vor der Heim-EURO ein klar definiertes Ziel gefehlt hat. Dabei sein ist alles sei 2008 das Motto gewesen. Als ehrgeiziger Spieler hätte er sich die Vorgabe Viertel- oder Halbfinale gewünscht. Ein mögliches Motto für Frankreich?

Gegenfrage: Was ist, wenn man das Ziel nicht erreicht? Dann ist man vielleicht umso enttäuschter. Ich bin auch dafür, dass man sich Ziele setzt, aber nicht unbedingt das Halbfinale einer Europameisterschaft. Unser erstes Ziel, die Qualifikation, haben wir geschafft. Darauf sind wir stolz, aber das ist schon wieder Geschichte. Unsere Marschroute war immer, von Spiel zu Spiel zu denken. Damit sind wir gut gefahren und so werden wir es auch in Frankreich machen.

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